Willy Roch

 

Annaberg 1496-1946

Herausgegeben von Edith und Karl Drechsler

Mitherausgeber: Erzgebirgsmuseum Annaberg-Buchholz

 

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Buchvorstellung am 21. Januar in Annaberg-Buchholz

 

2015, 338 S., zahlreiche Abb., ISBN 978-3-86465-057-4, 24,80 EUR

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Inhaltsverzeichnis

Gedanken zu Willy Roch                                                                       5
von Edith Drechsler                                                                                                                

Einleitung                                                                                           9
von Karl Drechsler                                                                                                                  

 

I.    Annabergs Gründung                                                                     15

II.   Annaberg, die freie Bergstadt                                                         45

III. Annaberg, die Stadt der Posamenten und Spitzen                             121

IV. Annaberg, der kulturelle Mittelpunkt des Obererzgebirges                  175

V.   Annaberg 1896–1946                                                                   243

 

Anhang                                                                                            289

1.   Die Bürgermeister Annabergs von1896–1946                                    289

2.   Die Ehrenbürger der Stadt Annaberg                                               292

3.   Berühmte Annaberger                                                                   296

4.   Verzeichnis der Annaberger Chroniken                                             304

5.   Bevölkerungsbewegung Annabergs                                                  311

 

Literaturnachweis                                                                               315

Nachwort des Verfassers                                                                     331

Bemerkungen des Verfassers vom 1. Juli 1969                                        333

Bemerkungen der Herausgeber zur Edition                                             335

Danksagung                                                                                      336

Abbildungsnachweis                                                                           336

 

 

 

Karl Drechsler: Einleitung

 „Habent sua fata libelli“ – „(Auch) Bücher haben ihre Schicksale“ – so wusste man im alten Rom. Dass dieser von Terentianus Maurus, einem in seiner Zeit bekannten Grammatiker und Metriker stammende Satz auch nach fast zwei Jahrtausenden immer noch gültig ist, beweist Willy Rochs Geschichte „Annaberg 1496-1946“. Die vorbereitenden Studien gehen bis in die 1920-er und 30-er Jahre zurück, der Text wurde 1946 geschrieben - wenige Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als die Menschen eigentlich andere Sorgen hatten und die 450 Jahre Vergangenheit einer Stadt nicht gerade von höchster Priorität waren. Das Manuskript wurde damals nicht gedruckt. 1954 kam es mit seinem Autor aus dem Osten in den Westen Deutschlands.  Dort bot sich 1963 die Möglichkeit, es in einem Verlag in Frankfurt am Main zu veröffentlichen. Doch Willy Roch lehnte nach längerem Überlegen ab, da er, weit entfernt von seiner erzgebirgischen Heimat wohl zu Recht befürchtete, in seinem neuen Umfeld nicht den  gewünschten Leser- und Käuferkreis zu finden. Ein Verwandter fertigte 1969 einige in Kunstleder gebundene Kopien des maschinenschriftlichen  Textes an, die er  Familienangehörigen und Freunden in Ost und West zukommen ließ. E i n Exemplar schickte der Autor 1973 an das Erzgebirgsmuseum in Annaberg-Buchholz. Dort war es interessierten Heimatforschern über lange Zeit hinweg ein munter sprudelnder, nie versiegender Quell historischen Wissens. Über diesen Kreis  hinaus wusste jedoch kaum jemand von dem verborgenen Schatz.

