Zurück zur letzten Seite                    Zur Startseite des Verlages



Ebert, Rosel (Hrsg.)

 

Friedrich Ebert jun. – Briefwechsel mit seinem Sohn Georg 1943–1945.

Ergänzt durch Kindheitserinnerungen von Georg Ebert

 

 

 

lieferbar

 

=> Lieferanfrage beim Verlag

 

 

 

2014, 197 S., zahlr. Abb., ISBN 978-3-86465-053-6, 14,80 EUR

 

 

In Vorbereitung

Zurück zur letzten Seite                   Zur Startseite des Verlages

Inhaltsverzeichnis                          

 

EINFÜHRUNG

Vater und Sohn

 

Die ersten Lebensjahre

aus G. Ebert „Im Spannungsfeld zweier Welten – Episoden aus meiner Kinder- und Jugendzeit“

 

Zakopane   September 1943 – Mai 1944

Kindheitserinnerungen

Briefwechsel  November 43 – Januar 44

Kindheitserinnerungen

Briefwechsel Januar 44 – Mai 44

Kindheitserinnerungen

 

Lahr  Juni 1944 – September 1944

Kindheitserinnerungen

Briefwechsel Juni 44 – August 44

Kindheitserinnerungen

 

Plan a. d. Lainsitz (Plana nad Luznici)  Oktober 1944 – April 1945

Kindheitserinnerungen

Briefwechsel Oktober 44 – Dezember 44

Kindheitserinnerungen

Briefwechsel Dezember 44 – Februar 45

Kindheitserinnerungen

 

Wie ich das Kriegsende erlebte

aus G. Ebert „Im Spannungsfeld zweier Welten – Episoden aus meiner Kinder- und Jugendzeit“

 

ANHANG

Briefwechsel Friedrich Eberts mit Lehrern der

Gneisenau-Oberschule Februar 1944 – April 1945

 

„Wir tragen den Tod übers Meer“

Erziehung zum Heldentum (R. Ebert)

 

Chronik geschichtlicher Ereignisse

zum Briefwechsel (G. Ebert)

 

Biografische Daten zu Friedrich Ebert jun.

1925 –1945

 

AUTORENVITA einmal anders

 

 

 

EINFÜHRUNG

 

VATER und SOHN

 

Als der II. Weltkrieg ausbrach, war Friedrich Ebert jun. 45 Jahre alt. Es lag ein Leben mit allen Höhen und Tiefen hinter ihm. Doch was jetzt kam, gehört zu den größten Dramen der Weltgeschichte und er hatte es mit klarem Blick und scharfem Verstand vorausgesehen.

Das ABC der Politik wurde Friedrich Ebert jun. bereits in die Wiege gelegt. Als er am 12. September 1894 in Bremen zur Welt kam, war sein Vater – dessen Vorname an ihn als Ältesten weitergegeben wurde – gerade dabei, seine politische Karriere ins Rollen zu bringen. In den Jahren der Kindheit und Jugend wurde der junge Friedrich Zeuge, wie sein Vater mit immer größerem Engagement die individuellen Interessen hinter das Gemeinwohl stellte und versuchte, der Persönlichkeitsentwicklung und Charakterbildung seiner vier Söhne und der Tochter durch eigene Vorbildwirkung eine positive Richtung zu geben. Was ihm blieb an karger Freizeit widmete Friedrich Ebert sen. seiner Familie, die ihm sehr am Herzen lag.

Mit Blick auf den eigenen Lebensweg und ganz sicher auch unter Berücksichtigung des für fünf Kinder zu zahlenden Schulgeldes hielt Friedrich Ebert sen. die Söhne an, nach dem Besuch der Mittelschule einen praktischen Beruf zu erlernen. Nur die Tochter Amalie konnte eine höhere Schule besuchen. Friedrich jun. hat das neidvoll registriert und nie so richtig verwinden können.

Es gehörte zur Grundhaltung des Vaters, alles für seine Familie zu tun, was er mit Ehre und Gewissen vereinbaren konnte. Dass der junge Friedrich – selbst im I. Weltkrieg schwer verwundet – nicht nur sah, wie der Vater die Möglichkeit ausschlug, seine Söhne vom Kriegsdienst freistellen zu lassen, sondern auch den frühen Tod zweier seiner Brüder an der Front miterleben musste, dürfte sein Wesen stark beeinflusst haben.

