Bernd Ulbrich

 

Zwei tauschen ihren Schatten im Beisein eines Dritten

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Roman in zwei Bänden, 2015, zus. 990 S., ISBN Gesamtwerk 978-3-86465-090-1, 50,00 EUR

Einzeln: Band I: ISBN 978-3-86465-091-8, 26,80 EUR, Band II: ISBN 978-3-86465-092-5, 26,80 EUR

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Inhalt

 

I. TEIL                                             5

ERSTES KAPITEL: ÜBERS JAHR IN ...    7

1  Der neue Ahasver                           7

2  Wundersame Errettung                  13

3  Beilager mit der Göttin des Krieges. Visionen. Mosis Lächeln   17

4  Gespenster. Ein Toter. Unmoral       25

5  Die Initiation. Verderbliche Folgen des Zweifels    31

6  Karnaval: Der Untergang des Abendlandes: Geld liegt auf der Straße   36

7  Kurze Freiheit. Der erste Vogel fällt vom Himmel. Klage Israels     41

Zufälle. Vom lebenserhaltenden Wert des Streits. Marx und Boccaccio      43

 

ZWEITES KAPITEL: JÄGER UND GEJAGTE   47

1  Von lebenden und toten Schelmen. Historischer und erotischer Materialismus. Hamlet widerspricht Brecht   47

2  Ideen und Irritationen. Letztere lebensrettend     60

3  Frivole und historische Dialektik. Der Fluch von Atlantis und Zion      71

4  Nicht Manna fällt vom Himmel, nur ein toter Vogel. Böses Omen      76

5  Dank an die Mörder        79

6  Walter und Orlando erinnern den Krieg an sich und schreiben Musikgeschichte       80

 

DRITTES KAPITEL: FOMÀ APOLLONOWITSCH BESTENNYJ           86

1  Der General sucht seinen Frieden    86

2  Narren, die den Krieg versuchen. Kriegslisten. Dein Weg führt dich woanders hin     102

3  Von Liebe und Verrat und den zwölf Millionen Stämmen Israel    107

4  Blasphemien. Die Würde der Bestie Mensch  113

 

VIERTES KAPITEL: WENN ES ANS STERBEN GEHT     118

Ein dritter Vogel fällt vom Himmel. Das Omen erfüllt sich     118

2  Von der historischen Gerechtigkeit. Die koschere Hexe mästet ihre Opfer trejf     126

3  Jüdisch-bolschewistische Ohrenbeichte, samt Ablaßhandel. Metaphysik. Schattenspiele   144

4  Phantasien. Wissen versus Mythus. Geisterküsse  155

5  Die Sensenfrau als Lehrling. Schuldige gesucht    164

6  Wie stirbt man in Würde? Vom Nutzen des Todes und von seinem süßen Duft     176

7  Kreise schließen sich. Zwei Schüsse gegen einen    187

 

FÜNFTES KAPITEL: VON LIEBE IST NOCH KEINE REDE         193

1  Ode an die (kommunistische) Freude. Der lange Schatten der Vergangenheit     193

2  Ein alter Freund, Gefahr verkündend. Gewissensqual    201

3  Damokles’ Schwert. Zeitgewinn     219

Unfehlbarkeit. Gott ist Kommunist. Von der Heiligkeit fremder Betten. Träume     228

Wonach stinkt ein Jude? und andere Ewigkeitsfragen. Russisches Roulette      235

6  Fomàs Gastmahl. Stalagmiten und Stalaktiten. Das Nichts wirft keinen Schatten. Sprach- und Gedankenspiele  248

7  Über die Verwendbarkeit von Kanaillen       264

8  Philosophisches Süßholzraspeln. Mißverständnis. Erez Jisroel    272

9  In mythischen und anderen Nebeln. Irrtum und Besinnung (oder auch nicht). Die reinigende Kraft des Tauchbads   287

 

