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Süßmann, Johannes / Scholz, Susanne / Engel, Gisela (Hrsg.)

Fallstudien: Theorie - Geschichte - Methode

[= Frankfurter Kulturwissenschaftliche Beiträge, Bd. 1], trafo verlag 2007, 273 S., ISBN 978-3-89626-684-2, 32,80 EUR

 

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Zu den Rezensionen

Fallstudien: Theorie – Geschichte – Methode

Bei der grundlegenden Bedeutung, die Fallstudien haben: für Rechtsprechung und Medizin, Moralphilosophie und Theologie, Literatur- und Historiographiehistorie, Ethnologie, Soziologie und Psychoanalyse, erstaunt, wie wenig Versuche es gibt, allgemein – und das heißt auch fachübergreifend – zu bestimmen, was Fallstudien eigentlich sind. Als Vorstoß in diese Richtung ist der vorliegende Band zu verstehen.

Wie aber verständigt man sich über einen Gegenstand, der bislang nur in verschiedenen Wissenschaftssprachen thematisiert wurde? Zumal die Fallstudien darin auf verschiedene Arten konzeptualisiert werden, die verschiedenen Herangehensweisen Ausdruck von unterschiedlichen Interessen am Gegenstand sind.

Erforderlich scheint, die Unterschiedlichkeit der Erkenntnisinteressen am Gegenstand und die daraus resultierenden Unterschiede der fachwissenschaftlichen Bestimmungen der Fallstudie freizulegen, den vorwissenschaftlich-praktischen Gebrauch zu erforschen, der von Fallgeschichten gemacht wird und danach eine allgemeine Definition von Fallstudien zu versuchen. In den Beiträgen werden Aspekte der Theorie, Geschichte und Methode der Fallstudie in verschiedenen Disziplinen erörtert, Grenzen und Reichweite von Fallstudien in verschiedenen Praxisfeldern aufgezeigt.

Mit einer Einleitung von Johannes Süßmann und Beiträgen von Ulrike Bergermann, Simona Cerutti, Carlo Ginzburg, Charlotte Furth, Joachim Jacob, Heinz D. Kittsteiner, Thomas Loer, George C. Rosenwald, Lorenz Rumpf, Susanne Scholz, Petra Schulte, Michael Stolberg, Xenia v. Tippelskirch, Anita Traninger, Bettina Wahrig.

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

Einleitung: Perspektiven der Fallstudienforschung 7

Johannes Süßmann

 

Ein Plädoyer für den Kasus 29

Carlo Ginzburg

 

In Fällen denken: das Wissen von Experten in der vormodernen chinesischen Geschichte 49

Charlotte Furth

 

Juristische Fälle und die Legitimität der Alltagserfahrung im modernen Europa 67

Simona Cerutti

 

Formen und Funktionen medizinischer Fallberichte in der Frühen Neuzeit (1500–1800) 81

Michael Stolberg

 

Erzählte Vergiftungen: Kriminalitätsdiskurs und Staatsarzneikunde 1750–1850 97

Bettina Wahrig

 

Der Ertrag der Multiple-Case-Methode 113

George Rosenwald

 

Die Rekonstruktion kulturspezifischer Deutungsmuster als Aufgabe der Klassischen Philologie. Beobachtungen zu Streit und Stasis bei Ennius, Livius,

Dionysios von Halikarnassos, Cicero und Platon 127

Lorenz Rumpf

 

Eine Region als Fall. Exhaustive Beschreibung oder Rekonstruktion einer Totalität? 141

Thomas Loer

Fallstudie und Analogiebildung bei Marx und Oswald Spengler. »Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte«, Napoleon und Spenglers »Cäsar« 159

Heinz D. Kittsteiner

 

Jekyll und Hyde, oder: zwei Seiten der Fallstudie 181

Susanne Scholz

 

Sündenfallstudie. Zur Interpretation des lapsus hominis im Hinblick auf die Defizite des menschlichen Intellekts und die Grenzen des Wissens in der Frühen Neuzeit

mit einem Blick auf das Verhältnis von ›Fall‹ und ›Exempel‹ 195

Anita Traninger

 

»Oh roy de France! Prenez exemple a …«. Exempla der Gerechtigkeit im Frankreich Karls VI. 209

Petra Schulte

 

Exemplarität in der post-tridentinischen italienischen Geschichtsschreibung, oder: wie die Geschichte der Sestilia Sabolini zum Fall wird 225