Es ist das große Verdienst von Willy Roch, mit seiner Festschrift „Annaberg 1496-1946“ die Arbeit vieler Generationen von leidenschaftlich engagierten Heimatforschern aus viereinhalb Jahrhunderten zusammengefasst und – auf dem Wissensstand und mit den Methoden seiner Zeit – weiterentwickelt zu haben. Damit schuf er ein festes Fundament, auf dem künftige Forscher aufbauen und ihrerseits das Wissen von der Geschichte der Stadt am Pöhlberg bereichern konnten. Mit der verdienstvollen „Festschrift zum 500jährigen Jubiläum der Gründung der Stadt Annaberg 1496-1996“, die 50 Jahre nach der Arbeit Rochs erschien, meldete sich die nächste Generation Annaberger Heimatforscher zu Wort. Die Publikation enthält 45 Beiträge zu speziellen Fragen der Stadtgeschichte, geschrieben von 13 Autoren. Sie konnten, auf Rochs Werk aufbauend, die Veröffentlichungen auswerten, die nach 1946 erschienen waren. So entstand Neues. Vieles wurde bestätigt. Manches konnte präzisiert, wenig musste korrigiert werden. Dem halben Jahrhundert, das seit der 450-Jahrfeier von 1946 vergangen war, räumt die Festschrift von 1996 breiten Raum ein.  

Nach Meinung der Herausgeber ist es  an der Zeit, die  nach wie vor bedeutungsvolle Arbeit von Willy Roch endlich einer breiten Öffentlichkeit, den vielen an der Geschichte ihrer Stadt Interessierten zugänglich zu machen. Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen: Er war der Nestor der Annaberger Heimatforschung des 20. Jahrhunderts. Nach seiner für ihn tragischen Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland 1954 wurde er in seiner Heimat für lange Zeit zur Unperson. Allenfalls kannte man seine Biografie von Adam Ries oder wusste von seinen Familien- und Ahnenforschungen. Ihm wurde nicht einmal mehr erlaubt, Annaberger Archive zu benutzen. Die hiermit vorgelegte Publikation seiner Geschichte „Annaberg von 1496–1946 soll dazu beitragen, ihn wieder auf den Platz zu stellen, der ihm zukommt.

                                                                      *

Im Januar 1946 hatte die Stadtverwaltung von Annaberg-Buchholz den gerade aus dem Krieg heimgekehrten Gymnasiallehrer Oberstudienrat Willy Roch aufgefordert, besagte Festschrift für den bevorstehenden 450. Jahrestag der Gründung von Annaberg zu schreiben. Im Februar stimmte eine Ratssitzung der von ihm vorgelegten Konzeption zu. Im Juli überreichte er die Arbeit mit dem Titel „Annaberg 1496–1946. Im Auftrag der Stadtverwaltung von Annaberg-Buchholz bearbeitet von Willy Roch“ dem damaligen Bürgermeister Dr. Friedrich Laube. Das Projekt in der erstaunlich kurzen Zeit von sechs Monaten abschließen zu können, war nur möglich, weil sich der Autor über Jahrzehnte hinweg intensiv mit der Geschichte der Stadt beschäftigt hatte, über exzellente Kenntnisse verfügte und weil schon Teile eines Manuskripts ausgearbeitet vorlagen.

In einem im Juli 1969 in Hagen/Westfalen verfassten Vorwort erläutert er sein Anliegen: „Da die bisherigen Stadtgeschichten von Oberlehrer Emil Finck und Schuldirektor Max Grohmann, 1896 und 1903 verfasst, veraltet und kaum noch erhältlich sind, war es mein Bestreben, einen umfassenden, auf wissenschaftlicher Forschung beruhenden Überblick über die gesamte Geschichte der Stadt bis auf die Gegenwart in anschaulicher Weise zu geben.“  Das ist ihm - auch aus heutiger Sicht - beispielhaft gelungen. Was er vorgelegt hat, ist eine alle Gebiete behandelnde Geschichte Annabergs von der Zeit vor der Gründung der Stadt bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Darstellung enthält Passagen einer Chronik und hat in bestimmten Teilen den Charakter eines Nachschlagewerks. Es lässt sich nicht feststellen, inwieweit er das Manuskript noch einmal überarbeitet hat, bevor die Kopien von 1969 hergestellt wurden. Wie der Text zeigt, hat er einiges hinzugefügt, das über das Jahr 1946 hinaus geht. Die in den vorliegenden Band aufgenommenen Fotos und Bilder gehören nicht zu der Kopie, die sich im Erzgebirgsmuseum befindet. Sie stammen aus dem Besitz von Frau Hannelore Nestler, der Tochter Willy Rochs.

