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Heuer, Lutz



Aus der Geschichte der 'Villa Conrad'


in Berlin-Biesdorf. Ihre Erbauer, ihre


prominenten Bewohner und Gäste

 

 

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2018, 163 S., zahlr. Fotos und Abbildungen, ISBN 978-3-86465-078-9, 17,80 EUR

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Der Name der Villa geht zurück auf ihren Bauherrn, den Möbelfabrikanten und Tischlermeister Paul Conrad, der diese Villa im Stile eines Landhauses in den Jahren 1933/34 errichten ließ. Das gesamte Grundstück mit einer Größe von 3000 Quadratmetern bestand aus zwei Teilen. Auf dem einen stand die Villa, das zweite war als Anlage mit Bänken und einem Rundweg gestaltet und steht heute auf der Denkmalliste des Bezirkes Marzahn-Hellersdorf. Von außen eher ein schlichter putzsichtiger Bau mit hohem Satteldach, wurden im Inneren die Wände ganz im Stile einer Fabrikantenvilla mit qualitätsvollen Holzarbeiten ausgestattet. Paul Conrad wohnte bereits seit 1910 in Berlin-Biesdorf und hatte dieses Grundstück 1919 vom Voreigentümer erworben. Paul Conrad verstarb 1938, seine Witwe nach Kriegsende 1945 bei einem Eisenbahnunglück.

Die Villa in der Königstraße 4-5 (heute Otto-Nagel-Straße) wurde auf Grund des Befehls Nr. 124 der Sowje­tischen Militäradministration zusammen mit anderen Objekten konfisziert. Dr. Arthur Werner, erster Oberbürgermeister Berlins nach der Befreiung am 8. Mai 1945 wurde bis 1947 Bewohner der „Villa Conrad.“ 1948/49 bewohnte Paul Merker, der 1946 aus der Emigra­tion in Mexiko zurückgekommen war, das Hauses. Nach der Verhaftung Merkers in einem Schauprozess und seiner Verurteilung zog 1951 der Maler Otto Nagel mit Frau und Tochter ein. Nagel verstarb 1967, seine Frau Walli 1983. 1985 wurde das Haus von Otto Nagels Tochter an den Kulturfonds der DDR verkauft, um es für künstlerische Zwecke zu nutzen. Nach der Wende wurde das Objekt in die Stiftung Kulturfonds übergeben und befindet sich seit 1995 im Privatbesitz.   

 

 

Inhalt   

Einführung                                                                  7

Kleine Geschichte Biesdorfs                                         11 

Die „Villa Conrad“ als Prominentenquartier                     19

Dr. Arthur Werner, erster Oberbürgermeister Berlins
nach der Befreiung am 8. Mai 1945, Bewohner der
   „Villa Conrad“ 1945–47                                             27

Ab 1948 war Paul Merker mit seiner Familie Bewohner
der „Villa Conrad“                                                       67

Der Maler Otto Nagel bezog die „Villa Conrad“ mit
seiner Familie 1951                                                    83

Quellen                                                                  135

Literatur                                                                135

Zeitungen                                                              136 

Abbildungen                                                           137

Verzeichnis der Abkürzungen                                    137

Personenregister                                                    143

Über den Autor                                              153

 

 

Einführung

Für Biesdorf war der Krieg mit dem Eintreffen der Roten Armee am 22. April 1945 beendet. Während in der Stadtmitte Berlins noch die Kämpfe tobten, wurden durch die sowjetischen Militärbehörden in den Außenbezirken bereits Orts-Kommandanturen eingerichtet. Nahezu parallel erfolgte der Aufbau einer provisorischen deutschen Kommunalverwaltung. Antifaschisten aller Richtungen stellten sich dafür zur Verfügung. Der Verwaltungsbezirk Lichtenberg wurde Sitz der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD). Die Notwendigkeit an Wohnraum und Gebäude zur Unterbringung von Personal und Behörden war enorm. Davon waren in Lichtenberg die Ortsteile Karlshorst und Biesdorf außerordentlich betroffen. Bereits unmittelbar nach dem Einmarsch der Roten Armee wurden in Biesdorf ungefähr 4.000 Wohnungen beschlagnahmt. Westlich der Oberfeldstraße gab es das sogenannte Getreideviertel, bezogen auf dominierende Straßennamen, das der Besatzungsmacht vorbehalten wurde. Da der Stadtkommandant Nikolai Bersarin wünschte, dass aus Sicherheitsgründen die Magistratsmitglieder in einer geschlossenen Siedlung bzw. Straße gemeinsam wohnten, wurden auf seinen Befehl 36 Häuser im Gerstenweg und weitere in seinem Umfeld beschlagnahmt und der Verwaltung der Stadt Berlin übertragen. Ende Mai meldete der neugebildete Berliner Magistrat daraufhin beim Stadtkommandanten Bedarf an einen geschlossenen Wohnbezirk für leitende Mitarbeiter an. An der Spitze dieses Magistrats stand der parteilose Oberbürgermeister Dr. Arthur Werner, dem ein repräsentatives Haus zugewiesen werden sollte. Ein solches war natürlich in der Getreidesiedlung nicht zu finden, wer nun den Vorschlag zur „Villa Conrad“ im Landhausstil unterbreitete, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Eine Kalendereintragung von Arthur Pieck, dem Sohn des früheren KPD-Vorsitzenden und späteren Präsidenten der DDR, vermerkt am 1. Juni 1945 „nach Biesdorf Häuser besichtigen“ und am 2. Juni 1945 „Umzug nach Biesdorf, Gerstenweg 25“.