Diese Unabdingbarkeit und Konsequenz bei der Verbindung politischer Grundfragen mit persönlichen Aspekten hat auch ihn geprägt. Hier war Friedrich Ebert jun. in seinem ganzen Leben ebenso wenig kompromissbereit wie sein Vater. Ganz besonders schlägt sich das nieder im Umgang mit seinen Söhnen, von denen der erste wiederum den Namen Friedrich bekam. Der zweite wurde nach einem der im Krieg gefallenen Brüder dann Georg genannt. Übrigens trägt Georg auch als weiteren Vornamen den des anderen an einem Granatsplitter verstorbenen väterlichen Bruders Heinrich.

Als der II. Weltkrieg ausbrach, war Georg Ebert 8 Jahre alt. Auch ihm wurde das ABC der Politik in die Wiege gelegt. Bei seiner Geburt in Brandenburg am 26. Januar 1931 arbeitete sein Vater als Chefredakteur der von der SPD herausgegebenen „Brandenburger Zeitung“ und vertrat die Interessen der Sozialdemokratie in einer Reihe verantwortungsvoller Funktionen. Die nationalsozialistische Barbarei warf bereits ihre Schatten voraus. Von Jahr zu Jahr traf es die Familie härter – Arbeitslosigkeit des Vaters, Verschleppung von einem Konzentrationslager ins andere, später Polizeiaufsicht mit gering bezahlter Arbeit, finanzielle Abhängigkeit von der Großmutter, mehrfacher Verlust der Wohnung usw.usw. Georg Ebert beschreibt diese Zeit in seinem Buch „Im Spannungsfeld zweier Welten – Episoden aus meiner Kinder- und Jugendzeit“ so, wie sie sich in seiner Erinnerung widerspiegeln. Den elterlichen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung der beiden Söhne charakterisiert er mit den Worten: „Wir wurden mit Liebe, Strenge und Konsequenz erzogen.“

Noch vor dem Krieg – am 28. Februar 1938 – wurde er im Alter von gerade mal 7 Jahren vollkommen unerwartet mit dem Tod seiner Mutter konfrontiert. Niemand hat dem kleinen Jungen einen solchen Schicksalsschlag verständlich gemacht. Im Gegenteil. Es herrschte Stillschweigen darüber. Erst im Erwachsenenalter erfuhr Georg von seinem Bruder, dass die Mutter den Freitod gewählt hatte. Ebenso unerwartet erhielt er dann nach 1990 von seinem Cousin Karl-Heinz, dem Sohn aus der Ehe der Schwester seiner Mutter und des Bruders seines Vaters, verschiedene Briefe, die die Umstände um den Tod seiner Mutter erhellen. Karl-Heinz hatte sie im Nachlass seiner verstorbenen Mutter gefunden und Georg Ebert verwahrt sie weiter in seinem Privatarchiv. Selbst schrieb er in seinem Buch nicht mehr und nicht weniger dazu als: „Sicher konnte ich diese Tatsache damals nicht richtig erfassen. Die Erinnerungen an meine Mutter sind undeutlich, verschwommen. Eine stille, liebevolle und verletzliche Frau.“ Obwohl er es selbst nicht wahrhaben will, so bin ich doch sicher, dass mein Mann Georg vor allem durch das bewusste Schweigen der Familie dieses Kindheitstrauma bis heute nicht ausreichend verarbeiten konnte. Ein aus meiner Sicht unverzeihlicher Fehler des Vaters, der ganz sicher in guter Absicht handelte. Die neue Mutter war nach Georgs Worten „herzlich, aber streng“. Ich habe Maria Ebert später genauso kennen und schätzen gelernt. Sie war es dann auch, die nach dem Tod ihres Mannes am 4. Dezember 1979 in ihren autobiografischen Notizen erstmalig wenigstens andeutungsweise auf die Hintergründe des Freitodes von Georgs Mutter eingeht

Mit Ausbruch des II. Weltkrieges traf es die Familie ebenso hart wie all die anderen Menschen, die gezwungen waren, sich den Gegebenheiten zu stellen und zu retten, was zu retten war. Für Georg trat 1943 ein Begriff in den Mittelpunkt seines Lebens, der für ihn bis zum Ende des Krieges – mit kurzen Unterbrechungen – bestimmend blieb: KLV oder Kinderlandverschickung. Um die Kinder vor den zunehmenden Luftangriffen und anderen familiär belastenden Kriegsauswirkungen zu schützen und gleichzeitig im nationalsozialistischen Sinne erziehen zu können, wurden ganze Schulklassen geschlossen an immer wieder wechselnde Orte evakuiert. Auch Georg Ebert – zu damaliger Zeit in den gymnasialen Klassenstufen 2 bis 4 (aus heutiger Sicht 6. bis 8. Klasse) –  und zeitweilig sein Bruder Friedrich waren davon betroffen. Konsequenz: Trennung von den Eltern für einen nicht voraussehbaren Zeitraum. Wieder ein einschneidendes Erlebnis, dass der heranwachsende Junge zu bewältigen hatte. Er wurde gemessen an der Emotionen zerstörenden Floskel der nationalsozialistischen Jugenderziehung: „Ein deutscher Junge kennt keinen Schmerz.“ Und passte sich an, so gut es ging. Viele Jahre später schreibt er in seinem Buch im Hinblick auf die Kinderlandverschickung: „Mir machte die Trennung nichts aus, schließlich fuhr ich mit meinen vertrauten Klassenkameraden…“.