Die Arbeit ist in fünf Kapitel gegliedert: Die Gründung; die freie Bergstadt; die Stadt der Posamenten und Spitzen; der kulturelle Mittelpunkt des Obererzgebirges; die Jahre 1896-1946. Zu einem Anhang gehören: Die Bürgermeister Annabergs von 1896 bis 1946; die Ehrenbürger; berühmte Annaberger; Annaberger Chroniken; Bevölkerungsbewegung.

Interessantes schreibt Willy Roch über die gegenseitige Beeinflussung von fürstlicher Herrschaft, dem sich entwickelnden frühbürgerlichen bzw. bürgerlichen Stadtregime und der Mitwirkung der Bewohner. Wir erfahren viel über die wirtschaftlichen und technischen, sozialen und wissenschaftlichen Entwicklungen in der jeweiligen Zeit und wie Annaberg darin eingebunden war. Der Autor führt uns vor Augen, wie das in unserer Stadt geschaffene Bergrecht weit über die Grenzen Sachsens hinaus das deutsche Rechtswesen beeinflusste. Wir lernen, dass die an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert gegründete Lateinschule und andere Annaberger Schulen bald im ganzen Land einen guten Ruf hatten. Als Wirtschaft,  Handel und Verkehr blühten, war der Name Annabergs in deutschen Landen hoch geachtet. Ausführlich widmet sich Roch dem reichen kulturellen Leben der Stadt, in der oft auch Künstler von internationalem Rang auftraten, wie zum Beispiel Richard Tauber, Eduard von Winterstein, Adele Sandrock, Mary Wigmann, Gret Palucca und Paul Wegener. Erwähnt werden soll ferner, dass der Autor auch eine kurz gefasste Sittengeschichte bietet. Schließlich erfahren wir, dass die Annaberger, vor allem natürlich die Annabergerinnen, großes Interesse auch an der jeweils modernen Mode zeigten.

Willy Roch macht die zwei Höhepunkte in der Entwicklung Annabergs deutlich. Das war zum einen die bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts reichende Blütezeit des Bergbaus, als die Stadt mit ihrem Reichtum an Silbererz einen bedeutenden Platz in der damaligen europäischen und  Weltwirtschaft einnahm. Zum anderen waren es die Jahrzehnte vor allem des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts. Annaberg galt zu dieser Zeit als erzgebirgisches Zentrum der Posamenten- und Spitzenherstellung mit engen Verbindungen zu europäischen und überseeischen Hauptstädten bzw. Handelsplätzen wie Paris, London und New York. Es spricht für die internationale Bedeutung der Stadt, dass in ihren Mauern zeitweise ein Konsulat der USA residierte. Während auf den Londoner Bahnhöfen Fahrkarten in die meisten Städte des europäischen Kontinents je nach Bedarf ausgestellt wurden, lagen solche nach Annaberg stets in größerer Anzahl schon ausgedruckt bereit. Breiten Raum in der Darstellung Rochs nehmen ferner die Zeiten ein, in denen Annaberg ohne herausragende Bedeutung eine „normale“ Stadt unter anderen war. Schließlich beschreibt er anschaulich, oft den Leser erschütternd, die langen Abschnitte der Geschichte,  in denen die Bewohner unter Armut, Hunger und Not litten, in Kriege mit ihren verheerenden Folgen verstrickt waren, von der Pest und zahlreichen Großbränden heimgesucht wurden.

