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Norbert Grohs


Dichtend gedacht und um die Ecke gelacht

Gedichte

 

 

 
lieferbar

2020, 186 S., ISBN 978-3-86465-152-6, 13,80 EUR

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Eine essayistische Einführung

Bitte nicht erschrecken! Denn einführende Worte sind in Lyrik­bänden üblicherweise nicht so gefragt. Viele Menschen lesen gerade Gedichte mit der Einstellung: Endlich mal wieder etwas, was für sich selbst spricht und zu sprechen hat und keiner hinzukommenden Erklärung und Lektion bedarf. Dies ist umso leichter nachfühlbar, als es im Alltags- und Sonntagstreiben nicht an Ratschlägen mangelt, wie man die Welt sehen und sein Leben meistern sollte. Jeder hat aber seine eigenen Erfahrungen, Erlebnisse, Meinungen, Ideen und kann sich selbstständig diesen oder jenen Schuh anziehen, der ihm passend erscheint und mit dem er unterwegs sein möchte.
Ich beabsichtige indes nicht, den Leserinnen und Lesern einleitend Schuhe aufschwatzen zu wollen, mit denen sie sich anschließend gefälligst die Sohlen ablaufen mögen. Zumal es ein sehr günstiger Weg sein kann, sich gleich den Gedichten zuzuwenden und ihnen insofern möglichst unvoreingenommen und von zusätzlichen Texten unbelastet entgegenzutreten. Aber es wäre sicher irgendwie ignorant von mir, ergänzende Anregungen und Hinweise für all jene ausschließen zu wollen, die beim Lesen von Gedichten gerne auch im Kontext extra angesprochener Überblicks- und Einordnungsfragen den Dingen „auf den Versen“ sein möchten. Und um solche zusätzlichen und durchaus eingehenden Angebote geht es mir in diesem Einführungs-Essay und gleichfalls in der „Nach-Worte“-Dichtung. Die angebotene Zugabe ist im geläufigen Sinne freilich weniger „würzig“ und schon insofern in anderen Maßverhältnissen angesiedelt als das dreiteilige Kernstück dieses Buches.
Die Veröffentlichung knüpft an meinen 2019 erschienenen Gedichtband „Unterwegs zu Schatzinseln. Poesie und Philosophie“ an. Im Vorwort nehme ich Bezug auf den Wahlspruch des griechischen Philosophen Sokrates: „Erkenne dich selbst!“ Wer sich auf diese Aufforderung einlässt, der stößt gerade in Humorfragen auf ein weites Feld, das fast zur Gänze nur dem Menschen eignet. In einem meiner Gedichte über den Menschen heißt es: „Er schärft seine Sinne auf zahlreichen Reisen, / mag häufig humorig die Wege sich weisen. / Denn was wäre Leben wohl, ohne zu lachen / und heiter viel mehr aus demselben zu machen?“
Die Reisen, auf denen der Mensch sich besser kennenlernt, sind oftmals beschwerlich und aufreibend. Zum Alltag gehören im weltweiten Maßstab Krisen auf ökonomischem und sozialem, ökologischem und epidemischem Gebiet, häufig auch in Verbindung mit Kriegen, Terrorismus, schwerer Kriminalität oder Naturkatastrophen. Wie sollte da eigentlich Humor seinen angestammten Platz behaupten? Die Widersprüche, Schwierigkeiten und Abgründe der Existenz verschwinden schließlich nicht durch Versuche, sie einfach hinwegwitzeln zu wollen. Tritt doch in der Folge der Ernst des Lebens eher noch bitterer hervor. Die Suche nach einem Halt wird demgemäß verzweifelter und zugleich anfälliger für Illusionen und Scheinerfolge beim faktischen Bekriegen von Natur und Mitmenschen.
Halt geben kann dagegen zunächst einmal, dass sich sogar in den schwierigsten Auseinandersetzungen und Krisen immer wieder Chancen einer erfolgreichen Bewältigung abzeichnen und der Mensch gar nicht mehr existieren würde, hätte er dergleichen leichtsinnig oder resigniert vertan. Zu den wichtigen Arten der Chancenverwertung gehört namentlich der Humor. Nicht umsonst sagt der Volksmund ebenso wie Otto Julius Bierbaum: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“
Humor in seiner heiteren Basis und Substanz ignoriert eben nicht die Mühseligkeit der menschlichen Existenz. Der heitere Geist befreit sich zwar vom Schweren, Unangenehmen, Schmerzvollen des Lebens, aber ohne diese Erscheinungen zu leugnen. Er ist derart eingestellt, dem Ernst des Lebens nicht durch verflachte Zuversicht und bloßes Gelächterspiel auszuweichen, sondern hilft, ihn zu tragen.