Xenia von Tippelskirch

 

Amo, amas, amat. Beispielserien und Gesetzbildung nach Lehrbuch 237

Ulrike Bergermann

 

Das Besondere des Falles. Zur ästhetiktheoretischen Vorgeschichte der Fallstudie im 18. Jahrhundert 251

Joachim Jacob

 

 

 

[Aus der] Einleitung: Perspektiven der Fallstudienforschung

Johannes Süßmann

Der hier vorgelegte Sammelband ist aus einer internationalen Tagung hervorgegangen, die vom 15. bis 17. September 2005 an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main stattgefunden hat. Finanziert wurde sie von der Deutschen Forschungsgemeinschaft; die Georg und Franziska Speyer’sche Hochschulstiftung hat die Drucklegung ermöglicht – beiden Institutionen sei herzlich dafür gedankt.

Gefördert haben sie ein Unternehmen, das nur als riskant bezeichnet werden kann. Denn sein Ziel bestand darin, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den höchst unterschiedlichen Fachkulturen in ein Gespräch zu ziehen, für die Fallstudien ein Thema sind. Und da treffen – das zeigt die bloße Nennung – Welten aufeinander: In der Rechtsprechung und Medizin haben Fallsammlungen eine lange Tradition. Moralphilosophie und Theologie pflegten ein Denken in Fällen, das für Lehre und Predigt raffinierte Fallbeispiele hervorbrachte. Fabel und Schwank, Anekdote und Geschichtsschreibung gehören zu den ältesten Erzählformen; dadurch haben die Literatur- und Historiographiehistorie wie die Erzählforschung mit Fallgeschichten zu tun. Ethnologie, Soziologie und Psychoanalyse zählen Fallstudien zu ihren Gründungsurkunden. Von der Wissenschaftstheorie werden sie heute wie vordem von Rhetorik und Ästhetik reflektiert.

Bei der grundlegenden Bedeutung, die Fallstudien für die genannten Disziplinen haben, erstaunt, wie wenig Versuche es gibt, allgemein – und das heißt auch: fachübergreifend – zu bestimmen, was Fallstudien eigentlich sind, welchen Regeln sie gehorchen und was sie zu leisten vermögen. Als ein Vorstoß in diese Richtung ist der vorliegende Band zu verstehen.

Wie aber verständigt man sich über einen Gegenstand, der bislang nur in verschiedenen Wissenschaftssprachen thematisiert wurde? Übersetzbar sind diese Sprachen nicht. Denn zum einen werden die Fallstudien darin auf verschiedene Arten konzeptualisiert. Zum anderen sind die verschiedenen Herangehensweisen Ausdruck von unterschiedlichen Interessen an dem Gegenstand. Das liegt am Stand der fachinternen Diskussionen und daran, wie die Fallstudien darin jeweils zum Thema werden.

Erforderlich scheint daher zunächst, die Unterschiedlichkeit der Erkenntnisinteressen am Gegenstand Fallstudie freizulegen; dies soll für die Sozialwissenschaften einerseits, die Kulturwissenschaften andererseits im ersten Teil dieser Einleitung geschehen. Im zweiten Abschnitt wird gezeigt, welche fachwissenschaftlichen Bestimmungen der Fallstudie aus den unterschiedlichen Erkenntnisinteressen hervorgehen. Der dritte Abschnitt gilt dem vorwissenschaftlich-praktischen Gebrauch, der von Fallgeschichten gemacht wird. Erst nachdem auf diese Weise die Unterschiede im Vorverständnis des Gegenstands freigelegt wurden, kann versucht werden, das Feld für eine Zusammenschau neu abzustecken: Der vierte Abschnitt präsentiert eine allgemeine Definition von Fallstudien. Zur Diskussion gestellt werden dort Perspektiven, unter denen nach Meinung der Herausgeber/innen die interdisziplinäre Analyse beginnen könnte. Der fünfte Abschnitt schließlich ist einigen Ergebnissen gewidmet, die sich durch die Konferenz ergaben.

I.

