Pawlowski, Rita (Hrsg.)

Unsere Frauen stehen ihren Mann. Frauen in der Volkskammer der DDR 1950–1989. Ein biographisches Handbuch

[= Gesellschaft – Geschichte – Gegenwart, Bd. 37], 2008, 355 S., ISBN 978-3-89626-652-1, 49,80 EUR

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Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkungen 7

Frauenanteil in der Volkskammer 8

Wahlhäufigkeit weiblicher Abgeordneten 9

Weibliche Präsenz in den Ausschüssen 10

Eine Fraktion nur aus Frauen 11

Frauenbiographien 13

Kurzbiographien der weiblichen Volkskammerabgeordneten 15

Anhang 315
Tabelle 1
Weibliche Abgeordnete der Volkskammer der DDR 315
Tabelle 2
Die weiblichen Abgeordneten nach Fraktionen 335
Tabelle 3
Wahlhäufigkeit der weiblichen Abgeordneten 336
Tabelle 3a
Wiederwahl nach Wahlperioden 336
Tabelle 4
Abgeordnete in den Ausschüssen 337
Tabelle 5
Die Frauenfraktion der Volkskammer 339

Abkürzungen 347
Quellen 349
Über die Autorin 355
 

 

Vorbemerkungen


Die Volkskammer war nach Artikel 50 der Verfassung der DDR von 1949 „das höchste Organ der Republik“ und nach Artikel 48 der Verfassung vom 6. April 1968 das „oberste staatliche Machtorgan“, dessen Rechte niemand einschränken konnte und dessen Gesetze und Beschlüsse unanfechtbar und bindend für alle Bürger, Parteien, Institutionen und Einrichtungen der DDR sein sollten. Der Volkskammer oblag nicht nur die Gesetzgebung, sie hatte auch die Durchführung ihrer Beschlüsse nach dem Grundsatz “Einheit von Beschlussfassung und Durchführung“ zu sichern und zu kontrollieren. Im Sinne der Verfassungen war die Volkskammer also jenes Gemium, das die Geschicke der DDR zu bestimmen, zu lenken und zu verantworten hatte. (Hier ist nicht der Platz, diesen Verfassungsauftrag der Volkskammer und die politische Realität in der DDR zu hinterfragen.) Die Autorin, die vor allem während der Wendezeit 1989 hohe Erwartungen in die weiblichen Abgeordneten gesetzt hatte und das hilflose Schweigen der Gewählten als eine Niederlage der Frauen und als einen Mangel sozialistischer Emanzipation empfand, interessierte sich besonders für die Frage, wer diese Frauen in der Volkskammer waren und welchen Platz und Einfluß sie in diesem Machtgefüge hatten.
Dieses Handbuch stellt jene 651 Frauen vor, die seit den Wahlen am 15. Oktober 1950 (1. Wahlperiode) bis zu den Wahlen am 8. Juni 1986 (9. Wahlperiode) Abgeordnete der Volkskammer wurden (Tabelle 1). Die im Neuen Deutschland vom 21. April 1949 gewählte Lobpreisung „Unsere Frauen stehen ihren Mann“ sollte besonders für die weiblichen Volksvertreterinnen 40 Jahre lang wiederholt werden.


Frauenanteil in der Volkskammer

Am 15. Oktober 1950 wurden über die einheitlichen Wahllisten der Nationalen Front der DDR 111 Frauen (23,8 Prozent aller Abgeordneten) in die Volkskammer gewählt. Bis 1986 stieg die Anzahl der weiblichen Abgeordneten auf 32,2 Prozent (Tabelle 2). Auffällig dabei ist der überdurchschnittliche Anteil der Frauen in den Fraktionen der Massenorganisationen FDGB, FDJ, DFD und VdgB. Dagegen waren die Frauen in den Partei-Fraktionen in allen Wahlperioden unterrepräsentiert. Die CDU- und DBD-Fraktion stabilisierten seit 1963 ihren Anteil weiblicher Mitglieder und erreichten seit diesem Zeitpunkt 25 bis 33 Prozent bzw. 26 bis 28 Prozent. Die SED-Fraktion hatte nur in der 1. Wahlperiode 1950 einen Frauenanteil von über 20 Prozent und überschritt danach in keiner Wahlperiode mehr die 19-Prozent-Grenze. Bei der LDPD und NDPD differenzierte der Frauenanteil in den einzelnen Wahlperioden zwischen 11 und 25 Prozent.
Der hohe Anteil der weiblichen Volkskammerabgeordneten insgesamt wurde somit über die Fraktionen der Massenorganisationen erreicht. Die Partei-Fraktionen wiederum konnten dadurch die Präsenz männlicher Wirtschafts-, Staats- und Parteifunktionäre in ihren Reihen sichern.
Mehrheitlich gehörten die weiblichen Abgeordneten einer Partei an, wobei von 3 Abgeordneten die Parteizugehörigkeit nicht ermittelt werden konnte. 405 Abgeordnete gehörten der SED an, 54 der CDU an, 51 der DBD, 43 der LDPD, 41 der NDPD, eine Abgeordnete war Mitglied der SPD Berlin und 53 waren bei ihrer Wahl parteilos. 12 der parteilosen Frauen traten im Laufe der Wahlperioden in die SED ein. Die SED-Mitglieder konzentrierten sich in den Fraktionen der Massenorganisationen. Fast alle weiblichen Fraktionsmitglieder der Massenorganisation waren SED-Mitglied und damit in erster Linie den Beschlüssen und Anweisungen ihrer Partei verpflichtet. Eine stabile Mehrheit der SED in allen Wahlperioden wurde so auch durch die Frauen in der Volkskammer garantiert.
Die beruflichen Karrieren der Frauen spiegeln anschaulich die jeweiligen Schwerpunkte der DDR-Wirtschaft und der Frauenpolitik wieder. Die beruftätige Frau dominiert in allen Wahlperioden, wobei der Anteil der Frauen mit Berufs-, Fach- und Hochschulausbildung kontinuierlich anstieg.