SECHSTES KAPITEL: DER KRIEG HAT AUCH EIN WEIBLICHES GESICHT         298

1  Die Geister, die sie riefen. Transzendente Notzucht. Zweifel und Verzweiflung der Unschuld       298

2  Braut des Todes. Unheilige Dreifaltigkeit. Der Gott der Liebe ist nicht teilbar        304

3  Der schneeweiße Geist des Kommunismus fällt vom Himmel. Das Gespenst der Liebe bleibt indessen rot       309

Ungleiche Schwestern. Man wird abwarten müssen      312

5  Metamorphose. Kleider machen Leute    320

6  Unkeusche Reflexionen. Robin Hood und die vierzig Räuber. Sesam öffne dich.           326

7  Die Macht der Vergangenheit. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm oder doch          336

8  Geld öffnet Augen und schlägt mit Blindheit. Moral contra Träumereien. Der Heilige Gral     341

9  Vertauschte Rollen. Triumph der Unmoral   354

10 Die Rote Fee ohrfeigt einen polnischen Pan und weiß auch sonst sich zu benehmen   362

 

7. KAPITEL: ABGRÜNDE           370

1  Gegensätze ziehen sich an? Wer redet hier von Gegensätzen? Politische Reflexionen auf horizontalem Niveau. Rot, weiß, himmelblau      370

2  Der zwei Judiths Opfergang. Holofernes 1 und 2: Schwäche oder Charakter?           376

3  »Zurück! Ihr rettet den Freund nicht mehr. So rettet das eigene Leben.«                384

4  Wahre Freundschaft kann nicht wanken. Die Zukunft wirft ihre Schatten. Sind Wunder bezahlbar?       392

5  Wer rettet wen? Heilige Huren und gottlose Narren      410

6  Mein ist die Rache, spricht der Herr. Dieser eine Judenlümmel aber hält sich nicht daran      422

7  Ketzerischer Orgasmus. Nastassja verliert dreifach ihre Unschuld        448

8  Zwei ehrbare Huren und die Unschuld vom Lande        461

 

II. Teil


ERSTES KAPITEL: AUFBRUCH ZU UNGEWISSEN UFERN         483

1  Gewinner und Verlierer. Von der Macht käuflicher Liebe. Verzweiflung auf allen Seiten, aber sinnstiftend     483

2  Nastassja versteht die Welt nicht mehr, zumindest nicht die männliche     488

3  Walter und Orlando verstehen die Welt. Doch nicht die weibliche. Geld macht nicht glücklich     494

4  Die Verschwörung. Unheilige Komplizenschaft bei Abwesenheit des Objekts der Begierde       499

5  Ein Pyrrhussieg. Glück und Unglück in der Liebe bedingen einander        510

 

ZWEITES KAPITEL: »UND SETZET IHR NICHT DAS LEBEN EIN, NIE WIRD EUCH DAS LEBEN GEWONNEN SEIN.«        517

1  Wundersame Wirkung der Bürokratie. Tote treiben ihr Unwesen. Hochverräterische Träume und Wahrheiten   517

Die Wirklichkeit scheitert an Träumen. Fünf Menschen, acht Charaktere      519

3  Von deutscher Wertarbeit. Wäre Wanja ein Esel, hätte er Gold geschissen. Ist Gott schwul? Begehrlichkeiten und himmlische Aussichten           521

 

DRITTES KAPITEL: FRIEDE. FORTSETZUNG DES KRIEGES MIT ANDEREN MITTELN      530

1  Nastassjas Wandlung. Ungleichung mit zu vielen Variablen    530

2  Verführerischer Wahn. Auf allen Ebenen. Der frühe Vogel fängt den Wurm. Ein anderer wird ihn fressen    549

3  Monetäre Umtriebe. Dreifacher Abschied. Jedesmal anders und doch ähnlich        555

4  Heben Frauen männliche Moral? Nur wenn genügend vorhanden. Wanja weiß mehr als Berija     564

5  Späte Folgen revolutionären Chaos. Liebe ist nicht gleich Liebe. Reichtum verpflichtet. Konspiration und Verzicht      569

 

VIERTES KAPITEL: DER TEUFEL HAT DAS GELD GEMACHT: GOTTSEIDANK       582

1  Kleider machen Leute. Übermächtige Versuchung. Von der Schönheit liquider Existenz und ewiger Werte     582

2  Die Vergangenheit stapelt hoch. Unvereinbare Fieberphantasien. Moral versus Bestechlichkeit. Das Leben obsiegt um den Preis der Liebe     596

