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Özkara, Sami

 

LORAN oder Wie ich meine deutsche Tochter kennenlernte

 



2014, 380 S. ISBN 978-3-86465-041-3, 19,80 EUR

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Zum Inhalt

 

Loran ist das erstgeborene Kind der Familie, die in der schönen Hafenstadt Izmir lebt. Sein Vater Cumhur besaß direkt am Hafen eine Schneiderei. Infolge der Industrialisierung des Landes musste Cumhur sein Geschäft 1944 aufgeben. Danach arbeitete er bis zu seiner Pensionierung in einer Textilfabrik in Izmir.

Cumhurs Sohn Loran unterstützt die Eltern mit seinem Verdienst als Maschinenschlosser. Als der Betrieb, in dem er arbeitet, Konkurs anmeldet, wird die Situation für die Familie derart ausweglos, dass sich Loran für die Aufnahme einer Arbeit im Ausland entscheiden musste. Daher begab er sich an einem Sommertag im Juli 1970 auf die Reise nach Deutschland und somit in eine völlig ungewisse Zukunft.

Der Roman erzählt über Lorans beruflichen- und privaten Werdegang sowie den anderer türkischer Gastarbeiter in Deutschland zur Zeit der Gastarbeiterbewegung. Lorans Briefe an seine Familie, in denen er über seine Erlebnisse, Beobachtungen in der deutschen Gesellschaft sowie über die Arbeitsbedingungen berichtet, nehmen einen besonderen Platz in dem Roman ein. Darüber hinaus liefert der Roman aufschlussreiche Informationen über die Begegnungen beider Kulturen sowie die soziokulturellen Strukturen in der Türkei und der damaligen Bundesrepublik Deutschland.

 

 

Leseprobe

Erstes Kapitel

      An einem für Deutschland ungewöhnlich heißen Sommernachmittag im Juli 1970 stieg der türkische Gastarbeiter Loran aus Istanbul am Duisburger Hauptbahnhof aus dem Sonderzug aus. Die Zugfahrt von Istanbul nach Duisburg hatte fast drei Tage gedauert. Außer ihm befanden sich elf Arbeiter im Zug, die über eine in Istanbul ansässige deutsche Arbeitsvermittlungsagentur an eine große, weltbekannte Firma in Duisburg vermittelt werden sollten. Jeder hielt einen Arbeitsvertrag für eine Dauer von zwei Jahren in der Hand. Für die Vermittlung zahlte die Firma an das damalige Arbeitsamt für jeden Arbeiter mehr als tausend Mark Vermittlungsgebühr. Zudem hatte sich die Firma verpflichtet, den Arbeitern eine Unterkunft zu besorgen. Während der langen Zugfahrt von Istanbul nach Duisburg waren die Arbeiter neugierig auf ihr Leben in Deutschland, so dass sie ihre Aufregung kaum verbergen konnten. Da es im Zug keine Schlafmöglichkeiten gab, versuchten sie vergeblich, sitzend zu schlafen. Um ihre Langeweile zu vertreiben, spielten sie immer wieder Karten oder Backgammon. Sie verstanden kein einziges deutsches Wort. Loran hatte sich in Istanbul ein türkisch-deutsches Wörterbuch und ein Lehrbuch für die deutsche Sprache besorgt und versuchte mit seinen Mitreisenden, einige deutsche Wörter zu lernen. Immer wieder stellte er fest, dass die deutsche Sprache äußerst schwer zu erlernen war. Wenn er die erlernten Wörter vor den Mitreisenden artikulierte, lachten ihn die anderen aus, ohne den Sinn zu verstehen. Während der ganzen Zugfahrt lernte er einige Wörter, die für ihn im Alltagsleben in Deutschland wichtig waren. Im Zug gab es nur ein Thema:  Arbeiten, viel Überstunden machen, um viel Geld zu verdienen und schnell wieder nach Hause fahren zu können. „Sobald ich zwanzigtausend Mark gespart habe, werde ich wieder nach Hause fahren“, ließ Loran seine Freunde wissen. Er hatte schon geplant, was er mit diesem Geld machen würde. Für fünfzehntausend Mark wollte er ein Haus bauen, das seine Familie bewohnen sollte, während er für fünftausend Mark ein Geschäft nach seinen Interessen bzw. seinem Können zu eröffnen gedachte. Für die damaligen Verhältnisse bzw. Lebenshaltungskosten in der Türkei half ihm die Summe von zwanzigtausend Mark durchaus, seinen Traum zu realisieren. Auch die anderen Freunde hatten ähnliche Vorstellungen. Von Deutschland wussten sie eigentlich nicht viel. Das Einzige, was sie von den in Deutschland arbeitenden Türken immer wieder gehört hatten, waren die „paradiesischen Verhältnisse“, die dort herrschen sollten. Die fast dreitägige Zugfahrt kam ihnen wie eine Ewigkeit vor.