Die Darstellung zeichnet sich durch einen enormen Reichtum an Fakten aus. Willy Roch meint dazu zwar in seinem schon zitierten Vorwort, er biete zum Teil nur Material. Das ist aber eine Untertreibung und keinesfalls ein Nachteil. So erfahren wir neben anderem die Namen der Schuldirektoren und ihrer Stellvertreter sowie der Münzmeister. Detailliert aufgeführt werden die zahlreichen florierenden Vereine, Chöre, Orchester und Gesellschaften, oft mit ihren jeweiligen Leitern. Der Verfasser wertet alle wichtigen bis 1946 erschienenen Publikationen - Bücher und Aufsätze - aus und hat eine Vielzahl unveröffentlichter Quellen aus dem Stadtarchiv (Ratsarchiv), dem Staatsarchiv Dresden und anderen Archiven eingesehen. Besonders interessant ist ein Überblick über die Annaberger Chroniken, beginnend mit der eines namentlich unbekannten Autoren (genannt: Anonymus) aus dem Jahr 1505, endend mit der Kriegschronik der Stadt vom 20.8.1939 bis zum 30.6.1942. Es sind insgesamt 37 Chroniken. Man möchte hinzufügen: Die Arbeit Rochs hat damit die Nr. 38.

Mit Schmunzeln wird der Leser die in den Text eingeflochtenen Anekdoten, manch Skurriles und Groteskes, zur Kenntnis nehmen. Zum Beispiel: Über den Besuch Annabergs durch Peter den Großen am 19.10.1712 erfahren wir: Er nahm sein Mittagsmahl bei einem wohlhabenden Bürger in der Münzgasse ein, „wobei ihm auf seinen ausdrücklichen Wunsch zwölf anmutige Klöppelmädchen aufwarten mussten“. - Als die für ihr Lotterleben bekannten Mönche des Annaberger Klosters nach Einführung der Reformation 1539 aus der Stadt vertrieben und dabei von Bergbuben mit Kot beworfen wurden, sollen sie ihnen zugerufen haben: „Ihr lieben Söhne, werfet nicht also auf uns, ihr möchtet eure Väter auch mit treffen.“ – 1899 kaufte ein reicher Fabrikant aus dem nahe gelegenen Geyer das erste Auto in der Amtshauptmannschaft Chemnitz, zu der Annaberg damals gehörte. Es war ein „Benz“ mit beeindruckenden 6 PS. Zehn Jahre später, 1909, ereignete sich in Annaberg der erste Verkehrsunfall, am Markt, an der Ecke, wo jetzt das Zeidler-Haus steht.

Natürlich spiegelt eine Arbeit, die vor fast 70 Jahren geschrieben wurde, den Wissensstand und den Geist ihrer Zeit wider und kann nicht allen heutigen Anforderungen gerecht werden. So begann 1946 gerade erst die schwierige und lang dauernde Auseinandersetzung mit dem Faschismus und seinen Verbrechen. Das kommt in einigen Formulierungen von Willy Roch im Abschnitt über Annaberg von 1933 bis 1945 zum Ausdruck. So schreibt er im Zusammenhang mit der unter Bruch des Völkerrechts erfolgten Annexion eines Teils der Tschechoslowakei, des so genannten Sudetenlandes, ohne einen Kommentar: „Jubelnd wurde Adolf Hitler bei seiner Durchfahrt am 4.10.1938 in der Pöhlbergstadt begrüßt, als er ohne Blutvergießen und unter Zustimmung der Westmächte die Vereinigung mit den volksdeutschen Brüdern jenseits des Erzgebirgskammes herbeigeführt hatte, wovon man sich auch für Annaberg wirtschaftliche und kulturelle Fortschritte erhofft hatte.“  Auch verwendet Willy Roch einige Male noch Begriffe aus dem Sprachschatz des Nazireichs, wie den von den „deutschen Volksgenossen“. Wichtig aber ist: Mit seiner Arbeit distanziert er sich ehrlich und überzeugend von Faschismus und Krieg.

