Accati, Luisa / Cogoy, Renate (Hrsg.)

Das Unheimliche in der Geschichte. Die Foibe.
Beiträge zur Psychopathologie historischer Rezeption

[= Potsdamer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte, Band 7], 262 S., ISBN 978-3-89626-189-2, 29,80 EUR

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Erstmals werden in diesem Band Analysen aus geschichtswissenschaftlicher, philosophischer und psychoanalytischer - italienischer und slowenischer - Perspektive zusammengeführt, die den Massentötungen im Grenzgebiet zwischen dem heutigen Jugoslawien und Italien in den Jahren 1943 und 1945 gelten. Die Debatte über die Massentötungen in den Foibe entzündet sich in der italienischen Öffentlichkeit im Zusammenhang mit dem neuerlich eingeführten "Tag der Erinnerung" (10. Februar) und mit dem Fernsehfilm II cuore nel pozzo, der auf Betreiben der Mitte-Rechts-Koalition unter Berlusconi produziert wurde. Die Analyse der Vorgänge, die unter dem Namen Foibe erinnert werden, wird ergänzt durch Beiträge zum historischen Revisionismus in Italien als Konstituente im Mythos vom "anständigen Italiener", zur Identitätsbildung in multiethnischen Grenzgebieten, zur Bedeutung von Alterität und Ausgrenzung im Verhältnis zum Fremden und zum Einfluss der katholischen Kirche auf bewusste und unbewusste Interpretationsmuster und Wertvorstellungen im heutigen Italien. Mit Beiträgen von: Luisa Accati, Renate Cogoy, Paolo Fonda, Giovanni Leghissa, Igor Pribac, Giacomo Todeschini, Silvia Tubert und Marta Verginella.

 

 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort 7

 

Einführung 9

Renate Cogoy

 

Geschichte und Gedächtnis. Die Foibe in der Praxis der Aushandlung der Grenzen zwischen Italien und Slowenien 25

Marta Verginella

 

Reflexionen, Erinnerungen und Bilder aus Slowenien 77

Igor Pribac

 

Das Unheimliche als inneres Fremdes 105

Paolo Fonda

 

Die Grenze als Metapher – Notizen zur italienischen Identität aus postkolonialer Perspektive 141

Giovanni Leghissa

 

Der Andere und das Unheimliche 179

Silvia Tubert

 

Zur Genese des "Infamen" und seines Ausschlusses im christlichen Abendland 197

Giacomo Todeschini

 

Opfer und Täter zwischen Gerechtigkeit und Straflosigkeit 213

Luisa Accati

 

Nachwort 249

 

Zeittafel 251

 

Angaben zu den Autorinnen und Autoren 259

 

 

Vorwort

 

Dieses Buch verdankt seine Entstehung einer doppelten Überlegung: Historiker befassen sich üblicherweise mit dem Verlauf der Geschichte, wobei die Tatsache, dass historische Phänomene sich zwar in ihren Erscheinungsformen ändern, ihre Grundstruktur aber gleich bleiben kann, häufig unbeachtet bleibt. Philosophen und Psychologen untersuchen dagegen mentale und affektive Mechanismen in ihrer Gleichförmigkeit und stetigen Wiederholung, während die Besonderheit des historischen Kontextes und die unterschiedlichen Erscheinungsformen des gleichen Phänomens und damit seine Bedeutungsveränderung oft unterschätzt werden.

Wir haben unsere Forschungsarbeit mit einem spezifischen, zeitlich und räumlich begrenzten historischen Ereignis verbunden, um aufzuzeigen, dass eine interdisziplinäre Zusammenarbeit nicht im Nebeneinander verschiedener fachspezifischer Standpunkte bestehen muss, sondern dass im Versuch, die Erkenntnisse anderer Disziplinen für die je eigene Argumentation fruchtbar zu machen, ein besonderer Erkenntnisgewinn liegen kann, so dass die verschiedenen Facetten des Gegenstandes dieser Fallstudie angemessener verstanden werden können.

Dieses Buch ist das Ergebnis intensiver Diskussionen in einem Zeitraum von ungefähr zwei Jahren und hat Anregungen auch von TeilnehmerInnen der Arbeitsgruppe aufgenommen, die nicht mit einem eigenen Beitrag in diesem Band erscheinen. Ihnen sei hier für ihr Engagement und ihre Hinweise herzlich gedankt. Einen besonderen Dank wollen wir aber an Gisela Engel, Historikerin an der Frankfurter Universität, richten. Sie hat als Erste die Idee zu diesem Buch gehabt, uns bei der inhaltlichen Gestaltung beraten, den ersten Kontakt zum Verlag hergestellt und uns ermutigt, dieses Projekt zur Veröffentlichung zu bringen. Auch Klaus Neundlinger, der die meisten Texte aus dem Italienischen übersetzt hat, sei ein Dank ausgesprochen; er hat uns in dem schwierigen Unterfangen, diese Arbeiten in einer deutschsprachigen Ausgabe zu veröffentlichen mit großer Geduld und Kompetenz begleitet.

Luisa Accati

Renate Cogoy

 

 

 

Einführung

Renate Cogoy

 

 

Unverständliche Vergangenheit,

die kein Ende hat.

Dori Laub (2003)

 

 

Die Beiträge in diesem Band sind Ergebnis einer interdisziplinären Zusammenarbeit; und stellen einen Versuch dar, ausgehend von einer historischen Fallstudie geschichtswissenschaftliche, philosophische und psychoanalytische Überlegungen zusammenzuführen. Bei dem "Fall" handelt es sich um traumatische Ereignisse gegen Ende des 2. Weltkrieges in Julisch Venetien und Istrien, die in der italienischen Öffentlichkeit unter dem Namen Foibe erinnert werden.

