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Christian-Ulrich Baugatz

 

 

 

Die Begier nach Wirklichkeit
 

 

Ein Essay über den Dichter und Maler Adalbert Stifter (1805-1868)

 

 

2017, 331 S., 26 Illustrationen des Autors, ISBN 978-3-86465-095-6, 29,80 EUR

 

in Vorbereitung

 

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Inhaltsverzeichnis

 

1.     Kapitel: Ein Dichter für unsere Zeit                                 9

2.     Kapitel: Die Landschaft als Schicksal                             13

3.     Kapitel: Die Landschaft als Schicksal                             23

4.     Kapitel: Über das Glück, vorzüglichen Pädagogen begegnet zu sein       47

5.     Kapitel: Von der Erhabenheit des Alltäglichen               103

6.     Kapitel: „Wirksamkeit in seinem Kreise“                      141

7.     Kapitel: Bewunderung des Schönen                             148

8.     Kapitel: Ein heiteres, gelassenes Sterben                    160

9.     Kapitel: Vom Bohemus zum Bohemien                         172

10.   Kapitel: Das Leben – ein Gespräch                              184

11.   Kapitel: Weltstadt und Menschenort                            195

12.   Kapitel: Vom Eindruck zum Ausdruck                            209

13.   Kapitel: Tradition oder Systemzwang                           221

14.   Kapitel: Die Abgründe des Schicksals: Die Gestalt des Abdias            236

15.   Kapitel: Das alte Siegel                                             243

16.   Kapitel: Brigitta                                                        250

17.   Kapitel: Die große Ewigkeit der Natur und die kleine Ewigkeit des Menschen      255

18.   Kapitel: Der Waldsteig – eine Erzählung zum gesund werden             261

18.   Kapitel. Zwei Schwestern oder Kunst und tätiges Leben                    266

20.   Kapitel: Exkurs: Die Zielgruppe des Schriftstellers         270

21.   Kapitel: Der beschriebene Tännling – Der Weg von außen nach innen               287

22.   Kapitel: Der Nachsommer – ein Seelenbuch                  293

23.   Kapitel: Witiko – der Robin Hood des Böhmerwaldes     307

24.   Kapitel: Nachkommenschaften                                    319

 

Literaturverzeichnis                                                          325

Danksagung                                                                    329

Zur Biographie des Autors                                                 331

 

 

Leseprobe

 

 

1. Kapitel: Ein Dichter für unsere Zeit

 

Adalbert Stifter ist zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Im Umfeld seines 150. Todestages, am 28. Januar 2018 soll die Bedeutung herausgestellt werden, die sein Werk für unsere Zeit hat. Seine Dichtung besitzt Heilwirkung für Körper und Seele. Durch die Gestalten seiner Erzählungen, die uns in ihrer symbolischen Dichte gegenübertreten, durch die Schlichtheit seines Stils sowie durch die Verhaltenheit seiner Argumentation öffnet er uns, den Lesern, die Türen zu geistigen Schatzkammern.

Um eine erste Neugierde auf das nun zu betrachtende Werk zu wecken, sei Friedrich Nietzsche an dieser Stelle eingerückt: Der große Philosoph zählt Stifters „Nachsommer“ zu den fünf bedeutendsten deutschen Erzählungen. (F. Nietzsche: Werke Bd. II, S. 599 f.)

 

Das folgende Zitat Nietzsches enthält einen Hinweis auf Stifters Umgang mit dem Alltäglichen, zugleich mit seinen immer wieder gestellten Fragen: Was ist bedeutend und was ist unbedeutend?

„Leben und Erleben. – Sieht man zu, wie Einzelne mit ihren Erlebnissen – ihren unbedeutenden alltäglichen Erlebnissen – umzugehen wissen, so daß diese zu einem Ackerland werden, das dreimal des Jahres Frucht trägt; während Andere – und wie Viele! – durch den Wogenschlag der aufregendsten Schicksale, der mannigfaltigsten Zeit- und Volksströmungen hindurch getrieben werden und doch immer leicht, immer obenauf, wie Kork, bleiben: so ist man endlich versucht, die Menschheit in eine Minorität (Minimalität) Solcher einzuteilen, welche aus Wenigem Viel zu machen verstehen; und in eine Majorität Derer, welche aus Vielem Wenig zu machen verstehen; ja man trifft auf jene umgekehrten Hexenmeister, welche, anstatt die Welt aus Nichts, aus der Welt ein Nichts schaffen.“ (Ebenda, S. 353)

 

Stifter möchte unsere Maßstäbe verändern. Eine „biedermeierliche“ Verkleinerungslust jedoch liegt ihm völlig fern. Sich in sein Werk zu vertiefen heißt, sich in die eigene Existenz zu vertiefen, und die Frage zu stellen: Was ist für mich bedeutend und was ist unbedeutend? Welches Gewicht besitzt die Außenwelt und welches die eigene Innenwelt, die uns als die eigene Seele entgegentritt? Wieviel Aufmerksamkeit bringen wir für die Dinge und Geschehnisse um uns herum auf, wieviel Aufmerksamkeit schenken wir unserem Innenleben; und wie werden beide Eindrücke in eine produktive und gesunde Beziehung gesetzt? Zu dieser Abwägung gehört viel Ruhe, die heute in der Alltagswelt der Gesellschaft zumeist fehlt.