3  Wandlungen deuten sich an. Kann man das Schicksal betrügen? Probe aufs Exempel      610

4  Des historischen Siegers Gang nach Berlin-Canossa    614

5  Gott Triton stiftet einen Zander. Schöne Jüdinnen können ihn nicht verderben. Gretchenfragen, nicht nur jene. Schattenspiele       621

 

FÜNFTES KAPITEL: RUBIKON oder Eß FIRT KEJN WEG ZURIK        637

1  Gestern Fragen ohne Antwort. Heute Antwort ohne Fragen. Aus Ernst wird Spiel, aus Spiel Ernst. Darf man die Liebe betrügen?        637

2  Die Apokalypse des Fomà. Der Meeresgott bekommt ein Gesicht. Kann man Judesein lernen?    648

3  Wer bin ich und wenn nicht, wer dann? das Urteil der Parisin. Cosi fan tutte, einmal anders    660

4  Abschiede. Endgültigkeiten, die keine sind. ›Raub der Sabinerinnen‹ auf jüdisch        673

 

SECHSTES KAPITEL: BÜRGERLICHE IDYLLE    677

1  Verrat, eine Frage des Datums. Die Geister der Toten. Schöne Weiber sind nicht klug. Oder doch?   677

2  Die Vergangenheit hat schöne Beine. Schuld und Sühne. Kreisläufe. Verbotene Liebe    692

3  Geständnisse. Das Recht auf Liebe ist das Recht auf Wahrheit, doch politisch nicht erwünscht       701

4  Dritte und letzte Wiedergeburt. Wieviele Häsinnen sind des Hasen Tod? Erkenntnis und keine Rettung      716

 


III. Teil: Exodus. Und das »rote« Meer teilte sich      739

 

ERSTES KAPITEL: ODYSSEUS BLENDET

POLYPHEM                                    740

1  Geständnisse und Mißverständnisse     740

2  Schafe in amerikanischem Wolfspelz    745

3. Vertauschte Rollen. Kein rettender Engel. Grausame raison d‘survie       753

4  American way of life, of course     767

5  In der Höhle des Bären oder Daniel in der Löwengrube     781

 

ZWEITES KAPITEL: VON FREIHEIT TRUNKEN  794

1  Und von Whodkey auch. Kann Liebe eine Krankheit sein?       794

Alle ›Spuren‹ führen nach ›Rom‹. Der blinde Seher.     803

3  Das Schiff der Untoten. Bringen Frauen an Bord Unglück? Unheimliche Passagiere     810

4  Das also ist des Pudels Kern. Mephisto, nicht als Junker. Hat er nötig?      834

5  Wer ist ein guter Jude? Wer ist überhaupt einer? Sturm kommt auf. In jeglicher Bedeutung     847

6  Altlasten. Der neue Mensch, die neue Menschin: Isch ohne Ischa? In der Liebe und in anderen Dschungeln    859

 

DRITTES KAPITEL: HELDINNEN UND HELDEN  884

1  Kreuzwege. Ein Toter ersteht auf. Ein Untoter findet letzte Ruhe            884

2  Tödliches Zwischenspiel. Holofernes wüßte würdig zu sterben                894

3  Gerächter Mord: gerechter Mord   896

4  Die Welt liebt Israel. Einspruch! Walter liebt Ljubow. Stattgegeben! Orlando liebt Julija. Kann er das beweisen?      908

5  Noch einmal Karnaval. Triton läßt die Maske fallen. Phantasiestück für sechs Kanonen und ein Schnellfeuergeschütz          920

6  Ankunft. Kam, sah und siegte findet nicht statt. Später aber doch           934

 

Epilog               943

 

 

 

Leseprobe

 

ERSTES KAPITEL
ÜBERS JAHR IN ...

 