Unter Bezugnahme auf psychoanalytische Konzepte versuchen die AutorInnen, historische und gesellschaftliche Erfahrungen auch in ihrer unbewussten Dynamik zu verstehen und einer kritischen Analyse zu unterziehen. Max Horkheimer hatte 1932 der Psychoanalyse den Status einer "Hilfswissenschaft" für die Geschichtstheorie zugewiesen. Die Irrationalität historischer und gesellschaftlicher Prozesse bedürfe, so Horkheimer, eines über den rein geschichtswissenschaftlichen hinausgehenden Interpretationsrahmens: "Je weniger das Handeln aber der Einsicht in die Wirklichkeit entspringt, ja dieser Einsicht widerspricht, desto notwendiger ist es, die irrationalen, zwangsmäßig die Menschen bestimmenden Mächte psychologisch aufzudecken" (Horkheimer 1932, S. 59). Einen solchen Interpretationsrahmen oder gemeinsamen Knotenpunkt haben die AutorInnen in Freuds Schrift von 1919 Das Unheimliche gefunden, in der er diejenigen psychischen Mächte untersucht, die im subjektiven Erleben des Einzelnen dazu führen, dass innere und äußere Realität ein zeitweise unlogisches Verhältnis eingehen. In der Überbetonung psychischer Realität besteht das Gefühl des Unheimlichen. In den einzelnen Beiträgen wird versucht, diese aus einer subjektorientierten Analyse bezogenen Erkenntnisse auf gruppale, gesellschaftliche Zusammenhänge anzuwenden.

Marta Verginella (Historikerin) geht in ihrem Beitrag zunächst auf die "heiße" Chronologie an der Grenze zwischen dem heutigen Slowenien und Italien seit Beginn des 19. Jahrhunderts ein, um den historischen Hintergrund aufzuzeigen, auf dem der in diesem Band diskutierte "Fall" allein zu verstehen ist. Darauf folgt eine ausführliche Darstellung der Geschichte der Foibe und eine kritische Analyse der politischen Rezeption dieser Ereignisse im heutigen Italien. Igor Pribac (Philosoph) berichtet in Form einer persönlichen Reflexion über die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Foibe aus slowenischer Perspektive. Dabei geht er auf die "doppelte Bürde" einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in Slowenien, als ehemaligem Teilstaat des sozialistischen Jugoslawiens ein. Paolo Fonda (Psychoanalytiker) untersucht das Phänomen des Unheimlichen im Zusammenhang mit verdrängten Elementen der ethnischen nationalen Identität, die er als "inneren Fremden" beschreibt. Er bezieht sich auf die Problematik der Identitätsfindung bei ethnischen Minderheiten am Beispiel der slowenischen Minderheit in Triest. Giovanni Leghissa (Philosoph) diskutiert zunächst verschiedene Varianten des historischen Revisionismus, um dann zu zeigen, wie der politische Gebrauchs von Geschichte zu Mythenbildung und Verzerrungen in der historischen Erinnerung führt. Am Beispiel des Mythos vom "anständigen Italiener" setzt er sich mit der Identitätskonstruktion im heutigen Italien auseinander. Der Beitrag von Silvia Tubert (Psychoanalytikerin) ist eine grundlegende Reflexion über die Verflochtenheit von Alterität und Identität und ihrem Bezug zum Unheimlichen. Giacomo Todeschini (Historiker) beschreibt ausgehend von der Genese des "Infamen" im Mittelalter, dass Kriterien von Diskriminierung und Ausschluss aus der Gemeinschaft der Bürger integraler Bestandteil der christlich abendländischen Kultur sind. In ihrem abschließenden Beitrag nimmt Luisa Accati (Historikerin) die Diskussion der verschiedenen Beiträge noch einmal auf und erweitert die Perspektive um eine Analyse der von der katholischen Kirche geprägten bewussten und unbewussten politischen Interpretationsmuster und Wertvorstellungen im heutigen Italien.

Als Einführung in die verschiedenen Beiträge dieses Bandes werde ich im folgenden kurz auf die psychodynamischen Entwicklungsbedingungen des Unheimlichen eingehen.

 

Das Unheimliche

Freud beginnt seine Analyse auf der Suche nach Prozessen im Seelenleben, die dazu führen, Ereignisse oder Personen als unheimlich zu erleben, mit einer Begriffsklärung, in der er die semantische Nähe des Unheimlichen zum Heimischen, Heimlichen aufzeigt (Freud 1919). Bezeichnet Ersteres eindeutig etwas Vertrautes, Familiäres, hat das Heimliche dagegen einen zweideutigen Sinn; denn neben dem Heimeligen im Sinne von Vertrautem beinhaltet es auch das Versteckte, Verborgene. In dieser semantischen Ambivalenz ist, so Freud, die Entwicklung zu seinem Gegensatz, dem Unheimlichen vorgezeichnet. "Unheimlich ist irgendeine Art von heimlich" (S. 237). Im Gegensatz zum Heimlichen wird das Unheimliche jedoch als angsterregend, bedrohlich und befremdend erlebt. Ausgehend von der psychoanalytischen Hypothese, dass jeder verdrängte Affekt sich in Angst verwandelt, fragt Freud nun nach dem Ursprung derjenigen Affekte, die in der Angst gegenüber dem Unheimlichen wiederkehren. Denn es "ist wirklich nichts Neues oder Fremdes, sondern etwas dem Seelenleben von alters her Vertrautes, das nur durch den Prozess der Verdrängung entfremdet worden ist" (S. 254). Da aber nicht jede Wiederkehr des Verdrängten das Gefühl des Unheimlichen evoziert, sucht Freud in einer Analyse literarischer Beispiele und klinischer Erfahrungen nach den speziellen infantilen Quellen und zeigt charakteristische Situationen auf, die zu diesem besonderen Erleben führen können:

