Friedländer, Vera: “Eine Mischehe oder der kleine Auftrag aus Jerusalem”

Roman, trafo Literaturverlag, 2009, 2. überarb. Aufl., 191 S., ISBN 978-3-89626-682-8, 12,80 EUR

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Wer im Dritten Reich nach den „Nürnberger Rassegesetzen“ als Jude in einer sogenannten Mischehe lebte, dem drohte bei einer Scheidung tödliche Gefahr. Der Schriftsteller Simon, selbst aus einer solchen Verbindung stammend, bekommt Anfang der neunziger Jahre von einer Jugendfreundin aus Israel den Auftrag, nach einem Jungen zu forschen, dessen jüdische Mutter in Ravensbrück starb und dessen „arischer“ Vater überlebte. Während seiner Recherchen stößt Simon auf eine tragische Dreiecksgeschichte. Ein Mann und zwei jüdische Frauen leben in einem Haus. Nur die Freundin überlebt den Holocaust. Der Sohn hat keine Mutter mehr und er verliert auch seinen Vater. Der Schriftsteller Simon sieht sich gezwungen, eine schwere Schuld zu schildern und „er möchte die Tragik den einstigen Verhältnissen zuschreiben, eher denen, die sie schufen, als denen, die sie zu ertragen hatten“.

 

 

