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Bernd Kebelmann
Trunkene Formeln bei Boddenlicht. Ein Studentenroman. Greifswald 1966–1971
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2018, 373 S., ISBN 978-3-86465-111-3, 17,80 EUR
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Inhaltsverzeichnis Kapitel 1: Norbert 7 - Alp ohne Traum 7 - Rollentausch 8 - Die Fleischerwiese 10 - Kühe im Regen 11
Kapitel 2: Gedankenkontrolle 14 - Im Bannkreis der ABF 14 - Gehirnwäsche 15 - Bruderliebe 17 - Wer die Macht hat 19
Kapitel 3: Erhard 21 - Haarige Sätze und Bibelverse 21 - Die Biermesse 22 - Die Kirchenmusikschule 24 - Greifen und Löwen 25 - Streit zwischen Brüdern 27 - Deutsches Haus. Trinkerporträt 28
Kapitel 4: Dandy 29 - Namensgebung 28 - Bahnhofs-Mitropa 32 - Vertrauen schaffen 34 - Die Beatles und die Freundinnen 36
Kapitel 5: Gotik, Drill und Erntehilfe 38 - Mönche und Pommernherzog 38 - Eldena und Wieck 39 - Drill am Strand 42 - Erntehelfer 43
Kapitel 6: Hörsaal und Labor 46 - Die chemischen Institute 46 - Elementaranalyse 47 - Trennungsgang 49 - Pflichtvorlesungen 50 - Der Fahrkartentricks 52 - Utas Verwirrung 53
Kapitel 7: Immatrikulation 55 - Die Aula 55 - Festrede und Beatles-Party 56 - Die Chemie der Weltanschauung 58 - Bierlachs. Nachts im Turm 59 - Kolloquium. Die Militärmediziner 61 - Feuchtkalte Träume 62 - Kohlenwache 63 - Mauergefängnis. Jakobiturm 65 - Studentenpfarrer. Gedankenfreiheit 65
Kapitel 9: Sehnsüchte. Vergebliche Wünsche 68 - Muttchen Hackbarth 68 - Die Theologenbeichte 69 - Vertrauliche Musik 69 - Einsamkeiten 72
Kapitel 10: Bewährungsproben 74 - Nervenkrise 74 - Voyeure 76 - Männliche Prüfungsängste 77 - Advent mit Hella 77 - Schutzgasathmosphäre 79
Kapitel 11: Die Chemie der Läuterungen 81 - Katerfrühstück. Reisepläne 81 - Grenzfragen. Schlaftag. Laborunfälle 82 - Das Erbe Ernst Moritz Arndts 84 - Kittelverbrennung 86 - Reinigungsrituale 87
Kapitel 12: Die Kunst, das rechte Lied zu singen 89 - Studentenlieder 89 - Das Traktorlied 90 - Frierende Mädchen 93 - Maul- und Klauenseuche 95
Kapitel 13: Feiern und Hassen 97 - Der Antifasching 97 - Gabis Launen. Die Falle 98 - Der Hassprediger 100 - Zwiegespräch mit der Stadt 102
Kapitel 14: Friedensarbeit und Liebessorgen 104 - Weststudenten. Fleischerhemden 104 - Osterstimmung. Magenschmerzen 105 - Auf Friedenswacht 107 - Beim Chemikerball 107 - Mit Engelszungen 108
Kapitel 15: De söben Sinn 110 - Balzstimmung. Heiße Hexen 110 - Plattdütsch snacken 111 - Pinocchios Spinnenfinger 112 - In der Stadt fünf, auf dem Lande sieben 113 - Christina gibt auf 114
Kapitel 16: Eifersucht. Kirchenmusik 118 - Wettlauf ohne Chance 118 - Schüchternes Rendezvous 119 - Kernverschmelzung. Mädchen in G. 119 - Die Greifswalder Bachwoche 121 - Semesterabschluss mit Gartenerde 123
Kapitel 17: Träume und Schäume 125 - Nach Wampen 125 - Landschaft und nackte Körper 125 - Fliege im Abseits 127 - Kaperfahrten 128 - Christinas Verschwörung 128
Kapitel 18: Das musikalische Opfer 131 - Erhards Pflicht und Kür 131 - Orgel spielen 132 - Kommersgesang 134 - Heil dir im Ziegenstall 137
Kapitel 19: Studentensommer. Mumien und Autoritäten 139 - Trampen statt Straßen bauen 139 - Die Mönche im Spielberg 140 - Utas Abschied 142 - Beyers Geburtstag 143 - Vertrauensstudenten 144 - Die Autorität des Studentenpfarrers 146
Kapitel 20: Jesus vom Dienst 148 - Bespitzelungen. Zimmerwechsel 148 - Der Überraschungsgast 149 - Gesegnete Chemiestudenten 151 - Aussiedeln oder kreuzigen 153