Im Unheimlichen des Doppelgängers im Sinne einer Ich-Verdoppelung tritt dem Ich gleichsam Eigenes als Fremdes gegenüber, als Projektion des eigenen Inneren nach außen. Das Doppelgängermotiv verweist, so Freud auf "eine Regression in Zeiten, da das Ich sich noch nicht scharf von der Außenwelt und vom Anderen abgegrenzt hatte" (S. 249). In der unbeabsichtigten Wiederkehr des Gleichen wird das Ich an den unentrinnbaren Charakter erinnert, den die Herrschaft des von inneren Triebregungen ausgehenden Wiederholungszwangs im Seelenleben ausübt. Die Beziehung zum Tod ist für Freud das eindrücklichste Beispiel von Unheimlichkeit, da es grundsätzlich keine Vorstellungskraft für die eigene Sterblichkeit gibt (vgl. S. 255) Die Verleugnungskraft des eigenen Todes bricht jedoch häufig im Angesicht des Todes, in der Begegnung mit dem Tod zusammen und lässt die primitive Angst zutage treten, die seit Urzeiten die Beziehung der Menschen zum Tode bestimmt. Unheimlich wirkt auch, wenn Phantasie und Wirklichkeit sich vermischen, "wenn etwas real vor uns hintritt, was wir bisher für phantastisch gehalten haben" (S. 258). Ein solches Erleben scheint die infantile, im Erwachsenenleben überwunden geglaubte Allmacht der Gedanken zu bestätigen, eine Phantasievorstellung mit der sich der kindliche Narzissmus gegen Realitätsanforderungen schützt. Freud sieht hier eine Verwandtschaft zum Animismus aus der Frühzeit der Menschengeschichte, in der die Welt von Menschengeistern, Zauberkräften und Magie erfüllt zu sein schien. Diese Kräfte sollten im archaischen Denken vor den angstvollen Phantasien um Kastration und Verschlungenwerden schützen. In einem letzten hier zu erwähnenden Beispiel kehrt Freud zur semantischen Bedeutung des Wortes unheimlich zurück. Aus klinischer Erfahrung berichtet er, dass neurotische Männer häufig das weibliche Genital als etwas Unheimliches erleben. "Dieses Unheimliche ist aber der Eingang zur alten Heimat des Menschenkindes, zur Örtlichkeit, in der jeder einmal und zuerst geweilt hat." (S. 259). Es ist also die alte ursprüngliche Heimat, die Phantasie vom Leben im Mutterleib, die über den Verdrängungsvorgang zum Unheimlichen wird. Das Phänomen des unheimlichen Erlebens weist auf einen grundlegenden Mechanismus psychischer Tätigkeit hin: die Tendenz, eigene, verpönte Regungen nach außen zu projizieren, sie damit von sich zu weisen und sie somit zu etwas Fremdem zu machen oder sie einem Fremden zuzuschreiben. In den unbewussten, psychischen Verarbeitungsprozessen werden angsterregende und schmerzliche Erfahrungen mit Hilfe von defensiven Mechanismen wie z. B. Verdrängung, Verleugnung, projektive Identifizierung oder über Rationalisierung und Spaltungsprozesse vom Bewusstsein ferngehalten. Diese innere Tätigkeit führt zu psychopathologischen Lösungen in der Realitätswahrnehmung – ein Beispiel dafür ist das Unheimliche.

Besonders nach traumatischen kollektiven Ereignissen lassen sich in der gesellschaftlichen Rezeption solcher Erfahrungen den individuellen Verarbeitungsmechanismen analoge Verarbeitungsformen nachweisen, die häufig ungeachtet einer präzisen historischen Dokumentation dem allgemeinen Wunsch unterworfen sind, der Konflikthaftigkeit traumatischer Erinnerungen zu entgehen. Dieser Versuch, sich vor schmerzhaften Gefühlen zu schützen, dient wie im individuellen psychischen Geschehen auch im gruppalen oder gesellschaftlichen Kontext dem fundamentalen Bedürfnis nach Kontinuität und Sicherheit, das darauf angewiesen ist, über identifikatorische Prozesse ein Gefühl der Zugehörigkeit ohne Schuld- oder Schamgefühle zu garantieren (Vgl. dazu z. B. Mitscherlich/ Mitscherlich 1967). Ebenso lassen sich gruppale, kulturspezifische Erfahrungen ausmachen, in denen eine kollektive Verortung von Unheimlichem erkannt werden kann. So hat Otto Fenichel 1946 in seinem Versuch einer psychoanalytischen Theorie des Antisemitimus den projektiven Wahn der angeblichen Gefährlichkeit und Fremdartigkeit der Juden als einen "Sonderfall von Freuds Erklärung für die allgemeine Erscheinung des psychologisch Unheimlichen" interpretiert (Fenichel 1946, S.46).

Um weitere Erscheinungsformen des Unheimlichen in der Geschichte wird es in diesem Buch gehen.

 

 

Die Fallstudie: die Foibe

Es handelt es sich um eine Reihe von traumatischen Ereignissen, die sich gegen Ende des 2. Weltkrieges in der nordöstlichen Grenzregion Italiens, in Slowenien und in Kroatien zugetragen haben. In zwei eng umschriebenen Zeiträumen kam es 1943 und 1945 zu Massakern auch an der Zivilbevölkerung. Zur Beseitigung der Ermordeten benutzte man Felsspalten im Karst, die sogenannten Foibe. Unter diesem Namen haben die tragischen Ereignisse Eingang in die Geschichte gefunden. Über die "wahre" Geschichte der Foibe ist es jedoch weder bei HistorikerInnen, noch in der Öffentlichkeit je zu einem Konsens gekommen, so dass die Geschehnisse um die Foibe bis heute überaus kontrovers diskutiert werden. Da die zu untersuchenden Ereignisse in einer Grenzregion stattfanden, die heute zu drei verschiedenen Staaten – Italien, Slowenien und Kroatien – gehört, können wir in ihrer Rezeption ein für Erinnerung typisches Phänomen erkennen, da jedes Volk seine eigene Geschichte geschrieben hat, die, wie Verginella in diesem Band zeigt, "nationale Erzählungen produziert, die mehr oder weniger linear und kohärent, aber vor allem überraschend undurchlässig und wenig bereit sind, die Geschichte des Anderen als externe, aber häufig notwendige Ergänzung zu integrieren, um zu einer vollständigen Darstellung der Ereignisse" (Verginella in diesem Band, S. ) zu gelangen.