1  Der neue Ahasver

Mehr noch Silhouette, farcenhafte Schattenweltgestalt, denn tatsächlich existent, täuschte die Erscheinung Leben vor, gleichsam aus Danteschem Kreis hierher verschlagen, jeder Poesie und Logik spottend. Indes jener, Wanderer zwischen Sphären oder Toter auf Widerruf, eine leichte Steigung gewann, immer wieder Sprengtrichtern oder zerstörtem Militärgerät ausweichend, hier und da wohl auch strauchelnd vor Schwäche auf tückischer Januarglätte, legte er allerdings an Kontur und Inhalt zu, blieb näherkommend jedoch widersprüchlich fern als könne der Spuk sich nicht entscheiden, endgültig in die Wirklichkeit zu übersiedeln. Gleichwohl schritt diese lachhafte Spiegelung von eines Menschen Bild unbeirrt voran; bemerkenswertes Ereignis, nicht unbedingt durch Ort und Zeit des Auftritts, nicht durch irgendeine Äußerlichkeit, noch durch die Umstände des Krieges, die selbst aus dem alltäglichsten Geschick Tragik oder Heroik zu fabrizieren pflegen. Es war etwas Atmosphärisches um ihn, etwas, das Tiere auf Kilometerentfernung wittern und sich aufheulend verkriechen. Zerlumpt und abgemagert zogen viele zuzeiten über Straßen und Wege. Die Kleidung mochte Zufälligkeiten geschuldet sein, weniger dem Charakter; hier einem toten Soldaten die Knobelbecher streitig gemacht, dort einem Kadaver die Joppe vom häutigen Gerippe gezupft. An Gewinnst kam so wenig zustande wie an Dank. Der HErr vergelt’s, Bruder, wenn der Bedürftige noch einen kannte. Die Ausdünstung des Verfalls hielt sich in seinem Fall erträglich; unklar, ob sie sich aus dessen Leiblichkeit oder vom Habit verströmte. Gnädig kalt war’s immerhin um den solcherart Gezeichneten. Von Todesverachtung zumindest zeugte die Kopfbedeckung. Nicht etwa ein bescheidener Spudik wie ihn Leute bevorzugten, die mit solchem Fellmützchen nicht viel von sich her zu machen pflegten. Den Schädel des Kriegsgewinnlers bedeckte ein Strejmel (wie Rabbi Jechiel Chaim Wagschal von Mukačevo, er ruhe in Frieden, keinen prächtigeren getragen hatte), jene eitle Gottesfürchtigkeit der Chassidim und ihrer Nachahmer mosaischen Glaubens, hier und jetzt kurioser, wenn nicht provokanter Gegenstand, keinesfalls Bekenntnis, da ansonsten nichts Jüdisch-Kabbalistisches, weder Vollbart noch Pejeß, nicht einmal die Jarmulke zu erkennen war unterm Hut; luxuriös mit Nerz verbrämt, lachhafter Kontrast zum übrigen.

Ein Jude war das nicht.

Vielleicht ein Verrückter. Warum nicht gar ein verrückter Jude? Darin läge beileibe nichts Staunenswertes. Die Zeiten waren verrückt und mörderisch. Mußten die Überlebenden daran nicht meschugge geworden sein? Zahllos die Kopfbedeckungen der Toten. Anläßlich Weltuntergangsvorkommnissen pflegen gelegentlich selbst Kronen auf der Straße zu liegen. Warum nicht auch ein chassidischer oder nichtchassidischer Strejmel, hol‘s der Teufel?