Ich habe diese Bewertung immer bestritten. Mag anfangs eine Art von Abenteuerlust im Spiel gewesen sein, so bin ich davon überzeugt, dass ein Junge von anfänglich 12 Jahren, dessen introvertierte Wesensart mit mehr Sensibilität verbunden ist, als er sich und anderen eingesteht, unter der fehlenden Zuwendung der Eltern und der „Kasernierung“ gelitten haben muss. Ich vertrete ebenfalls die Auffassung, dass die nationalsozialistischen Erziehungsmethoden, zu denen auch die Kinderlandverschickung gehörte, bei den sogenannten „harten Typen“ ebensolche schwer zu reparierenden Persönlichkeitsdefizite hinterlassen haben, wie bei den zurückhaltenden, in sich gekehrten.  

Im Jahr 2006 veröffentlichte Georg Ebert seine ersten Erinnerungen. Dabei zog er die von ihm geschriebenen Briefe von Oktober 1943 – Februar 1945, die er im Nachlass seiner Eltern fand mit heran und verwies gleichzeitig auf  Briefe seines Vaters Friedrich Ebert, der Mutter Maria, des Bruders Fritz sowie auf einen Briefwechsel zwischen dem Vater und den Lehrern aus den Jahren 1944 und 1945. Wir haben diese Briefe erst vor wenigen Monaten noch einmal richtig gelesen und sie meines Erachtens erst jetzt in ihrer ganzen Bedeutung für Georg, die Familie und alle, die mit ihm verbunden sind, voll erfasst.

Obwohl von Georg ebenso wie von den Eltern nicht alle Briefe erhalten geblieben sind, so bezeugen doch allein die vorliegenden auf unverfälschte Weise, wie der Junge im schwierigen Alter von noch nicht einmal 13 Jahren bis zu seinem 14. Geburtstag fern von den Eltern versuchte, sich den Umständen anzupassen und den gestellten Anforderungen gerecht zu werden. Sie geben auch einen Einblick in das Lagerleben der Schulklasse. Ob die Fülle der Briefe, die Georg schrieb, allein der Tatsache geschuldet ist, dass eine Kontrolle darüber ausgeübt wurde, ist schwer einzuschätzen. Auf jeden Fall war der Junge bestrebt, den Kontakt zu seinen Eltern nicht abreißen zu lassen.

Wenn ich die später verfassten Kindheitserinnerungen meines Mannes  aufmerksam lese, so fällt auf,  dass er gravierende Einschnitte in sein junges Leben im Nachhinein immer wieder so bewertet, als haben sie ihm nichts ausgemacht bzw. als habe er – zum Beispiel auf die Zerstörung der elterlichen und großmütterlichen Wohnungen – mit Gelassenheit reagiert. Der Problemverdrängungsprozess ist unübersehbar. Meines Erachtens deutet Georg hier auch seine eigenen Briefe falsch. Denn, dass der Junge fern der Heimat im Kreis seiner Kameraden versuchte, auf solche Nachrichten möglichst sachlich zu reagieren, dürfte unbestritten sein. Auch, dass er seine wahren Gefühlen in einem solchen Umfeld nie preisgegeben hätte

Die Briefe Friedrich Eberts – in der Regel mit Schreibmaschine geschrieben – zeugen nicht nur davon, dass und wie der Vater versuchte, wenigstens per Post sowohl erzieherisch als auch ermutigend auf den Sohn einzuwirken. Mit Unabdingbarkeit und Konsequenz, versteht sich. Und mit Liebe. Letzteres hat mich beim Lesen besonders berührt. Ich habe mich immer schwer getan mit den Kosenamen „Mammi, Papps (mit zwei `m´ und `p´), Üpe, Oschi, Fidi“. Aber sie entsprechen offensichtlich tatsächlich dem liebevollen Umgang in dieser Familie.

