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Axel Wörner

 

THEATER-PASSAGE

 

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2018, Wende-Roman, 377 S., ISBN 978-3-86465-109-0, 18,80 EUR

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Leseprobe

Vom Verleger misstrauisch gestattete Vorbemerkung
 

Authentisch an den geschilderten Ereignissen ist lediglich deren historischer Hintergrund. Ein von der Geschichte, huldvoll wie sie zuweilen ist, eher schmunzelnd entsorgter Staat namens Deutsche Demokratische Republik (DDR). Ein Imperium namens Sowjetunion (SU) oder auch Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR), welches das letztlich schmachvolle Ende aller selbsternannten Weltbeherrscher erlitt. Und ein Deutschland, das zu lieben aus der Ferne nicht schwer fällt. Doch das Band ist zerschnitten, das Schwarz, Rot und Gold. Und Gott hat es gelitten, wer weiß, was er gewollt.

Die fiktiven Personen und Ereignisse könnten wegen Unglaublichkeit Befremden erregen. Der Autor versichert, dass es in der Realität noch schlimmer und noch lächerlicher war. Insofern versteht sich der Text als ein Beitrag zur unendlichen Geschichte der Dummheit, aber auch dazu, dass bekanntlich die Hoffnung nicht zuletzt, sondern nie stirbt. Das betrifft auch das seit Urzeiten ewige Problem der Beziehung zwischen Mann und Frau, denn wo kämen wir hin, wenn es gelöst wäre. Dabei ist es doch so einfach: Zuerst kommt meine Liebe und dann Napoleon!

 

 

 

Erstes Kapitel
 

Wulf hatte sich entschlossen, nach vielen Jahren nun endlich aufzubrechen, um die Stätten des Schwachsinns wiederzusehen, mit denen ihn aber auch anderes verband. Er wusste, dass es kein lockerer Spaziergang wird und hoffte dennoch, souverän über Zorn und Wehmut stehen zu können. Die geplanten Hinrichtungen verhießen ihm Genugtuung, erforderten jedoch einen kühlen Kopf. Er hatte an drei bis vier gedacht und die endgültige Personifizierung sollte erst im Flugzeug erfolgen. Einschließlich der unterschiedlichen Details zur Sache selbst, denn an Stereotype wie Pistole, Messer, Strang oder gar ein mittelalterliches Richtschwert hatte er nicht gedacht. Wohl aber an Enthauptungen der besonderen Art, wenngleich die drei oder vier Delinquenten über keine Häupter verfügten. Es gab keine Dummhäupter, sondern nur Dummköpfe.

Auch wollte er wegen des romantisch verklärten Tipperary in Deutschland nicht seine andere einstige Jugendliebe aufsuchen, die längst Schall und Rauch war, wohl aber eventuell einige Frauen, die in reiferen Jahren seinen Weg gekreuzt hatten. Der Grund dafür war nicht nur nostalgischer und somit alberner Art, sondern vor allem der noch unsinnigere, dass er einen abschliessenden, endgültigen, unwiderruflichen Schlussstrich unter sein früheres Privatleben zu ziehen gedachte. Es sollte als bewältigt abgehakt werden, denn seitdem er den Tipperary-Entschluss gefasst hatte, belästigten ihn längst verschollen geglaubte Erinnerungen, die es zu löschen galt, indem er sich ihnen leibhaftig zu stellen gewillt war. Dass ein solches Vorhaben nur schlimm ausgehen konnte, bedachte er nicht.

Tipperary aber auf der grünen irischen Insel hatte ungefähr sechstausend Einwohner und unter ihnen eine Frau, von der er seltsamerweise nur den Vornamen Ingrid erinnerte. Immerhin besaß er ihre Telefonnummer, die sie ihm mitgeteilt hatte. Vor fast zwanzig Jahren auf einer nahezu unleserlichen Postkarte. Mit irischer Adresse, auf der namentlich nur Ingrid, B. mitgeteilt war Woher sie die Seinige hatte, wusste er nicht.

Ingrids Postkarte klemmte durchweicht, Briefkästen waren in seiner neuen Wahlheimat eher die Ausnahme, unter der Tür seines gemieteten strandnahen Bungalows und dass es ausnahmsweise, aber fürchterlich geregnet hatte, änderte nichts an der letztlich ordnungsgemässen Zustellung. Wohl aber an der Entzifferung. Doch Ingrid, ihre Adresse und die Telefonnummer waren gut erkennbar und mit etwas Phantasie auch, dass sie ihn spöttisch an die Theater-Passage erinnerte. Woher sie seine Adresse hatte, bedurfte keines kriminalistischen Spürsinns, denn nach seiner Auswanderung hatte er zunächst affigerweise eine Menge Hochglanzkarten an Freunde und Bekannte in Deutschland geschickt. Mit dem Subtext, ätsch, ich sitze unter Palmen im sonnigen Süden. Er brauchte das wohl damals als Mutmacher, denn er war mit einem One way ticket geflogen, ohne beruhigendes finanzielles Polster und der sehr beunruhigenden Aussicht des Scheiterns. Das war auch der Grund gewesen, warum er Ingrid damals nicht anrief und später der, dass er sich eine Enttäuschung ersparen wollte, denn ein Mauerblümchen war sie nun wahrlich nicht.