Zum Schluss seines Nachworts schreibt er: „Ich hoffe, daß dieses Buch alle Annaberger mit Freude und Stolz erfüllt über die bedeutsamen Leistungen unserer Stadt, daß es insbesondere die Jugend anspornt, ebenso alle Kräfte einzusetzen für das allgemeine Wohl und den Ruf der Vaterstadt, wie es verdienstvolle Männer /hinzu gefügt sei: und Frauen/ aus allen Kreisen und in allen Jahrhunderten getan haben. Treiben wir doch nicht Geschichte um der Vergangenheit, sondern um der Zukunft willen.“

 

 

Edith Drechsler: Gedanken zu Willy Roch

Wenige Annaberger sind so widersprüchlich wahrgenommen und beurteilt worden wie der Heimatforscher Willy Roch. Er lebte in den  wechselhaften Zeiten des 20. Jahrhunderts und wurde sowohl tief verehrt und geachtet, als auch zur Unperson gemacht. Das Wissen um sein heimatkundliches Schaffen in seiner Heimatstadt Annaberg ging in der Öffentlichkeit weitgehend verloren. Die meisten Annaberger können die Frage nicht beantworten, wer dieser Willy Roch war und worin seine Verdienste bestehen. Nun erscheint mit fast 70-jähriger Verspätung die von ihm verfasste  Annaberger Stadtchronik der Jahre 1496 bis 1946. Das erfordert eine Erklärung der Umstände, wie diese Verspätung zustande gekommen ist. Der Lebenslauf  Willy Rochs bietet sie.

Als Annaberg am Ende des 19. Jahrhunderts in voller wirtschaftlicher Blüte stand, konnte das in dieser Stadt geborene Ehepaar Georg und Anna Roch hier ein gesichertes bürgerliches Leben führen. Als Posamentenverleger und Steindrucker hatte der Vater genügend Einnahmen, um seinem Sohn Willy, in Annaberg am 9.2.1893 geboren, eine gute Ausbildung zu bieten.

Von großem Vorteil war, dass in Annaberg für die Lehrerbildung das Königlich- Sächsische   Lehrer-Seminar gebaut und im Jahr 1900 eröffnet wurde, ein damals hochmoderner Schulneubau in der Logenstraße. Willy Roch begann 1907 dort als 13-Jähriger  seine Ausbildung, nachdem er vorher die Seminarübungsschule im Gebäude des Alten Seminars in der Wolkensteinerstraße besucht hatte. Seine Ausbildung , die er 1913 abschloss, war von hoher Qualität und umfasste alle Gebiete, die ein künftiger Lehrer beherrschen musste. Die Erziehungsziele entsprachen der Kaiserzeit, in die Willy Roch hinein geboren worden war: Übersteigerter Patriotismus, aber auch echte Heimatliebe, Disziplin und Ordnung sowie die Bereitschaft zum Kampf gegen Staaten, die als Bedrohung Deutschlands angesehen wurden. So ist es nicht verwunderlich, dass er sich 1914, erst 21-jährig, wie Zehntausende andere junge Deutsche,  freiwillig zum Militärdienst meldete, im Bewusstsein, Vaterland und Heimat schützen zu müssen. Durch seine Vorbildung , seine Disziplin und sein Organisationstalent stieg er schnell zum Offizier auf. Der nach vier Jahren mit unermesslichen Opfern verlorene Krieg und der auf Deutschland schwer lastende Versailler Vertrag ließen für viele, so auch für Willy Roch, den Einsatz für ihr Vaterland  sinnlos werden. Verständnis für die Enttäuschung fand man in Kreisen ehemaliger Offiziere. Kameradschaft half, die Enttäuschungen zu ertragen.

Beruflich hatte der Krieg die Ausbildung Willy Rochs zum Lehrer vier Jahre lang unterbrochen. 1919 konnte er in Leipzig das Studium der Pädagogik, Geschichte, Germanistik und Religionswissenschaften aufnehmen und 1922 erfolgreich abschließen. Danach, nun verheiratet, begann er seine Tätigkeit als Lehrer in Annaberg, zuerst an der Annenschule und ab 1925, 32-jährig, als Studienrat an der Staatlichen Aufbauschule. Er arbeitete nun als Lehrer im selben Gebäude, in dem er als Schüler gelernt hatte. Der prächtige Bau  wurde nach Auflösung des Lehrer-Seminars als Aufbauschule und Höhere Mädchenschule genutzt. 