Sein Weg führte ihn zwischen die Fronten, was ihn nicht zu bekümmern schien. Da ohnehin kein Mensch wußte, wo die Deutschen standen und wo die Russen, nicht einmal diese selbst. Vielleicht war er – Sonderling, dem der Krieg nebensächlicher geworden als, beispielsweise, eine Nierenkolik – sich der Verhältnisse nicht einmal bewußt, suchte keine Deckung im Straßengraben, schritt auch nicht aus Übermut aufrecht dahin. Vielleicht war ihm die Zukunft unwichtig, vielleicht rechnete er auf gar keine mehr, wie zuweilen Menschen, denen die Vergangenheit abhanden gekommen. Indes irgendeine mußte er doch erlitten haben; wie jegliche Kreatur. Worauf lauschte er gelegentlich, hielt, verhalten lächelnd, Ausschau als erwarte er seine Liebste zum Rendezvous? Mit dem fernen Dröhnen der Kanonade korrespondierte er sichtlich nicht. Unvermutet, als wollte er einen ihn neckenden Verfolger in flagranti ertappen, wandte er sich hin und wieder um. Aber da war niemand. Vielleicht hoffte er, daß da jemand wäre, ihm die Beschwerlichkeit des Weges ein wenig zu erleichtern oder unbeantwortbare Fragen zu erörtern. Hierin wirkte er übrigens überaus lebendig, mit leicht erhobenem Antlitz, dessen Haltung durchaus Raum ließ zur Bestätigung des bereits Bekannten. Überraschen konnte den wohl nichts mehr. Und doch strafte der Faltenwechsel um den Mund den Eindruck Lügen. Ansonsten sprach die Mechanik seiner Gangart, unterbrochen von gelegentlichen Ausfällen, eher für die eines Toten, eines Wesens eben, das aller Natürlichkeit entbehrt, durch einen fremden, sei es göttlichen Willen wiedererweckt wurde und sich – hin und wieder dagegen aufbegehrend – darein schickt. In den Augen spiegelt sich immerhin noch ein Abglanz verflossenen Daseins, das ihm, vorzeitig vielleicht beendet, somit Schuldenlasten aufgebürdet hat. Manchmal bückte er sich, furchte mit der Hand ein Häufchen Schnee auf und schob es sich in den Mund, leckte sich begierig noch das letzte Gran an Frische von den Lippen. Also bewegte ihn doch weiterhin ein menschliches Bedürfnis. (Triumphierend, da mit dem menschlichen Elend jener wie aller anderen Epochen fühlend und hoffend, stellen wir dies fest.) Keineswegs wirkte ja das Angesicht abgestumpft (wenn auch von überstandenen Qualen gezeichnet), nicht die Haltung verkrampft von innerer Leere, wenn auch um eine Würde bemüht, die sich aus geheimnisvollen mythischen Quellen speisen mochte. So möchten wir seine Person gerne verklären. Doch die Wahrheit war banal, auch wenn ihm im Augenblick mit der Schwäche der Lenden jeglicher Ausdruck von Sinnlichkeit abzugehen schien. So betrachtet nannte er wohl doch eine Vergangenheit sein eigen. Immerhin wach wie ein Schiffbrüchiger auf schwankem Floß, ein verzweifelt Lebender und Liebender, spähte er hier und da in die Runde, mit einem Hunger in der Seele als hätte er diese Welt soeben erst erneut betreten, mit einer Naivität, die sich eines verwirkten Lebens erfreute.

Mit dieser bemerkenswerten Eigenschaft von Beginn und Ende angehaftet, von Leben und Tod, von schuldig und schuldlos, rein und unrein, nahm er seinen Weg. Tun kann er nicht viel mehr als zu hoffen. Der Wind mag sich drehen, für ihn ist es einerlei. Jede Richtung ist gleich gut oder auch nicht. Er gewinnt einem jeden noch ein Quentchen Lust am Sterben ab. Aber genau dieser zaghafte Ausdruck von Mut in dessen leidgeprüftem Antlitz fand Resonanz auch in seinem Schritt, beflügelte ihn offenbar zu hin und wieder sogar tänzerischer Attitüde als beabsichtige er mit einem komödiantisch spielerischen Element des Stolzes dem tragischen der Gegenwart doch irgendeine Zukunft abzutrotzen. Wenn in diesem Augenblick aus unerfindlichem Grund der Waffenlärm um den Ort vom crescendo assai zum calando calmato schrittweise abflaute, obwohl hin und wieder unterbrochen von gelegentlichen Fugati und kleinen kakophonischen Pizzicati automatischer Waffen, bot dies naturgemäß keine Sicherheit, weder für das eine noch für das andere.

In der Ferne rumorte die Front, herauf- wie abziehende Karnavalsprozession von deren ausgelassenem Treiben vorerst nur der dumpfe Schall der Kesselpauken und Trommeln zu vernehmen ist, das Sausen des Wegbereiters Sense. Die Straße frei dem bunten Reigen! Dessen Akteure haben sich verkleidet. Sie spielen Soldat und General, Tod und Priester und, – nun ja, ein wenig vermessen, Gott und Teufel, Engel und Dämon. Katjuscha, die stimmgewaltige Schwester des fröhlichen Schnitters geht um und verteilt Lose, Niete, Niete, Volltreffer. Ihr Gesang klingt ein wenig schrill, doch ist er aufrichtig gemeint.