Unsere Schilderung und Analyse der Geschichte um die Foibe versucht, genau diese nationale, eindimensionale Perspektive historischer Rezeption zu überwinden und zu zeigen, wie eine solche ausschließlich auf das eigene Land gerichtete Perspektive dazu führt, dass historische Ereignisse in einer jeweils "nationalen Version" rezipiert werden und damit "die Geschichte des Anderen … als ein befremdendes und unheimliches Element bestehen bleibt" (Verginella, S. ).

Um den Argumentationsfaden der verschiedenen Beiträge aufzeigen zu können, scheint es mir sinnvoll, kurz auf die Foibe und ihren historischen Kontext einzugehen.

Bei einer Foiba handelt es sich um eine geologische Formation, die tiefe, weitverzweigte und unzugängliche Felsspalten bezeichnet, die sich in Karstgebieten bilden. Im Karst des nordöstlichen Italiens, in Slowenien und in Istrien finden sich eine Vielzahl dieser Foibe. Ihre tragische Berühmtheit in Italien erlangten sie durch zwei Ereignisketten in den Jahren 1943 und 1945 (zur Rezeption der Ereignisse in den Foibe in Slowenien siehe den Beitrag von Pribac in diesem Band). Sie wurden als Hinrichtungsstätte und als "Gräber" benutzt, in denen die Toten namenlos verschwanden, als "Friedhöfe ohne Himmel" (Girardi 2006, S. 11).

Die als Foibe erinnerten Ereignisse setzten im Herbst 1943 in Istrien ein (Pupo/Spazzali 2003; Cernigoi 2005; Scotti 2005). Istrien und ein Teil der dalmatinischen Inseln, die bis 1918 zum österreichisch- ungarischen Imperium mit seiner ethnisch vielfältigen Bevölkerung gehörten, wurden nach dem 1. Weltkrieg dem italienischen Königreiches angeschlossen, während Dalmatien und Montenegro Teil des neugegründeten jugoslawischen Königreich wurde. Nach dieser Aufteilung des alten Imperiums kam es zu einem ersten, der jeweiligen ethnischen Zugehörigkeit entsprechenden Migrationsfluß. Viele Italiener zogen aus dem Königreich Jugoslawien weg nach Italien, während Slowenen und Kroaten nach Jugoslawien umsiedelten.

Die Bevölkerung Istriens war mehrheitlich slowenischer und kroatischer Herkunft, aber schon seit der Römerzeit und insbesondere während der Herrschaft Venetiens gab es italienische Ansiedler. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren etwa 42% der Bewohner vor allem in den reicheren Küstenorten italienischer, circa 58% dagegen slowenischer und kroatischer Herkunft (Volkszählung von 1921). Die Integration dieses Gebietes in das italienische Königreich führte, verstärkt mit Beginn des Faschismus, zu einem massiven und gewaltsamen Italianisierungsversuch an der Bevölkerung Istriens. Neben einer intensiven Umsiedlungskampagne – Italiener nach Istrien, Slowenen und Kroaten verstreut nach Italien – wurden die bestehenden slowenischen und kroatischen Kultur- und Sozialstrukturen gewaltsam zerstört, wie z. B. durch die Schließung aller slowenischen und kroatischen Schulen. Es kam zu einer zwangsweisen Italianisierung aller nichtitalienischen Namen. Ihren Höhepunkt erreichten diese Maßnahmen Ende der 20er Jahre in einem totalen Verbot der slowenischen und kroatischen Sprache in der Öffentlichkeit. Erklärtes Ziel dieser Politik war ein definitiver Sieg über die slawische Kultur. "Die slawische Bevölkerung sollte auf ihre eigene "minderwertige" nationale Identität verzichten, um sich der "höheren" italienischen Zivilisation anzuschließen" (Verginella, S. ).

Nach Beginn des 2. Weltkrieges wurde diese Strategie mit verstärktem Einsatz von Gewalt weiterbetrieben; die faschistische Politik mit ihrem nationalistischen und rassistischen Charakter gegenüber der nichtitalienischen Bevölkerung verband sich nun mit der Bekämpfung einer zunehmenden politischen Opposition. 1941 waren Kroatien und Montenegro besetzt und zu italienischen Protektoraten erklärt worden, während Dalmatien und die Provinz Ljubljana dem italienischen Staatsgebiet eingegliedert wurden. Zur Bekämpfung jeglicher Opposition und der wachsenden Partisanenbewegung wurden Sondergerichte und Internierungslager eingerichtet. So wurden in den angeschlossenen Gebieten zwischen 1941 und 1943 etwa 13.000 Menschen von Sondergerichten abgeurteilt. Allein in der Provinz Ljubljana wurde 2,6% der Bevölkerung ermordet und etwa 10% deportiert. Insgesamt wurden etwa 30.000 Mitglieder der nichtitalienischen Zivilbevölkerung in diesem Zeitraum in verschiedene Lager, darunter das berüchtigte Konzentrationslager auf der Insel Rab, eingewiesen. Es handelte sich häufig um ganze Familien, also auch Frauen und Kinder; besonders in dieser Gruppe war auf Grund der katastrophalen Lebensumstände die Sterblichkeit dort sehr hoch (Vgl. Scotti 2005, S. 42ff.).