Parallel zu dieser beruflichen Arbeit wurde er in seiner Freizeit ein leidenschaftlicher Heimatforscher. Sein Interesse daran war während des Studiums in Leipzig von dem Siedlungshistoriker Rudolf Kötschke geweckt worden, der allen seinen Schülern Freude an der landesgeschichtlich-heimatkundlichen Arbeit zu geben wusste. So betrieb Willy Roch bald neben seiner beruflichen Tätigkeit eine intensive heimatkundliche Forschung. Da sein Arbeitsstil sehr rationell war und er alle seine Forschungsergebnisse sinnvoll ordnete, besaß er bald ein umfangreiches persönliches Datenarchiv, auf das er jederzeit zurückgreifen konnte.

Die ersten 8 Jahre seiner Tätigkeit an der Aufbaurealschule fielen in die Zeit der Weimaer Republik. Auch in Annaberg kam es während der Weltwirtschaftskrise zu Arbeitslosigkeit und Not der Bevölkerung. So gelang es Adolf Hitler mit falschen Versprechungen, den Menschen Hoffnungen zu machen und an die Macht zu kommen, ohne durchschaut zu werden. Rigorose politische Maßnahmen, zunächst von vielen begrüßt und ihrer Gefährlichkeit nicht erkannt, veränderten das Land. Es herrschte wieder Disziplin und straffe Ordnung, wie es die Bürger aus der Kaiserzeit gewöhnt waren und für gut hielten. Während dieser Zeit war Willy Roch als Offizier der Reserve tätig. 1933 wurde er, wie alle Lehrer der Aufbaurealschule, in die SA übernommen. 1937 konnte er auf sein Betreiben hin diese Organisation verlassen, weil er klar machte, dass sich seine Tätigkeit und sein Selbstverständnis als Soldat nicht mit dieser Mitgliedschaft vereinbaren ließen. Im selben Jahr trat er, nachdem er den von ihm geforderten Parteieintritt über mehrere Jahre hinausgezögert hatte, notgedrungen der NSDAP bei.

Sein Hauptinteresse galt weiterhin der Heimatforschung. Besonders interessierten ihn die Familienforschung und die Lebenswege erzgebirgischer Menschen. In seiner Stadt war er bald nicht nur als Lehrer, sondern auch als Heimatforscher allseits geschätzt. So vertraute man ihm auch den Vorsitz des Erzgebirgszweigvereins in Annaberg an. Inzischen war er Vater von drei Kindern geworden, für die allerdings nicht viel von der Freizeit ihres Vaters übrig blieb. Während des Zweiten Weltkrieges war Willy Roch, zunächst als Hauptmann, dann als Major, Kommandeur eines Batallions.

Bei Kriegsende 1945 hatte er das Glück, nicht in Gefangenschaft zu geraten.Er kehrte zu Fuß nach Annaberg zurück. Das Erzgebirge lag nun in der sowjetischen Besatzungszone. Der Stadtkommandant   Njemow  bestimmte die Geschicke der Stadt. Während viele Kriegsheimkehrer in die Westzonen gingen, was damals sehr einfach war, war Willy Rochs Heimatliebe so groß, dass er nach Annaberg zu seiner Familie zurückkehrte. Er wurde, wie alle Lehrer, die Mitglieder der NSDAP gewesen waren, Ende 1945 aus dem Schuldienst entlassen. Eine weitere faschistische Beeinflussung der Kinder sollte verhindert  werden.  Nach über 20 Millionen Kriegsopfern und einer verwüsteten Heimat war das eine verständliche Maßnahme der Besatzungsmacht.

