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Jürgen Hargens

 

 

Freude hat sich versteckt oder

 

Gesund heisst immer auch ein bisschen bescheuert.

 

Erzählungen aus der psychologischen Welt.

 

2017, 223 S., ISBN 978-3-86465-076-5, 13,80 EUR

 

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Leseprobe

 

Liebes Leben

Torben Randers sah kein Land mehr. Knapp fünfzig fühlte er sein Leben nicht mehr. Er erlebte sich so, als würde er gelebt. Das konnte er niemandem verständlich und verstehbar erklären. Aber er wollte mit diesem Erleben nicht alleine bleiben. Also erzählte er es. Immer wieder.

Seine Freunde hatten irgendwann genug davon. Sie sagten ihm nicht ganz deutlich, dass sie die Schnauze voll hätten – immer klagte er nur, sah alles und jedes nur unter schlimmen Vorahnungen und Vorzeichen. Keiner mochte mehr mit ihm umgehen, mit ihm zusammen sein. Und Torben zog sich immer mehr zurück. Anfangs hatte er sich noch dagegen gewehrt. Hatte seine Freunde kritisiert, angemacht. Sogar angebrüllt. Nichts half.

Er saß in seiner Ein-Zimmer-Wohnung mit Küche und Bad. Mehr konnte er sich jetzt nicht nicht leisten. Dabei hatte er eine erstklassige Ausbildung durchlaufen. Sogar studiert. Dann einen Job in der Werbebranche gefunden. Doch er merkte irgendwann, dass er mit der Geschwindigkeit und Flexibilität der Jüngeren nicht mehr so mithalten konnte. Seine Routine half, dies zu überspielen. Aber als zum ersten Mal ein von ihm geleitetes Werbeprojekt den Bach runterging und der Auftraggeber das Ergebnis so harsch kritisierte, dass sein Arbeitgeber befürchten musste, diesen Großkunden zu verlieren, da richtete sich das Augenmerk allzu stark auf ihn. Er stand unter Kontrolle, wurde beargwöhnt. Diesen Druck hielt er nicht lange aus.

Seine Frau sprach ihn immer öfter an: „Was ist, Torben?“

Anfangs hatte er gelächelt, die Achseln gezuckt, seine Frau beruhigt. Allerdings ließ seine Geduld nach. Das spürten zuerst seine beiden Kinder. Er nörgelte an ihnen herum, schrie sie an. Schlug mit den Händen auf den Tisch. Die Beiden, zehn und zwölf Jahre alt, bekamen Angst vor ihrem Vater. Das regte Torben noch mehr auf. Die Beiden zogen sich immer öfter zurück, wichen ihm aus. Er fühlte sich von ihnen ausgegrenzt. Hatte das Gefühl, die beiden und seine Frau hätten sich gegen ihn verschworen. So zog er sich auch zurück. Zuerst eher innerlich. Kümmerte sich weniger um Wohnung und Familie. Ging nach der Arbeit öfters mit einigen jüngeren Kollegen noch zum „Work-Out“, die neudeutsche Umschreibung, nach der Arbeit in einem angesagten und entsprechend teuren Club einen zur Brust zur nehmen.

Das half. Leider auch nur eine kurze Zeit. Seine Frau sprach ihn auch darauf an. Anfangs freundlich, dann, wie er fand, nur noch vorwurfsvoll: „Du hast ja schon wieder getrunken!“ Anfangs hatte er ruhig und gelassen reagiert. Fragen und Kritik gewissermaßen weggelächelt.

Seine Frau drängte ihn immer stärker, nach der Arbeit nach Hause zu kommen, mit dem Trinken aufzuhören. Da war er das erste Mal ausgerastet. Hatte seine Frau angebrüllt. „Was bildest du dir ein?! Ich schufte in der Firma wie ein Idiot, nur um den Job zu behalten. Und keiner begreift das. Die Kollegen nicht. Und du auch nicht!“

Später hatte er nur noch mit Kopfschütteln und wegwerfender Handbewegung reagiert. Dann weigerte sich seine Frau, mit ihm zu schlafen. Kein Sex mehr. „Ich schlafe nicht mit dir, wenn du säufst!“ Da war er dann richtig ausgerastet. Hatte gebrüllt. Hatte seine Frau mit Gewalt genommen.

Das war der Wendepunkt.