Als am 8. September 1943 das faschistische Regime zusammenbrach und sich die Mehrheit der italienischen Truppen auch aus den angeschlossenen Gebieten zurückzog, entstand ein kurzes Machtvakuum bis zum Einmarsch der deutschen Truppen Anfang Oktober 1943. Die deutschen Besatzer herrschten mit massiver Unterstützung faschistischer Militäreinheiten der Repubblica di Salò bis zum April 1945 und unterdrückten mit vehementem Terror die einheimische Bevölkerung. Überall, wo Partisanen oder Widerständler vermutet wurden, kam es zu Massakern an der Bevölkerung. Allein im Oktober 1943 wurden 5.000 Bewohner Istriens ermordet, eine Vielzahl von Dörfern und unzählige Häuser niedergebrannt (Vgl. Scotti, 2005, S. 15)

In den kurzen Zeitraum der "Befreiung", also in den September 1943, fallen die tragischen Ereignisse um die Foibe istriane. Inmitten des chaotischen Rückzugs der italienischen Truppen und von Teilen des faschistischen Verwaltungsapparates versuchten Partisanen (slowenischer, kroatischer, aber auch italienischer Herkunft), die herrenlos gewordenen Gebiete zu besetzen und sich gegen die drohende deutsche Besetzung zu rüsten. Gleichzeitig entlud sich aber auch der Zorn der slowenischen und kroatischen vorwiegend bäuerlichen Bevölkerung. So wurden noch in Istrien verbliebene, zum faschistischen Verwaltungsapparat gehörende Italiener, vermeintliche Kollaborateure des Regimes, auch Slowenen und Kroaten, aber auch einfache Bürger italienischer Herkunft sowohl von Partisaneneinheiten, aber auch von Bauern festgenommen, z.T. ermordet und in diverse Foibe in Istrien geworfen. Nach vorliegenden Dokumenten muss von circa 350 bis 400 Toten ausgegangen werden.

Eine zweite Reihe von Ereignissen in Triest und Julisch Venetien (Venezia Giulia), in deren Zentrum wiederum die Foibe standen, fällt in die Tage des unmittelbaren Kriegsendes, das in Italien auf den 25.April, in Triest und Gorizia erst auf den 1. Mai 1945 fiel. Auch hier ist ein kurzer historischer Exkurs erforderlich:

Triest und Julisch Venetien gehörten bis 1918 zu Österreich-Ungarn und wurden erst nach dem Ende des 1. Weltkrieges italienisch. Obwohl in diesen Gebieten und besonders in der Stadt Triest die Bevölkerung schon immer mehrheitlich italienisch war, lebte hier neben anderen ethnischen Gruppen, sowohl in der Stadt selbst, besonders aber in den umliegenden Karstdörfern eine umfangreiche slowenischsprachige Minderheit, deren besonderer Status als solche (d. h. eigene Schulen und Kultureinrichtungen) von der Wiener Regierung anerkannt war. Während des Faschismus wurde diese ethnische Identität zerschlagen. Slowenische Schulen, Zeitungen und Kultureinrichtungen wurden geschlossen und z.T. auch gewaltsam zerstört. Namen wurden zwangsweise italianisiert und die slowenische Sprache verboten. Nach dem 8. September 1943 wurden Triest und sein Umland von den deutschen Truppen besetzt und als Adriatisches Küstenland dem Deutschen Reich eingegliedert. Bis zur Befreiung am 1.5.1945 durch die jugoslawische Armee unter Tito herrschte in Triest Terror und Schrecken, ausgeübt von der deutschen Besatzung und ihren faschistischen Kollaborateuren. In Triest befand sich das einzige Vernichtungslager auf italienischem Boden, die Risiera di San Saba.

In diesen zwei Jahren wuchs eine antifaschistische Bewegung italienischer Partisanen heran, in der zwei Richtungen zu unterscheiden sind, die für die tragischen Ereignisse am Ende des Krieges Bedeutung haben. Zum Teil bestanden die Partisanen aus antifaschistischen Gruppen, die für eine Befreiung Italiens vom Nazifaschismus kämpften, während ein anderer Teil der kommunistischen Partei verbunden war und eine Vereinigung mit der jugoslawischen Befreiungsarmee anstrebte, und zwar mit dem Ziel, die besetzten Gebiete einem sozialistischen freien Staat zuzuführen.

Die Besetzung von Triest und einem Teil von Julisch Venetien (z. B. auch Gorizia) durch die jugoslawische Befreiungsarmee dauerte bis Ende Mai 1945, als die westalliierten Truppen einmarschierten. Die jugoslawische Armee musste sich in der Folge aus Triest und Julisch Venetien zurückziehen. Es kam zu einer Aufteilung, in der die sog. Zone A (Julisch Venetien mit Triest) unter westalliierte Verwaltung geriet, während der slowenische Karst und Istrien als Zone B unter jugoslawischem Einfluss blieb. Mit dem Vertrag von London 1954 kehrte die Zone A zu Italien zurück, und die Zone B wurde Bestandteil Jugoslawiens. Jedoch erst 1975 wurde mit dem Vertrag von Osimo diese Aufteilung endgültig fixiert. Die zunächst provisorische und dann endgültige Grenzziehung führte in den Jahren 1945 bis 1956 zu einer massiven Auswanderung eines großen Teils der italienischen Bevölkerung Istriens und Dalmatiens, während eine Minderheit dort verblieb und bis heute als solche anerkannt in Slowenien und Kroatien lebt. Die Zahlen der in diesem Zeitraum Ausgewanderten schwanken zwischen 200.000 und 350.000. Aber auch einige Tausende Slowenen und Kroaten, Gegner der revolutionären Veränderungen und deshalb von Verfolgung bedroht, verließen nach Kriegsende ihr Land.

Die Zeit der jugoslawischen Besetzung von Triest und Umland sind als "die schrecklichen 40 Tage" in der kollektiven Erinnerung haften geblieben.

Titos Versuch, unterstützt von einem Teil der kommunistischen, italienischen Partisanen, sich die Hegemonie über das befreite Gebiet zu sichern, führte zu zahlreichen Verhaftungen und Exekutionen unter der Bevölkerung. Soldaten der italienischen Armee wurden als Kriegsgefangene in jugoslawische Lager verbracht; Faschisten oder Kollaborateure des Naziregimes, aber auch antifaschistische, nichtkommunistische Bürger und Partisanen, auch Angehörige der slowenischen Minderheit, von denen vermutet wurde, dass sie sich einem Anschluss an Jugoslawien widersetzen würden, wurden verhaftet und verschleppt. Es kam zu Massakern an der Bevölkerung und der Beseitigung der Ermordeten in den Foibe im Karst in der Gegend von Triest und Gorizia. Historische Quellen geben als ungefähre Zahl der Infoibati zwischen 500 und 1500 Tote an.

