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Bernd Ulbrich

Du bist nicht der Du warst wirst Du nicht sein


 

Roman, 2019, 822 S., ISBN 978-3-86464-114-4, 29,80 EUR

 

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Spät legt Bernd Ulbrich seinen siebten Roman vor. Spät deshalb, weil es der erste ist, den er bald nach der Wende vollendete. Zu Zeiten der DDR – jahrelanges Publikationsverbot darf wohl als kulturpolitischer Ritterschlag gelten – war er einzig als Erzähler hervorgetreten. Bei diesem Erstling erwartet man sich nun ein Werk, welches von den (verzeihlichen) Schwächen eines solchen getragen ist und wird überrascht: Ein komplexes wie detailreiches menschliches, mithin gesellschaftliches Panorama deutscher Geschichte voller Tragik und Witz breitet sich vor unseren Augen, dass in seiner literarästhetischen und inhaltlichen Qualität ohne Zweifel bei den großen Literat-Innen unserer Zeit anzulehnen ist. Aus der Extremsituation des Krieges 1941 heraus bis hin zum Mauerfall 1989 hat der Autor ein originelles Ensemble von Akteuren und dramatischer wie zarter Bilder, Vergleiche, Metaphern erschaffen, das wie eine Symphonie alle Klangfarben menschlicher Größe und menschlicher Niederung in sich vereint. In welche existenziellen Tiefen der vormalige Wehrmachtsund spätere NVA-Offi zier Alexander Diethard auch geschleudert wird und wie er – quasi Phönix aus der Asche – aus seinen Irrungen und Wirrungen, seinem Selbstverrat und dem verraten werden immer wieder aufsteigt – es bleiben Pyrrhussiege. Den schwersten Verrat verübt er an Marianne, der Liebe seines Lebens, die ihrerseits das Leid, das er ihr zufügt, mit der Stärke der liebenden Frau aushält. Vielleicht ist so sie die eigentliche Hauptperson, der wahre Phönix dieses Romans...

 

Leseprobe

 

I.

