[= SILESIA. Schlesien im europäischen Bezugsfeld. Quellen und Forschungen, Bd. 7], trafo verlag 2008, 392 S., Abb., ISBN 978-3-89626-620-0, 39,80 EUR

Inhalt
Vorwort 9
WSTĘP 11
1. Städtebilder und Literaturgeografie
13
Marion George
Urbanismus als Kampffeld um den Fortschritt in Jules Vernes (1828–1905) Roman: Die 5 Millionen der Begum 15
Janusz Golec
Die Großstadt Berlin in den Gedichten von Jakob van Hoddis und Paul Boldt 29
Andrea Rudolph
Von der konkreten Stadt zur Stadt als Struktur. Der urbane Lebensraum als Typologie in Carl Sternheims Pariserzählung 41
Hartmut Scheible
"‘Rot’ und ‘schön’ ist russisch ein Wort" Walter Benjamin in Moskau 59
Maria Kłańska
Drohobycz – eine Stadt zwischen Mythos und Wirklichkeit 81
Frank M. Schuster
Zwischen Identitätskrise und Herausforderung: Polen, Juden, Deutsche während des Ersten Weltkrieges in der Textilmetropole Lodz 95
Krystyna Radziszewska
Litzmannstadt. Zur Konstituierung einer Stadt in der Stadt, dargestellt an dokumentarischen und literarischen Quellen 111
2. Kulturelle und sprachliche Parallelwelten
125
Tomasz Czarnecki
Das spätmittelalterliche Schlesien und der deutsch-tschechisch-polnische Sprachkontakt 127
Józef Wiktorowicz
Die Stellung des Polnischen in Schlesien im 17. und 18. Jahrhundert 137
Stanisław Prędota
S.J. Malczowski als Polnischlehrer im Riga des 17. Jahrhunderts 145
Verena Bauer
"Schwimmen zwischen Sprachen" – Franz Kafka und Prag Sprachliche Variabilität im Kontext städtisch geprägter Identitätsangebote und institutioneller Zwänge 155
Grażyna Łopuszańska
Missingsch in der Danzinger städtischen Gemeinschaft. Kulturelle und sprachbezogene Identität in einer multikulturellen und multilingualen Stadt 173
Almut König
Sprachliche Parallelwelten? Der Dialekt der Alten und der Jungen in der Stadt Aschaffenburg 185
3. Urbane Realitäten in Sprache und anderen Medien
197
Sabine Seelbach
Die Stadt hinter dem Text. Virtuelle Urbanität im Narrenschiff Sebastian Brants 199
Maria Katarzyna Lasatowicz
Urbarhandschriften als stadtgeschichtliche und sprachgeschichtliche Quellen. Zum Oppelner Urbarium (1566) 207
Małgorzata Kubisiak
Stadt und Land in den idyllischen Dichtungen von Salomon Geßner und Johann Heinrich Voß 217
Ágota Nagy
Manifestationen von Interkulturalität in der Sprache der bukowinischen deutsch-jüdischen Presse der 1930-er Jahre. Überlegungen zu einem Dissertationsprojekt 227
Valérie de Daran
Stadtrealitäten und Traumwelten. Literarische Grazbilder 235
Johannes Schwitalla
Der Stadtteil als Erfahrungsraum für die interaktive Konstruktion sozialer Identitäten. Das Beispiel Mannheim 249
4.
Bauliche und kulturelle Achsen der Modernisierung im intellektuellen Diskurs
Krystyna Kossakowska-Jarosz
Die "Böse Stadt" – tendenziöse Darstellungen des Raumes bei polnischsprachigen schlesischen Autoren des 19. Jahrhunderts 265
Gabriela Jelitto-Piechulik
Der Gotthard-Bahntunnel. Zwischen völkerverbindender Fortschrittseuphorie und nationaler Interessenwahrung.Prismatische Brechungen in Wort und Bild 287
Margrid Bircken
Auf der Suche nach der erzählbaren Stadt – Brigitte Reimanns Roman "Franziska Linkerhand" 303
Joanna Ławnikowska-Koper
Die Frau im städtischen Raum. Zur Funktion der Städtebilder in der deutschsprachigen Literatur von Frauen im 20. Jahrhundert 321
5.