Indessen ihn, den einsamen und doch zielbewußt Irrenden zwischen den Fronten, schien kein Aspekt dieses Geschehens tatsächlich zu berühren. Wie unter einem Tarnmantel des Schweigens mühte er sich vorwärts durch Schnee und Eispfützen. Entbehrungen hatten die Substanz seines Wesens von den Schlacken der Selbstgenügsamkeit und des Selbstbetrugs befreit. Keine Erniedrigung, keine Demütigung hatte vermocht, ihn zu zerbrechen. Solches nicht erlitten zu haben, stellte keineswegs ein Privilegium dar: einzig das Überleben. In dem des Leibes teilte er sich wiederum mit Millionen, und diese Normalität verlieh ihm, so anmaßend wie hintertreiberisch, den trughaften Heiligenschein der Durchschnittlichkeit. In dem der Seele fand sich weniger Gemeinschaft, die zu suchen ihm im Augenblick kaum notwendig erschien, so daß nicht einmal sein sporadisch waches Auge ausreichen wollte, ihn vor solchem Hintergrund aus der Masse derer zu heben, die das Grauen abgestumpft und gleichgültig gegen die Not des Menschen hatte werden lassen. Hunger quälte sie alle zu Zeiten der Maskerade, außer, gewiß, schlaufeistes Bauernpack oder vollgefressene Kapos. Aber der Not des Leibes geht, als durchaus endemische, die des Geistes voraus. Dieses Bewußtsein wenigstens schien sich in seinem Blick niederzuschlagen, mit dem er den Schnee an seinen Stiefelsohlen betrachtete und dann den Fuß vorsichtig und zärtlich wie auf eine Pretiose wieder hinsetzte, ihn setzte in die knirschende Stille unter des mythischen Helden Tarnmantel, der gleichzeitig fragile Unverletzlichkeit garantierte, fortsetzte seinen Weg, dessen Richtigkeit ihm irgendein Glaube versichern mochte, Überzeugung oder Illusion an ein Ziel menschlichen Seins überhaupt. Aber auch dies, wenn eigentlich, schien nicht das Außergewöhnliche seiner Wesenheit zu bilden. Der Schnee war unschuldig, er selbst war es nicht. Schuldlosigkeit wäre ein verdächtiges Indiz gewesen, zu diesen mehr noch als zu allen anderen Zeiten. Er bekannte sich zu seiner Schuld, indem er den Schnee betrachtete und ihn um Vergebung bat dafür, daß er dessen makellose Struktur mit seinen Stiefelsohlen zerstörte. Nicht als ein Mystiker, ein Esoteriker, ein Gläubiger, pries er die Unverletzlichkeit der Welt als höchstes Gut. Ein Eingeweihter anderer Art schien er dennoch zu sein. Denn er hatte dem Tod mehrfach allzu nahegestanden und selbst den Krieg zu achten gelernt als ein Phänomen der Erkenntnis: und gedachte in Demut der Opfer. Aber noch die Erfahrung der gerechten Rache hatte ihn an seine Grenzen geführt. In diesen akzeptierte er, daß man das Schicksal nicht allzu oft versuchen dürfe. Aus dem Wissen um das endliche Maß aller Glücksmomente, welches einem Menschen zugestanden ist, resultierte ein gebührender Fatalismus, nun nicht mehr Schicksalsergebenheit geheißen, nachdem er die einmal erduldet, nicht die selbstquälerische Frage, ob Zufall oder Prädestination, gefaßt in die blödsinnige Formel: warum gerade ich oder ich nicht? – sondern einfach ein gewisser Witz und eben jener asymmetrische Stolz, der dem Gleichschritt des Todes entgegenstand.

 

 

