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Volker Schobeß
Gefangen im Ziegelei-Haftarbeitslager
Eine Dokumentation über Zwangsarbeit und
2026, [Autobiografien, Band 55], ISBN 978-3-86465-213-4
In Vorbereitung
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Heute erscheint mir die durchlebte Welt der Vergangenheit wie ein magischer Realismus, in den man hineingeboren wurde und aus dem es kein Entrinnen gab. Doch das, was lange Zeit als richtig galt, war über Nacht mit einmal weg, sprich, es begann ein Neuanfang. Für mich und für viele Deutsche ein Glücksfall der Geschichte. Denn erst nach der „Deutschen Wiedervereinigung“ konnten viele Ostdeutsche endlich beweisen was wirklich in ihnen steckt. Für mich begann ein zweites Leben, mit der Suche nach Erfüllung und gesellschaftlicher Anerkennung! Diese Zeit war für mich mit dem Wunsch verbunden verpasste Lebenschancen und erlittene Benachteiligungen, die mir aus politischen Gründen auferlegt waren, wieder auszugleichen! Die hier geschilderten Lebenserinnerungen gehen also Ereignissen nach, die als Weichenstellung zu bezeichnen sind und in chronologischer Abfolge geschildert werden. Wir beginnen mit dem Jahr 1939, durchstreifen die leidvolle Zeit nach dem Krieg, verstehen die persönliche Suche nach Liebe und Zuwendung und verspüren die nie versiegende Hoffnung des Autors auf eine bessere Zukunft und seinen Durst nach Freiheit. Oftmals in politisch aussichtsloser Lage, fanden sich immer wieder Menschen, die ihm beisprangen und auf die er sich bis heute verlassen kann. Erst jüngst kehrte er aber auch anderen Menschen den Rücken zu, da diese zusehends antidemokratische Positionen einnehmen. Vor diesem Problem stehe ich vermutlich nicht allein.
Wie aus Erzählungen Geschichte wird An einem schneeverhangenen Sonntag, es war der 8. Januar 1939 erblickte ich, als Sohn des Militäranwärters Heinrich Joachim Schobeß und dessen Ehefrau Anna Adelheid Hildegard im Standortlazarett zu Potsdam das Licht der Welt! Schon damals überpünktlich, kam ich als neuer Erdenbürger zu früh auf diese Welt. Drei Wochen später fand sich der Säugling im Städtischen Krankenhaus zu Potsdam wieder, was war geschehen? Volker litt an Magenpförtnerkrampf, er erbrach jegliche Nahrung und verlor zunehmend an Gewicht. Es dauerte auch nicht lange, da diagnostizierten die Kinderärzte, der Säugling hätte nicht mehr lange zu leben. Doch Volker hatte Glück. Eine namentlich unbekannt gebliebene Säuglingsschwester nahm sich seiner liebevoll an und pflegte ihn Tag und Nacht, langsam aber sicher, wieder gesund. Als mir diese Nachricht später zu Ohren kam, lernte ich nicht nur dankbar zu sein, sondern auch das eigene Leben mehr zu schätzen. Nachdem die erste Klippe meines Lebens glücklich umschifft war, lauerten andere Gefahren auf mich. Ich hatte einen drei Jahre älteren Bruder namens Lothar, der von einem Brüderchen gerade nicht begeistert war. Wie er mir später beichtete, wollte er mich gerne wieder loswerden und entwickelte dafür eine eigene Methode, die von den Eltern unbemerkt blieb. Er drückte mir immer wieder meine sanfte Schädeldecke ein, in der Hoffnung auf irgendeine Wirkung. Nachdem nichts geschehen war, gab er die Sinnlosigkeit seines Handelns endlich wieder auf und Volker Säule den erlittenen Schaden von alleine wieder aus. Als ich dann größer war entwickelten Lothar und ich gemeinsam eine eigenartige Form von „Mutprobe“. Wenn damals die Straßenbahn in die Kurve zur Haltestelle Luftschiffhafen einbog und gerade am Ausrollen war, hieß es abspringen. Der Schaffner sah das nicht gern, uns aber machte es Spaß und wir wurden immer perfekter. Bis mich Bruder Lothar bei voller Fahrt und noch vor der Kurve aus der Bahn stieß und ich mir beide Knie aufschlug. Ein echter Schock für mich und die Erfahrung traue niemals jedem Blindlinks. Irgendwann grübelt jeder Mensch darüber nach, wie weit seine Erinnerung wohl zurückreicht. Wie war das eigentlich bei mir? Darauf komme ich im folgenden Kapitel zu sprechen.