Besonders eindrucksvoll finde ich die Passage in dem Brief vom 19. Januar 1945 anlässlich Georgs bevorstehenden Geburtstages, wo der Vater die Persönlichkeitsmerkmale  eines 14jährigen Jungen – eingedenk des Wesens seines Sohnes – mit den Worten beschreibt:

„Die klugen Menschen haben ihr Leben in gewisse Abschnitte eingeteilt. Jeder von ihnen bekommt bestimmte Merkmale untergeschoben. So meinen sie, wenn jemand das 14. Lebensjahr erreicht hat, dann werde er nicht nur körperlich ein Jüngling, sondern dann müsse er auch ernster und gesetzter werden, beinahe schon wie ein Erwachsener. Als wenn der Ernst des Lebens nicht noch früh genug sich bemerkbar mache, besonders in diesen harten Kriegszeiten. Aber sie verwechseln eben kindisch mit kindlich. Auch ich möchte nicht gern, daß mein 14jähriger Junge sich noch durch lächerlich kindisches Benehmen auszeichnet. Aber er soll sich seine kindliche Unbekümmertheit, sein liebes kindliches Wesen noch möglichst lange zur Freude seiner Eltern bewahren!“  

Dazu passt auch die aus meiner Sicht so treffende Einschätzung der „Natur“ seines Sohnes in dem Brief an den Direktor vom 14. Februar 1944:

„Er gehört nun einmal zu den Kindern, auf die jede Störung des normalen Tageslaufs, jede Viertelstunde weniger Schlaf einen sehr nachhaltigen und ungünstigen Einfluß ausübt. Außerdem bin ich nach wie vor der Meinung, daß er auch seelisch unter der langen Trennung von der Familie leidet, ist er doch im Gegensatz zu seinem großen Bruder eine stark nach innen gekehrte Natur.“

Vor allem die Briefe Friedrich Eberts sowohl an den Sohn als auch an den Direktor sind nach unserer Auffassung durch die Schilderung des Kriegsgeschehens einschließlich der Luftangriffe, der Sorge um die Kinder, der Zerstörung der eigenen Wohnung und der Bewältigung eines solchen Verlustes von allgemeinem geschichtlichen Interesse. Sie zeigen gleichfalls, wie selbst ein solcher Mann seine Formulierungen  - sei es der Wunsch nach dem „erfolgreichen Eingreifen der Reserve“ und der „Hoffnung auf Vergeltung“ oder die Unterzeichnung zweier Briefe an den Direktor mit dem „Heil Hitler-Gruß“ – den Notwendigkeiten anpasste, was ihm ungeheuer schwer gefallen sein muss. Selbstverständlich wusste er, wer die Post „mitliest“. Nicht zuletzt runden die Briefe das Bild von einem Mann ab, der in der Nachkriegszeit und in der DDR an verantwortlichen Stellen die Politik des Staates mit bestimmte.  

Wir haben die Briefe so abgeschrieben, wie sie verfasst worden sind – einschließlich der Fehler, von denen Georg, zum Leidwesen des Vaters, nicht wenige hinterlassen hat. Dass einige Briefe und  Karten offensichtlich verloren gegangen sind, beeinträchtigt das Gesamtbild kaum. Es ist ein glücklicher Umstand, dass Friedrich Eberts Briefe fast alle mit Schreibmaschine geschrieben wurden, so dass auf die Durchschläge, die er zu Hause aufbewahrte,  zurück gegriffen werden kann. Georg schrieb in der Regel an beide Elternteile, aber natürlich wird die Post zuallererst vom Vater „bewertet“. Obwohl mitunter längere Zeiträume zwischen dem Datum des Absenders und der Ankunft bei dem Adressaten lagen und sich manches Geschriebene „überschnitten“ hat, haben wir uns dafür entschieden, die Briefe nach dem vom Verfasser eingetragenen Datum zu ordnen. Die Sinnhaftigkeit und Aussagekraft des Inhaltes ist in jedem Fall zweifelsfrei nachvollziehbar.

Meinem Mann Georg und mir erscheint es gerade in dem Jahr, wo sich nicht nur der Geburtstag Friedrich Eberts am 12. September zum 120. und sein Todestag am 4. Dezember zum 35. Male jährt, sondern wo die Welt mit dem Vorsatz „Nie wieder!“ auf den Beginn des II. Weltkrieges vor 75 Jahren zurückblickt, besonders lohnenswert, diese Briefe in Verbindung mit Auszügen aus dem ersten, leider vergriffenen, Buch „Im Spannungsfeld zweier Welten“ auch anderen zugänglich zu machen. Dabei vertrauen wir darauf, dass die Leser den persönlichen Charakter des Geschriebenen respektieren und damit ebenso achtungsvoll umgehen, wie wir es tun.

 

Juli 2014                                                  

Rosel Ebert
 

 

Zurück zur letzten Seite                    Zur Startseite des Verlages