2  Wundersame Errettung

Vielleicht, wenn nicht schon angeboren, war der in jenem unendlich fern dünkenden Zeitloch entstanden, da seinen Todesengel im Moment des Abdrückens eine Nierenkolik ereilte, die Kugel fehlging unterm linken Oberarm hindurch, und er, der Delinquent, dem von Schmerz Gebeutelten, die Pistole aufklauben und ihn von der Grube wegführen (mehr tragen als stützen) mußte, also den Taumelnden davor bewahrte selbst hineinzustürzen ins Grab der Opfer. Niemand aus dem Exekutionskommando eilte herbei, so überaus unglaublich zelebrierte sich der Vorgang, niemand riß den unerlöst Gepeinigten weg von der Seite des gepeinigten Peinigers, um ihn dem geplanten Schicksal zuzuführen. Ebenso hielten die übrigen Schützen der Endlösung inne. Das Krachen der Genickschüsse erstarb, und man hätte bei genauem Hinhören Seufzer der Erleichterung vernehmen können von der Pein, den ausgestreckten Arm zu senken und den Zeigefinger entspannen zu dürfen. Auch die Kolonne der noch wartenden Opfer atmete für diesen Moment geschenkten Lebens auf. Sie hätten die Verwirrung nutzen, die Bewacher überwältigen und in die Wälder flüchten können. Denn ihrer waren viele. Die meisten hätten es geschafft. Doch sie verharrten reglos, sei es aus dreitausendjährig schuldhafter Gottergebenheit, sei es aus der verblüffenden Erkenntnis, daß auch Todesengel Koliken bekommen können, also doch genau so Mensch sind, Kreatur, wie sie selber. Vielleicht ging ihnen erst jetzt diese Einsicht auf, daß es sich ja doch auch um ihresgleichen handelte, die ihnen das antaten, und diese Erschütterung aus sündhaft verspäteter Erkenntnis mochte sie unfähig zur Tat machen.

Zwischen dem Samariter und dem Schächer ergab sich ein Zustand körperlicher Nähe wie zuweilen eben zwischen Retter und Gerettetem oder zwischen Geisel und Geiselnehmer; ein gemeinsames Geschick gewissermaßen, wenngleich ausgehend von konträrer Absicht, kettet beide aneinander, verwischt Grenzen, tauscht gar Rollen. Erst in solcher Wechselbeziehung, mit der daraus resultierenden Verkehrung, durchdringen beider Existenzebenen sich wie zwei Wellenkreise und löschen einander entweder aus oder bewirken ihre gegenseitige Verstärkung. Letzteres mochte in dieser Sekunde wohl eingetreten sein, eine Resonanz zwischen Sein und Nichtsein, die dem Aspekt des Lebens Erhöhung eintrug. Nun war es sicherlich nicht so, daß der hinfällige SS-Offizier und seine Helfershelfer das Leid des Opfers nachempfunden hätten. Wir wollen ihnen indes einen Rest an menschlichem Empfinden nicht absprechen, der, überdeckt von Befehl und Indoktrination, irgendwo in einem Abgrund ihres Unbewußten schlummerte. Möglicherweise beeindruckte sie die Geste des Todgeweihten, zu welcher sie ihrerseits sich wohl nicht befähigt gehalten hätten, weckte Erinnerung an heldische Sagengestalten, die sich der Größe eines überlegenen, aber fairen Feindes beugten und sich somit wenigsten den Stolz bewahrten. Ja, es war wohl diese Sehnsucht nach Glorie, welche sie zuallererst überrumpelte, die sie dann allerdings vielleicht beschämt und den unwürdigen Helfer doch noch seinem Ende würde überantwortet haben, hätte der sich nicht etliche Meter von der Todesgrube entfernt am Ende seiner schwachen Kräfte gesehen und den Stöhnenden, sich Krümmenden fallen gelassen. Der banale Sturz rüttelte den Stein im linken Ureter frei, führte ihn mit einem Schwall Urin in die Blase und von dort über die Harnröhre in die Unterhose des Hauptsturmführers ab. Der Flanell konnte nur einen kleinen Teil der Menge aufsaugen, und so breitete sich auf dem grauen Uniformstoff der Breeches zwischen den Schenkeln des Mannes ein dunkler Fleck aus. Es ist schwer zu beurteilen, ob diese Peinlichkeit oder die augenblicklich einsetzende Schmerzfreiheit dazu führten, daß der Befehlshaber sich behende aufraffte (intuitiv hatte der Helfer davon abgesehen, ihn auch noch darin zu unterstützen) und seine glotzenden Kumpane mit einem ›Weitermachen‹ scharf anfuhr. Ihrer Aufmerksamkeit ledig, delegierte er zunächst, schamhaft abgewendet, die Befehlsgewalt über die Aktion an einen Untersturmführer und befahl schließlich, in Ermangelung einer anderen Lösung, seinem Retter, ihn zurück ins Lager zu begleiten. Erst jetzt bemerkte er seine Pistole in dessen Hand, und durch den diskreten Wechsel in sein Holster entstand endgültig ein Moment von Komplizenschaft, welches Orlando zurückweichen ließ. Er wäre bereit gewesen, sich seinen Leidensgenossen wieder anzuschließen, sich erneut einzureihen in die Phalanx der Märtyrer, um auf diese Weise ein Zeichen, weniger als das, Strich, Punkt eines Zeichens, Fragment eines Fragments, im Buche der Geschichte darzustellen, nicht mehr. Aber der feldgraue Todesgott erlaubte ihm die Reinwaschung von seiner Schuldenlast nicht, und so kehrte er schließlich mit dieser, Monate später, an einem Tag der Stille, in die Weltzeit zurück. Doch bereits in jenem zurückliegenden ersten Augenblick der Errettung drang zu ihr, der stillstehenden Weltzeitinsel, nichts hin, als das Knattern wieder einsetzender Schüsse des Exekutionskommandos unter Befehl eines ehrgeizigen SS-Untersturmführers, der für den verbleibenden Rest des Krieges noch auf Beförderung hoffte. Gnädig filterten die Bäume des Waldes schließlich die Laute des Sterbens. Der bald darauf (nun ja, je nach Standpunkt, erst Äonen später) sich anschließende Lärm des Untergangs ließ sie nicht wiedererstehen. Bis zu jenem künftigen Tag also der Niemandslands- und Keinerzeitstille, aus der ihn erst der neu heranbrandende Tod erlöste, der ihn jedoch, einmal genarrt, erneut abwies.