Inzwischen aber nervte ihn trotz oder wegen der vergangenen Jahre die Selbstanklage, dass er sich im Status eines Volltrottels befand, weil er seinerzeit und dann später gekniffen und es nicht wenigstens versucht hatte. Aber seit einem Jahr etwa liebäugelte er mit der fixen Idee, der romantischen Vorstellung, dass Ingrid wie er noch immer solo auf Erden weilte und spät nicht zu spät ist. Er rief zwanzig Jahre nach Erhalt der vom Regen durchweichten Postkarte an. Mehrmals und mehrmals meldete sich auf dem Anrufbeantworter eine englisch sprechende Frauenstimme, bei der er sich deutschen Akzent nicht nur einredete. Das deshalb, weil er dank Internet ihre Adresse überprüfen konnte und Ingrids Nachname war zweifelsfrei weder irisch noch englisch, sondern deutsch.

Die Überlegung, dass sie ja auch in Irland einen deutschen Mann haben könnte, ließ er nicht zu und teilte bei seinem letzten Anruf der Stimme auf dem Anrufbeantworter Datum und Uhrzeit seines Eintreffens mit. Schließlich lebte man nicht zu Zeiten der Postkutsche, weshalb er Flüge und die Bahnfahrt minutiös geplant hatte. Dass das Unternehmen dennoch dem Platz am grün betuchten Pokertisch glich, störte ihn nicht, denn er war ein Spieler und als ein solcher hatte er schließlich seinen ersten Lebensunterhalt in der für ihn völlig neuen Welt gesichert. Der Einsatz war diesmal freilich er selbst, weshalb kein unerschütterliches Pokerface genügte und er im Falle von schlechten Karten gedanklich mit der Pistole liebäugelte. Vielleicht sogar im Ernst.

Dort, in Tipperary, wollte er auf einem mutmaßlich nicht historischen Bahnhof den Zug verlassen. Mit Hoffnung und seinem Herzen in der Hand, das eigentlich vernarbt sein müsste, aber stets beruhigend sicher schlug. Und wenn die Welt voll Teufel wär, hatte er oft in misslichen Situationen gedacht, und wöllt uns gar verschlingen. So fürchten wir uns nicht so sehr, es wird uns doch gelingen. Tröstlicher Spruch des Protestanten Luther für einen Atheisten wie Wulf, der keine entlaufene Nonne wollte, sondern mit bedenklicher Verzögerung Ingrid, die inzwischen natürlich in die Jahre gekommen war. Na und, das war er schließlich auch. Er hatte sie vom ersten Augenblick an geliebt und ihr das nie mitgeteilt. Nicht mal dann, wenn er am angerissenen Nachmittag gelegentlich neben ihr auf dem Barhocker in der Theater-Passage lümmelte und Roger Wittacker. hilfreich schnulzte: „Lieben Sie Brahms, Madame? Oder lieben Sie mich?“

Er traute sich ihr gegenüber einfach nicht, ließ sie auf dem von ihm errichteten Thron, begnügte sich mit seinen sonstigen wechselnden näheren Bekanntschaften und fand trotzdem das Leben lebenswert. Aber dass Liebe nicht nur ein literarisch und filmisch verwertbares Wort ist, dämmerte ihm erst im Herbst seines Lebens.

Kurzum, er war ein Trottel.

Immerhin, er hatte, es war viele Jahre her, in der Theater-Passage Ingrids Hand berührt und sie die seine. Etwas zu lang, bevor man zwei Drinks zum Klirren bringt und Ingrid hatte plötzlich spöttisch und nicht ladylike gesagt, ich könnte dir in den Arsch treten. Aber vielleicht treffen wir uns in Tipperary, wenn die Mauer fällt, woran du nicht glauben kannst, weil du trotz deiner Scheissintelligenz ein Gläubiger bist. Ich mag Irland, obwohl ich es nicht kenne. Sei nicht feige und such mich dort. In zwanzig oder auch dreißig Jahren. Ich habe das Gefühl, dass ich mit Männern immer Pech haben werde und du mit Frauen ebenso. Vielleicht lässt sich später etwas daran ändern.

Das waren seltsame und für falsche Ohren staatsfeindliche Sätze gewesen, weit vor dem legendären Jahr 1989. Aber sie fielen in einer Bar in der Theater-Passage, wo Siezerei unter den Gästen einem Sakrileg gleichgekommen wäre. Immerhin war die Tagesbar eine der vielen Nischen in dem Ländchen DDR, welches sogar Mitglied der UNO geworden war und überhaupt im ständig eingehämmerten Sprachgebrauch unaufhaltsam auf der Siegerstrasse der Geschichte voranschritt, während wie unmerkliche tektonische Verschiebungen an den Kontinenten die Geduld eines disziplinierten Volkes sich der Schmerzgrenze näherte. Die Nischen allerdings.. Sie waren für Wulf in der Erinnerung immer noch einmalig und diese Nischen würde es traurigerweise nie wieder geben. Obwohl es natürlich letztlich Scheissnischen waren.

Seitdem waren viele Jahre vergangen, in denen Wulf sportlicherweise einer Wohlstandskugel unter dem T-Shirt oder gar einer feisten Bierwampe Widerstand geleistet hatte und nun war er fast unterwegs. Aber er wusste, es ist nicht nur geographisch ein verdammt weiter Weg nach Tipperary.

 

...

 

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