Viele Zeitgenossen wissen nicht nur nichts von ihrer Seele, sondern bestreiten sogar deren Existenz. – Darüber wird noch zu sprechen sein – sie leben nur im Außen, und sind ihm verfallen, mit den bekannten Folgen: Eine große innere Unruhe!

Es muß alles schnell gehen: Die Autofahrer drücken auf das Gaspedal oder auf die Hupe, der Dirigent im Konzertsaal verfällt einem Geschwindigkeitsrausch und überfordert Musiker wie Zuhörer klassischer Konzerte gleichermaßen.

Das alte Motto der olympischen Spiele: „Schneller, höher, weiter!“ wird auf alle Lebensbereiche, insbesondere die Arbeitswelt, übertragen.

Die Wohltat und die Heilkraft der Stille zu nutzen, einmal ohne die Medien und ohne die Technik auszukommen, wodurch sich der Mensch auf sich selbst zurückziehen könnte, bleibt zumeist ungenutzt. Hinzu kommt, daß durch das Übermaß der Sinneseindrücke denen sich die Menschen aussetzten, ihre Erlebnisfähigkeit durch Abstumpfung, eingeschränkt ist. Deshalb müssen immer stärkere Reize her, die allesamt einen Drogencharakter besitzen: Extremsportarten, Thriller, Alkohol, medizinische Behandlungen und natürlich auch die Suchtmittel (Drogen)selbst. Die Medien ersetzen die wirkliche Welt durch eine Scheinwelt. Die Abkehr von der Realität wird dadurch begünstigt, wie auch die Unterwerfung unter den aktuellen Zeitgeist.

Es ist jedoch die Aufgabe eines jeden Menschen, sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Ein Mensch, der seinen Halt im Außen sucht und nicht nach seiner inneren Bestimmung fragt, lebt in der Gefahr, manipuliert zu werden – in seinem Denken, seinem Verhalten und in seiner Sprache. Der außengeleitete Mensch ist der entmündigte Mensch, der Mensch ohne inneren Widerstand, der Knecht und nicht der Herr. Das Ziel der abendländischen Bildung jedoch ist der selbstbestimmte Mensch, der Mensch, der, wie Parcival, seine Seele gefunden hat.

Man könnte es so formulieren: Der Mensch, welcher sich selbst gefunden hat, hat alles gefunden, der Mensch, der sich selbst verloren hat, hat alles verloren.

Es geht darum, im Hier und Jetzt zu leben sowie das Innen und Außen mit allen Sinnen zu erfahren. Die Fähigkeit dazu kann erlernt werden, das Werk Adalbert Stifters ist eine Anleitung zu dieser Lebensart.

Um unsere Gedanken von dem düsteren Zustande unserer gegenwärtigen Massengesellschaft abzuwenden, der von Carl Gustav Jung (Psychiater) als ‚psychische Epidemie‘ eingeschätzt wird (Jung: Gesammelte Werke, Band 17, S. 201), soll ein anderer Weltenlehrer zu Worte kommen, Jiddu Krishnamurti (1895–1986). Dieser spricht das zweite Thema an, mit dem wir uns an Stifters Gedankenwelt annähern können:

„In Varanasi fragten wir Krishnaji, was er tun würde, um eine Schule zu gründen, die seine Lehren widerspiegelte. Er erwiderte: ’Nun, das Wichtigste ist, eine Atmosphäre von Erhabenheit und Weite zu schaffen. Man muß das Gefühl haben, einen Tempel zu betreten. Der Ort muß Schönheit, Ruhe und Würde ausstrahlen. Zwischen den Schülern und Lehrern muß ein Gemeinschaftsgefühl entstehen; ein Gefühl des gemeinsamen Blühens, ein Gefühl, sich an einem gesegneten Ort zu befinden. Dieser Ort muß frei sein von Furcht, die Menschen müssen aufrichtig sein. Wenn die Kinder ihre Hände auf die Erde legen, müssen sie das Jenseitige spüren.’

 

‚Wie schafft man eine solche Atmosphäre?‘

‚Ich würde damit beginnen, die Kinder zu lehren, allem gegenüber achtsam, aufmerksam zu sein‘, antwortete Krishnaji. ‚Ich würde mich fragen, wie ich das Kind lehren kann zu lernen, ohne daß das Gedächtnis – der Speicher im Kopf – ständig im Vordergrund steht. Ich würde über Achtsamkeit sprechen, nicht über Konzentration. Ich würde das Kind lehren, die Art, wie es schläft, ißt, spielt, die Möbel in seinem Zimmer, die Bäume, die Vögel, seine ganze Umgebung, bewußt wahrzunehmen. Ich würde dafür sorgen, daß es in einer Atmosphäre der Achtsamkeit aufwächst!“ (P. Jayakar: Krishnamurti, Ein Leben in Freiheit, S. 191)

 

In Stifters Werk kommt die unbedingte Aufmerksamkeit für die Realität der Dinge und Geschehnisse um uns herum zum Ausdruck, und zugleich immer wieder der Hinweis auf das Göttliche, welches den Dingen innewohnt. Die Haltung der unbedingten Aufmerksamkeit gegenüber der Realität ist die Botschaft Stifters für unsere Zeit. Allerdings geht der Begriff der Realität über alles Meßbare hinaus. Real ist das, was die Seele erfassen kann. Stifter ist ein Mystiker der Realität.

 

 

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