Wie aus entlegenen magmatischen Klüften hervorbrechend, ergoß sich die Flut sagenumwobener Schatten, verdichtet vom Grauen vorweltlicher Herkunft, Gestalt erlangend durch gutturale Laute der Selbstbeschwörung über das Lager. Still, zäh und ihre innere Glut verbergend, zerstörte sie unwiderstehlich die schöne Systematik der arischen Vernichtungsmaschinerie, die Parade gut geölter Waffen, die Phalanx schmucker Uniformen, die akkurate Ordnung der Todesverwaltung. War nicht so eben noch der Wachtwechsel routiniert und pünktlich vollzogen worden? Wie sparsam ging die Mannschaft mit der Munition um! Wie mustergültig unerschütterlich vollzogen die Helden ihren von der bebrillten Vorsehung diktierten Auftrag! All diese Werte waren plötzlich in einem wesenlosen Augenblick der Stille dahin und futsch. Wohin wendet sich ein Mensch, dessen Bestimmung der Tod gewesen, was hat er in der Welt noch verloren? Dieser, mehr Einsicht denn Frage, folgten etliche der Überlebenden in gewissermaßen übermenschlicher Konsequenz – da die gläubig atheistische Flut aus dem Osten, indem sie sich selbst dazu verklärte, die nordische Vorsehung an der Vollendung ihres Planes hinderte – und starben freiwillig. Mit der Hellsichtigkeit des ewigen Opfers zogen sie dies Ende dem in einem ›Sanatorium auf der Krim‹ sowie anderen Versprechungen vor. Orlando Hell hingegen entschied sich wahrscheinlich aus einem einzigen Grund weiterzuleben, weil er eine Verabredung hatte, eine ziemlich banale und angesichts der Umstände vielleicht sogar alberne, keineswegs schicksalsintendierte, aber doch so etwas dieser Art. Von dessen Partner, wenn dieser einzige Freund überhaupt noch unter den Lebenden weilte, war nicht einmal sicher, ob er sie einhalten würde. Übers Jahr in Jerusalem, pflegten die von römischer Hand vor zweitausend Jahren in alle Welt Verstreuten sich Mut zuzusprechen. Orlando und sein Rendezvous hatten es schlichter, da realistischer, gehalten. Was ging schließlich zweitausendjährig jüdische Sentimentalität sie an? Auf diese Weise hatte er wenigstens einen glaubwürdigen und mit ein wenig Glück erreichbaren Punkt vor Augen. Das war viel in dieser Zeit, ein Ziel. Wenn es sich dabei auch nur um das bürgerlich solide Etablissement in einer kleinen polnischen Stadt handelte, mithin das Bordell der ehrenwerten Pani Agneta. Ohne gegenseitige Verabredung handelten beide Kampfparteien in der Absicht, die vielversprechende Lokalität zu verschonen.

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