Wahlhäufigkeit weiblicher Abgeordneten

76,5 Prozent aller Frauen waren in einer bzw. in zwei Wahlperioden in der Volkskammer vertreten (Tabelle 3), bei den männlichen Abgeordneten waren es rund 40 Prozent. Noch größer ist die Differenz zwischen den weiblichen und männlichen „Langzeit“-Abgeordneten. Bei der Wahl 1986 gehörten rund 2 Prozent der Frauen der Volkskammer seit der 1. Wahlperiode 1950 an, während es über 10 Prozent der männlichen Abgeordneten waren. Wiederum sind es Frauen aus den Fraktionen der Massenorganisationen, die am häufigsten nach ein oder zwei Wahlperioden aus der parlamentarischen Arbeit ausscheiden. Offizielle Gründe waren die Belastungen als Abgeordnete, in Beruf und Familie, die die Frauen nur kurzfristig für sich akzeptierten. Junge Frauen entschieden sich oftmals für eine berufliche Karriere und für eine Familiengründung. Der schnelle Ausstieg der Frauen weist aber auch darauf hin, dass über die Auswahl der Frauen für die Volkskammer die berufliche, soziale und altersmäßige Zusammensetzung des gesamten Parlaments - ein wichtiges Kriterium für sozialistische Volksvertretungen - mitgesteuert wurde. Das würde bedeuten, dass es wieder die Frauen waren, die der politischen und wirtschaftlichen Elite ohne Rücksicht auf Alter, Ausbildung und Herkunft ein Abgeordnetenmandat sicherten.
Ein fast vollständiger Austausch der weiblichen Abgeordneten erfolgte im Wahljahr 1963, in dem 108 von 137 Frauen neu in die Volkskammer gewählt wurden (überdurchschnitt in dieser Wahlperiode auch der Austausch bei den männlichen Abgeordneten). Inwieweit dieser ungewöhnlich hohe Austausch mit dem neuen SED-Kurs des umfassenden Aufbaus des Sozialismus in der DDR und den neuen Akzenten in der Frauenpolitik in Verbindung steht, wäre zu untersuchen.

 