Der okkulte Charakter der Foibe hat eine starke psychologische und symbolische Bedeutung: Die Ermordeten wurden in Felsspalten beseitigt, so als hätte der Erdboden sie vertilgt, sie verschwanden auf unheimliche Weise, als hätten sie nie existiert. Gerade die Art und Weise, wie sich der Toten entledigt wurde, ihre verallgemeinernde Benennung als Infoibati, hat die nachträgliche Mystifizierung der Ereignisse begünstigt. Diese Anonymisierung sieht von der Tatsache ab, dass eine Reihe von Listen existiert, in denen viele Opfer namentlich genannt werden. Obwohl eine akkurate historiographische Aufarbeitung mit einer Vielzahl von Publikationen erfolgte, die über die Analyse vorliegender Dokumente aus den Jahren 1943 bis 1945 ein relativ genaues Bild der Ungeheuerlichkeit, aber auch zahlenmäßigen Begrenztheit der damaligen Ereignisse im Angesicht des Schreckens der letzten Kriegsjahre zeichnet, existiert in weiten Teilen der Öffentlichkeit ein anderes Bild. Dieses Schreckensgemälde beschreibt die Foibe als ein einzigartiges Ereignis immensen Ausmaßes, eine ethnische Säuberung, ja einen versuchten Genozid an der italienischen Bevölkerung dieser Region durch die jugoslawische Armee oder den "Slawokommunismus", wie er bis heute bezeichnet wird. Dabei ist von den Vertretern dieser These, ein Vergleich mit der Shoa durchaus beabsichtigt.2 Wird in den auf Quellenforschung (auch Dokumente der faschistischen Verwaltung in Istrien) basierenden Daten von etwa 1.500 bis 2.000 Infoibati in Istrien, Triest und Julisch Venetien ausgegangen, schwanken die Zahlen, die in der Öffentlichkeit kursieren, zwischen 10.000 und 30.000 Toten. Als Beweise für die überhöhten Ziffern werden Listen benutzt, in denen alle am Kriegsende verschwundenen Personen enthalten waren. Es handelt sich z. B. um Listen, in denen auch im Krieg in dieser Region gefallene oder in Kriegsgefangenschaft geratene Soldaten enthalten sind.3 Sie wurden alle ausnahmslos zu Infoibati, auch wenn ein Teil der in jugoslawischen Lagern internierten Soldaten später nach Hause zurückgekehrte. Aus Dokumenten ist zudem bekannt, dass verschiedene Foibe ab 1943 auch von Partisanen und deutschen Truppen als "Begräbnisstätten" benutzt worden waren. Um die Familien vor Repressalien zu schützen, verbarg man gefallene Kameraden in den Felsspalten im Karst. Aber auch deutsche Truppen entledigten sich ihrer Opfer auf diese Weise. Zudem wurden nach dem Krieg in den Foibe bei Triest auch Überreste deutscher Soldaten gefunden. In der ethnozentrischen Interpretation der Foibe fehlt ebenso der Hinweis, dass besonders in den Karstgebieten Julisch Venetiens, die später zu Jugoslawien (heute Slowenien) gehörten, diverse Foibe benutzt wurden, um umgebrachte Slowenen und Kroaten, die sich dem revolutionären Umsturz in ihrer Heimat entgegenstellten, zu beseitigen (Vgl. den Beitrag von Pribac in diesem Band).

Trotz dieser Daten existiert bis heute in weiten Teilen der Öffentlichkeit die zähe Vorstellung vom Massenmord an der italienischen Bevölkerung. Um die These vom versuchten Genozid zu stützen, müssen gleichsam alle nichtitalienischen Infoibati aus der kollektiven Erinnerung ausgeschlossen werden. "Infoibati, perchè italiani" – sie wurden ermordet und in die Foibe geworfen, allein deshalb, weil sie ItalienerInnen waren. In dieser Zuschreibung verbirgt sich ein doppelter Sinn. Die Anonymisierung macht alle Infoibati gleich, so dass etwa die Frage nach den Gründen für ihre Ermordung nicht gestellt werden darf. Aus einer Analyse existierender Namenslisten geht jedoch hervor, dass außer unschuldigen Zivilpersonen viele der Opfer nicht umgebracht worden waren, nur weil sie ItalienerInnen, sondern weil sie in erheblichem Ausmaß an Verbrechen im Namen des Faschismus beteiligt gewesen waren. Hat diese Verleugnung einerseits eine eindeutige Schutzfunktion, um einem Diskurs über Verantwortlichkeit zu entgehen, nimmt sie andererseits den Infoibati auch ihre Würde, ihr Recht als Personen mit Namen und Identität erinnert zu werden. Unter der Decke dieser Anonymisierung gibt es dagegen in den betroffenen Regionen gleichzeitig auch eine lebendige Erinnerung, in der die Toten als Personen erinnert werden, wie etwa auf Namenstafeln oder in Angehörigenberichten. Diese Erinnerungen verlieren sich aber in der Öffentlichkeit gleichsam unter der definitorischen Wucht ihrer Bezeichnung als Infoibati.

Die Ereignisse der letzten beiden Jahre des 2. Weltkrieges in diesem Grenzgebiet Italiens, dessen Bevölkerung sich seit Jahrhunderten durch seine kulturelle und ethnische Vielfalt auszeichnet, sind ein Beispiel für hegemoniale Bestrebungen, diese Vielfalt aus rassistischen und niederen politischen Motiven zu eliminieren. Die Tatsache, dass in der offiziellen "Erinnerungskultur" in Italien dieser historische Kontext, in den die Foibe einzuordnen sind, bis heute weitgehend ausgespart bleibt, wirft die Frage nach den bewussten und unbewussten Motiven dieser Verleugnung auf. Unsere These ist, dass der unheimliche Charakter der Foibe als Begräbnisstätte, die Heimlichkeit und Brutalität, mit der sie bei Nacht und Nebel benutzt wurden, eine projektive Funktion hat und damit eine realitätsverleugnende kollektive Erinnerung begünstigt: Die archaischen, zwiespältigen unbewussten Phantasien um die ursprüngliche Heimat, den Mutterschoss und die Angst, von ihm verschlungen zu werden (Kastration), wie sie Freud in seiner Arbeit beschrieben hat, kehren symbolisch in den Foibe, dem Schoss der Erde, der seine Opfer verschlingt, wieder.