Kapitel 21: Frühling in Prag. Zarathustra 155 - In schlechter Verfassung 155 - Mediale Diät 157 - Sozialismus, dein menschliches Antlitz 159 - Druckfrische Konterbande 161 - Nachtwache mit Zarathustra 162
Kapitel 22: Vogelwarte. Blutsbrüderschaft 165 - Pfingsten auf Hiddensee 165 - Auf der Vogelwarte 166 - Blutsbrüderschaft mit Matrosenmesser 168 - Harzreise im Trabant 169 - Kochrezepte. Komplexchemie 171
Kapitel 23: Polenreise. Flüchtlingsgespräche 173 - Zuviel Parfum. Gesalzene Flundern 173 - Kloster Oliwa. Danziger Werft 174 - In die Masuren. Der fremde Freund 176 - Märzunruhen im August 178 - Norberts heiße Träume 180
Kapitel 24: Krakauer Sommer. Warschauer Herbst 181 - Auf dem Wawel. Das Meeresauge 181 - Flucht vor der Wirklichkeit 182 - Die Namen der Märtyrer 183
Kapitel 25: Organische Chemie. - Beyers Buch. Einfache Moleküle 186 - Im Ätherdunst 188 - Blutige Kristalle 189 - Das Schweigen der Partei 191 - Verse für den Chemikerball 193
Kapitel 26: Miriam 195 - Strahlender Herbst auf Usedom 195 - Kleine rote Hexe 196 - Das verwirrte Mädchen 198 - Widerstand und Ergebung 200
Kapitel 27: Schlesischer Winter 202 - Im Riesengebirge 202 - Schwarzweiße Fotos. Silvester in der Baude 204 - Krummhübel. Deutscher Gottesdienst 206
Kapitel 28: Künstlerkarrieren. Enttäuschte Brüder 209 - Musik und Mädels 209 - Kellner Erhard 210 - Tristesse. Saufen und singen 212 - Zwei ungleiche Brüder 213 - Caspar David 215
Kapitel 29: Greifswalder Bachwoche. Balkanurlaub 217 - Die Schweden kommen 217 - Musika contra Schwedenpunsch 218 - Weinen, Jauchzen, Lieben 220 - Budapest. Pannonia-Express 222 - Vier messerscharfe Billetts 223
Kapitel 30: Ein Sommersemester Bulgarien 225 - Russe, Sofia, Rila-Kloster 225 - Plovdiv. Die Einsamkeit der Rhodopen 227 - Vergebliche Blicke nach Griechenland 228 - Varna und Nessebar. Fluchttraum 229 - Sinnloser Dialog 230 - Ernüchternde Schlussnotiz 231
Kapitel 31: Dritte Hochschulreform. Überraschungsbesuch 232 - Der Herbst riecht nach Erdöl 232 - Melancholie und Berechnung 234 - Ullas Besuch 236 - Erhards Seelenqualen 238
Kapitel 32: Ulla kommt zurück 240 - Spektroskopie mit Caspar David 240 - Ullas zweiter Besuch 242 - Das Eis schmilzt. Bipolare Bindung 244 - Schmuggelware. Liebe für zwei 245
Kapitel 33: Verlobung und Industriepraktikum 248 - Ostseeeis. Erzhammer. Auferstehung 248 - Otto von Suchodoletz 249 - Zum Industriepraktikum 257 - Auf der Hiddensee-Fähre 259 - Was macht man mit dem Erdgas 261
Kapitel 34: Hochzeit und Staatsexamen 263 - Der Riese Atlas. Norberts Blamage 263 - Die Hauptprüfung 264 - Zorn und Resignation 265
Kapitel 35: Sommer in Kalkdorf. Ullas Bauch 267 - Gast im Elternhaus. Schulden bezahlen 267 - Schweinebraten und Buttercremetorte 269 - Die Zimmerfrage 270 - Im Weinberg des Herrn 272 - Seucheninsel. Silberpfeil 273
Kapitel 36: Provokationen. Vergebliche Kämpfe 275 - Interview in der Mensa 275 - Klärung eines Sachverhalts 277 - Eiszeit. Ullas Versuchung 278 - In die Wüste. Zu neuen Chancen 280
Kapitel 37: Maschinensprache. Geburtskanal 282 - Pseudowehen. Odra 1013 282 - Doppelbad zu dritt 283 - Datenverarbeitung. Die Lanthaniden 285 - Ein Montag im November 286 - Im Geburtskanal 288
Kapitel 38: Der Sohn 290 - Zur rechten Zeit. Am falschen Ort 290 - Ullas müder Bericht 285 - Hinter Gittern. Weibliche Geometrien 286 - Aufgeben oder verzweifeln 288 - Variationen zur Weihnachtsgeschichte 290