Als ehemaliger Offizier und Batallionskommandeur stand Willy Roch unter Beobachtung der Besatzungsmacht. Am 8.9.1945 wurde er zum ersten Mal verhaftet. Geklärt werden sollte, ob seine Einheit in Rußland Greueltaten verübt hatte. Als sich der Verdacht nicht bestätigte, kam er nach vier Wochen wieder frei. Eine zweite Verhaftung erfolgte am 22.5.1946, als er sich mit einigen ehemaligen Freunden der 1924 gegründeten Turnerriege “Glückauf” auf dem Pöhlberg traf. Die Gruppe wurde denunziert und Willy Roch des Staatswiderstandes verdächtigt. Als sich der Verdacht als unberechtigt erwies, wurde er am 15.6.1946 wieder entlassen.

Diese Aufregungen, der Hunger, der kalte Winter 1945/46, in dem es keine Kohlen gab, und Stromsperren an der Tagesordnung waren, hinderten Willy Roch nicht daran, für seine Heimatstadt  Annaberg eine Aufgabe von besonderer heimatkundlicher Bedeutung zu übernehmen: Er verfasste die Festschrift zum 450-jährigen Jahrestag der Stadtgründung.  Dass ihm mit diesem Auftrag großes Vertrauen der Stadtverwaltung entgegengebracht wurde, steht außer Frage. Er konnte auf seine Forschungsergebnisse aus der Vorkriegszeit zurückgreifen und lieferte sein Werk rechtzeitig ab. Die Besatzungsmacht erteilte seiner Festschrift keine Druckgenehmigung, weil sie als unkontrollierbares Schriftgut galt. Eine Entscheidungsfreiheit der deutschen Behörden  gab es nicht. Alle Mühen waren umsonst gewesen. So verliefen die Feierlichkeiten zur 450-Jahrfeier ohne Festschrift. Das Manuskript hatte keine Chance, verbreitet zu werden.

Zwei Jahre später, am 27.8.1948, wurde Willy Roch  ein drittes Mal verhaftet, weil sein Name gegen seinen ausdrücklichen Willen auf die Liste einer diffusen Gruppe namens “IBS” gesetzt worden war. In der Sicht des Militärgerichts hätte Willy Roch diese Gruppe denunzieren müssen. Sein Schreiben allein, dass er eine Mitarbeit ablehnte, reichte nicht als Unschuldsbeweis. Er wurde zu 10 Jahren Strafarbeitslager verurteilt. Als er nach fünfeinhalb Jahren vorzeitig nach einer Amnestie wieder frei kam, fand er trotz intensiver Bemühungen keine Arbeit und geriet mit seiner Frau in existentielle Not. Er musste sich unter anderem als Hilfsarbeiter in der Holzbranche verdingen.  So entschloss sich der Heimatforscher schweren Herzens, seine geliebte Heimat zu verlassen und in die Bundesrepublik zu übersiedeln. BIs zu seinem Ruhestand im Jahr 1957 arbeitete er wieder im Schuldienst als Studienrat.

Nach seiner Pensionierung folgten Jahre schaffensreicher Tätigkeit in Hagen/Westfalen. Neben seiner Heimat- und Adam-Ries-Forschung  gründet er für die im Westen lebenden Erzgebirger einen Zweigverband des Erzgebirgsvereins und rief in Staffelstein, heute Bad Staffelstein, 1959 zum 400. Todestag des großen Rechenmeisters, den ersten Adam-Ries- Bund ins Leben.

Als Höhepunkt seiner Arbeit kann die Herausgabe des ersten Adam-Ries-Nachfahrenbuches betrachtet werden, in dem er 3 000 Personen aufführt. Auf diesen Ergebnissen fußt die gesamte weitere genealogische Forschung  des Adam-Ries-Bundes.  Er konnte seine Forschungen in der Ferne fortsetzen, da er Freunde in der Heimat hatte, die ihm benötigtes Material zusandten. Vor allem sein ehemaliger Schüler und Freund, Hans Burkhardt, sein “Famulus” in der Heimatforschung, beschaffte ihm Unterlagen aus den heimatlichen Archiven.

Willy Roch starb am 6. September 1977, 84-jährig, in Krefeld, fern seiner erzgebirgischen Heimat.

