2008, 224 S., zahlr. Abb. und Fotos, ISBN 978-3-89626-673-6, 14,80 EUR
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Dies ist die
Geschichte der Selma Klich. Sie lebte von 1911 bis 2006. |
Kleines Finale
Mai 2006. Einmal nur schlägt die Kirchenglocke von Eschenlohe … und sanfter Wind streicht über den Marktplatz.
Fünfzehn Minuten später: Die Glocke würde zusammen mit ihren neben ihr schwebenden Schwestern das große Mittagsgeläut anstimmen.
Mit Brausen und Dröhnen. Jetzt schlägt sie nur einmal, um viertel vor Zwölf, wie die Leute hier sagen, in Oberbayern. Das Tor zum Werdenfelser Land nennt man diesen kleinen ruhigen Ort. Besucher überwältigt der weite Blick hinüber zur Zugspitzgruppe, die an guten Tagen schon zum Greifen nah erscheint. Ein Fluss, eher ein Flüsschen, die Loisach, findet hier ihren Austritt aus dem Gebirge, nach schmalem wildem Weg durch die Tiefen der Wälder, über steinerne Rinnen und vorbei an zarten ersten Maienblüten. Von der Pfarrkirche St. Clemens schwingt der Glockenton weit über die Marktgemeinde, widerhallt an den Wänden ihrer blumenbeschmückten Häuser oder dringt bis hinein in die Räume ihrer Bewohner. Jedenfalls da wo sie die Fenster offen halten um diese Zeit. Es ist der 27. Tag im Mai 2006 als dieser eine Dreiviertelschlag vom Turme St. Clemens auch in eines der Zimmer des nahen Seniorenheimes St. Martha schwebt… und mit dem Sterben einer alten Dame verklingt.
11.45 Uhr … erschöpft und bleich liegt sie auf dem Bett. Ihr 35-kg-Körper ist gezeichnet vom Mangel an Flüssigkeit.
Wie gesagt: Nur fünfzehn Minuten später, wenige schwere Atemzüge noch – und über das leise Fortgehen der Selma Klich hätte sich ein gewaltiges Geläut ergießen können, zum Lohn ihrer 94 Lebensjahre. Das gesamte Klangwerk von St. Clemens wäre zu vollen Stunde, um Zwölf, in einem Strom der Huldigung so vieler gelebter, gelittener Erdentage dieser Frau vereint gewesen. Doch jetzt ertönt nur dieser eine kurze Schlag zum Beschluss der Zeit von Selma Klich.
Still dämmert sie hinüber. Die Brücken in ihr Gestern und Vorgestern sind zerbrochen. Ihre vielfach geflickte und zernarbte Seele schickt sich zögerlich an zum letzten kleinen Schritt auf die andere Seite. Vielleicht lässt sie ihr komatöser Schlaf die gewaltige Spanne seit ihres ersten Tages im November 1911 bis heute, wie von einer Welle der Zeit getragen erscheinen: Ein kurzer Sprung nur, auf dem Weg ins Licht.
In dessen Ferne, so erscheint es ihr jetzt, sich schemenhaft vertraute Gestalten versammeln. Gestalten die, so glaubt sie, schon ihre Kindheit umstanden haben. Aus einer unüberschaubar großen Menge Wesen, die Selmas Kommen, Kopf an Kopf, zu erwarten scheinen, geht eine Gestalt ihr entgegen… Das Gesicht gewinnt Konturen, Klarheit, Wärme … Selma erkennt, wer da auf sie wartet… Es ist Marie, Marie Hamann … und sie schauen, einander nähernd an, wie sie sich nie angeschaut haben im Leben …
Verwehend erzählt der Glockenton über Eschenlohe auf seine Weise was die Stunde schlägt. Er berichtet auch vom Leiden des heiligen Clemens, vom dritten Nachfolger des heiligen Petrus als Bischof von Rom. Jenem Clemens der in der Verbannung, fern seiner Heimat von groben Händen an einen Anker gebunden in die Tiefe des Schwarzen Meeres geworfen wurde und den Märtyrertod starb. Ihm ist die Pfarrkirche des Ortes gewidmet.
Am Hochaltar ist seine Geschichte auf einem Gemälde abgebildet. Selma hatte sich die Kirche einmal innen angeschaut, als sie noch auf den Beinen war. Nein, sie war keine fromme Frau. Nicht im Sinne wie man hier im Bayerischen fromm zu sein hat unter weiß-blauem Himmel. Aber es überkam sie unter solchen Gewölben ein Hauch von Ehrfurcht. Auch von Abneigung gegenüber dem goldblinkenden Protz ringsumher. Selbst wenn dies alles zur Ehre des Allmächtigen geschaffen war. Ihr Leben verlief ohne Glanz, Gold und Glimmer. Und ihr Hiersein, das letzte Lebenskapitel unter dem bayerischen Himmel, es bedeutete nicht die Krone aller Tage.
27. Mai 2006: Es ist zwölf Uhr! In metallenem Schwingen und Klingen erzählt das Mittagsgeläut von St. Clemens von den großen Drei: Von Glaube und Hoffnung, von Liebe und noch von einem Vierten: Vom Sterben in der Fremde. Die Glocken preisen den Weg, der das Glück sein soll.
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