Zahlreiche Stadträte, die KPD-Funktionäre Karl Maron, Ottomar Geschke, Hans Jendretzky, Sozialdemokraten wie Ernst Schellenberg, Paul Fleischmann, aber auch der parteilose Hermann Landwehr u.a. erhielten in Biesdorf Häuser zugewiesen. Indessen erhielten auch Künstler die aus der Emigration heimkehrten, wie Gustav von Wangenheim und Zeitungs-Journalisten, hier ihren Wohnsitz. Die meisten von ihnen verfügten über keine eigenen Unterkünfte, da sie eben erst aus dem Exil, aus den Konzentrationslagern und Zuchthäusern zurückgekehrt waren. Diese besondere Ansiedelung wurde später im „Volksmund Magistratssiedlung“ genannt. Mit der Konfiskation der Häuser waren natürlich auch Konfrontationen zwischen den Eigentümern, den neuen Mietern, der sowjetischen Besatzungsmacht und dem Berliner Magistrat vorprogrammiert. Viele dieser Streitfälle zogen sich über Jahre hin. Besonders betroffen von der Beschlagnahme der Siedlungshäuser waren die Eigentümer. Sie konnten oft nur das Notwendigste mitnehmen, die Einrichtung blieb meist im Haus. Von großer Bedeutung für das Überleben der meisten Familien in der Nachkriegszeit war der das Haus umgebende Garten, oft wurde beantragt, den Garten zu Erntezwecken betreten zu dürfen. Als „Magistratssiedlung“ hörte das Getreideviertel bereits mit den Wahlen vom 20.Oktober 1946 auf zu bestehen. In der Folge kam es zu weiteren Wechseln der Mieter und es zogen weitere ehemalige Mitglieder des Magistrats auf Grund der Übernahme anderer Betätigungen weg. Einige von ihnen, wie Franz Dahlem, Rudolf Herrnstadt, Karl Maron, Otto Winzer, Anton Ackermann und Elli Schmidt zogen nach Pankow in das sogenannte „Städtchen“, also in das Zentrum der Macht der entstehenden DDR. Andere wie, Hermann Landwehr, Martha Arendsee, Paul Schwenk, Hedwig Linke, Gustav von Wangenheim, Eduard von Winterstein, Arthur Pieck und Ernst Kehler blieben bis zu ihrem Lebensende hier und wurden Biesdorfer. Gleichwohl war auch in den Folgejahren der Zustrom von Funktionären, Intellektuellen und Kulturschaffende nach Biesdorf außerordentlich, so dass Biesdorf für lange Zeit das Fluidum einer Prominentensiedlung besaß.

Einige Anzeichen und insbesondere Aufzeichnungen von Arthur Pieck deuten darauf hin, dass hier wahrscheinlich nicht nur der Magistrat einquartiert werden sollte, sondern die gesamte Parteiführung der KPD/ SED. Ob das eine Eigenmächtigkeit von ihm war ist kaum anzunehmen, war er doch über seine guten Beziehungen zur Kommandantur als ehemaliger sowjetischer Offizier und nicht zuletzt über den Parteivorsitzenden, seinen Vater Wilhelm Pieck gut über die meisten Vorstellungen der Parteiführung informiert. In das spätere neue Machtzentrum nach Pankow zog er jedoch nicht und wohnte bis zu seinem Lebensende im Bentschener Weg 26, von 1946 bis 1951 wurde für diese Straße der Name des Sozialdemokraten „Rudolf Breitscheid (1874–1944) der bei einem Luftangriff auf das KZ Buchenwald umkam, verwandt. Diese Bezeichnung war jedoch nie amtlich und wurde später wieder aufgehoben.

Lutz Heuer

 

 

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