Nach der Wende ehrte die Stadt Annaberg- Buchholz Willy Roch durch eine Gedenktafel, die anlässlich seines 100. Geburtstages an seinem Geburtshaus in der Scheibnerstraße angebracht wurde, und mit einer Gedenkveranstaltung, auf der Hans Burkhardt die Ansprache hielt.

Anlässlich seines 120. Geburtstages veröffentlichte der Annaberger Adam-Ries-Bund in seinem Jahrbuch 2014 Dokumente zur Rolle Willy Rochs bei der Gründung des Staffelsteiner Adam-Ries-Bundes 1959. In dieser Würdigung wird Willy Roch als Altmeister der Adam-Ries-Forschung bezeichnet.

 

 

Nachwort des Verfassers Willy Roch zu seinem Werk von 1946

Diese Schrift sei nicht abgeschlossen ohne ein Wort des Dankes und eine Bitte. 

Dank dem Rat der Stadt, der mich mit dieser Aufgab betraute und dem Werk jede Förderung angedeihen ließ, Dank auch allen denen, die mich irgendwie dabei unterstützten.

Und damit verbinde ich die Bitte um nachsichtige Beurteilung, wenn das Vollbrachte hinter dem Angestrebten zurückbleibt. Es war für mich nicht leicht, nach jahrelanger kriegsbedingter Abwesenheit dieses Buch in so kurzer Zeit zu schreiben, zumal in einer Zeit, da Bibliotheken und Archive zerstört oder durch Auslagerung der Bücher- und Aktenschätze noch nicht wieder ausleihbereit waren, in allen Ämtern neue Menschen saßen, die, mit laufenden Arbeiten überhäuft, mit der Geschichte ihrer Dienststellen und Sachgebiete noch nicht vertraut sein konnten. Auch fehlte die Resonanz des Geschichtsvereines und der Heimatzeitung.

Das Buch soll ein Zeichen des Danken an meine Vaterstadt sein, in der ich die glücklichen Tage meiner Jugend verleben und als Mann wirken durfte.

Ich habe mich bemüht, alles das zusammenzutragen, was vernehmlich in den letzten 50 Jahren über die Geschichte unserer Stadt festgestellt wurde, und es in einer einigermaßen lesbaren Form zu bieten, die auch dem einfachen Mann und der reiferen Jugend verständlich ist, andererseits aber auch dem Kenner manches Neue gibt oder doch Altes in neuer Beleuchtung aufzeigt.

Bewußt habe ich zahlreiche Nahmen aufgeführt, um die Verbundenheit vieler Familien mit der Stadtgeschichte festzuhalten. Auch habe ich versucht, die Heimatgeschichte sich in der sächsischen widerspiegeln zu lassen.

Literaturzusammenstellung und Quellenhinweise mußten aus Sparsamkeitsgründen wegbleiben. Zu Auskünften bin ich gern bereit, wie ich umgekehrt für jede Ergänzung und Berichtigung dankbar bin.

Ich hoffe, daß dieses Buch alle Annaberger mit Freude und Stolz erfüllt über die bedeutsamen Leistungen unserer Stadt, daß es insbesondere die Jugend anspornt, ebenso alle Kräfte für das allgemeine Wohl und den Ruf der Vaterstadt, wie es verdienstvolle Männer aus allen Kreisen und in allen Jahrhunderten getan haben. Treiben wir doch nicht Geschichte um der Vergangenheit, sondern um der Zukunft willen.

Annaberg-Buchholz, begründet in bedeutungsvoller Zeitenwende, feierte sein Jubiläum beim Anbruch einer neuen Zeit. Möchte es, wenn sich das erste Halbjahrtausend seiner Geschichte vollendet, in einem freien, friedlichen und gesegneten Deutschland eine neue Zeit wirtschaftlicher und kultureller Blüte erleben! Glückauf! 

Annaberg, am 20.7.1946

Willy Roch

 

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