Kapitel 39: Erhard und Elisabeth. Norberts Schwiegereltern 292 - Erhards Verklärung 292 - Elisabeth. Caspar David im Traum 293 - Laborarbeit. Besuch aus Potsdam 295 - Miriam, zwei Jahre danach 296
Kapitel 40: Erikas Stunde. Ein Ort für das Kind 299 - Der Offenbarungseid 299 - Meteorologischer Racheengel 300 - Hoffnungsvoller Abschied 301 - Ullas schmales Zimmer 302 - Heimkehr bei Frost 304
Kapitel 41: Illegale Idylle. Diplomarbeit 306 - Rollentausch 306 - Herzfehler. Rechenfehler 307 - Kriegsknechte. Seuchenwinter 309 - Diplomarbeit mit Säugling 310 - Erikas Grafiken. Norberts Triumph 312
Kapitel 42: Abschiede. Rachegefühle 314 - Mit Dandy nach Lubmin 314 - KKW Nord. Spionageverdacht 315 - Rohstoff für Kuschelpullis 317 - Edelmetalle. Blackys Rache 318 - Abschiedstrinken im CDU 326
Kapitel 43: Umzug. Zweifache Rückkehr 329 - Von Greifswald nach Kalkdorf 329 - Taxi-Exmatrikel. Gefrorenes Gedicht 330 - Zelturlaub. Turmbesteigung 332 - Blutrausch. Berufsverbot 334
Kapitel 44: Briefgeheimnisse. Totentanz 336 - Marionetten. Blinder Eifer 336 - Uwes Karriere. Rätsel um Lutz 337 - Erhards Bittbrief 339 - Am seidenen Faden 340
Kapitel 45: Zeitsprünge. Glücksmomente. Kerkererinnerungen 343 - Die zweite Hausbesetzung 343 - Erntelied 344 - Geliebte, verhasste Wiese 346 - Jachthafen. Karzer. Stasi-Knast 348 - Abschied von Karlo 350
Kapitel 46: Vier Epitaphe 352 - Gedenken an Hans Beyer 352 - Wahrheit als Tochter der Zeit 353 - Letztes Gespräch über Uwe 355 - Epitaph für Christof 357
Anhang 359 - Ernst Moritz Arndt Universität. Abriss der Geschichte 359 - Caspar David Friedrich 354 - Greifswalder Bachwoche. Pommersches Landesmuseum 355 - Greifswalds Studentenlieder 358 - Die Lanthaniden 359
Leseprobe
Kapitel 1 Norbert Alp ohne Traum Das Viermannzimmer war dunkel. Zwei Altsemester schnarchten. Norbert kletterte auf das Doppelstockbett wie ein Leichtmatrose auf seinen Kahn. Die zweite Nacht in der ‘Wiese’ war kaum besser als seine erste. Spät nachts kamen Zimmernachbarn vom Kneipenbesuch zurück. Wutschreie bissen sich durch die Pappwand: Schnauze du Fink, dich machen wir kalt! Putz meine Schuhe, du Judensau, sonst geht’s in den Hungerbunker! Schläge, Schreie, Stille. Morgens erklärte Hajo: darfst du dir nichts bei denken, Norbert. Robert grinste: bei uns geht’s euch Finken zu gut. Kannst uns ja auch die Schuhe putzen! Norbert schwieg und trank Schwarztee, grusinische Mischung; grün war nur die Schachtel. Wo blieb der zweite ‘Fink’, ein Studienanfänger wie er? Vielleicht hatte er sich schon verdrückt! Norberts Blick traf auf einen Spiegel am Hochbett. Verlegen sah er hinein und dachte an Bruder Benno. Statt seiner war er nun hier. Er sprang auf, ließ Hajo und Robert sitzen, lief aus dem engen Zimmer. So lange wie möglich wollte er der Kasernenromantik entgehen. Der düstere Flur war leer. Er schlich an den Türen vorbei, ertappte sich beim Lauschen. War es Neugier oder hatte er die Verhaltensweise, die man von ihm erwartete, stets wachsam zu sein, so verinnerlicht, dass sie unbewusst funktionierte? Er verließ die Baracke und atmete durch. Hinter den grauen Häusern begannen sumpfige Koppeln. Norbert lief durch die Wiese zum Drahtzaun, vor eine Gruppe von Kühen. Während die Tiere sich legten, wiederzukäuen begannen, stand er im Nieselregen und bedachte die Situation. Zwischen Pappbaracken und Ossenköppen konservierte