Weibliche Präsenz in den Ausschüssen

Die Zusammensetzung der Volkskammer-Ausschüsse dokumentiert anschaulich das Verständnis in der DDR für weibliche und männliche Kompetenzen: Von der 1. Wahlperiode 1950 an wurden die sozialpolitischen Ausschüssen, die Ausschüsse für Bildung und Eingaben den Frauen überlassen bzw. ihnen zugeordnet (Tabelle 4). In den Wirtschafts-, Finanz- und Rechtsausschüssen, im Ausschuss für Außenpolitik sowie für Nationale Verteidigung hatten Frauen in allen Wahlperioden eine Alibifunktion. In den Ausschüssen für Gesundheitswesen, Arbeit und Sozialpolitik, Eingaben und Handel und Versorgung war in allen Wahlperioden der Frauenanteil überdurchnittlich hoch. Diese Aufteilung in männliche und weibliche Zuständigkeiten endete bei der Leitung der Ausschüsse. In der Regel leiteten in allen neun Wahlperioden Männer die Volkskammerausschüsse. 1950 bis 1963 waren insgesamt vier Frauen zeitweise Vorsitzende von Ausschüssen, in allen folgenden Wahlperioden gab es nur 1986 eine Frau in dieser Funktion. Längjährige Spitzenfunktionäre der Parteien und der Gewerkschaft leiteten generell die Ausschüsse. Diese Kriterien von Langjährigkeit und Spitzenfunktion konnten in der Regel die Fraun nicht aufweisen und kamen somit für einen Ausschussvorsitz nicht in Frage. Seit 1971 erhöhte sich der Frauenanteil an den Stellvertreterposten der Ausschüsse überdurchnschnittlich schnell. 1986 sind die sozialpolitischen Ausschüsse mit mindestens einer Stellvertreterin besetzt.
181 Frauen aller Fraktionen der Volkskammer arbeiteten in keinem Ausschuss mit. Auffällig ist dabei, dass in allen Wahlperioden die in der Landwirtschaft beschäftigten weiblichen Abgeordneten mehrheitlich keinem Ausschuss angehörten. War die Mitarbeit in mehreren Ausschüssen und ein häufiger Ausschusswechsel in den ersten Wahlperioden typisch, veränderte sich diese Praxis nach der 5. Wahlperiode. Die Frauen arbeiteten kontinuierlich in einem Ausschuss mit und ein Wechsel erfolgte seltener.
Über die inhaltliche Arbeit der Ausschüsse und die Rolle der weiblichen Abgeordneten dabei gibt es bisher keine Untersuchungen.

 


Eine Fraktion nur aus Frauen
 

Die Volkskammer hatte von der 1. bis zur 9. Wahlperiode als einziges deutsches Parlament eine Frauenfraktion (Tabelle 5), deren Mandatsträgerin die Frauenorganisation, der Demokratische Frauenbund Deutschlands (DFD), war. Bereits zu den Wahlen in den Ländern und Provinzen am 20. Oktober 1946 wurde in der sowjetischen Besatzungszone der Versuch unternommen, über Listen der Frauenausschüsse Frauenfraktionen zu installieren. Dieser Versuch, der den bürgerlichen Parteien CDU und LDP weibliche Wählerinnen abwerben sollte, scheiterte aber und fand in der Folge nicht mehr die Unterstützung der SED.
Der DFD war – wie die Organisationen FDGB, FDJ, Kulturbund, VVN und VdgB – über die Konstituierung des Deutschen Volksrates am 7. Oktober 1949 zur Provisorischen Volkskammer der DDR in den Kreis der parlamentarischen Mandatsträger aufgenommen worden. Der Deutsche Volksrat, das „Vorparlament“ der Volkskammer, hatte gegen Widerstände aus den Reihen der CDU und LDPD den Massenorganisationen Fraktionen zugebilligt, die mit der Konstituierung der Provisorischen Volkskammer 1949 automatisch Parlamentsfraktionen wurden.
In der 1. Wahlperiode 1950 bis 1954 bildeten die „Frauenfraktion“ DFD und die „Intelligenzfraktion“ Kulturbund eine Fraktionsgemeinschaft, deren Zusammenarbeit sich als kompliziert und problematisch erwies. Ab der 2. Wahlperiode 1954 trat der DFD als eigene Fraktion auf. 1950 zählten 20 Frauen zur Fraktion, 1954 waren es 29 Frauen, ab 1971 konstant 35 Frauen und mit der Wiederaufnahme der VdgB 1986 als Volkskammerfraktion verringerte sich die DFD-Fraktionsstärke auf 32 Frauen.
Insgesamt gehörten von 1950 bis 1990 128 Frauen der DFD-Fraktion an; 66 von ihnen blieben eine und 27 zwei Wahlperioden im Parlament, 2 Fraktionsmitglieder waren von der 1. bis 9. Wahlperiode Abgeordnete der Volkskammer. Der DFD stellte viele Jahre die Alterspräsidentin der Volkskammer. Ungewöhnlich im Vergleich zu anderen Massenorganisationen ist, dass die Fraktion in den Ausschüssen Nationale Verteidigung und Außenpolitik über Jahre mit ein und sogar zwei Mitgliedern vertreten war und den Frauenanteil dieser Ausschüsse überhaupt erst sicherte. Die DFD-Fraktion blieb die einzige Volkskammerfraktion, die von der 1. bis 9. Wahlperiode eine Frau als Vorsitzende hatte.
Bereits 1950 griff das SED-Zentralsekretariat in die Kandidatenaufstellung des DFD ein und veränderte die DFD-Listen zugunsten von Arbeiterinnen und SED-Mitgliedern. Ignoriert wurden dabei die von der LDPD unterbreiteten zwei Kandidatinnen für die DFD-Liste. In allen weiteren Wahlperioden sicherte sich die SED eine absolute Mehrheit in der Frauenfraktion. Von den insgesamt 128 DFD-Abgeordneten von 1950 bis 1990 waren 116 SED-Mitglieder, zwei gehörten der CDU an und eine Abgeordnete der LDPD, neun Abgeordnete waren parteilos.
Diese Zusammensetzung der Fraktion war untypisch für die parteipolitische Zusammensetzung der Gesamtorganisation, denn im DFD dominierten seit Gründung 1947 die parteilosen Frauen als Mitglieder. Ihr Anteil an der Mitgliedschaft betrug fast konstant bis 1990 75 bis 80 Prozent, also genau ein Gegenbild von der Fraktion.
Die inhaltlichen Akzente, die die DFD-Fraktion in den öffentlichen Plenartagungen der Volkskammer setzte, unterscheiden sich von den männerdominierten Fraktionen vor allem in einem Punkt: in der Dankbarkeit der Frauen und Mütter gegenüber Staat, Partei und Regierung und in dem Bemühen, alle zur Diskussion stehenden Fragen aus „Frauensicht“ lösen zu helfen. Die Fraktion selbst hat nie von ihrem Recht Gebrauch gemacht, Gesetzesvorlagen zu unterbreiten. Der DFD verstand sich auf Grund seines Fraktionsstatus in der Volkskammer als staatstragend.