Hierzu passt auch der in meinen „Schatzinseln“ enthaltenen Ansatz: „Es gibt so viel Komisches im Leben. / Manchmal braucht man es nur ernst zu nehmen.“ Zu solcher Umgangsform bedarf es freilich einer gesunden Distanz des Menschen zu den Dingen und sich selbst. Er kann dann schon in alltäglichen Situationen mit heiterer Gelassenheit Kurioses und Absurdes aufspüren und dies für sich und andere transformieren. Ohne sich über Nöte und Mühsal hinwegzusetzen, mag es hilfreich sein, Spannungen abzubauen, Gefühle des Zusammenhalts zu entwickeln und erfüllbare Hoffnungen zu wecken. Vielleicht lassen sich Schleifsteine finden, anstatt die Dinge schleifen und sich verschlechtern zu lassen. Unter Umständen befördert Humor mehr als das „reine“ Denken ein lebendiges Nachdenken mit Geistesblitzen, die praktisch einschlagen. Auch auf die Widerstandskraft kann er guten Einfluss haben.
Im Humor grinst die Dialektik. Auch negativen Geschehnissen lassen sich positive Seiten abgewinnen. Wo bliebe so manches Vergnügen und Lernerlebnis, wenn wir so gut wie fehlerfrei wären oder die verschiedensten entdeckten Fehler zu beschönigen suchten? Zumal wir, wie Goethe pointierte, von Natur keinen Fehler besitzen, der nicht zur Tugend, und keine Tugend, die nicht zum Fehler werden könnte. Wie will da der Mensch sein Gleichgewicht halten, ohne über sich selber zu lachen? Und wie schlimm stünde es um sein Gleichgewicht, ließe er keinerlei grotesk-erzählenden, absurd-dramatischen oder schwarzen Humor gelten.
Allerdings bleibt der Humor auch dann nicht ausgespart, wenn Menschen ihre Ziele und Vorhaben mittels seiner Attribute enorm aggressiv und rücksichtslos verfolgen. Hier findet aber maßgeblich ein Ausbruch aus einer solchen Dimension statt, die in dieser oder jener Form mit Zuwendung und gelingenden menschlichen Beziehungen verknüpft oder zumindest verknüpfbar ist. Humor bestätigt sich in seiner Freiheit gerade als „Schwimmgürtel auf dem Strom des Lebens“ (Wilhelm Raabe). Furchtlosigkeit, Geist, Freiheit des Herzens und Melancholie, wie sie Ernst Penzoldt als echte Charakteristika des Humors hervorhob, sind eben heute in ihrer Allgegenwart elementar damit verbunden, dass die Zukunft des Menschen nicht an Selbstüberhebung und Gewalttätigkeit gegenüber der Natur und dem gesellschaftlichen Zusammenhalt scheitert. Als generelle Richtschnur habe ich in den „Schatzinseln“ festgehalten: „Mehr denn je sind in heutigen Zeiten / beherzigenswert zwei Grundweisheiten: / der Mensch in Gattungsverbundenheit / und in all seiner Mitnatürlichkeit.“
Wie im entsprechenden Vorwort ausgedrückt, ist der Mensch „in einem bisher nicht gekannten Ausmaß vor die Herausforderung gestellt, Zukunft zu ermöglichen. Zukunft, die dort ist, wo sich Menschen in ihrer enorm differenzierten natürlichen und kulturellen Existenz und Entwicklung bewähren und bestätigen und keineswegs aufgeben, als hätten sie ein Reflexionsvermögen unterhalb des Regenwurms, ein Empathievermögen wie ein Lindwurm und die Aufmerksamkeitsspanne einer Fruchtfliege“. Unterschiedliche bekannte Krisen sind heute sicher nur als integraler Bestandteil einer allgemeinen Krise der modernen Gesellschaft zu verstehen und verweisen nachdrücklich auf Erfordernisse im Wandel menschlichen Tuns und der gesamten Zivilisation.
Zu einem auf- und abgeklärten Verhalten und Handeln gehört mehr denn je die Einsicht, dass niemand unter uns eine haarscharfe und ganz zuverlässige Vorstellung und Kenntnis der Gesamtzusammenhänge haben kann, in deren Herstellung und Erneuerung er mitwirkt. Wirklich niemand – ob jung oder alt, Lehrer oder Schüler, Arbeitnehmer oder Arbeitgeber, Werktätiger oder Ruheständler, Empfänger von Sozialhilfe oder millionenschweren Dividenden, Amtierender oder Opponent, Zeitkritiker oder Weltpolitiker. Hiermit verbunden ist auch niemand imstande, eine solche Darstellung des Gangs der Dinge in der Welt zu geben, die für alle nachvollziehbar ist.