man hier den Zustand des Landes, in dem sie zu Hause waren, provisorisch und alternativlos. Norbert hatte als Oberschüler sein Latein gelernt. Parteiliches Reden war Pflicht. Die Zeiten waren günstig für ideologische Härten, also würde man Härte zeigen. Die stets gefährdete ‘Schicht der Intelligenz’ brauchte einen festen, korrigierbaren Klassenstandpunkt. Für Norbert zählte nur eins, er würde hier studieren! Leider dauerte es noch zwei Wochen, bis das Herbstsemester begann. Die männlichen Studenten der ersten Studienjahre mussten sich vormilitärisch bewähren. Sein Bruder Benno war ausgemustert, also vom Wehrdienst befreit. Für ihn würde Norbert zum Ernten fahren, mit den Mädchen seines Semesters zwischen Kartoffeln und Rüben über pommersche Felder wandern. Rollentausch Pasewalk, Anklam, Züssow, dann Greifswald. Benno hatte die Stadt am Bodden gewählt, um Chemie zu studieren. Zur Aufnahmeprüfung kam er im Juni. Jetzt lag er in der Klinik. Für ihn durfte Norbert nun fünf Jahre bleiben. In Kürze erreichte der D-Zug den Bahnhof. Norbert griff sein Gepäck, prüfte Rucksack und Koffer. Obenauf lagen Taschentücher aus Leinen. Kriepa– Papiertücher hasste er, auch waren sie kaum zu bekommen. Dafür steckte unter der Wäsche, neben Hemden, Hosen, Pullovern Bennos fast leeres Tagebuch mit einem Foto von Uta. Uta war Bennos Freundin. Sie hatte ihm Kalkdorf erträglich gemacht. Da Benno durch Krankheit nun länger ausfiel, gab er auch Uta an Norbert weiter. Doch zwischen den beiden lagen fast 250 Kilometer; Mädchen gab es in Greifswald auch. Der Eilzug Leipzig – Stralsund bremste, kreischte und stand still. Norbert griff nach dem Rucksack und schob sich das Federbett unter den Arm. Er nahm den Koffer, stieg aus und atmete Nassdampf ein, erstmals ohne den Kalkdorfer Staub. Er bedauerte Benno. Das Randberliner Klima war viel zu trocken für ihn. Am Bodden war schon der September feucht. Greifswalds Bahnhof verschwand im Nebel, ein typisches Bauwerk der pommerschen Eisenbahnen, von Anbeginn kaum verändert. Der Nieselregen nässte Norberts tiefblauen Nylonmantel. Er rückte den Rucksack zurecht, nahm das Gepäck und durchquerte die Bahnhofshalle. Er kletterte die steile Holzbohlenbrücke hinauf, überquerte zwei Bahnsteige und sechs Gleise, stieg zu den nahen Studentenbaracken hinab. Gleich dahinter, in der Fetten-Vorstadt begannen die Backsteinbauten der Chemischen Institute. Hier versteckte sich auch ‘Heim Null’, dessen Bedeutung jeder Student selbst ergründen musste. Die Lokomotive pfiff und zerrte den Eilzug weiter. Die Schwaden aus Wasser- und Schwefeldämpfen lichteten sich nur langsam. Norbert ging durch das rostige Tor, das doppelflügelig offen stand. Bei der Anmeldung in Heim sieben gab man ihm seine Adresse: Fleischerwiese, Heim drei, Zimmer Eins. Gegen Quittung bekam er ein Paket Wäsche für sein Bündel aus Daunen und Kindheitsträumen. Die kalte Zeit in der Wiese begann. Hinter Norbert lag Kalkdorf, bergig, zerklüftet, Ihr Geburtsort, ein Drecknest, bedeckt mit Zementstaub. Dort stand ihre aus Backstein gebaute Erweiterte Oberschule. Schon damals sprang Norbert regelmäßig für den übernächtigten Bruder ein, dessen Augen von morgens an brannten. Den Schulhof beherrschten die Hühner. Der erhabene Platz für die Klasse zwölf, die Abiturienten, war die drei mal drei Meter große Betonplattform des Abwassersammlers. Vor ihnen die lichte Zukunft, unter ihnen die Jauchegrube.