Wenn man komplexe Fachdebatten für den Zweck einer Überschau rücksichtslos vereinfachen darf, drängt sich der Eindruck auf, daß Fallstudien in den Sozialwissenschaften und der Psychoanalyse derzeit ein umstrittener, ein »heißer« Gegenstand sind. Gestritten wird nicht darüber, ob Fallstudien in diesen Disziplinen auf dem Weg zur modernen Wissenschaft eine wichtige Rolle gespielt haben – daß es sich so verhält, ist evident. Es genügt, an Freuds klassisch gewordene Krankengeschichten zu erinnern: das »Bruchstück einer Hysterie-Analyse« sowie die Studien über den »kleinen Hans« und den »Wolfsmann«; für die Soziologie können neben vielen anderen Marie Jahodas »Arbeitslose von Marienthal« angeführt werden oder William F. Whytes »Street Corner Sociology«. Höchst umstritten scheint derzeit aber die Gegenwartsbedeutung dieser Texte: Können, dürfen, sollen sie als Vorbild auch für die heutige Textproduktion dienen? Sind Fallstudien nach den heutigen Standards der Wissenschaftstheorie (noch) eine zulässige wissenschaftliche Aussageform für Psychoanalytiker/innen und Sozialwissenschaftler/innen?

Oder sind sie erstens, weil darin erzählt wird, zu literarisch, soll heißen, daß sie statt isolierbarer Phänomene komplexe Ganzheiten präsentieren, statt kausaler Zusammenhänge temporale Verläufe, statt kontrollierbarer Einzelfaktoren diffuse Bündel von Wechselwirkungen?

Räumen Fallstudien zweitens der Subjektivität der Erzählerinstanz, die den »Fall« – etwa als Analytiker/in oder Interviewer/in – oft selbst erhoben hat und unter Umständen die eigene Interaktion mit dem Beobachteten mitprotokolliert, nicht viel zu großen Raum gegenüber den dargestellten Daten ein? Lassen sie diese nicht dadurch schon willkürlich erscheinen, unüberprüfbar und unwiederholbar?

Und selbst wenn die Daten verläßlich gemacht werden könnten, bleiben Fallstudien nicht drittens auf das bloße Protokollieren ihrer Fälle beschränkt, statt diese analytisch aufzuschließen und erörternd auf allgemeine Begriffe zu beziehen? Suggerieren sie möglicherweise lediglich allgemeine Einsichten statt sie analytisch-begrifflich dingfest zu machen?

Und haben Fallstudien schließlich viertens nicht grundsätzlich nur eingeschränkten Wert, da sie per definitionem Einzelfälle thematisieren, die nicht verallgemeinerbar und damit für große soziale Einheiten letztlich ohne Belang sind?

Aus diesen vier Einwänden gegen die Fallstudie: sie sei als Aussageform zu holistisch, als Erhebungsmethode zu subjektiv, als Deutung zu unbegrifflich, als Theoriebildung zu beschränkt in ihrem Geltungsbereich, speist sich die Schärfe der gegenwärtigen Diskussion in den Sozialwissenschaften und in der Psychoanalyse. Auf dem Spiel steht hier nicht weniger als die Wissenschaftlichkeit der Methoden und Darstellungsformen: Bestimmt werden soll eine Grenze für das, was als wissenschaftlich anerkannt oder als unwissenschaftlich ausgeschieden wird. Für die Theoriebildung über die Fallstudie ergibt sich daraus ein streng wissenschaftstheoretisches, auch normatives Interesse: Sind Fallstudien – was dann durch ihre Theorie darzutun wäre – prinzipiell vorwissenschaftlich? Oder wie könnte eine Theorie von Fallstudien aussehen, die als noch-wissenschaftlich passieren dürften?

Anders stellt die Lage sich in den Literaturwissenschaften und der Historie dar. Spätestens seit der kulturalistischen Wende, dem Siegeszug von new historicism und microstoria, gehören Fallstudien hier wieder zum allgemein akzeptierten Arsenal der wissenschaftlichen Aussageformen. Ohne polemische Absicht taucht der Begriff im Titel oder Untertitel zahlloser Qualifikationsarbeiten auf. Der heftige Streit, der in den 1990er Jahren um das Erzählen und andere evokative Darstellungsformen in der Wissenschaft ausgefochten wurde, meist im Anschluß an Hayden White, ist verstummt. Die Lager haben sich aufgelöst, die Aussageformen vermischt. Es wird wieder erzählt und evoziert in den Kulturwissenschaften, ohne deshalb auf begriffliche Analyse oder Erörterung zu verzichten. Selbst hartgesottene Sozialhistoriker/innen testen ihre Großtheorien oder Leitbegriffe heute anhand von explorativen regionalen oder epochalen Fallstudien. Das Genre scheint unproblematisch: Für das Selbstverständnis von Philolog/inn/en und Historiker/inne/n ist es ein »kalter« Gegenstand geworden.

