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Hargens, Jürgen
 

 

bedenkenswert heiter, spielerisch ernst
 

ganz einfach ... Geschichten ... die das Leben nicht schrieb,

aber hätte schreiben können ....

 

in Vorbereitung, erscheint etwa Anfang Juli

 

=> Vorbestellungsanfrage beim Verlag

2018, Geschichten, 277 S., ISBN 978-3-86465-103-8, 16,80 EUR

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Inhalt

  • Was alles geschah

  • Gut Ding will Weile haben

  • Im Reiseabteil

  • Musikhalle – Musikhölle

  • U 80 – Ü 70

  • Leben

  • Neunundsechzig bis siebzig

  • Novemberblues

  • Blau

  • Wieder einmal ...

  • WasserLeben

  • A-B-C-Ziehung

  • Zwischen den Tagen

  • Geburtstag

  • Sonntagsessen

  • Essen und Trinken oder: Liebe geht durch den Magen

  • Er heißt nicht Grabowski

  • Kinder

  • Erinnerung

  • Schietwetter

  • Bis ans Ende der Welt

  • Phantastisch!

  • Alles ganz einfach – oder?

  • Zahnarzt geht auch anders

  • Irgendwie kommt es irgendwie

  • Das, was du brauchst, ist einfach ...

  • Geschäftsidee

  • Berufswechsel

  • Trauern

  • Balance

  • Alles beginnt...

  • Vielleicht

  • Schon gehört? Oder gesehen?

  • So kann’s gehen ...

 


Leseprobe

 

Was alles geschah

 

Ich wusste wirklich nicht, was der Polizist noch von mir wollte. Ich hatte ihm doch schon alles erzählt. Nicht zum ersten Mal. Merkte der denn nicht, dass es mich immer noch und trotz allem schmerzte? Wieso glaubte er mir nicht? Weshalb ließ er mich nicht in Ruhe?

Seit gestern saß ich im Polizeipräsidium fest. War freiwillig mitgegangen. Ich glaube, ich hatte selber den Arzt gerufen. Als der meine Frau gesehen und kurz untersucht hatte, nahm er mich zur Seite, rief die Polizei und wartete bei mir, bis die kam. Ich war neben der Spur, erlebte das alles wie im Traum. Meine Frau war tot! Und ich hatte sie umgebracht!

Der Polizist war nicht unsympathisch. Ein paar Jahre jünger als ich. Ein freundliches Gesicht. Einen Ehering hatte ich bei ihm nicht bemerkt. Und jede Frage nach seiner Familie hatte er abgeblockt. „Darum geht’s nicht, Herr Heinrich“, sagte er dann immer. Er schien einfach nicht zu verstehen. Manchmal verstand ich mich ja selber nicht. Aber eines wusste ich genau. Gerhild war tot. Ich hatte sie getötet. Jetzt suchte der Polizist, Hans-Peter Stock, ich kannte inzwischen seinen Namen, nach meinem Motiv. Ich hatte es ihm immer wieder erklärt. Er verstand es nicht.

„Ich habe meine Frau geliebt“, hatte ich gesagt. „Geliebt.“ Ich sah Gerhild vor mir. Wie sie aussah. Wie sie sich anfühlte. Wie sie roch. Wie sie mich ansah. Glückliche Momente. „Ich musste es tun. Ich musste doch das Glück erhalten. Es durfte nicht vergehen. Dazu  liebte ich sie viel zu sehr.“

Stock verstand nicht. Konnte er nicht oder wollte er nicht? Sah mich nur ungläubig an. Erstaunt und distanziert.

„Waren Sie noch nie glücklich?“, fragte ich ihn immer wieder. „Ich meine, so richtig glücklich. Voll und ganz. Ganz und gar durchdrungen vom Glück. Gar nicht mehr auszuhalten …“

Stock schüttelte den Kopf. „Doch, ja, na klar, aber dann bringe ich doch nicht meine Frau um.“ Er presste die Lippen zusammen, schnaubte und zeigte mir nicht nur sein mangelndes Verständnis, sondern auch seine ganze Ablehnung, ja Empörung.

Ich sackte auf dem harten Stuhl zusammen. „Sie verstehen gar nichts.“

Ich sah auf die Tischplatte vor mir. Kunststoff. Brandflecken.

„Wie gut, dass keiner hier mehr raucht“, dachte ich. „Bin ich verrückt, dass ich so etwas denke? Jetzt, wo ich verhört werde?“

Ich war durcheinander. Ich hatte geglaubt, jeder normal denkende Mensch würde mich verstehen. Begreifen, weshalb ich meine Frau getötet hatte. Damit sie immer bei mir war. Und blieb. Damit das Glück ewig hielt. Wieso begriff das denn niemand? War die ganze Welt verrückt geworden?

