Bernd Ulbrich

 

Ein schöner Tag zum Leben nach dem Tod

Roman

 

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2017, Roman, 557 S., ISBN 978-3-86465-086-4, 24,80 EUR

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Nach Ulbrichs Roman Zwei tauschen ihren Schatten im Beisein eines Dritten, hätte man eine Steigerung nicht mehr für möglich gehalten. Wie wäre ein Meisterwerk zu übertreffen? Die Frage heischt keine Antwort. Mit diesem jetzt vorliegenden Werk schuf der Autor eine Symphonie der Liebe, die an manchen Stellen die poetische Dichte des Liedes der Lieder erreicht und auch darin von Mal zu Mal noch Steigerung erfährt. Der Autor übertrifft sich selbst, nicht nur durch den Kontrast zu einem Todesszenarium, wie es extremer nicht möglich ist, das Grauen in höchster Potenz. Darf ein Autor das? Er darf, er muß. Aber handelt es sich hier nicht um Phantasien in krankhafter Ausformung? Der gute Zweck heiligt die Mittel, allemal in der Literatur. Die Liebe in Reinstkultur? Gibt es die, ohne in Klischee und Kitsch zu verfallen? Ulbrich bringt das Kunststück fertig, unsentimetal, immer wieder gebrochen durch Ironie und andere Kontraste, beschwört er die Liebe als einzig mögliche Rettung der Protagonisten, setzt sie Zweifeln aus und Wiedersprüchen, Schwächen und Verirrungen. Was sich wie ein roter Faden auch durch seine früheren Romane zieht, die Liebe als Schlüssel zur Freiheit, nicht deformiert durch kleinbürgerliche Konventionen und religiöse Indoktrinierung, kann ihrer Funktion nur gerecht werden, indem sie selbst frei ist, Ursache und Wirkung in Einem sein, dabei ihre größte Kraft entfaltend in zärtlicher Stille und kompromißlosem Widerstand. Der Weg der Liebenden ist gezeichnet von Opfern. Daran wird sie zu messen sein auf der Skala von Null bis Unendlich.

 

 

Leseprobe

  

Als schwiege das Nichts selbst brach Unerhörtes über ihn herein, eine Art transzendenter Laut–Losigkeit. Was auf einen Mangel an Logik schließen ließ; lachhafter Kurzschluß infolge überreizter Nerven. Wie nicht, nach der Todeserfahrung vergangener Tage oder Wochen. Er versuchte zu lächeln, immerhin; Spieglein, Spieglein an der Wand. Aber da war kein Spieglein, auch keine Wand, nur Schatten. Um sich seiner selbst zu versichern, probierte er es mit einem Schrei. Der mißlang ebenso wie das Lächeln. Was Wunder? Auch das Echo schwieg. Hollodrio, Drio, Rio! Oder war er über die Tage und Wochen der Gefangenschaft einfach nur, einfach nur was? Ertaubt oder verrückt geworden von seinem unablässigen Schrei, dem wahrhaftig kreatürlichen, von Entsetzen getriebenen in der Enge seines unterirdischen Verlieses, der ihn auch jetzt noch unhörbar tausendfältig verfolgte wie von fremden Stimmen – kreisend im karg bemessenen Raum seiner selbst –, die in den Pausen des Nichts’ zum tonlosen Flüstern erloschen, und ihn fortwährend narrten, als seien das fremde Wesen, welche unhörbare Formeln der Erlösung wisperten, auch jetzt noch, da er sich erlöst sah, hineinerlöst in eine Welt der Stille. Sie versprachen ihm Rettung: Liebe deine Feinde. Das war nicht seine Sprache. Denn er hatte keinen Gott angerufen in der Not. Sein Schrei war keiner Antwort gewürdigt worden. Woher auch, von wem? Er versuchte, den blinden Blick zu heben und begegnete dem Lächeln des Lichts. Es wenigstens erwiderte seine Grimasse, lautloses Echo, hilflos vor seinem unbefriedigenden Zustand. Was sollte es auf sein Gekrächze auch antworten? Die Berge hatten es aufgegeben, nach ihm zu rufen, hatten ihn abgeschrieben. Aber so schnell gibt ein Georg Steiner nicht auf, so schnell nicht. Wenn nur diese verdammte Stille nicht wäre. Beängstigend, unnatürlich, als wäre das Sein an sich aufgehoben. Was für eine Formulierung, wenn auch ein bißchen pathetisch. Und doch schien dieses Schweigen nicht von dieser Welt. Das kam ihm inkonsequent vor. Was oder wer sollte denn schweigen als die Welt selbst, wenn schon? Konsequenz, was für eine Konsequenz mochte sich ergeben aus seinem Nicht-doch-Zustand zwischen Sein oder Nichtsein? Hamlet läßt grüßen. Dem Willen seiner Mörder zufolge, sollte er tot sein; hinreichende Voraussetzung: perfider Plan, perfekter Mord. Stattdessen Pfusch. Der Leichnam lebt. Oder auch nicht. Juristisch-quantenmechanische Unschärfe versus subjektive Befindlichkeit: tot ist tot, oder auch nur zur Hälfte. Uneindeutig definiert. Mediziner und Philosophen stritten zum Thema. Woher das Perfekt? Sie streiten übers Grab hinaus, diese Ehrgeizlinge. Der Geist lebt, auch wenn der Körper schon. Schon was? Allgemeinverständlich: Hirnströme gleich Null, wie Herzschlag und Atmung. Verfall, Verwesung, aus. Unumkehrbar. Außer bei Heiligen.