In dem Versuch, die Geschehnisse um die Foibe zu dämonisieren (durch eine Aufblähung der Zahlen), zu mystifizieren (durch eine Verschleierung der Identität von Opfern und Tätern) und sie aus ihrem historischen Kontext als einzigartig herauszuheben, werden Projektionsmechanismen deutlich, die bis heute dazu dienen, kollektive Schuld abzuwehren. Hierin lassen sich unschwer Aspekte des Doppelgängermotiv von Freud entdecken, dessen Unheimlichkeit in der Projektion des eigenen inneren Fremden und Bedrohlichen nach außen liegt. Die eigenen Vernichtungswünsche kehren gleichsam in den Taten der anderen wieder; mit ihrer Dämonisierung werden die eigenen Todesängste gebannt. Gleichzeitig wird die Verleugnung der eigenen Verantwortlichkeit aufrechterhalten. Denn Italien hatte unter der faschistischen Diktatur massiv versucht, die ethnische Vielfalt in Julisch Venetien und in den nach dem 1. Weltkrieg angeschlossenen Gebiete auszulöschen. Die Unzahl der Opfer, die diese Politik gekostet hat, gerät mit dieser Verleugnung ins Vergessen. In der Festlegung der dramatischen Ereignisse um die Foibe als vermeintliche ethnische Säuberung erleben wir somit eine Umkehrung zwischen Tätern und Opfern, eine unbewusste Selbstverfolgung im anderen. Aber auch die Anonymisierung der Opfer im Begriff der Infoibati führt uns auf die Spur eines weiteren psychischen Mechanismus, der im Erleben von Unheimlichkeit zum Tragen kommen kann: die Ambiguität. Wurde einerseits über Jahrzehnte beklagt, dass den Infoibati im öffentlichen Diskurs nicht die ihnen gebührende Aufmerksamkeit und Trauer gewidmet wurde, zeigt uns ihre Anonymisierung andererseits, dass sie im Grunde entsubjektiviert bleiben müssen, damit sich die Nachlebenden einer wahren Trauer und Auseinandersetzung mit der eigenen Verantwortlichkeit entziehen können. José Bleger hat darauf hingewiesen, dass Unheimliches immer mit zweifelhaften und unklaren Phänomenen verbunden ist, die er nicht auf Ambivalenz, sondern auf Ambiguität, d. h. eine Diskriminierungsunfähigkeit im Ich zurückführt (Vgl. Bleger 1967, aber auch Fonda in diesem Band). Innerpsychisch bedeutet dies eine Regression auf eine sehr frühe Entwicklungsstufe, die es dem Einzelnen ermöglicht, sich keine Blöße zu geben und sich jeglicher Verantwortung zu entziehen, ein Phänomen, das im öffentlichen Umgang mit dem Drama der Foibe bis heute auszumachen ist und dazu führt, dass dieses Drama so zu "einer Vergangenheit, die kein Ende hat" wird (Laub 2003, S. 946).

Natürlich muss auch gefragt werden, warum sich diese "Vergangenheit" bis in die Gegenwart so zäh am Leben erhält. D. h. es gilt zu untersuchen, welche sozialen und politischen Interessen eine "nichtpathologische" Erinnerung an die Foibe verhindern, die in engem Zusammenhang mit der spezifischen Aufarbeitung der faschistischen Diktatur in Italien steht (siehe Beitrag von Leghissa in diesem Band). Der Sturz Mussolinis im September 1943, sein Rückzug in den Norden, die Gründung der Repubblica di Salò und die Vereinigung der Widerstandsbewegung mit den alliierten Truppen im Kampf gegen faschistische und deutsche Truppen hat diese Realitätsverleugnung begünstigt. Die Frage nach Sieg oder Niederlage war am Ende des Krieges daher nicht so eindeutig zu beantworten wie in Deutschland. Italien konnte sich quasi in der Illusion wiegen, sich selbst vom Faschismus befreit zu haben; dies hat eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Verstrickung Italiens an der Seite Nazideutschlands in den 2. Weltkrieg – z. B. im Balkan, in Äthiopien oder Libyen -erschwert. So hat es nie eine gerichtliche Aufklärung der italienischen Kriegsverbrechen im Balkan gegeben. Der Gebietsverlust an seiner östlichen Grenze (Istrien und Dalmatien) wird bis heute nicht als schmerzliche Folge des verlorenen Krieges, sondern in Teilen der italienischen Öffentlichkeit als eine ungerechtfertigte Annexion und als Vertreibung der italienischen Bevölkerung wahrgenommen.

In der Auseinandersetzung um die tragischen Ereignisse am Ende des Krieges und den darauf folgenden Gebietsverlust an der nordöstlichen Grenze spielte auch der beginnende Kalte Krieg eine erhebliche Rolle. Nach Titos Loslösung von Stalin gewannen gute Beziehungen zu Jugoslawien strategisches Interesse für den Westen. Aber auch die Parteiführung der italienischen Kommunisten hatte wenig Interesse an einer Aufklärung des Dramas der Foibe; zum einen, weil italienische Partisanen, Mitglieder der kommunistischen Partei, aber auch Teile der sozialistischen Arbeiterschaft einen Anschluss der Region an ein sozialistisches Jugoslawien favorisiert hatten, zum anderen wäre ein Eingeständnis der Terroraktionen durch Titos Truppen einer Nestbeschmutzung gleichgekommen. Spuren dieser ambigen Haltung finden wir bis heute in der italienischen Linken, sie setzt sich gleichsam in ihrer Umkehrung fort: Waren das Drama der Foibe und des Exodus aus Istrien lange Zeit für linke Politiker quasi ein Tabu, so erleben wir heute eine weitgehend unkritische Akzeptanz seiner historischen Mystifizierung (Vgl. die Beiträge von Accati und Leghissa in diesem Band).