Gerhild.

Wir waren vierzig Jahre verheiratet, kannten uns seit fast fünfzig Jahren. Unsere Kinder waren groß. Hatten selber schon Familie. So hatten wir die letzten Jahre in wunderbarer Zweisamkeit verbracht. Das Leben genossen. Uns genossen. Rundum glücklich. So glücklich, dass ich es manchmal kaum zu glauben wagte. Dem Glück nicht traute. Gerhild lachte, wenn ich davon erzählte. Ein wenig spöttisch. Schaute mich an, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt. Spitzbübisch. Ja, das war der passende Ausdruck. Dann waren meine Zweifel wie weggewischt. Verschwunden. Aufgelöst.

Das war Glück. Das war Liebe. Glaubte ich.

Manchmal, wenn ich neben Gerhild im Bett lag, halbwach, wenn dann diese Gedanken kommen und kreisen, weil jetzt Zeit ist und sie sich jetzt nicht abstellen lassen, dann seufzte ich, stöhnte, drehte mich zu Gerhild, ängstlich, unsicher, voller Zweifel. Sie lag einfach da. Offen. Schutzlos. Voller Vertrauen. Dann küsste ich sie zart, ohne sie zu wecken, legte mich wieder hin, drehte mich auf die Seite, schlief ein. Das waren Momente, in denen ich mein Glück noch intensiver spüren konnte. Angstglück. Glückangst. Ich lächelte, freute mich und schlief ein.

Wenn ich dann am Morgen aufwachte, lag Gerhild neben mir. Wunderbar. Manchmal war sie auch schon vor mir aufgestanden. Dann hörte ich ihre vertrauten Geräusche in der Wohnung. Streckte mich und spürte, wie das Angstglück zurück strömte.

Ich hatte versucht, genau das dem Stock zu erklären. Er verstand es nicht. Nicht richtig.

Angstglück. Das war etwas, womit er nichts anfangen konnte. Und ich hatte inzwischen nicht mehr die Geduld, es ihm immer und immer wieder mit immer denselben Worten zu erklären.

„Wenn es so war“, so seine Reaktion, „dann waren sie doch glücklich. Weshalb haben Sie dann Ihre Frau umgebracht?“

Er verstand es wirklich nicht. Ich hatte meine Frau nicht umgebracht. Ich hatte unserem Glück eine andere Form verliehen. Haltbarer gemacht. Dem Alltag entrückt.

Es hatte lange gedauert, bis ich zu dieser Entscheidung gekommen war. Natürlich hatte ich Angst. Ich habe lange hin- und herüberlegt. Es war nicht einfach. Ich hatte auch Angst, mit Gerhild darüber zu reden. War das der Beginn? Der erste Schritt der Entfremdung? Ich bin mir auch jetzt nicht ganz sicher. Vor ein paar Jahren hatte ich es ihr gegenüber erwähnt. Mehr im Spaß. Dass Glück vergänglich sei. Dass man das Glück halten könnte, wenn man den Alltag verlässt.

„Wie?“, wollte sie wissen.

Ich lächelte. „Na ja, wenn ich tot bin.“

Sie erschrak.

Ich lächelte weiter. „Nein, keine Sorge. Aber dann nehme ich das Glück mit. Bis in alle Ewigkeit.“

Gerhild sah mich an. Ernst. Dann kam sie näher. Nahm mich in den Arm. „Ich möchte mit dir alt werden. Bei dir bleiben.“

Ich drückte sie. „Ich auch.“

So standen wir da. Umarmten uns. Spürten, was wir aneinander hatten.

Seitdem hatte ich nie mehr darüber gesprochen. War glücklich geblieben. Angstglück. Und dann hatte ich es gewusst. Glück hält nicht ewig. Ich muss es festhalten. Wollte Gerhild bei mir behalten. Wie konnte ich da sicher sein?

Ich las viel. Psychologie. Entwicklungsgeschichte. Und Liebesromane. Schund und große Literatur. Dann fiel es mir auf. Die Geliebte ist in mir. Das Glück ist in mir. Da wusste ich, was zu tun war. Und ich tat es dann. Um immer glücklich zu sein. Doch der Polizist verstand es nicht.

Ein merkwürdiges Geräusch stört mich. Ich kann es nicht definieren. Auch nicht orten. Es klingt wie Schnauben und Gurgeln. Ich mache die Augen auf. Und lächle. Ich wache auf. Gerhild schnarcht neben mir. Der Alptraum ist verschwunden. Das Angstglück ist weg. Ich weiß, wie gut es mir geht. Ich bin glücklich. Ich stehe leise auf und decke den Frühstückstisch für Gerhild und mich. Der Traum ist vorbei. Ich lebe. Wir leben. Und haben es gut. Das geht nur im Leben.

 

 

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