Leseprobe

Eines frostigen Wintertags beschloss Simon, in den Süden zu fliegen. Jetzt war es möglich. Er gehörte nie zu den Autoren, die die Grenze passieren und jenseits der Elbe aus ihren Büchern lesen durften. Nun aber konnte er kurzfristig einen Flug nach Israel buchen, Ticket und Hotel in der gefragten Währung bezahlen und für eine Urlaubswoche nach Jerusalem reisen. Die Informationen besagten, dass die kühlen Regentage in der achthundert Meter hoch gelegenen Stadt vorüber seien und der Frühling sich ankündige.
Es war am letzten Urlaubstag. Simon saß auf einem Hügel Jerusalems, in einem kleinen Restaurant bei einem landesüblichen Wein und sah hinüber zum Tempelberg und zur goldenen Kuppel des Doms, in dessen Mitte sich jener Felsen befindet, auf dem Abraham seinen Sohn Isaak opfern sollte.
Der Hebräer Abraham war im achtzehnten Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung im Zuge einer großen Wanderung aus Mesopotamien in das Land seiner Vorfahren, nach Kanaan, zurückgekehrt, wohlhabend und vertraut mit sumerischen Ideen und Sitten und mit der Kultur seiner semitischen Vorväter. Hebräer oder ha-Ivri hieß: der Mann, der von jenseits des Euphrats über den Fluss gekommen war. Abraham, der Stammvater der Hebräer, begründete den Glauben an einen einzigen, unsichtbaren Gott. Der Einzige entsprach jener Zeit, in der Königreiche entstanden, Zentren der Macht und des Schutzes, darüber herrschend ein einziger König. Abraham war bereit, seinem Gott, dem Einzigen und Unsichtbaren, bedingungslos zu dienen und ihm seinen Sohn Isaak zu opfern, wenn sein Gott es verlange. Dies geschah auf dem Jerusalemer Hügel. Als Simon fast viertausend Jahre nach Abraham hinüberschaute, war der Hügel von milder Abendsonne beleuchtet.
David eroberte die Stadt auf dem Hügel und errichtete ein Königreich. Er hinterließ es Salomo, der dort oben den ersten Tempel erbaute. Vierhundert Jahre stand Salomos Tempel, bis ihn die Babylonier zerstörten und die Israeliten, wie sie seit langem hießen, in die Gefangenschaft führten. Nach ihrer Rückkehr, sich nun Juden nennend und an hebräischer Tradition festhaltend, bauten sie auf den Grundfesten des Ersten Tempels den Zweiten, der sechshundert Jahre stand. Als auch er niedergerissen wurde, von den Römern im Jahre 70 unserer Zeitrechnung, lebten die Juden bereits mit einer zweitausendjährigen Geschichte, mit Kultur und Schrifttum, mit einer monotheistischen Religion und einem Gesetzeswerk, aus dem die zehn abendländischen Gebote, die universalen Normen gesitteten Lebens, hergeleitet sind.
Germania, wie weit bist du entfernt?, denkt Simon beim Anblick Jerusalems. Kalt ist der Norden, wenn man in orientalischer Sonne sitzt, ausgangs des Winters, und der Frühling sich ankündigt. Deine Stämme, Germania, nomadisierten durch rauhe Gegenden, als Hebräer, Israeliten, Juden sich bildeten und ihre Gesittung formten und das Ihre zur mittelmeerischen Kultur gaben. Und das war nicht wenig und es strahlte aus auf andere Weltgegenden und wurde von allen Juden bei allen Vertreibungen mitgenommen in neue Heimstätten, die Germania hießen oder Neue Welt oder Galizien und viele andere Namen besaßen. Simon spürte nie vorher so deutlich die Wurzeln, die ihm von der Mutter gegeben waren. Er entdeckte sich neu.
Er war mit der Selbstsuche beschäftigt. Auf die Menschen um ihn herum achtete er nicht. Er bemerkte nicht den Mann und die Frau, die sich an den Nebentisch setzten. Doch da vernahm er eine wohltuend weiche Frauenstimme, die ihm bekannt, ja vertraut vorkam. Die Frau sprach Hebräisch. Es konnte nur eine Täuschung sein. Neugierig drehte er sich um und sah das Gesicht seiner alten Freundin, unverkennbar, sie war es.
„Luise.“ Halblaut sagte er den Namen.
Die Frau sah auf, unterbrach kurz ihre Rede, wandte sich wieder ihrem Partner zu und plötzlich, anstatt weiterzureden, stand sie auf, ging einen Schritt auf Simon zu und sagte: „Du bist Simon!“
Sie hatten sich mehr als vierzig Jahre nicht gesehen.
Nachbarskinder waren sie. Luise war Simons erste, stille Liebe, was sie wahrscheinlich nie bemerkt hatte. Schließlich war er drei Jahre jünger und zählte nicht für sie.