Sommerferien in Bohnsack Mein Vater Joachim (1908–1988), von Beruf Buchbinder, hatte sich mit 18 Jahren zum Dienst bei der Reichswehr verpflichtet. Als Obergefreiter wurde er zur Unteroffizier-Schule nach Potsdam abkommandiert. Er blieb in Potsdam, weil er dort seine Ehefrau kennenlernte und daraufhin zur 3. Nachrichten-Abteilung als Sanitäts-Unteroffizier versetzt wurde. In dieser Zeit besuchte er nachmittags eine Heeres-Fachschule, dessen Besuch zur Pflicht geworden war, um nach Beendigung der Militärzeit einen zivilen Beruf auszuüben. Mein Vater wollte Beamter werden und schloss daher 1932 seine Ausbildung als Heeresbibliothekar ab. Im selben Jahr kam es zu einem dramatischen Vorfall für Vater, den Mutter nur Jochen nannte. Nach einer Nachrichten-Übung im Raum Saalburg/Thüringen kam es zu einem schweren Autounfall. In der Nacht vom 12. zum 13. Juni 1932 verunglückte ein schwerer Fernsprech-Bautrupp der 1. Kompanie, der auf einen Schnelllastwagen der Firma Krupp verlastet war, auf der Rückfahrt nach Potsdam bei Schleiz in Thüringen. Bei dem schweren Unglück gab es vier Tote und mehrere Schwerverletzte. Sanitäts-Unteroffizier Schobeß wurde als Beifahrer aus dem Wagen geschleudert und erlitt eine schwere Gehirnerschütterung, leistete jedoch trotzdem erste Hilfe, für die er später ausgezeichnet wurde. Der Unfall blieb für meinen Vater ein Trauma. Obwohl er einen Führerschein besaß, setzte er sich zum Leid der Familie nie mehr hinter ein Steuer. Somit standen der Familie nur öffentliche Verkehrsmittel und Fahrräder zur Verfügung, obwohl meine Mutter kein Rad besaß, weil sie damit nicht umzugehen verstand. Natürlich sind wir die meiste Zeit auch zu Fuß gedribbelt. Nachdem Vater den Polen- und Frankreichfeldzug mitgemacht hatte, wurde er nach Danzig versetzt, um dort eine Wehrmachtbibliothek aufzubauen und sich nebenher um die Ausbildung von Rekruten zu kümmern. Jetzt kamen wir ins Spiel. Mutter Hildegard reiste über die Sommerzeit mit ihren Söhnen Lothar und Volker nach Bohnsack, um in Vaters Nähe zu sein! Bohnsack, ein altes Fischerdorf (Sobieszewo) gehört zum Stadtbezirk Danzig. Gelegen in der Danziger Bucht zwischen der Toten Weichsel und der Ostsee. Zu dritt hatten wir uns über die Sommermonate von 1941 bis 1943 bei Wirtsleuten eingemietet. Es war eine naturbelassene Ferieninsel, die einen breiten und langen Sandstrand besaß. In seiner freien Dienstzeit besuchte uns Vater regelmäßig zum Baden im Meer und um gemeinsam herumzutollen. Dort besaßen wir sogar einen eigenen Strandkorb. Bis in diese Zeit reicht meine frühesten Kindheitserinnerungen zurück. Da war ich ca. zwei Jahre alt, und dafür gab es auch einen triftigen Grund. Nicht selten wurde Feldwebel Schobeß von einem Kameraden mit dem Auto nach Bohnsack chauffiert, so auch an diesem Tag. Ich buddelte gerade am Strand, da zog mich Vater und dessen Kamerad an den Armen minutenlang durch tiefes Meerwasser in dem Glauben mir mache so eine Tauchfahrt Spaß. Erstmals