Als er am nächsten Tag nach Hause kam, nüchtern und mit einem großen Blumenstrauß, war niemand zu Hause. Keine Notiz. Torben war verunsichert, sein Atem beschleunigte sich, in der Brust saß ein großer Kloß, der nach oben drängte. Er setzte sich in der Küche an den Tisch. Stierte vor sich hin. Die Zeit verstrich. Es dunkelte. Das Telefon klingelte. Er zuckte zusammen, wachte aus seiner Entrücktheit auf. Aber er kam zu spät. Der Anrufbeantworter war bereits angesprungen. Er hörte ihn danach immer und immer wieder ab. Es war Gisa, seine Frau. „Wir sind erst ‘mal weg. So geht es nicht mehr weiter. Ich melde mich in einer Woche wieder. Ich hoffe, du bist dann zur Vernunft gekommen. Es wäre einfach schade um dich.“

Gisa kam wirklich eine Woche später zurück. Ohne Kinder. Allein. Sie wartete auf Torben. Saß in der Küche, als er die Wohnungstür aufschloss. Torben sah sie gar nicht. Hängte seine Jacke auf. Zog die Schuhe aus. Ging zuerst ins Bad. Er musste aufs Klo. Pinkeln. Unvermeidlich, wenn man etliche Bier getrunken hat.

Gisa hörte Torben. Stand auf. Stellte sich an die Wand gegenüber der Tür zum Badezimmer. Hörte die Klo-
spülung. Kein Wasser. Sie schüttelte den Kopf. „Er könnte sich wenigstens die Hände waschen“, dachte sie. Da ging die Tür auf.

Torben trat auf den Flur, hob den Kopf, erschrak und erstarrte. „Du …“, entfuhr es ihm.

„Ja, ich.“ Gisa schüttelte den Kopf. „Tag, Torben.“

„Tag.“ Mehr fiel ihm nicht ein. Dann wollte er auf Gisa zugehen, sie in den Arm nehmen.

„Stopp!“ Klar, deutlich und leise hatte Gisa das Wort ausgesprochen. „Du bist ja betrunken.“

„Ich?“ Torben lachte. Besser gesagt, er versuchte es. Ein ziemlich missglückter Versuch. „Ich war … ich hab’ … es war nur …“

Er überlegte verzweifelt, was er sagen sollte. Es musste etwas sein, was Gisa nicht nur überzeugte, sondern was sie auch glaubte. „Wir …“, endlich hatte er die zündende Idee. „Wir haben ein Projekt abgeschlossen, und es ist ein toller Erfolg. Der Kunde war zufrieden. Der nächste Auftrag steht an. Und darauf haben wir angestoßen.“

Torben stand einen Meter vor Gisa. Sah ihr ins Gesicht. Lächelte. Gisa nickte mehrmals. Stieß die Luft aus der Nase. Schnaubte gewissermaßen. Und sah ihn die ganze Zeit an. Direkt in die Augen. Kein Lächeln. Lippen zusammengepresst. Sie erinnerte sich nur allzu gut an die letzte Nacht in diesem Haus. Was Torben ihr angetan hatte.

Torben hielt ihrem Blick nicht lange stand. Sein Kopf senkte sich. Beinahe schuldbewusst.

„Du hast es so gewollt.“

Gisa sprach leise, ohne besondere Betonung. Was ihren Worten nur noch mehr Nachdruck verlieh. „Ich bin mit den Kindern gut untergekommen.“ Sie machte eine Pause. Sah ihm immer noch ins Gesicht. „Du kannst es dir überlegen. Ich ziehe aus. So will ich nicht mehr leben. So wie du dich verhältst. Du kannst hier wohnen bleiben. Du bist ja sowieso der Hauptmieter. Ich such’ mir mit den Kindern was Neues. Solange lass ich ein paar Sachen hier. Das Übrige hole ich in den nächsten Tagen, wenn du zur Arbeit bist.“

Torben glaubte, er habe sich verhört. Das konnte doch nicht wahr sein. Ihm fehlten die Worte. Die Kraft schien seinem Körper zu entweichen. Er konnte nicht einmal mehr einen Arm heben. Geschweige denn etwas sagen.

„Also dann…“ Mit diesen Worten drehte Gisa sich um, ging zur Wohnungstür, machte sie auf und zog sie hinter sich leise zu.

Wenn sie doch bloß mit der Tür geknallt hätte, durchzuckte es Torben. Dieses Leise, dieses Kontrollierte machte ihm klar, wie ernst es Gisa meinte.