Im Herbst dreiundvierzig verlor er Luise zum ersten Mal. Sie erhielt eine Einberufung als Flakhelferin, warf das Papier in den Ofen, ebenso den zweiten Brief mit dem Befehl, unverzüglich zu erscheinen. Danach standen zwei Polizisten vor der Tür und nahmen Luise mit.
Sie wurde dem Chef der Polizeidienststelle vorgeführt und befragt, warum sie der zweimaligen Aufforderung nicht Folge geleistet habe und ob sie wisse, was für sie auf dem Spiele stehe.
„Ich stelle mich nicht auf einen Flak-Turm, um mich abschießen zu lassen.“ Sie presste die Worte angstvoll durch die Zähne.
Der Chef schickte den anwesenden Polizisten hinaus.
„Du redest dich um Kopf und Kragen, Mädchen. Ist dir das klar?“
„Ich habe nichts zu tun mit dem Krieg. Lassen Sie mich in Ruhe.“
„Setz dich. Wir müssen darüber sprechen.“
Sie setzte sich dem Mann gegenüber an einen Schreib­tisch. Ihre Angst hinderte sie zu begreifen, dass ihr jemand helfen wollte.
„Zwei Aufforderungen haben dich nicht erreicht, sagst du. Na gut, halten wir es fest, das ist bei den Bombardierungen denkbar. Jetzt bist du aber da und ich muss dich aus deiner Arbeit herausnehmen und zu den Flakhelfern schicken. Sei vernünftig und führe dich nicht auf, als ob du lebensmüde bist.“
„Wer eine Uniform anzieht, ist lebensmüde.“
„Ich muss eine Aktennotiz schreiben. Also sei vernünftig, sonst kann ich dir nicht helfen.“
Er wartete auf eine annehmbare Antwort. Sie nickte und deutete Einsicht an. „Aber ich will nach Hause.“
„Also gut, ich stelle heute fest: Du bist geistig nicht voll zurechnungsfähig. Kürzlich warst du in einem Luftschutzkeller verschüttet. Nennen wir deinen Zustand also: deutlich verstört. Dann kann ich dich nach Hause schicken.“
Er machte seine Aktennotiz und ließ Luise gehen.
Es ging nur kurze Zeit gut. Eine Frau in der Straße, die im Polizeirevier arbeitete, bekam den Vermerk des Polizeibeamten über Luises Untauglichkeit für den Flakhelferdienst zu Gesicht und schwor, dass jene Luise keineswegs krank sei, sondern renitent, und das wäre sie schon immer, und wenn es tatsächlich eine Verstörtheit gegeben habe, dann sei sie längst überwunden.
Im November kam Luise wegen Wehrdienstverweigerung ins Berliner Polizeipräsidium, dann nach Ravensbrück. Sie hatte die erneute amtliche Aufforderung ignoriert und der Chef der Dienststelle hatte gewechselt. Nachsichtige, kriegsmüde Polizeibeamte, die ein aufsässiges Mädchen vor Schaden bewahren wollten, waren so selten zu finden wie Geldscheine auf dem Berliner Pflaster.
Kurz nach dem Krieg trafen sich Simon und Luise wieder. Bald darauf verließ die Freundin Deutschland. Sie wanderte zusammen mit einem jungen Juden, den sie im Sanatorium für befreite Häftlinge kennen gelernt hatte, in den neu entstandenen Staat Israel aus.
Mehrere Umzüge dort und in Berlin, nicht nachgesandte Briefe und die Verbindung war gerissen. Zudem waren beide, Luise in Jerusalem, Simon in Berlin, mit täglichen Sorgen und Pflichten belastet. Was ihnen blieb vom Tage, nahmen sie sich, um zu leben. Sie waren junge Leute der Nachkriegsjahre. Es genügte ihnen zu wissen, dass der Freund, die Freundin in der Ferne lebt und einen verlässlichen Partner hat. Später hätte Simon schon gern erfahren, was aus Luise geworden ist. Nachzufragen in Israel, zu korrespondieren mit Ämtern eines in seinem Land missliebigen Staates widerstrebte ihm. Er fügte sich den ungeschriebenen Gesetzen und versuchte nicht, kosmopolitische Verbindungen herzustellen. Sein Staat würde schon wissen, was für ihn gut sei.
„Der brave, kleine Simon! Hier treffe ich dich. Was für ein Glück. Wir, mein Mann und ich …“ Luise machte die Männer miteinander bekannt. „Wir wollten eigentlich da drüben einkehren. Stell dir vor, dann wären wir so nahe gewesen und hätten uns nicht gesehen. Was machst du hier, wie geht es dir, wo warst du in all den Jahren?“
Sie befragten einander in großer Hast, als wollten sie vier Jahrzehnte in vier Minuten vorbeiziehen lassen. Beide haben eine Familie, aber leider keine Bilder von den Kindern und Enkeln in der Tasche. Beide haben viel gelernt und bis auf den Tag in sinnvollen Berufen gearbeitet.
„Malst du noch, Luise?“
Die Malerei verband die beiden Nachbarskinder auf besondere Art. Luise nahm Malunterricht und Simon musste dafür sorgen, dass Luises Mutter es nicht erfuhr: „Ja, wir waren im Kino.“ „Ich weiß, dass Luise zu ihrer Freundin gegangen ist.“ „Natürlich war Luise auf der Eisbahn.“ Die Mutter verlangte, dass Luise was Ordentliches lernt und nicht als Künstlerin durchs Leben gammelt.
