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Erhard Weinholz
Lokaltermin. Berliner Ansichten
lieferbar
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2018, literarische Miniaturen, 173 S., ISBN 978-3-86465-104-5, 9,80 EURISB |
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Zum Buch Der Osten Berlins ist es, den Erhard Weinholz seit langem schon durchstreift, Motto: Habe die Orte, dann folgen die Worte. Mit den Orten verbindet sich für ihn jüngst Geschehenes ebenso wie lang Vergangenes, seine Streifzüge sind zugleich Erinnerungsreisen. Gerade der Osten, der dem Westen zweimaligen Umbruch voraus hat, lädt dazu ein. Nachdenklich, doch nie ohne Witz wendet sich dies Erinnern dem Alltag und seinen politischen Umkleidungen zu; Verklärung ist ihm fremd. Man trifft Weinholz nicht im St. Oberholz, nicht in der Sushi-Bar, aber vor Kartons auf Fenstersimsen, in der Gemeinschaft einstiger Wohnungsbesetzer oder auf der Suche nach Spielplätzen aus DDR-Zeiten. Der Sinn für das Verlorengegangene, den Günter Kunert einmal den Berlinern bescheinigt hat, ebenjener Sinn bewährt sich auch in den Geschichten dieses Buches.
Inhalt Platz des Volkes 7 Rekonstruktion 11 Vom Ende der Post-Moderne 17 Begegnung im Alltag 23 Kramen in Kartons 27 Stilles Berlin. Der U-Bahnhof Klosterstraße 33 Landpartie Nr. 1: Bahnhof verstehen 37 Revolutionen bei Nacht 43 Stadtbildbetrachtung 49 Ein unregelmäßiges Einkommen 53 Straßenbekanntschaften 57 Großstadtgeheimnisse 61 Umstrittenes Gelände 67 Mauernähe 73 Go west! Ein Berlin-Spaziergang 79 Natur hinterm Haus 85 Erlebnis auf Rädern 91 Landpartie Nr. 2: Gelobtes Land 95 Fünf Spielplätze 109 Ortsverlust 113 Härteres Leben 119 Berliner Nahverkehr 121 Kreuz des Ostens 125 Nicht ohne meine Mercedes 129 Berlin privat 133 Wurst am Wismarplatz 139 Finderlohn 143 Friedrichsfelder Ansichtskarte (1). Berlin-Lichtenberg, Hans-Loch-Viertel, Volkradstraße (1967) 149 Friedrichsfelder Ansichtskarte (2). Ortstermin Frühsommer 2000 151 Friedrichsfelder Ansichtskarte (3). Ortstermin Frühjahr 2017 153 Berliner Planwirtschaft 157 Landpartie Nr. 3: Wandertag 167 Über den Autor 173
Leseprobe Platz des Volkes Es gibt viele unbekannte Berliner und ein paar bekanntere; der bekannteste heißt Franz Biberkopf und war vor allem am Alexanderplatz unterwegs. Allex nennt ihn der richtige oder echte Berliner; er definiert sich geradezu dadurch. Ansonsten betont er bei heimischen Ortsnamen fast immer die Endsilbe, sagt nicht etwa Bernau und Grünau, sondern Bernau, Grünau, wodurch seine Sprechweise etwas Bellendes gewinnt, das, wie mir scheint, gut zu seinen sonstigen Eigenarten passt. Mit dem Alexanderplatz zu Biberkopfs Zeiten hat der heutige nur wenig noch gemein. Geblieben sind auf alle Fälle die Bahnhöfe mit den treppauf, treppab hastenden Fahrgästen und der schlechte Ruf der Gegend. Damals, in den Zwanzigern, wohnte viel einfaches Volk in den Vierteln rundum, auch waren zwielichtige Gestalten dort gern zu Hause. Maßgeblich für den Ruf waren aber natürlich die sogenannten besseren Kreise. Gibt es die in Berlin inzwischen wieder? Keine Ahnung. Etlichen Autoren jedenfalls, Autoren immerhin aus besseren Gegenden wie Frankfurt oder München, gilt der Platz heute als zugige Ödnis, als Heimstatt von Desperados, als Gelände, das man möglichst rasch und unauffällig hinter sich bringen sollte. Auch von gastronomischer Wüste ist zu lesen. Gut, das will ich gelten lassen. Es muss wohl am Publikum liegen: Die beiden größten Lokale haben schon vor Jahren, ohne Nachfolger zu finden, geschlossen – der Italiener mit der schwarzen Gondel vor der