Torben hatte die Kurve nicht mehr gekriegt. Gisa hatte nach drei Wochen die Wohnung leer geräumt. Das waren Torbens Worte. Gisa hatte nur das geholt, was ihrer Meinung nach ihr gehörte und ihr zustand. So lebte Torben in einer kahlen Wohnung. Kein Küchentisch. Nur ein Stuhl. Das wenige Geschirr – ein paar Teller, drei Becher, zwei Messer, vier Gabeln, ein kleiner Kochtopf – stand auf der Fensterbank und auf dem Fußboden. Im Wohnzimmer eine alte Couch und ein alter Schrank. Nur das Ehebett, das hatte Gisa stehenlassen. Sie wollte nicht an all das erinnert werden, was zu diesem Bett gehörte, das Schöne wie das Böse. So jedenfalls stand es auf dem Zettel, den sie Torben hinterlassen hatte.

Torben fühlte sich im Stich gelassen. Von allem und jedem. Haderte mit seiner Frau, seinem Chef, seinen Kollegen, seinen Freunden. Niemand besuchte ihn mehr. Er wusste selber, dass er auch niemanden besuchen würde, der so hauste wie er.

Er vernachlässigte auch sich selber. Unrasiert, lange Haare, ungepflegt. Auf der Straße begannen die ersten einen Bogen um ihn zu machen. Er blieb öfters zu Hause. Trank mäßig und regelmäßig. Wenn er denn einmal jemanden traf, der es mit ihm aushielt, der sich in der Kneipe zu ihm setzte, dann klagte er sein Leid, die Ungerechtigkeit, die Frauen, die Gesellschaft. Das hielt niemand lange aus. So lebte er allein.

Seine Frau forderte Unterhalt ein. Noch so eine schreiende Ungerechtigkeit in seinen Augen. Dabei war Gisa wieder arbeiten gegangen, forderte nur einen Teil für die beiden Kinder.

Als sein Chef ihn zu sich rief, ihm klipp und klar sagte, dass er den gut bezahlten Job nicht länger behalten konnte – „Sie sind für uns untragbar geworden. Wir können keinem unserer Kunden zumuten, mit Ihnen in einem Raum zu sein“ –, war er ausgerastet. Darauf folgte seine fristlose Kündigung. Mit Konsequenzen – kein Arbeitslosengeld, sondern Sperrfrist, keine weiteren Einkünfte. Er musste sich eine andere Wohnung suchen und landete so in seiner Ein-Zimmer-Wohnung mit Küche und Bad. Mehr war nicht drin. Und nach einem Jahr ließ Gisa sich von ihm scheiden.

Für Torben lief es nicht mehr. Er verdiente sich ein wenig dazu mit Gelegenheitsarbeiten, was für ihn unter seiner Würde war. Aber er brauchte das Geld, um über die Runden zu kommen. Er vernachlässigte sich und sein Körper reagierte. Er wurde anfälliger, nahm zu, baute körperlich ab, erkrankte häufiger. Sein Arzt ermahnte ihn. Torben winkte dann ab: „Was soll’s?! Mein Leben ist vorbei. Da muss ich mir nicht die letzten Tage noch schwerer machen, als sie ohnehin schon sind.“

Der Arzt, der Torben schon lange kannte, reagierte anders, als er es erwartet hatte. „Es ist Ihre Entscheidung. Ich persönlich glaube, und ich sage das, weil ich auch ein paar Jahre älter bin als Sie, wenn Sie sich wirklich aufgeben, dann frage ich mich, weshalb Sie zu mir kommen. Doch um wieder gesund zu werden. Und das kann doch nur heißen, dass da noch irgendwo irgendetwas ist, was Sie am Leben hält.“

Darüber hatte Torben immer wieder nachdenken müssen. Gab es etwas, das ihn am Leben hielt? Hatte er noch Hoffnungen? Auf was?

Er drehte sich im Kreis, kam keinen Schritt, keinen Gedanken voran. Hockte in seiner Ein-Zimmer-Wohnung mit Küche und Bad und litt – am Leben, am Alleinsein, an allem.

„Wozu?“

Diese Frage stellte sich ihm immer öfter. „Wäre es nicht am besten, einfach Schluss zu machen? Bringt doch sowieso alles nichts mehr.“ An genau diesem Punkt weigerte sich Torben, weiter zu denken. Er hatte einfach nur Angst. Denn was käme danach?

...

 

 

 

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