Für Triest und Julisch Venetien müssen wir einen weiteren Faktor berücksichtigen, der erklärt, warum in dieser Region die Erinnerung an die Foibe in besonderer Weise instrumentalisiert wird; z. B. wurde auf Initiative lokaler Politiker des rechten Flügels 2005 der Nationale Tag der Erinnerung (il Giorno del ricordo) als Gedenktag an die Foibe und den Exodus aus Istrien im italienischen Parlament mit großer Mehrheit (auch des linken Flügels) eingerichtet. Die Begründung liegt in der Geschichte dieser Region, ihrer Zugehörigkeit bis 1918 zu Österreich-Ungarn und besonders ihrer in Jahrhunderten gewachsenen kulturellen und ethnischen Vielfalt. Diese Vergangenheit hat dazu geführt, dass das Bedürfnis, eine italienische nationale Identität zu entwickeln, zu einem dringlichen Anliegen wurde. Hinter der Überbetonung der Italianità verbirgt sich eine überaus fragile Identität. Schon der Verlust der zentralen wirtschaftlichen Bedeutung und des damit verbundenen immensen Reichtums als einzigem Mittelmeerhafen des Österreichischen Imperiums hat in Triest nach 1918 zu einer Identitätskrise geführt, deren Spuren bis heute im Bewusstsein der Bürger Triests erhalten geblieben ist. So hört man nicht selten wehmütige Erinnerungen an die alten Zeiten, in denen Triest eine reiche und bedeutende Stadt unter dem Schutz des österreichischen Imperiums war. Darüber hinaus wird immer wieder beklagt, dass die italienische Regierung diese Region und besonders Triest vernachlässige und es ihr nicht gelungen sei, die einstige Bedeutung zu erhalten. Im Dienste der Behauptung einer eindeutigen italienischen Identität existiert jedoch gleichzeitig eine sehr konflikthafte Haltung gegenüber den Spuren der Vergangenheit und dem über Jahrhunderte gewachsenen multikulturellen Charakter der Stadt Triest. Dies zeigt sich besonders deutlich in der Beziehung zwischen der italienischen Mehrheit und der slowenischen Minderheit (circa 10% der Bevölkerung Triests). Zur Bestätigung der eigenen Identität wird die Minderheit als Projektionsfläche benutzt und mit negativen Stereotypen besetzt. Mit diesen Spaltungsmechanismen wird eine psychologische Konfliktualität aufgebaut, die in der sozialen, kulturellen und politischen Realität keinerlei Entsprechung findet (Siehe Beitrag von Fonda in diesem Band).

Die einseitige Rezeption der Foibe lässt sich in diesem Kontext somit auch als ein identitätsstiftender Versuch interpretieren, in dem die eigene Identität in der Opferrolle idealisierend erhöht, während die Minderheit in ihrer Identifikation als "Teil der Tätergruppe" desavouiert wird. Damit bleibt aber die Fragilität der eigenen Identität bestehen, da sie im Grunde vorwiegend auf der Nichtanerkennung des anderen beruht. Gleichzeitig muss der latente Konflikt gegenüber der anderen Gruppe – der slowenischen Minderheit – ständig am Leben erhalten bleiben, wie Fonda in seinem Beitrag so eindrücklich beschreibt.

Die einseitige, mystifizierende Rezeption der Geschichte der Foibe in Italien und besonders in Triest und Julisch Venetien hat also eine sehr konkrete ideologische Funktion, die das Zusammenleben zwischen italienischer Mehrheit und slowenischer Minderheit bis heute belastet. In einem Aufsatz zur Frage, was man aus der Vergangenheit lernen könnte, stellte Margarete Mitscherlich fest: "Die Verdrängung der Vergangenheit, die Unfähigkeit, sich mit der eigenen Schuld zu konfrontieren, bedeutet also auch eine Unfähigkeit, die Gegenwart realistisch wahrzunehmen, sich den gegenwärtigen Problemen offener und freier zu stellen" (Mitscherlich 1993, S. 750).

 

 

Literatur

Bleger, José (1967):Simbiosi e Ambiguità. Loreto: Libreria Lauretana 1992.

Cernigoi, Claudia (2005): Operazione "Foibe" tra storia e mito. Udine: Edizione Kappa Vu.

Fenichel, Otto (1946): "Elemente einer psychoanalytischen Theorie des Antisemitismus", in: Simmel, Ernst (Hg.), Antisemitismus, S. 35–57. Frankfurt/M.: Fischer 1993.

Freud, Sigmund (1912): Totem und Tabu. GW IX, London: Imago 1947

Freud, Sigmund (1919): Das Unheimliche. GW XII, London: Imago 1947,
S. 229–268.

Freud, Sigmund (1921): Massenpsychologie und Ich-Analyse. GW XIII, London: Imago 1947, S. 71–161.

Girardi,, Marco (2006): Sopravvissuti e Dimenticati. Milano: PAOLINE Editoriale Libri.

Horkheimer, Max (1932): "Geschichte und Psychologie", in: Gesammelte Schriften, Bd. 3, S.48–69. Frankfurt/M.: Fischer.

Mitscherlich, Alexander/ Mitscherlich, Margarete (1967): Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens. München: Piper.

Mitscherlich, Margarete (1993): Was können wir aus der Vergangenheit lernen?, in: Psyche, 47, S. 743–753.

Pupo, Raoul/Spazzali, Roberto (2003): Foibe. Milano: Bruno Mondadori.

Scotti, Giacomo (2005): dossier Foibe. San Cesario di Lecce: Piero Manni.