Mißtrauisch sog er Luft durch die Nüstern. Seltsame Düfte stiegen ihm in die Nase. Hatte man je gehört, daß Tote gut riechen? Ironischer Doppelsinn. Er grinste, wahrscheinlich, oder auch nicht. Behindert durch mumienharte Haut. Oder? Was wußte denn er, wie Verstorbene sich selbst wahrnehmen? Schnüffelte wie ein blindes Vieh auf der Suche nach Grabesdünsten. Paradiesisch betörend roch es, ihm zum Spotte; nach Erde, nach Harz, nach sonnendurchwärmtem Gestein, sowie nach trügerischer Stille. Wie vertrug sich das mit dem Nichts?

Seine, des Existentiellen Phänomene schienen Georg zweifelhaft, Gaukeley, wie das grOße, götTLiche Licht: Wärme. Farben. Töne. Vor allem Töne. Das Gehör stirbt zuletzt. Daraus ist nichts abzuleiten, schon gar nicht ein wiedergewonnenes Dasein. Dasein wo und wozu? In wessen Namen? Rauschte dem Sterbenden das Blut in den Ohren? Der Fluß des Vergessens rauschte vermutlich nicht. Dieser, an dessen Ufer es ihn geschwemmt hatte, zog lautlos seine Bahn. Es klappert die Mühle am rauschenden Bach, klippklapp. Noch rauschte in der verblassenden Erinnerung (irgendwann einmal vor Äonen) Wind in Wipfeln. Wie lange war das her als noch Mühlen klapperten? Zeit. Zeit. Was war vor dem Urknall? Müßige Frage. Hatten sie ihn davor oder danach getötet? Menschlich verständliche Neugier. Inkompatibel mit dem Nichtzustand der Ewigkeit. Ewigkeit ist Ewigkeit. Da gibt’s kein Vorher und kein Nachher.

Sanft und mild, noch mit Resten morgendlicher Kühle beladen, fiel Wind von Süden her in die Klamm ein, säuselte schließlich unhörbar in Klüften, heulte ohnmächtig in Kaminen, beugte ungehört Gras und Kraut, und er, der Geworfene, bildete sich ein, wie das Echo eines vergangenen Lebens, selbst des kargen Grüns Rascheln und Knistern, sein Wispern und Raunen zu vernehmen. Es richtete sich an nichts und niemanden, war zweck- und fragloses Zeugnis träumerisch verbrachter Tage. Der seinen oder auch nicht. Allein diese entsetzliche, irgendwo lauernde, unerklärliche und beängstigende Stille schien einen kryptischen Sinn zu haben. Wie mit drohend ewigen Resonanzen verlockte sie ihn, den Blindsichtigen, Taubhörigen; schmerzhaft oder auch nicht. Wozu, wohin, wofür? War sie Teil von ihm oder Auswurf der Welt? Verströmte sie sich aus seinem Innern oder drang sie von außen auf ihn ein? Das hätte die Frage vor der Frage entschieden. Was besagten schon transversale atmosphärische Schwingungen oder auch keine? Irgendwo knackt ein Ast. Irgendwo kollert Geröll. Irgendwo schreit ein Vogel, höhnt seiner, des Hilflosen, mit scharfem, gehässigem Laut. Dennoch erschienen ihm solche Ereignisse unwirklich, eingebettet in eine absurde Ton-Verlorenheit. Der Tod, dieser alte Erlöser, kommt auf leisen Sohlen, hat weder Stimme, noch Schritt. Er hüllt den Auserwählten ein in den Mantel seines gnädigen Schweigens. So salbadern sie, die verlogenen Tröster im NaMen ihReS HeRrN. Gib uns ein Zeichen DeIner GnaDe, o HeRr! Schweigen, Stille. Kein Trommler schreitet durch die Nacht, kein Glockenschlag läutet Aurora, Mittagsglast, Abendröte ein. Kein Geschrei um nichts. Auferweckt von den Toten? Kaum Bemerkenswertes also, ein Tag wie jeder andere, wenigstens hier in dieser Einöde. Das bißchen geschenkte Leben verleiht ihm, nun ja, eine gewisse alltäglich eingegrenzte Bedeutung, dem Ort wie dem Moment. Doch irgendwo dahinter existierte es, das Unaussprechliche, das Undenkbare. Dahinter wo? Hinter den Bergen, bei den sieben Zwergen. Ich werde verrückt, sagte er sich, schlußfolgerte indessen messerscharf, Tote können alles mögliche sein, nur nicht verrückt. Bemerkenswerte Überzeugung, allerdings, und ein Anzeichen wiederkehrender Logik.