Akzeptieren wir dieses unser aller Unvermögen bewusst und nicht widerwillig, können wir merklich offener, einsichtsvoller und aussichtsreicher im Vermeiden von Risiken und im Wahrnehmen von Erneuerungschancen werden. Wir widerstünden besser den Tendenzen, einander Anerkennung zu versagen und uns wechselseitig in ein schlechtes Licht zu rücken oder uns eine Zukunft vorzugaukeln, in der alle zu Weltmeistern im Händchenhalten und Umarmen mutieren sollten. Wir suchten weniger nach „Sündenböcken“, mit denen wir die eigene Überforderung verdrängen, und nach Allmächtigen, durch deren unvergleichbares Wirken die drückenden Nöte endlich gewendet werden mögen. Wirksamer begegnen könnten wir allen extremen Bemühungen, den Himmel auf Erden einrichten zu wollen oder jede Hölle auf Erden als unvermeidlichen Ausdruck von Sachzwängen zu deklarieren.
Keineswegs würde es sich darum handeln, „diplomatischer“ allen möglichen Konflikten aus dem Weg gehen zu wollen. Vielmehr bedarf es besserer Grundlagen für Begegnungen, die uns vermittels produktiver Störungen der Harmonie und konstruktiver Regulierungen des Streits fähiger und kompetenter mit Problemen umgehen lassen. Anstatt uns im Annehmen der Realität zusätzlich stark zu behindern, wird dann der Weg geeigneter, miteinander zu kommunizieren und die überzeugenderen Argumente herauszufinden und praktisch geltend zu machen. In diesem Sinne heißt es in einem Gedicht aus den „Schatzinseln“: „Es bleibt als Weg, zu kommunizieren / und Erträgliches zu konstruieren, / als Normalität solches zu nehmen / und wirksam begegnend den Extremen.“
Mit Anselm Feuerbach zu sprechen, tritt dabei in humorbezogener Sicht das Anliegen hervor, die Seele über Abgründe hinweg zu tragen und sie mit ihrem eigenen Leid spielen zu lassen. Hierin eingebunden sind speziell auch die absurd-dramatisch kreierten Gedichte im 3. Teil dieses Buches. Die Analogien zur absurden Dramatik sind freilich durch das Prisma einer lebensbejahenden Einstellung gebrochen, in der die Orientierungen auf Freiheit, Mitmenschlichkeit und Mitverantwortlichsein grundsätzlich verknüpft sind. Dies hat natürlich auch Konsequenzen für die Logik des Vorantreibens von Dialogen im Unterschied zum ziellosen Reden von Figuren, die sich im Theater des Absurden mit ihren Gedanken im Kreise drehen und schließlich zu sinnlos handelnden Marionetten oder automatisierten Geschöpfen entmenschlicht werden.
Ich halte es jedenfalls für innovativ und an der Zeit, dem absurd-dialogischen Element auch in der Lyrik angemessenen Raum zukommen zu lassen. Ohne etwas an die große Glocke von hehren Argumentations- oder wer weiß wie echten Erlebniswelten zu hängen, lässt sich wohl oft auch durch entsprechende Reime auf geläufige Ungereimtheiten anregend ausdrücken, was die Glocke geschlagen hat. Und es dürfte zudem niemandem und nicht einmal der Lyrik schaden, wenn dabei zuweilen das Lachen aus freien Stücken ein Sichkranklachen zeugen sollte.
Wir werden täglich damit konfrontiert, dass sich nicht einmal die Erhaltung menschheitlicher Existenz von selbst versteht, geschweige denn jenes Verstandenwerden, das ein jeder unterstellt oder bezweckt, wenn er etwas sagt oder mitteilen möchte. Das Informationszeitalter bombardiert uns mit beschleunigt wachsendem und zugleich häufig instabilem Wissen, dessen Halbwertszeit sich ständig verkürzt, und wirft uns unaufhörlich in mannigfaltig präsentierte „Wirklichkeiten ohne Gewähr“ hinein. Die sogenannte „Wissensgesellschaft“ schafft hier eben keine Abhilfe. Denn, wie es in den „Schatzinseln“ heißt, „oftmals macht mehr Wissen bloß ... zusätzlich orientierungslos“. So wimmelt das Leben der Erdbewohner vor widersinnigen, abwegigen, aberwitzigen Erscheinungen. Die Ideen des Erträglichen und des für den Menschen relativ Sicheren immer wieder annehmbar zu machen und hierfür taugliche Mittel herauszufinden und einzusetzen – wie sollten da dichtend Gedachtes und humorvoll Gefasstes einschließlich der hintergründigen und übersteigerten Gestaltung absurder oder absurd anmutender Dialoge und Vorgänge ausgespart bleiben können?
