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Friedrich-Martin Balzer

 

 

Erwin Eckert – der Thomas Müntzer
des 20. Jahrhunderts ?


 

 

 

 

 

2025,130 S., ISBN 978-3-86465-202-8, 12,80 EUR

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Aus der Einleitung

Der religiöse Sozialismus Eckert’scher Prägung“ hat in einer Kirche „reformatorischen Gepräges“ keinen Platz[1]. So hieß es apodiktisch im Vorfeld des Deutschen Evangelisches Kirchentages 1930 in Nürnberg und Augsburg über den Mannheimer Stadtpfarrer Erwin Eckert (1893-1972) und Bundesvorsitzenden der Religiösen Sozialisten Deutschlands (1926-1931). Pfarrer Eckert sei nichts anderes als eine schlechte Neuauflage“ der „sozialistisch-kommunistischen Bewegung des 16. Jahrhunderts.“ Die im Bauernkrieg hochgekommene „religiöse Schwarmgeisterei Müntzerischer und münsterischer Art“ beruft sich zwar auf das Evangelium, ist aber „von der Reformation jeder Richtung ausgeschieden“ worden. Die „durch und durch pseudochristliche und pseudoevangelische Bewegung“ mit ihren „tollen Propheten“ Eckert[2] und Kappes[3] ist „ausdrücklich aus der Kirche des Evangeliums verwiesen“ [4] worden. Bei Eckert handelt es sich um „Schwarmgeisterei gefährlichster Art“. Die Badische Kirche wird aufgefordert, sich dieses „Advokaten des Teufels“ zu entledigen.[5] Nach einer Reihe zahlreicher dienstrechtlicher Maßregelungen war es dann soweit. Unter dem Vorwand, Mitglied der Kommunistischen Partei zu sein, wurde Eckert am 11. Dezember 1931 Eckert fristlos und unehrenhaft dienstentlassen[6].Gegen diesen Bannstrahl der Ketzerei steht das Diktum des Philosophen Hans Heinz Holz: „Der gläubige Christ verletzt seinen Glauben nicht in der Gemeinschaft mit den Gottlosen, er bewährt ihn vielmehr. Das leuchtet ein und darum hat keine kirchliche Institution aus religiösen und theologischen Gründen das Recht, einen gläubigen Menschen, der sich auf solche Bewährung einlässt, aus sich auszuschließen. Als Eckert von seiner Kirche gemaßregelt und aus dem Amt gejagt wurde, hat diese die Grundlagen verleugnet, auf denen sie beruht und in denen allein ihr institutionelles Dasein verankert ist. Die Kirche war nicht mehr die des reformatorischen Bekenntnisses, und Eckert musste sie in Konsequenz seines Glaubens (Hervorhebung Hans Heinz Holz) verlassen. Denn weil die Kirche in seinem Verständnis ‚nicht Selbstzweck, sondern Instrument des ‚heilbringenden göttlichen Veränderungs­willens‘ (Gert Wendelborn) [7] und ‘kein Verein wie tausend andere‘ [8] war, hat sie sich aufgegeben, sobald sie ‚Aufgaben und Spannungen des wirklichen Lebens verständnislos‘ (Erwin Eckert)[9] gegenübersteht.“[10] Diese anlässlich von Eckerts 100. Geburtstag im Jahre 1993 aus marxistischer Sicht formulierten und leider zu Eckerts Lebzeiten nicht öffentlich ausgesprochenen Einsichten haben nichts an Überzeugungskraft verloren.


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Fußnoten

[1]              1 Kirchlich-Positiven Blätter. Wochenschrift für kirchliches Leben in Baden“, Nr. 16 vom 20. April 1930, S. 115.

[2]              2 Friedrich-Martin Balzer, Klassengegensätze in der Kirche. Erwin Eckert und der Bund der Religiösen Sozialisten Deutschlands. Köln 1973, Marburg 42023. Philosophie digital 2.0

[3]              3 Friedrich-Martin Balzer/Gert Wendelborn, „Wir sind keine stummen Hunde“ (Jesaja 56,10). Heinz Kappes (1893-1988). Christ und Sozialist in der Weimarer Republik, Bonn 1994, 254 Seiten.

[4]              4 Alle Zitate in „Kirchlich-Positive Blätter“, Nr. 16 vom 20. April 1930, S. 115.

[5]              5 Allgemeine Evangelisch-Lutherische Kirchenzeitung, Nr. 35 vom 29. August 1930. Zit. nach: Kirchlich-Positive Blätter Nr. 37 vom 14. September 1930, S. 259.

[6]              6 Siehe Friedrich-Martin Balzer, Berufsverbot in der Kirche. Der unerledigte Fall Erwin Eckert. Mit Beiträgen von Günter Brakelmann, Hanfried Müller und Hermann Schulz, Köln 2023, 292 Seiten.

[7]              7 Gert Wendelborn, Zu Erwin Eckerts Predigten. In: Ärgernis und Zeichen. Sozialistischer Revolutionär aus christlichem Glauben, Bonn 1993, S.166.

[8]              8 Erwin Eckert, Wir fordern Gerechtigkeit. Rede am 16. März 1931 vor dem Kirchlichen Verwaltungsgericht, RS, 1931, Nr. 13, S. 57f., hier: S. 58.

[9]              9 Erwin Eckert, Vernehmung zur Person am 10. November 1959 vor dem Düsseldorfer Landgericht. In: Ärgernis und Zeichen, a. a. O., S. 23.

[10]             10 H. H. Holz, Achtung für eine Aporie. In: Ärgernis und Zeichen. Erwin Eckert – sozialistischer Revolutionär aus christlichem Glauben, S. 359-362, hier: S. 362.