Was erwartete er sich denn, nach Tagen oder Wochen der Finsternis, den endlosen Stunden und Sekunden lebendig begraben, begraben Sekunde für Sekunde? Unzeitzeitzeit, da sein Schrei echolos von Felswänden widerhallte, ihm in den Ohren gellte, bis er meinte taub zu werden. Oder auch nicht. Sein geschärftes Gehör vernahm die Stimme der Toten, milliardenfach verstärkt. Irrtum, nichts als Irrtum, wie die Erinnerung überhaupt. Es war ja nur seine eigene Stimme gewesen, milliardenfach abgeschwächt, schwächer und schwächer, bis sie schließlich vollends versagte, und am Ende nur noch ein vages Klangbild seiner selbst übrigblieb, verzerrtes Echo, im Spiegel eines Anderen ohne Namen. Er versuchte, sich dessen zu erinnern, bemühte sich, Brücken zu schlagen zur Wirklichkeit, um der seinen zu entfliehen. Der Duft einer Frau. Animalische Witterung. Hieß sie Marga oder Margarethe oder Gretchen, wie im Drama vom Doctor Faustus, oder Gretel wie im Märchen, Greta wie die große Garbo? Von allem etwas, die Bilder wechselten und blieben sich doch ähnlich. Die Stille antwortete nicht, beließ ihm das fragile Bildnis einer Hoffnung, eines Aufbruchs. Endend in menschlichen Ekel, der keine Antwort braucht. Vor dieser Stille war ihm das Pochen des Herzens in der Brust schier unerträglich geworden, und irgendwann hatte er, ihr Abbild im Kopf und im Herzen, halbherzig dessen Aufhören erfleht. Hatte er sie denn geliebt? Würde ihm eine zweite Chance geboten? Dann, ja dann!: Niederkniend, willst du die Meine werden? Wo war er, der GoTT der LiEbe? Doch klug, mit einem letzten Rest an Verstand kalkuliert, richtete sich sein Gebet an nichts und an niemanden. Erleichtert dadurch, daß da nichts und niemand war, der oder die seine Not wahrnahm, trug es dennoch in sich einen letzten Rest tierhaft verkommener Begierde, aufgehoben fast durch einen ebensolchen eigener Verdammnis. Selbst sein rasselnder Atem war ihm Ausdruck widernatürlichen Lebens erbärmlicher Kreatur gewesen. Würdelos klammerte sie, die Kreatur, sich an irgendwelches Bildnis irgendeines Weibes (das er niemals nackt gesehen), an ein Dasein, dessen Trugbild er längst hätte mit Leben erfüllen können, das nun hoffnungslos, längst allen künftigen Inhalts beraubt war. Stirb endlich, höhnte er ihrer, der eigenen unbotmäßigen Kreatürlichkeit, damit ich meine Ruhe vor dir habe. Du bist ein Versager, Doctor Georg Steiner. Du hast es verdient zu krepieren. Und beschwor damit zum Erbarmen sein jämmerliches Recht zu leben. Mach Platz den Starken. Mach Platz der Mehrheit, die das Recht für sich beansprucht, immer recht zu haben. Für sie ist die Welt bestimmt, nicht für dich, du armseliger Kämpfer für Menschlichkeit und redliches Handeln. Denen wäre sowas nicht passiert, triumphierte er noch im Untergang seiner selbst.