schluckte ich salziges Meerwasser und hatte das bedrohliche Gefühl ertrinken zu müssen. Als ich zu erbrechen begann, erlöste mich meine Mutter von dem „Spaß“ und schimpfte mit den Männern wegen ihres leichtsinnigen Verhaltens. Unbesehen dieses Vorfalls gab es aber auch genügend herrliche Stunden am Strand und natürlich ebenso schöne Dinge in Danzig zu sehen. Dort gingen wir häufig Eisessen oder machten eine vergnügliche Hafenrundfahrt mit. Ich durfte auch hin und wieder in der Kaserne übernachten, wo Vater neben seiner Bibliotheksarbeit Rekruten ausbildete. Der Kammerbulle von Vaters Kompanie hatte mir als Vierjährigen eine Kinderuniform geschneidert, zu der auch ein Schiffchen als Kopfbedeckung passte. Jetzt war ich also Soldat und durfte zusammen mit der Mannschaft antreten, wenn Vater seinen Tagesbefehl bekannt gab. Zum Gaudi der Truppe stand ich immer am Ende der vordersten Reihe, als mich mein Nebenmann zu kneifen begann. Er dachte, jetzt wird der kleine Schobeß wohl heulend in Vaters Arme laufen, aber weit gefehlt. Ich muckste mich nicht, war ich doch Soldat. Hinterher beschwerte ich mich trotzdem bei Vater meinem Truppführer. Nachdem der Übeltäter lokalisiert war, durfte ich zuschauen und war begeistert mit welcher Schnelligkeit sich dieser Spaßvogel auf und nieder bewegte und das geschah ziemlich lange. Von da an neckte mich keiner mehr in der Linie. Ein anderes Erlebnis blieb ebenfalls haften. Am Dorfrand standen immer einige offene Wehrmacht-Sonderfahrzeuge herum, auf denen wir Kinder herumklettern durften. An einem Nachmittag saß ich gerade mit meinem Bruder hinter einem wie festgefrorenen riesigen Lenkrad, als sich uns ein Mann näherte. Nachdem er uns eine Weile beobachtet hatte, wurde er plötzlich laut. Er schimpfte auf den Krieg, auf Hitler und sogar auf uns, weil wir Krieg spielten. Das war ein echter Schock für uns. Der „Führer“ war damals so etwas wie ein Heiliger und bisher hatte nie jemand etwas Böses über ihn gesagt. Nachdem sich der Mann wieder entfernt hatte, rannten wir unverzüglich zu unserer Unterkunft und berichteten atemlos von diesem Vorfall. Vater spurtete mit einem weiteren Mann dem vermeintlichen Verräter hinterher, ohne ihn jedoch zu fassen. Erst viel später wurde mir bewusst, was dem Rufer in der Wüste bei seiner Ergreifung wohl gedroht hätte. Im Herbst 1943 endete die schöne Zeit in Bohnsack und damit auch die im Aufbau befindliche Wehrrechtsbibliothek in Danzig verlor ihre Bedeutung. Nach der verlustreichen Schlacht von Stalingrad fehlten es an Personal. Sämtliche Soldaten der hinteren Dienste sowie Reservisten wurden daraufhin für den Fronteinsatz in Russland neu aufgestellt. So wurde auch der Sanitäts-Stabsfeldwebel Joachim Schobeß erneut in den Krieg geschickt. Wir sollten uns erst im Jahr 1948 wiedersehen. Damit war auch die schöne frühkindliche Erinnerungszeit beendet. Dafür warteten jedoch andere Herausforderungen auf uns. ...
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