Schlagartig schien fern im Haus Leben zu erwachen. Schlaftrunken noch schreckte Alexander hoch: Aus dämmernder Erinnerung, das Bild der Opfer; halb Wahn und halb Vision die Glücksfragmente. Die Uhr stand auf halb sechs, zu früh, schien ihm, für diesen Tag des Abschiedsnehmens, zu früh, um schon Bilanz zu ziehen, Soll und Haben der Gefühle zu beziffern. Traumselig schweifend verlor er sich, ungeachtet der Verluste. Die der Sternendämon dennoch für ihn zählte: Vorbei die Treffen mit Marianne auf der Waldburg, vorbei die Zeiten heimlichen Triumphs der subversiven Liebe, verklungen und verloren die Warnungen der toten Ritter. Nur das Rieseln des Staubs hallte noch auf wie ein fernes, kosmisches Rauschen und die Mahnungen des zu früh verstorbenen Vaters aus dem Traumgesicht. Tagträumend drehte er sich auf die Seite und seufzte gänzlich unmilitärisch: Mahagoniefarbener Klang aus Kindertagen ereilte ihn; der Geruch von Friedhofserde, des frischen Holzes und der Beizen bronzener Duft. Die wundersamen Töne aus des Vaters Instrument waren gleich dem Geschmack von Zimt und warmer Milch. Sehnsucht nach der Zeit, da Tod und Liebe noch mythische Figuren, trieb ihn nochmals in den Schlaf. Doch das nahferne Türklappklapp, Zurufe befehlsgewohnter Frauenstimmen, aufauf, marschmarsch, an dienstbare Gehilfen, und andere Erscheinungen hektischer Betriebsamkeit drangen aus dem Parterre zu ihm her wie ein endzeitlicher Rumor. Flammenschein erhellte immerhin seines aufgeschreckten Geistes Bahn. Er lächelte von Horizont zu Horizont und war doch in Vollkommenheit erfüllt von wehmütigen Empfindungen. In der Tat verloren war der anarchische Ruch des Nichterlaubten, verloren auch der Reiz des Schattentums, dahin die Überlegenheit des Wissenden. Einen Augenblick noch wollte er die Bilder der Vergangenheit in sich bewahren, jene Ahnungen und Hoffnungen im Duft des ersten Sommers vor zwei Jahren. Harz sickerte von Bäumen, ergoß sich über Blüten und kleines Getier. Triebe brachen hervor aus bräunlichem Moder. Schlick trocknete an der Sonne. Weißbäuchig trieben im Fluß tote Fische. Wind orgelte leise in altersschwachem Falsett, trug den Geruch des Werdens und Vergehens hinauf, bis an die Grenzen der Ionosphäre. Unentwegt rieselnd zermahlte Sand die Gebeine der Toten zu Staub, und die Luft war erfüllt von Fata Morganen. Gleich harmlosen Spaziergängern in angemessener Distanz wie Haltung waren Marianne und er, die göttliche Versuchung und der zutiefst irdische Versucher, dahingeschlendert auf dem Weg zu der Liebe Walstatt, offenkundig ohne jede Absicht, damals, im späten Juni ‘39. Dabei hatten sie doch in scheinbar unauflöslicher Widersprüchlichkeit gewußt, was sie erwartete, aus dem, was sie sich erhofften. Erbarmungswürdig hingestreckt hob der Sieger das lorbeerumkränzte Haupt und lauschte. Gelegentlich erreichte ihn nun auch der Widerhall noch kommender Ereignisse, Trommelwirbel und Fetzen völkischen Patriotismus’: Das Vaterland ist in Gefahr! Deutschland glaubte nicht daran, jetzt im Mai 1941, da Europa besiegt und ein Hämorrhoidenwickel aus bestem Fries und Rohseide nur 2,50 RM kostete. Er aber, mit dem Gespür des animalisch Liebenden, blickte als blinder Seher weiter, war sich dessen gewiß und wollte sein Opfer erbringen. Für diese untadelige Haltung und für den unverschämten Mut, ein adeliges Fräulein, dazu noch Tochter seines Generals ins Gras der Waldburg zu legen, hatte das zwiegesichtige Schicksal ihn doppelt belohnt. So schien es. Im unerschütterlichen Glauben an die Jungfräulichkeit ihrer Tochter, in deren Person sie alle Erwartungen legte, denen sie selber nie gerecht geworden war, richtete die Baronin von Bergkt und nunmehrige Schwiegermutter (ein Vorgriff von wenigen Stunden sei erlaubt) des keineswegs wohlgeborenen Freiers, doch hoffnungsvollen, weil nach glänzender Bewährung im Polenfeldzug vorzeitig zum Oberleutnant beförderten Alexander Diethardt, das Hochzeitsfest aus. Indessen der frivole Jubel des angemaßten Verführers war nur Farce; denn wer wen, unterm Aspekt moralischen Strauchelns und schließlich unmittelbaren Falls – beschönigen wir es nicht sentimental romantisch als Hinsinken ins Gras der Burgruine – das wäre denn hier noch die Frage. Er liebte Marianne, liebte sie trotz aller schwiegermütterlichen Prophezeiung, mit dem demütigen Stolz des wahren Eroberers, dessen, welcher sich der Einmaligkeit des Kleinods bewußt ist, der es pflegen, bewahren und mehren will, es verteidigen gegen jeden Ansturm grauer oder brauner Schicksalshorden, Schattenwesen aus dem unerschöpflichen Reservoir der Vorsehung. Von unten tönten die Bereitungen auf das Fest, das Knirschen der Gelenke, das Krachen gestärkter Mieder, das Wogen pomadisierter Haarsträhnen. Dies alles galt dem jungen Glück, von der kunstvoll drapierten Serviette, bis hin zum Seufzer gerührter Tanten und dem Flehen der weiblichen und männlichen Domestiken (ein jedes auf seine eigene, ungehörige Weise) nach einem Bißchen von solchem Segen. Genußvoll dehnte die Personifikation all dieser Phantasmagorien unter der Decke ihren Körper und rollte sich wieder auf den Rücken. Die Uhr auf dem Sims schlug sechs. Ihr dünner, klarer Ton war Mahnung zur Besinnung und zur Ernsthaftigkeit. Zwischen den korinthischen Pilastern des Kamins schien sich ein schwarzer Gang aufzutun. An seinem Ende glänzte Helle. Die Symbolik lag auf der Hand: Durch finsteren Weg zum Licht! Doch mehr noch. Das wogte und floß, dieses Leuchten aus der Zukunft, gleich einem sonnendurchfluteten Wasserfall, der nun weibliche Konturen zeigte, mehr verhüllt als entblößt im ständigen Strömen, sich wandelnden Reflexen, zwischen Abweisung und Hingebung. Hüte dich, flüsterten der erschlagenen Lehnsherren Geister, hüte dich vor dem Hochmut des Siegers. Der Wasserfall teilte sich etwa in seiner Mitte und gab eine schimmernde Tiefe frei, einen Raum der Lüste, erfüllt von hellem, granatrotem Leuchten. O mein Gott, flüsterte es in dem Ungläubigen, durch die Macht der Konvention auf sein Lager Gefesselten, der sich der schöpferischen Autorität hinter solchen Gesichten versichern wollte, indem er die Macht der Leidenschaft anrief. Heftiges Verlangen erhob, ungebärdig und drängend das, vor der Hoheit der Liebe entblößte, Haupt. Da lag er nun, wie wir bemerkten, erbarmungswürdig hingestreckt, bereit, die Weihe zu empfangen, einzutreten in den Zirkel derer, die das Schicksal fragt, bevor es zu entscheiden hat. Ihn aber drängte hier und jetzt, wenn nicht der Hochmut des Siegers, so doch die Dreistigkeit der Jugend, zusammen mit der heraufbeschworenen, geborgten Maßlosigkeit künftigen Cäsarentums. Der Feldherr schätzte kühn die Chancen ab, zu so früher Stunde, da der Feind anderweitig beschäftigt, einen erfolgreichen Ausfall zu riskieren.