„Ich habe immer gemalt“, erzählte Luise, „ich bemale Keramik oder skizziere Kostüme für eine Folkloregruppe. Unten in der Stadt habe ich eine kleine Galerie.“ Und zu ihrem Mann gewandt: „Simon war mein Alibi-Freund für den Malunterricht.“
An dieser Stelle, lange bevor sie über gemeinsame Bekannte sprachen, wie es diesem und jenem ergangen sei, und Luise ihrem Mann erklärte, wer dieser und jener war, bevor also mehr geredet wurde, als die kurzen Stunden der Begegnung fassen konnten, bat Luise ihren wiedergefundenen Freund um einen Gefallen:
„Kannst du dich nach Hannas Sohn erkundigen? Vielleicht wohnt er noch in Lindenthal oder Hannas Mann, der muss allerdings schon sehr alt sein. Lindenthal liegt doch fast vor deiner Haustür. Bei Gelegenheit, bitte, wenn du da mal vorbeikommst und es dir keine besondere Mühe macht. Ich würde sehr gern wissen, was aus Hannas Sohn geworden ist.“
Hanna war Luises Lehrerin. Bei ihr lernte sie malen.
Selbstverständlich versprach Simon, den Wunsch zu erfüllen. Bei Gelegenheit, natürlich. Luise ahnte nicht, dass sie ihrem Freund eine Last aufbürdete, sonst hätte sie die Bitte nicht geäußert. Und Simon wusste nicht, worauf er sich einließ, sonst hätte er das Versprechen nicht so leichthin gegeben, sondern vorsichtig eingeschränkt: Vielleicht, ich werde sehen, was ich ausrichten kann. Doch es war fest versprochen. Er nahm Luises Wunsch als kleinen Auftrag aus Jerusalem mit in die Stadt Berlin.
Simon nahm die Sache ernst. Er erinnerte sich, wie gern Luise zu Hanna gefahren war, um den Umgang mit Stiften, Pinseln und Farben zu erlernen. Ohne Wissen der Mutter geschah es und gedeckt durch Simon. Es musste sowieso heimlich sein, denn der Malerin Hanna mit dem Zwangsnamen Sara war es nicht erlaubt, Luise zu unterrichten.
Im israelischen Winter, unter einem Dach aus trockenen, grauen Palmenblättern, nach vielen Jahren, über die zu sprechen nicht Zeit genug war, führte die Erinnerung zu Hanna, der heimlich besuchten Lehrerin. Es dämpfte die frohe Stimmung der Begegnung unter glücklichen Umständen, obwohl sich über die alten Erlebnisse neue gelegt hatten, Erfolge und Misserfolge, Krankheit und Gesundung, Mühsal und frohe Feste. Das Alte war nie gänzlich zugedeckt worden. Als der Name Hanna fiel, und er musste mit Notwendigkeit fallen, war das Vergangene freigelegt, als sei es eine Last, die nie zu bewältigen ist. Die Zeit, die verstrichen war, bewirkte nur, dass Luise über die Wunden der Vergangenheit sprechen konnte.
Nach dem Krieg war Luise aus dem Lager zurückgekehrt und Simon erfuhr von seiner Freundin, dass sich Luises und Hannas Wege während der Haft gekreuzt hatten. Beide waren einige Tage Gefährtinnen in einer Baracke in Ravensbrück gewesen.
In Jerusalem sprach Luise über Hanna. Sie erinnere sich, erzählte sie, wie sehr Hanna in Ravensbrück um ihren Sohn gebangt hatte. Hanna habe gefürchtet, sie würden auch ihn holen. Er war doch erst zehn Jahre alt, wie sollte ein Kind in einem Lager zurechtkommen. Es könnte auch sein, dass sie dem Vater den Jungen wegnahmen, um ihn umzuerziehen, dass er werde wie sie. Würde er sich dann an seine Mutter mit Liebe erinnern oder voll Verachtung über sie sprechen? Würde er sich gar der Mutter schämen? Die Angst um den Sohn habe Hanna sehr gequält, erzählte Luise. Ihr Mann, habe Hanna gesagt, werde schon durchkommen, aber der Sohn sei in Gefahr, und er sollte doch nicht ohne Zukunft sein. Nicht so zukunftslos wie sie selbst.
Luise wurde bald nach ihrer Ankunft in Ravensbrück für Arbeit in einem anderen Lager ausgesucht. Sie kam in die Genshagener Heide, wo sie Mercedes Benz und der Kriegsproduktion übergeben wurde.
Bevor sie getrennt wurden, bat Hanna die junge Gefährtin dringlich: „Wenn diese Zeit vorbei ist, bin ich tot. Aber du wirst es überstehen. Sie bringen dich hier weg, weil du jung und kräftig bist und weil sie deine Kraft brauchen. Das ist deine Chance. Irgendwann wirst du frei sein. Dann geh zu meinem Sohn und erzähle ihm von mir. Er soll alles erfahren.“
Hanna hat nicht überlebt. Das hat Luise von Israel aus erkundet.
 

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