Ich unternehme in diesem Buch gewissermaßen Spaziergänge und versuche, mich für alles offen zu halten, was ich antreffe und wie ich mir selbst begegne. Je nachdem, wie die Bedingungen und Ausblicke im Verbund mit den tanzenden Sinnen und bemühten Verstandeskräften sind, treten unterschiedliche Quellen und Arten des Humors hervor. Dies gilt natürlich auch für die verschiedenen Übergänge zwischen „dichtend denken“ im Allgemeinen und „um die Ecke lachen“ im Besonderen. Poetisch und philosophisch bieten sich viele Wege und Gelegenheiten zum Lachen ohne unnachsichtiges und disqualifizierendes Verlachen.
Das Gedicht „Schwarzer Humor“ ist den „Schatzinseln“ entnommen. Alle anderen Gedichte entstammen dem erneuten Unterwegssein.
In einer Welt, die stark durch Verunsicherung, Umbruch und vielerlei Neuorientierung geprägt ist, brauchen die Menschen ein gerüttelt Maß an Reisefähigkeit, -verträglichkeit und -sicherheit und speziell auch an Reisefreudigkeit, -lust und -vergnügen. Ich hoffe, den Leserinnen und Lesern diesbezüglich etwas beisteuern zu können. Zumal „Erkenne dich selbst!“ heute wohl besonders spürbar die Akzentuierung aufweist: Erkenne dich in deiner Menschlichkeit und eigens auch in deren sinnierenden und überdenkenden sowie heiteren und humorvollen Zügen.
Von dieser Maxime sind auch meine Nach-Worte geprägt. Im Gedicht „Humor“ geht es mir darum, bereits angesprochene und weitere Facetten dieses Phänomens noch einmal und in integraler Weise aufzuspüren und festzuhalten. Mit dem abschließenden Gedicht „Magie des Schreibens“ tritt noch einmal die Verknüpfung meiner beiden Lyrikbände unmittelbar hervor. Ein dabei relevanter Punkt betrifft die indirekt schon angesprochene Frage: Wie und woraus ist für den Menschen „ein dauerhaftes Vertrauen zu etwas Unzerstörbarem in sich“ (Franz Kafka) beziehbar, obwohl er doch weiß, welchen Gefahren und Versuchungen er ausgesetzt ist und welch vereinbarungswidriges und verantwortungsloses Verhalten offensichtlich zum menschlichen Leben gehört?
Gerade auch durch das Schreiben kann sich der Mensch gravierend helfen, eine Balance zu halten zwischen einer angemessenen Nähe zur Wirklichkeit und dem Schutz seiner inneren Stabilität vermittels eines Selbstbildes, das sich durch fürchterliche und prekäre Tatsachen nicht gleich völlig verzerren oder wegpusten lässt. Das Aufzeichnen lässt dem Menschen keine Möglichkeit, all die Erscheinungen einer inhumanen und entfremdeten Welt massiv ins Unterbewusste abzudrängen und sich außerhalb jeglichen schlimmen oder absurden Laufs seiner inneren und äußeren Dinge darzustellen. Aber das Aufzeichnen lässt auch spürbar werden, wie er sich beim fortdauernden Bewegen und Aufklären der Widersprüche seines Lebens auszeichnet. Wie er also, ohne sich zu verleugnen, etwas Maßgebendes in sich finden kann, das ihm Halt gibt und zu einem nachsichtigen Tun anhält.
Dies wiederum bedeutet keine zwangsläufige Unterschätzung von Herausforderungen und zunehmend harten Proben. Proben, bei denen sich die Mühseligkeit menschlicher Existenz nicht zuletzt darin offenbart, dass kein Mensch auch nur annähernd sich selbst und den Mitmenschen alles recht machen könnte. Ganz zu schweigen einmal davon, was sich an Belangen, Auslegungen und Umdeutungen in der Sisyphos-Problematik bündelt. Zur Menschlichkeit gehört für mich angesichts solcher Bezüge auch die gedankliche und heiter-besinnliche Anerkennung dessen, was ich in den „Schatzinseln“ im Gedicht „Ziemliche Zumutung“ aufzulesen versucht habe:
„Der Mensch muss viel ertragen / und Mühsal auch erleben, / will er in sein Fleisch und Blut / so gänzlich übergehen. // Zudem rät immer wieder / die Vernunft mit ihrer List, / er möge werden, wachsen / und doch bleiben, der er ist. // Kämpft er aber, immer alles / bestens in den Griff zu kriegen, / kann er nur den Hindernissen / heldenmütig unterliegen. // Sammeln, Jagen, auch Entsagen – / was tun, damit es trotzdem stimmt? / Ein Weiser meinte, dass kein Mensch / so wichtig ist, wie er sich nimmt.“

Berlin, im Juni 2020
Norbert Grohs