Frauenbiographien
 

Die hier veröffentlichten Kurzbiographien der 651 weiblichen Abgeordneten umfassen jene Frauen, die über die Einheitslisten in die Parlamentsarbeit eintraten bzw. als Berliner Vertreterinnen Mitglie­der der Volkskammer wurden und im Neuen Deutschland vom 21.04.1949 unter der Überschrift „Frauen stehen ihren Mann“ bekanntgegeben wurden.
Unberücksicht blieben die Abgeordneten, die als Ersatzkandidaten bzw. als Nachfolgekandidatinnen für ausgeschiedene und verstorbene Volksvertreterinnen und Volksvertreter nachrückten.
Nicht in allen Fällen ließen sich für die 1. und 2. Wahlperiode konkrete biographische Daten recherchieren bzw. waren die Angaben so unterschiedlich, dass sie nicht in die Biographien aufgenommen werden konnten. Aus den Quellen wurde die soziale Herkunft, Parteizugehörigkeit, schulische und berufliche Ausbildung und Tätigkeit übernommen. Unberücksichtig musste dabei bleiben, dass während der 40 Jahre DDR u.a. die soziale Herkunft unterschiedlich interpretiert wurde und sich die Berufsbezeichnungen mehrmals änderten. Die Parteizugehörigkeit einiger Abgeordneten vor und nach 1933 wurde anhand von Veröffentlichungen, Fragebogen der Abgeordneten und Presseartikel in die Biographien aufgenommen.
Die DDR-Quellen geben nur Auskunft über den Ehestand und die Kinderzahl der Abgeordneten. Angaben über Lebensgemeinschaften, ledige und geschiedene Volksvertreterinnen und Volksvertreter fehlten grundsätzlich. Sehr lückenhaft und unkonkret sind auch die Quellen-Angaben über die Lebensphase vieler Abgeordneten in der Zeit des Nationalsozialismus und der unmittelbaren Nachkriegszeit, soweit sie keine anerkannte Widerstandsarbeit geleistet hatten. Angaben über Flucht oder Um- und Aussiedlungen 1945, Mitgliedschaft in NS-Organisationen enthalten die DDR-Quellen nicht bzw. nur indirekt.
Generell aufgenommen wurde die Auszeichnung mit der Clara-Zetkin-Medaille, die 1954 bis 1989 von der DDR-Regierung an Frauen vergeben wurde. Als Quelle galten dafür die Archivunterlagen des DFD sowie die Veröffentlichungen in der Presse.
Insgesamt können die Biographien nur einen allgemeinen und unvollständigen Einblick in das Leben der weiblichen Abgeordneten der DDR-Volkskammer geben. Sie vermitteln aber sehr deutlich, mit welchem Engagement und Kraftaufwand Frauen der DDR neben ihren Familienbelastungen Bildungs- und Berufschancen für sich nutzen konnten und auch nutzten. Weiteren Untersuchungen bleibt es vorbehalten nachzufragen, wie und ob sich diese Energien, dieses Wissen und diese Erfahrungen der Frauen auch in der Arbeit der Volkskammer, vor allem in der Arbeit der Ausschüsse und in der Abgeordnetenarbeit im jeweiligen Wahlkreis, artikulieren konnten und Wirkungen hatten.