Eine Weile hatte er es sich versagt zu trinken. Verdursten führt schneller zum Tod als Verhungern. Er wollte sich schließlich ein Ende bereiten in dieser Ausweglosigkeit ohne Licht und Schatten, ohne Wärme und menschlichen Laut. Wasser war jede Menge vorhanden. Die Höhle, in die sie ihn geworfen hatten, war angefüllt von heimlichem Plätschern und Murmeln des unterirdischen Flusses. In den jahrmillionenlang hier und da ausgewaschenen Kavernen weicheren Gesteins floß es gemächlicher dahin, als in den engen Stollen, durch die die Strömung ihn getrieben hatte. An jenen Stellen mußte man schon konzentriert lauschen, um es zu wahrzunehmen. In Todessehnsucht war sein Gehör hundsmäßig geschärft. Äonen hindurch hatte die Flut jeden Widerstand geglättet und ergoß sich nun fast ohne Wirbel und Brechung von irgendwoher aus den Tiefen des Berges nach irgendwohin in andere unermeßliche Tiefen. Als ihm der Un-Laut unerträglich geworden war, hatte er sich die Ohren mit Fetzen seiner Kleidung verstopft. Er wollte es nicht mehr hören, dieses verlockende Glucksen strömenden Lebens; als mache es sich über ihn lustig. Schrei nur, schrei! Und glotze in die Dunkelheit. Deine Hand ertastet nicht mehr die Höhe über, noch die Breite neben dir. Raum, zum Leben zu wenig, zum Sterben nicht zuviel.