Die Fleischerwiese Der Nebel war gefallen. Norberts Blick ging durch das Barackengelände auf die feuchten Wiesen im Hintergrund und zu den schwarzbunten Kühen. Die Baracken, zweistöckig, grau verputzt, standen in Reihen davor. Flache Pappdächer streckten sich dunkel über den Birken und Büschen aus. Norbert setzte den Koffer ab, atmete durch. Gruppen von Studentinnen schleppten lachend Gepäck vorüber, Richtung Heim eins und zwei. Norbert begann zu begreifen: dort hinten standen die schlachtreifen Kühe, hier tanzten die sportlichen Körper der Mädchen. ‘Fleischerwiese’, wie war das gemeint? Er näherte sich Heim 3, zog die störrische Holztür auf und suchte treppauf, treppab nach dem Zimmer Eins. Er fand es in einer der dunkelsten Ecken. Hier lebten die Erstsemester und, wie sich zeigte, wenige ältere Kommilitonen, die ohne Ehrgeiz waren, was die Zimmerverteilung betraf. Norbert klopfte und dachte voll Sehnsucht an ihr Kalkdorfer Haus mit Garten. Diesen Preis aber zahlte er gern. Hier würde er einen gut dotierten, akademisch geprüften Beruf erlernen, der eine Familie ernährte. Vor kurzem war Benno davon überzeugt, selbst hier zu studieren. Nur die Chemie kam in Frage. Norbert hätte lieber Physik gewählt, doch Benno fehlte jedes Talent für höhere Mathematik. Die Biologie verlangte häufiges Mikroskopieren; Bennos Optik war schon zu schwach. Für das Chemiestudium mochte sie reichen. Dieses Fach blieb für ihn also übrig, wenn er die Chancen erwog, das Diplom zu schaffen. Als er Norbert bat, für ihn einzuspringen, hatte der gar keine Wahl. Trotzdem nahm er an. Jetzt stand er im Dunkeln und klopfte vergeblich an Zimmer Nummer eins, in dem anscheinend nichts geschah. In Norbert stritten sich Stolz und Zweifel, in Greifswald studieren zu dürfen, an einer der ältesten Unis im Land, aus der Zeit vor der Reformation. Eine Auszeichnung war es nicht, dieses muffige Internat zu beziehen. Doch er akzeptierte fast alles, um nicht länger in Kalkdorf zu wohnen, täglich Zementstaub zu atmen. ER freute sich darauf, in Greifswalds barocker Aula als ordentlicher Student immatrikuliert zu werden. Die Frage war, was wird mit Uta? Bevor Benno in der Klinik verschwand, weihte er Norbert ein: Uta weiß nichts von meiner Krankheit. Sie denkt natürlich, dass ich studiere. Ich lege sie dir ans Herz! Norbert hatte gelacht: Keine Ahnung, ob sie mich an ihr Herz lässt. Aber Bruder Benno beschwor ihn: Ich schreibe ihr, du trägst die Briefe zur Bahnpost. Brauchst sie ja nicht zu lesen. Norbert sah seinen Bruder an: Utas Antworten schon.
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