Marianne erwachte durch ein leises, forderndes Klopfen an der Tür. Von unerhörten Träumen irregeführt rief sie halbaufgerichtet ein stockendes, kaum hörbares Ja, atemlos gehauchtes Herein. Sie traute Alexander selbst das zu. Sollte sie es ihm verübeln, ein solches, ein allerletztes Abenteuer? Zum Teufel mit den Konventionen. Aber was, wenn die Mama sie erwischte? Zum Teufel auch mit der Mama. Aber ein bißchen Ehrfurcht vor dem Tag könnte ihm nicht schaden. Was dachte er sich, dieser hemmungslose Faun? Im Spiegel hätte sie ein erwartungsvolles und verzeihendes Lächeln in ihrer Miene entdeckt. In der Tat, war er nicht ihre erste wahre und große Liebe? Und mußte diese nicht verzeihen. In diesem Augenblick, da sie bereit war, noch einmal die geheiligten Werte der Tradition und ihrer Herkunft zu verachten, wurde ihr bewußt, daß sie ihm von jetzt an bis ans Ende des Lebens im Voraus Vergebung gewährte. Dieses Band umschloß sie beide inniger als alle Salbsprüche der Pfaffen und die Mahnworte der Mutter. Mochten die Momente künftiger Schwäche zahlreich sein, soviel wußte sie vom Schicksal einer Soldatenfrau, sie würde sie alle aufwiegen mit diesem einen Moment der Hingabe. Das war ihr die eigene Schwäche wert. Ungeduldig pochte es ein weiteres Mal. Im Tonfall schicksalhafter Entschlossenheit rief Marianne endlich ebenso: »Herein!« Die Tür öffnete sich und die Mama trat an das Bett der Braut. »Wie geht es dir, ma cheri? Hast du gut geschlafen? Was träumte dir? Mon Dieu, du bist ja krebsrot im Gesicht. Fühlst du dich etwa krank?« Wortverlegen schüttelte Marianne den Kopf. »Das ist die Aufregung. Das muß so sein. Das geht vorüber.« Ein letztes Mal wollte sie ihr mütterlichen Trost spenden. »Heute überschreitest du die Schwelle der Unschuld und wirst lernen, Verantwortung zu tragen. Ich muß dich ihm überlassen. Das fällt keiner Mutter leicht.« Sie hätte noch etwas hinzufügen wollen, etwas, das seine Herkunft und ihre Wertschätzung betraf. Aber sie besann sich im letzten Augenblick. »Das Leben mit einem Mann hat auch eine schöne, erregende Seite.« Mehr gestattete sie sich in dieser Angelegenheit nicht und räusperte sich, verlegen vor ihrer eigenen Unzulänglichkeit. Die Ahnungslose setzte sich auf den Rand des Bettes, und sie umarmten einander zum ersten Mal seit langem innig und ohne äußeren Zwang. Dann ließen sie von einander, wie um etwas zu suchen, was die eine schon verloren und die andere angeblich noch nicht gefunden hatte. In ihren Augenwinkeln entdeckte Marianne jenes verdächtige Glitzern dramatischer Situationen von Krankheit der Kinder und Ungewißheit der Feldherrenfrau, versteckt hinter der Würde ihres Standes als Generalin. Sie verzieh ihr die Jahre der Strenge, nicht aber die falsche Sentimentalität des Moments und wollte die Schwäche nutzen. »Mama, warum müssen wir uns immer verstellen?« »Aber das tun wir nicht«, erwiderte, zutiefst von ihren Worten überzeugt, die Baronin von Bergkt. »Kannst du dich erinnern, wie du mich damals aufklären wolltest?« Olga von Bergkt nickte bedeutsam. »Da hatte ich die Liebe längst kennengelernt. Aber ich wagte nicht, es dir zu beichten. Ich fürchtete, dich zu enttäuschen. Ist es nicht wichtiger, daß man einander offen und ohne Falsch begegnet als in erstarrten Konventionen?« »Du bist nicht mehr Jungfrau?« Die Hände der Mutter fuhren durch Mariannes Haar, als suchten sie nach etwas Verborgenem. Seit der Kindheit waren sie einander nicht so nahe gewesen. Erst jetzt schien sich der Teufelskreis aus Liebe und Gehorsam zu öffnen.

...


 

 

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