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Hargens, Jürgen

 

Erwach(s)en.
Geschichten über Männer und Frauen, Freud und Leid, Beziehungen und Trennungen, Menschliches und Psychologisches wie über das Leben selbst

 

 

lieferbar

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2. Auflage, 2014, Roman, 354 S., ISBN 978-3-86465-048-2, 18,80 EUR

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Aus Rezensionen zur 1. Auflage

 

„Man muss die Leute halt auch mögen“. Das scheint die Haltung zu sein, die bei Jürgen Hargens durchgängig anzutreffen ist. Bei aller Professionalität, bei aller kritischen Distanz, bei aller Offenheit auch anderen Regungen gegenüber, und ist womöglich ein wesentlicher Schlüssel zum (therapeutischen) Erfolg. Hargens’ Romandebut von 2003 – nun in zweiter Auflage vorliegend – könnte den gelungenen Fall darstellen, therapeutische Laien und therapeutische Profis gleichermaßen anzusprechen und zu fesseln – ich kann es jedenfalls von zweiterem Standpunkt her so sagen. Wenn Sie jemand fragt „was machst du eigentlich so den ganzen Tag in deinem Beruf?“ könnte man anstatt einer umständlichen Antwort ihm oder ihr dieses Buch zu lesen geben.
Der Strang, der den Roman inhaltlich zusammenhält, ist der Einblick in die Arbeit, die Gedanken, Überlegungen, die Privatsphäre, die Welt der Kunden – unser aller Leben also.

Gerald Kral
Psychologe und Psychotherapeut

 

 

Ein Schatzkästlein:  Jürgen Hargens Buch über Erwach(s)en
 
 
Wer einmal auf unterhaltsame Weise erleben möchte wie Gespräche gelingen, dem ist der im Jahr 2003 [1. Auflage] von Jürgen Hargens erschienene Roman "Erwachsen" zu empfehlen. 
In viel wörtlicher Rede erzählt der Roman aus dem leben des Psychotherapeuten Johann Largo. Es sind vor allem Gespräche mit Klienten, Gespräche mit mit Freunden un Gespräche in der 
eigenen Familie. Und jedem dieser wunderbar protokollierten Begegnungen können Leser und Leserin erleben, wi Menschen einander verstehen und näher kommen können, ja wie sie
mit Worten und ganz überraschenden Fragen einander ins Leben helfen.
Die Menschen in Jürgen Hargens Roman "erwachen" sozusagen gesprächsweise, sie werden "erwachsen", weil Kommunikation gelingt. Die klugen Interventionen des Helden der Geschichte,
Johannes Largo, perlen im Gespräch wie in einem Glas Sekt. Es macht Spaß ihm zuzuhören und zu erleben, wie einfühlsame, wertschätzende Worte Menschen öffnen.
wer beruflich mit Menschen redet, als TherapeutIn, als PastorIn, Diakon oder wem ganz einfach gute Gespräche wichtig sind, der findet in diesem Buch ein Schatzkästlein voller Anregungen.
Dabei ist die Lektüre stets spannend. Jürgen Hargens kann schreiben. Ihm gelingt in diesem Buch ein Meisterstück narrativer Psychologie. Wer dieses Buch wieder aus der Hand legt,
der hat vor allem eines: Lust auf Kommunikation und die Überzeugung, dass sie auch gelingen kann.
  
Von Pastor Dr. Kay-Ulrich Bronk, in: Die Nordelbische, 18.6.2006, S. III Bildung und Religion

 

 

 

Leseprobe

 

 

Vor-Spiel...

 

Wozu? Diese Frage hatte er sich selber auch schon des öfteren gestellt - zumindest seit er sich mit dem Gedanken herumschlug, ein Buch zu schreiben. Wozu wollte er das? Im Grunde wußte er es nicht und wußte es doch ziemlich genau. Er meinte, er hätte etwas zu sagen. Stolz? Klar. Anerkennung? Gewiß. Also eine Art Selbstbeweihräucherung? Auch. Zumindest wenn er sich gegenüber ehrlich war. Und das war er meistens. Das war auch der Grund, weshalb er bisher nicht angefangen war zu schreiben. Er wußte sehr genau, zumindest in  seinem Inneren, daß er das Buch als eine Art Rechtfertigung schreiben wollte, als eine Art Vermächtnis, Erbe. Und dabei war er gar nicht so alt. Weder stand ihm momentan eine Biographie noch eine Autobiographie zu. Denn wer war er schon? Was zeichnete ihn und sein Leben aus - außer dem Durchschnitt, dem Nichtaufgefallensein, dem Üblichen?

Also war es scheinbar oder offensichtlich die Frage „wozu?“ , die ihn bisher immer gehindert hatte, anzufangen. Und dabei war er tief in seinem Inneren überzeugt, daß er nicht nur etwas zu sagen hätte, sondern dies auch angenehm erzählen konnte. Eine Art unterschwelliger Größenwahn. Und genau das war es im Grunde genommen, weshalb er dieses Buch schreiben wollte - er wollte seinem Größenwahn eine gesellschaftlich akzeptable Form geben, ihn in eine sozial anerkannte Form bringen - und die Folgen genießen: die Anerkennung, das Lob und, in der Gesellschaft, in der er lebte, nicht zu vergessen und nicht zu unterschätzen, die Tantiemen, das Geld, der Ruhm, der sich in klingende Münze umsetzen ließ. Also letztlich war er nur einer der vielen anderen, ein Glücksritter, der sein Leben in Mark und Pfennig umrechnete und daran festmachte, wie er den Sinn definierte...