Breslau und andere Stadtprofile in Schwellenlagen zur Modernität
Ilpo Tapani Piirainen
Recht, Kirche und Kommerz. Die städtische Kommunität Breslaus im Mittelalter 339
Andrzej Kątny
Danzig und Gdańsk – Bilder der Stadt im Spiegel der Dichtung bei Willibald Omankowski / Omansen 345
Ewa Jarosz-Sienkiewicz
Breslau in zwei Romanen von Ruth Hoffmann 357
Helmut Peitsch
Die Stadt als Festung 373
Editorial der Reihe Silesia 385
Uwagi od redakcji serii wydawniczej Silesia. 387
Autorenverzeichnis 389
Die Stadt ist seit dem Mittelalter der Ort, an dem sich die politischen, sozialen, kulturellen und religiösen Prozesse konzentrieren. Als Markplatz wird sie zum Ort des Austauschs im materiellen wie geistigen Sinne. Als politisches und juristisches Zentrum bestimmt sie die administrative Organisation einer Region. Als religiöser Sammelpunkt zeigt sich in ihr das Mit-, das Neben- oder das Gegeneinander von verschiedenen Religionen. Auf diese Weise stellt die urbane Topographie die historische Objektivierung einer geschichtlich gewordenen Identität dar, die auf einer kulturellen und sprachlichen Homogenität beruhen kann, aber auch auf kulturellen und sprachlichen Parallelwelten, die gleichwohl gezwungen sind, auf engstem Raum miteinander zu kommunizieren. Das gilt auch für schlesische Städte, gelegen an einem Fluss, an dessen Ufern der Klang vieler Sprachen und Kulturen sich mischen.
Der vorliegende Band dokumentiert Ergebnisse einer internationalen Tagung zum Thema "Städtische Räume als kulturelle Identitätsstrukturen", die auf Einladung der Germanistischen Institute der Universitäten Opole und Würzburg vom 9. bis 12. April 2006 in Kamień Sląski stattfand. Als dieses Projekt geplant wurde, beschrieb sich seine Zielstellung nicht anders als heute. Sinnvoll wurde eine solche Fragestellung besonders dadurch, dass eine gute Forschungslage vorlag, die aber mehr oder minder unter den Leitbildern der großen europäischen Metropolen und einer großstädtisch formierten Urbanität stand. Die Literatur der klassischen Moderne entstand vom Naturalismus bis zur Neuen Sachlichkeit in den großen Städten und Metropolen. Diese wurden Produktionsstätten und Schauplätze ihrer Literatur. In ihnen konzentrierten sich kulturelle, sprachliche und künstlerische Energien, und im Zuge so genannter Sogtheorien ging man davon aus, dass diese entwickelteren Vorläufer den Nachzüglern Energien entziehen würden. Eine Forschung, die lange auf den Zusammenhang von Urbanisierung und Modernisierung setzte und in der modernisierungstheoretischen Diskussion die okzidentale Kulturentwicklung im Sinne Max Webers mit dem Schlüsselwort ‘Rationalisierung’ belegte, nahm zwar zur Kenntnis, dass diese Entwicklung sich nicht in allen Teilen der Welt und städtischen Räumen ereignet hatte. Sie nahm auch zur Kenntnis, dass es Diskontinuitäten und nicht immer erfolgreiche Modernisierung gibt und lokale Ambitionen. Dennoch neigte auch die literarische Stadtforschung zu Modernisierungstheorien, die als Großtheorien evolutionäre und strukturelle Universalien zu erklären suchen und historisch-komparativ ausgerichtet sind. Sie blieb auf großstädtisch formierte Urbanität konzentriert und erschloss weniger eine dezentrale und dezentral bleibende Kulturlandschaft kleiner, vieler Mittelpunkte, die als faktische Realität Deutschlands Antlitz prägt. Infolgedessen war selbst zur Verfügung stehendes sprachliches und sozialgeschichtliches Material häufig unbeachtet geblieben. Der Vorsatz, mit dieser Konferenz dazu beizutragen, die kulturhistorische Topographie in Europa in ihrer Fülle zu rekonstruieren, war im Verständnis der Beiträger zu dieser Konferenz selbst Programm. Einige Beiträge setzten auf eine originelle Relektüre von kanonischen literarischen Texten, andere suchten durch Erschließung auch solcher Archivalien und Texte, die jenseits des Zitate-Kanons lagen, das Bild städtischer Räume als kultureller Identitätsstrukturen bestimmter auszuführen. Der Band lädt seine Leser ein, die vielen Perspektiven des Themas zu verfolgen und ihnen und im Dialog mit den einzelnen Beiträgen nachzugehen.
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Maria Katarzyna Lasatowicz
Andrea Rudolph
im April 2007