Nach quälenden Momenten ohne Zahl war er in einen Dämmerzustand verfallen. Empfindungslos geworden gegen Kälte und Härte, sank sein Körper auf dem kleinen Felsvorsprung zurück. In den geöffneten Mund tropfte ihm mineralreiches Wasser. Reflexhaft schluckte der Kehlkopf. Hätte er bei Bewußtsein die Kraft aufgebracht, es ihm zu verbieten? Nach empfundener Ewigkeit zeitloser Tage oder Nächte ohne jede Regung, schien seine Hoffnung auf das Ende schließlich doch von Erfolg gekrönt. Längst schon hatte er das Stadium des Hungers überwunden. Seinen Körper empfand er nicht mehr als ihm zugehörig, fühlte sich substanzlos leicht und frei, so leicht, daß er meinte auffliegen zu können, durch Millionen Kubikmeter Gesteins in irgendeine Freiheit. Wenigstens für die Seele mußte es Rettung geben. Die hatten sie nicht umbringen können. Damit hatten sie nicht gerechnet, seine Mörder, daß es da etwas gab, das sich ihrem Willen entzog, etwas Unzerstörbares, vielleicht oder auch nicht. Wie wollte man es benennen, dieses klare Empfinden seines Selbst? Zu dem er nun, im Stadium der Körperlosigkeit, eine Innigkeit empfand, wie niemals zuvor. Sollte er jenen nicht dankbar sein, deren Triumphgeheul ihn verfolgt hatte bei seinem Sturz in die Tiefe? Und das erst endete, da die Wasser über seinem Leib zusammenschlugen und ihn forttrugen in das schützende Refugium der Höhlenwelt, in welches keine Gehässigkeit, kein Neid, keine Niedrigkeit vorzudringen vermochten, in der er einen reinen, würdevollen Tod empfangen durfte. Reiner noch als selbst dieses klare Gebirgswasser war keines und wusch von ihm ab alle Sünden, trug sie mit sich fort, zurück in den Schoß der Erde, alle Schwäche, alle Maßlosigkeit. Derart befreit mußte er nicht versäumten Genüssen nachtrauern, nicht um Liegengebliebenes, Unvollendetes in Wort und in Tat, nicht um unerfüllte Versprechen und Hoffnungen, nicht um die anderer, nicht um die eigenen, nicht um verlorene Liebe, nicht um aufgegebene Kämpfe. Gänzlich entleert von allem Begehren, war er frei zu gehen, ins Nichts oder ins Etwas. Das war ganz egal. Das kam aufs Gleiche heraus. Das eine gebiert das andere und umgekehrt. Nur weg von hier, weg aus der Enge unter Myriaden Tonnen tauben Gesteins, eingeschlossen darin funkelnde Kristalle, Gold, Silber, Sternenstaub in Reinstform, Unvergänglichkeit. Darauf bereitete sich die Seele vor. Der Leib befreite sich auf seine Weise von allem Unreinen, den gesammelten Giften, Kot und Urin. Geduldig nahm der Fluß den menschlichen Unrat auf, trug den Gestank mit sich fort, ehe er den Sterbenden zu neuer Wehrhaftigkeit hätte verführen können. Dann war auch damit Schluß. Wo nichts hineinkam, kam auch nichts heraus. Derart innerlich purgiert, durchgespült vom Quell des Lebens selbst, zeitweise äußerlich befleckt und barmherzig gereinigt, durfte er die entleerte Hülle sich selbst überantworten. Also war es Zeit, sie zu verlassen. In einem letzten Impuls wollte er ihm, dem Leib-Haftigen, danken, daß er ihn so treulich begleitet, ihm so zuverlässig gedient in den Jahren seines irdischen Seins. Amen. Ihm war nicht vorzuwerfen, daß sein Benutzer zu vertrauensselig gewesen und hatte trotz allem, was dem widersprechen mochte, unbeirrbar an das Gute im Menschen geglaubt, an das eigene auch. Das war mehr eine Sache des Intellekts und der Witterung, mithin zweier virtueller Größen, die addiert, mehr denn 1 + 1 = 2 ergeben, in seinem Fall vielleicht weniger, 1 + 1 = 1,7, wenn’s hoch kam 1³/4. Ironie seiner Geschichte. Diese Ungleichung hatte ihm durchaus hin und wieder eine Art transzendenten Warnsignals gesandt, hellsichtige Augenblicke wie aus dem Nichts. Zu kurz, um ihre Bedeutung zu ermessen? Ausflüchte, nichts als Ausflüchte. Hatte er sie aus Bequemlichkeit ignoriert, aus Selbstüberschätzung oder aus der Einbildung einer Sicherheit, die ihm eine vermeintlich zivilisierte menschliche Gesellschaft vorgaukelte? Er hätte es besser wissen müssen, zumindest können. Den Körper, dieses brave Ding, traf keine Schuld. Eine Geste des Dankes hätte sie, diese wundersame Ansammlung von Billionen Zellen, wohl verdient. Etwas von der Lust des Sterbens wollte die Seele ihm, dem sündigen Leib, vermitteln, das wenigstens dem treuen Träger und Erträger. Was hatte er ihm nicht alles zugemutet! Hurerei und Völlerei, Keuschheit und Askese, Verrat und Nibelungentreue. Schwamm drüber, Schnee von gestern. Ein Gelächter, Ausdruck der Heiterkeit und des frohen Sinnes, schien als Dankadresse angemessen, ein letzter wärmender Klang in der Kälte geheimer Grabkammer pharaonischen Ausmaßes, immerhin Millionenmilliarden Tonnen. Zwanzig Millionen Jahre schauten auf ihn herab, vielleicht dreißig, gegen kümmerliche viertausend des korsischen Emporkömmlings. Salut Imperateur! Er vermißte fürstliche Beigaben. Wahrscheinlich war er in Ungnade gefallen beim Volk, hatte dessen Erwartungen nicht erfüllt, ihm den Wanst vollzuschlagen bis zum Kotzen und das Gehirn zu verkleistern mit überzuckerten Lügen. Darf’s ein bißchen mehr sein? Noch ein letzter, ein tiefer Atemzug, um die Lungen zu dehnen. Da erwuchs sie ihm noch einmal, die alte Kraft und Herrlichkeit der Sauerstoffmoleküle. Lache, Bajazzo! Doch dazu bot die schmale Stätte keinen Platz. Auf der Felsplatte leichtem Gefälle kam der Körper ins Rutschen, tauchte, pietätvoll formuliert, wieder ein ins reinigende Naß, klatschte vielmehr hinein, wie ein nasser Sack, der eigenen Scheiße hinterher, ohne, daß er des neuerlichen Zustands gewahr wurde. Luftgefüllt immerhin dehnten sich die Lungen, reflektorisch verschloß sich der Mund. Die Strömung trug den Eindringling mit sich fort, schneller und immer schneller, bereits zum dritten Mal nun schon, vorneweg Kot- und Urinfraktionen, auf daß er tatsächlich innerlich und äußerlich makellos wiedergeboren werde. Oder auch nicht. Auf, zur letzten Etappe! Wie auch immer, eine letzte würde sie sein, so oder so. Vielleicht bot die mehr Bequemlichkeit zum Sterben als die vorigen. Es würde schon irgendwie gut gehen, der Magen leer, die Lungen voller Wasser. So rein und allerfüllend war kein Trunk jemals gewesen, würde kein anderer künftig sein, Nektar vielleicht ausgenommen. Wäre es besser, irgendwo zu zerschellen, sich den Schädel an einem Felsbrocken zu zerschmettern? Spitzfindige Erörterung ängstlicher Geister. So hatte er nicht gelebt, so wollte er nicht sterben.

 

 

 

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