All dies konnte er sich in Momenten eingestehen, wo er alleine war, wo er niemandem Rechenschaft schuldete, wo seine Bekenntnisse nur ihm selbst gegenüber veröffentlicht wurden - das war der  tiefere Grund (nein, im Grunde nur einer von vielen), weshalb er es nicht über sich bringen konnte, das Buch zu beginnen, sein Buch zu schreiben - er müßte dann von sich sprechen, über sich schreiben, anderen Einblicke gewähren. Er würde seinen Schutz verlieren, der ihm das Überleben gesichert hatte. Gesichert? Nein, ermöglicht, um zu überleben. Die Frage „wozu?“ war damit nicht beantwortet. Sie war es, die immer wieder in seine Gedanken hineinkroch, sein Leben immer dann durchzog, das Erreichte in Frage stellte, wenn er glaubte, einen Schritt nach vorne (wohin war das?) getan zu haben, etwas sicheren Boden unter den Füßen zu haben.

Vor zwanzig Jahren oder so, als er diese Idee, ein Buch zu schreiben, seinem Freund erzählt hatte, sagte es dieser ihm auf den Kopf zu: „Dann mußt du von dir erzählen, dann kannst du nicht mehr ausweichen und dich verstecken. Ich bin gespannt auf das Buch.“

Diese Vorstellung hatte ihm sofort alles klar gemacht - er würde natürlich kein Buch schreiben. Niemals. Nie sollten andere Menschen seine tiefen Geheimnisse, seine ureigenen Wünsche und Sehnsüchte erfahren. Auch wenn er sich nach Menschen sehnte, die ihn verstehen, die mit ihm umgehen, wie er es sich wünscht. Er wußte wohl - er ahnte mehr, als daß er sich dessen sicher war -, daß er diesen Widerspruch nicht würde auflösen können, zumindest solange nicht, solange er nicht seine Wünsche anderen ein bißchen, ein wenig, ansatzweise zugänglich machen würde.

Dies war auch, das wußte er inzwischen sehr genau, glaubte er zumindest, seine ureigene Stärke: sein Zweifel, sein Zweifeln, sein Infragestellen und seine Bereitschaft, allen Dingen auf den Grund zu gehen, auch um den Preis der eigenen Verzweiflung, der alles mit sich reißenden Niedergeschlagenheit. Biografisch - und es gab und gibt genügend Entwicklungstheorien, die alles biografisch sehen - wäre dies eine überzeugende Erklärung, weshalb er sich zum  weißen  Ritter  gemausert  hatte,  zum  Helfer  geworden  war,  zum  Therapeuten, zum Psycho, wie er selber manchmal abfällig wie selbstironisch meinte. Diese Selbstironie war zugleich sein Mittel, sich von sich selber zu distanzieren, sich nicht im Leid zu verlieren, seine berufliche Identität in Frage zu stellen, um so immer wieder als erkennbare eigene Person aufzutauchen.

Er war insgeheim stolz darauf, aus einer Familie zu stammen, die nicht so war wie alle anderen. Gewalt und Alkohol waren Teil seiner Kindheit gewesen. Statt geredet, wurden handfeste Argumente eingesetzt, die waren durchschlagender, in des Wortes treffendster Bedeutung. Und dennoch erinnerte er sich gern an viele Begebenheiten seiner Kindheit und Jugend. Wie paßte das zu den Theorien, die das Biografische so sehr betonten - hätte er nicht traumatisiert sein müssen? Oder gehörte er zu den Meistern des Verdrängens?

Und wenn schon - er fühlte sich gut, meistens. Wenn er auf diese Theorien nichts gab. Deshalb hatte er auch das Buch, in dem ein Kollege - ein Finne, der mittlerweile sogar eine eigene Fernsehshow hatte, zu der er auch Leute eingeladen hatte, die Stimmen hörten - Erwachsene befragt hatte, wie sie es geschafft hatten, ein zufriedenes Leben zu führen, wo sie doch als Kinder dem ausgesetzt gewesen waren, was nach der vorherrschenden Theorie zu einem so großen Trauma hätte führen müssen, daß sie ihr Leben lang geschädigt bleiben. Genau, der Titel klang so gelungen: „Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben.“ Und wer Recht hat, hat Recht. Davon war er jetzt mehr denn je überzeugt.

Er wußte, daß sein beruflicher Erfolg, anderen zu helfen, unter anderem genau darin begründet war - sich von sich selbst zu distanzieren, dem anderen nahe zu sein und sich dabei doch zugleich wie aus einer fernen anderen Position zu betrachten. So hatte es auch der Finne, Furman hieß er, bei seinen Recherchen bei den Betroffenen herausgefunden.

Er selber konnte dies theoretisch noch umfassender begründen, denn so etwas wie das Selbst, die Identität gab es wohl doch nicht. Er hatte den Aufsatz von Hermanns, einem Holländer, gelesen und konnte ihm nur zustimmen: wir bestehen aus vielen Selbsten und alle diese Selbste reden miteinander in polyphonen Stimmen und eine der Künste ist es, diesen Stimmen zuzuhören, ohne an der Vielfalt und Gegensätzlichkeit zu verzweifeln oder zu versuchen, sie zu einem harmonischen Miteinander zu bringen, in der eine Stimme den Vorrang hat.

Ja , er ist Psychotherapeut, das weiß er selber, ein erfolgreicher, und das seit Jahren. Und jetzt hat er den Anfang gemacht und jetzt geht es weiter, vielleicht von selbst....




 

 

 

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