Tür im ehemaligen Haus der Elektroindustrie und das Selbstbedienungsrestaurant im Alexanderhaus, im Kellergeschoß, heute Basement genannt. Eigentlich sind wir ja Höhlenbewohner, aber anscheinend fühlten sich zu wenige dort unten zu Hause. Überlebt hat allein das DINEA oben im Galeria Kaufhof, vormals Centrum Warenhaus. Auch hier Selbstbedienung. Massenabfertigung murmeln die Autoren aus besseren Gegenden. Doch man sitzt gut inmitten dieser Massen, denn es geht hier gesittet zu und nicht so wie in manchen Münchner Festzelten. Auf Büffets und an Theken ein breites Angebot an Hauptgerichten, Suppen, Salaten, Kuchen und Desserts; etwas teuer ist das alles für meinen Geschmack, aber man kann sich ja auf einen Kaffee beschränken und seinen Kuchen von woanders mitbringen – das fällt überhaupt nicht auf. Und dann setzt man sich ans Fenster und schaut hinunter auf den Platz. Fast jeden Tag ist da unten etwas los. Mal zeigt die Feuerwehr ihre Technik, mal informieren die Krankenkassen, aber meist ist irgend ein Markt im Gange. Doch wie er sich auch nennt, stets sieht man die gewohnten Buden mit Schals und Portemonnaies, Bratwurst und gebrannten Mandeln, mit Schnickschnack aller Art. Jedes Mal steht weiter hinten der Kiosk mit der Windmühle obenauf, und es dreht sich das immergleiche alte Karussell. Dazwischen vom Morgen bis spät in den Abend ein Gewimmel von Touristenpaaren, Schülerscharen, Rentnergruppen und all jenen, die man einst unsere Werktätigen nannte, von Leuten also, mit denen die Autoren aus den besseren Gegenden möglichst wenig zu tun haben wollen. Fast jeder findet hier sein Vergnügen, auch wenn das Angebot bescheiden bleibt. Im Grunde herrscht auf dem Alexanderplatz eine fast schon immerwährende Volksfeststimmung. Eine Stimmung, die es früher, zu DDR-Zeiten, hier nur gleichsam auf Marken gab, beim großen Solidaritätsbasar Anfang September, vielleicht noch am 1. Mai. Sie war aber selbst an solchen Tagen, wie mir scheint, etwas anders als heute, hatte für mein Empfinden ein bisschen was Offizielles, leicht Gedämpftes an sich. Einmal habe ich auf dem Platz auch ein Fest zum Tag der Republik erlebt: am Abend des 7. Oktober 1989. Vierzig Jahre DDR – es war die reinste Totenfeier. Die meisten Verkaufsstände leer. Kaum Gäste im Freiluft-Restaurant. Ganz in der Nähe die ersten Demonstrationen. An der Weltzeituhr wurde heftig diskutiert: Weg mit Honecker und dem Politbüro, Schluss mit den Versorgungslücken, Pressefreiheit her, ordentliche Wahlen, eine andere, bessere DDR. Alles Dinge, die ich mir auch wünschte. Wenn aber Westler kamen und über diesen Staat herzogen, dann sagte ich: Na, hörnse mal, gucken Sie sich mal Ihren Laden an, die sogenannte BRD – Atomraketen, alte Nazis, massenweise Arbeitslose... nee danke! Denn ich dachte mir: Die wollen es doch bei uns bloß so haben wie bei sich zu Hause. Ähnlich geht es mir mit dem Alexanderplatz. Eigentlich ist er ja gar kein Platz, sondern bloß eine Restfläche. Und der ganze Rummel da steht mir manches Mal bis sonstewo, mitsamt etlichen Teilen seiner Besucher. Etwa den dauerblödelnden Berliner Primark-Prolls. Ich will den Alex aber auch nicht als Treffpunkt dieser Hochbedeutsamkeitstypen mit den mal sonoren, mal näselnden Stimmen, den wehenden Mänteln, dem tiefsinnigen Botho-Strauß-Blick. Und Kollhoffs Türme will ich nun schon gar nicht. Ja, wie soll er denn statt dessen aussehen, der andere, bessere Alexanderplatz? Und welche Reform oder Revolution könnte ihn zustande bringen? Keine Ahnung. Man muss ihn wohl so lassen, wie er ist.
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