Deshalb dominieren in diesen Fächern heute empirische und historische Interessen an der Fallstudie: Was wir vorfinden, wenn wir zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Zusammenhängen nach Fallstudien suchen, ist ja offenkundig höchst verschieden. Überall stellt das Verhältnis von Einzelfall und dem, wovon es ein Fall ist, sich anders dar, überall kommen dadurch andere Arten von Besonderem und Allgemeinen an den Tag. Eben auf diese Vielfalt der Vernunft sind die Interessen an einer Theorie der Fallstudie in den Literatur- und Geschichtswissenschaften heute gerichtet. Wie lassen die Unterschiede sich erzählanalytisch, pragmatisch, erkenntnistheoretisch beschreiben? Sind die verschiedenen Arten von Fallstudien als Ausformungen einer einzigen Textsorte zu verstehen? Und wie und nach welchen Kriterien wäre die Geschichte eines solchen Genres Fallstudie zu schreiben?

Noch verzwickter wird die Sache dadurch, daß für eine solche empirische Herangehensweise Fallstudien als Gegenstand keineswegs einfach vorliegen und nur analysiert zu werden brauchen. Sobald wir nämlich ältere Epochen einbeziehen, wird sofort deutlich, daß die Entscheidung darüber, was als Fallstudie zum Gegenstand unserer Untersuchungen wird, von komplizierten Rezeptionsprozessen abhängt und nicht zuletzt von unserem eigenen Vorverständnis. Unser Gegenstand Fallstudie begegnet uns immer schon kulturell und disziplinär vermittelt, d.h. er verwandelt sich, er wird – auch von uns selbst – gemacht.

So lassen sich schon in der frühesten Geschichtsschreibung Fallstudien ausmachen, obwohl sie nicht unter dieser Bezeichnung begegnen und zunächst auch nicht isoliert. Vielmehr sind sie in längere Texte eingelassen, müssen sie aus diesen mit Hilfe eines modernen Begriffs der Fallstudie erst gelöst werden, ohne daß diese nachträgliche Identifikation den Texten übergestülpt würde. Um nur an ein Beispiel zu erinnern: Wenn Thukydides’ Darstellung der Pest, die in den Jahren nach 430 v. Chr. in Athen wütete, zur klassischen Studie darüber geworden ist, wie soziale und politische Bindungen durch eine Seuche zerfallen, wenn diese Darstellung, vermittelt über römische Populisatoren, in Boccaccios Darstellung der Pest des Jahres 1348 in Florenz ebenso ihre Spuren hinterlassen hat wie in Daniel Defoes Schilderung der Pest in London 1665 und in Alessandro Manzonis 1827 erschienener Evokation der Pest von 1630 in Mailand, dann hat, was in Thukydides’ »Geschichte des Peloponnesischen Kriegs« nur eine Episode ist, sich durch die Wirkungsgeschichte offenkundig verselbständigt, wurde es in der abendländischen Literatur als eigenständige Parabel rezipiert, die heute als Fallstudie gelesen werden kann.

Das Beispiel verdeutlicht noch einen zweiten Übertragungsvorgang. Boccaccios und Manzonis Erzählwerke gehören zur fiktionalen Literatur. Auch Novellen- und Romanautoren haben sich also an Fallstudien bedient. Mehr noch: Zuweilen gestalten sie ihre fiktionalen Erzählungen sogar insgesamt nach dem Vorbild wissenschaftlicher Fallstudien. Auch auf diese, in den Möglichkeitsraum der Fiktionalität versetzten Fallstudien kann das literaturwissenschaftliche Interesse sich richten, wie auf jene, in größere, andersartige Textzusammenhänge eingelassene Fallstudien das historiographiehistorische. In beiden Fällen werden die Texte erst durch interpretatorische Vorleistungen überhaupt als Fallstudien identifiziert, wobei die Identifikation sich auf vorgängige Rezeptions- oder Übertragungsvorgänge stützt. Erheblich wird unser Gegenstandsbereich dadurch erweitert: über die Moderne wie über den Bereich der wissenschaftlichen Gebrauchsliteratur hinaus.

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