      Inzwischen war jeder über die Familienverhältnisse des anderen informiert. Loran stammte aus der schönen Stadt Izmir. Izmir ist in der Wahrnehmung der Türken als eine „rote und ungläubige“ Stadt bekannt. „Rot“ deswegen, weil die Bevölkerung Izmirs bei den Parlamentswahren immer sozialdemokratisch wählt. „Ungläubig“, weil die Menschen aus Izmir nicht so zahlreich das Freitagsgebet in der Mosche besuchen. Zudem würden sich die Frauen modern bekleiden und besonders freizügig erscheinen. Die anderen Mitreisenden stammten aus Mittel- und Ostanatolien. Loran hatte zwei Schwestern und einen Bruder. Als Ältester war er dreiundzwanzig Jahre alt. Sein Vater hatte in einer Textilfabrik gearbeitet und war inzwischen Rentner. Seine Rente reichte gerade noch aus, um die sechsköpfige Familie ernähren zu können. Sie wohnte in einer circa hundertzehn Quadratmeter großen Vierzimmerwohnung mit Küche und einer großen Dachterrasse. Die Wohnung lag direkt an einer groß angelegten Promenade am Hafen. Loran schlief mit seinem zwölfjährigen Bruder in einem Zimmer. Seine zwanzig- und siebzehnjährigen Schwestern schliefen in dem anderen Zimmer. Das kleinste Zimmer nutzten seine Eltern als Schlafzimmer. Das Leben spielte sich für die sechsköpfige Familie im Wohnzimmer ab, das etwa fünfunddreißig Quadratmeter groß war. Die kleine Küche hatte keine Tür, so dass es im Wohnzimmer permanent nach Küchendunst roch. Als besonders störend empfand man den Geruch in den kühleren Wintermonaten.

     Loran und seine zwanzigjährige Schwester waren nach der damaligen Vorstellung der türkischen Gesellschaft im heiratsfähigen Alter. Während der letzten Monate wollten drei Familien bei den Eltern von Loran für ihren Sohn um die Hand ihrer schönen Tochter anhalten. Sie durfte aber erst dann heiraten, wenn der ältere Bruder verheiratet war. Dies entsprach den Norm- und Wertvorstellungen der damaligen türkischen Gesellschaft. Für die Heirat des Sohnes hingegen hatten die Eltern kein Geld. Zudem hatten weder der Sohn Loran noch die Tochter eine Beschäftigung. Welches Mädchen würde einen jungen Mann heiraten, der keine Arbeit vorweisen konnte?

     Loran war mit sechs Jahren in die damalige fünfjährige Volkschule eingeschult worden und hatte sie mit einem guten Abschlusszeugnis beendet. Sein Vater meldete ihn in einer Gewerbeschule an, in der er den Beruf eines Maschinenschlossers lernen sollte. Die Gewerbeschulen waren in der Türkei mit Beginn der 1950er Jahre eingerichtet worden. Den Schülern wurde neben der angestrebten Berufsausbildung auch Allgemeinwissen vermittelt. Daher dauerte die Ausbildung fünf Jahre. Als Loran seine Ausbildung als Maschinenschlosser in der Gewerbeschule beendet hatte, war er siebzehn Jahre alt. Schließlich fand er eine Beschäftigung in einem Familienbetrieb in dem Stadtteil Karsiyaka auf der anderen Seite des Hafens seiner Geburtsstadt Izmir. Jeden Morgen fuhr er mit einem öffentlichen Linienschiff zur Arbeit. Gut ein Jahr später musste er zum Militärdienst, den er zwei Jahre lang im Osten der Türkei ableistete. Aus dem Militärdienst wurde er als Obergefreiter nach Hause entlassen. Kurze Zeit später fand er in einem mittelgroßen Betrieb eine Stelle in seinem erlernten Beruf. Nach gut einjähriger Beschäftigung meldete die Firma Konkurs an. Loran wurde arbeitslos. Seine anschließend einjährigen Bemühungen um eine Beschäftigung waren vergebens. Immer mehr junge Menschen drängten auf den Arbeitsmarkt. Die wirtschaftliche Entwicklung des Landes konnte mit der Bevölkerungsentwicklung nicht Schritt halten.

     Loran hatte drei weitere Geschwister im Alter von zwölf bis zwanzig Jahren. Die beiden jüngsten Geschwister befanden sich in der Schulausbildung. Die nach ihm geborene Schwester hatte gerade ihre Ausbildung als Krankenschwester beendet und suchte eine Arbeit in ihrem erlernten Beruf. Die Schulausbildung kostete den Eltern in der Türkei etwas Geld. Der Verdienst des Vaters reichte kaum aus, um die sechsköpfige Familie zu ernähren. Hätte Loran eine Arbeit und somit ein Einkommen gehabt, hätte die Familie keine finanziellen Engpässe beklagen müssen. Als Loran merkte, dass er in absehbarer Zeit keine adäquate Beschäftigung in Izmir finden würde, bewarb er sich bei dem örtlichen Arbeitsamt für eine Beschäftigung im Ausland. Kurze Zeit später wurde er von der deutschen Anwerbestelle für eine Beschäftigung in Deutschland eingeladen, die ihn als geeignet erachtete. Sicherlich war seine Arbeitslosigkeit und damit die finanziellen Schwierigkeiten der Familie ein Grund für seine Beschäftigung in Deutschland. Der Hauptgrund für diesen Schritt lag jedoch darin, dass seine Freundin ihn verlassen hatte, als er arbeitslos geworden war. Die Eltern seiner Freundin wünschten sich einen Schwiegersohn, der eine unkündbare Beschäftigung hatte. Diese Tatsache störte ihn am meisten. Mit der Arbeitsaufnahme in Deutschland glaubte er, seine Freundin wieder zurückgewinnen zu können. Als er Mitte Juli an einem Sonntag in Izmir in den Zug einstieg, um seine lange Fahrt nach Deutschland anzutreten, standen seine Eltern und Geschwister am Hauptbahnhof, um ihm gutes Geleit zu wünschen. Seine Mutter und Geschwister weinten bitterlich, obwohl alle Familienmitglieder seinen Abschied für erforderlich hielten. Schließlich bedeutete er für alle Familienmitglieder eine finanzielle Besserstellung. Auch sein Vater weinte innerlich. Als türkischer Mann durfte er seine Trauer natürlich nicht offen zeigen. So begann ein neues Kapitel in Lorans Leben. Zu diesem Zeitpunkt dachte niemand daran, dass diese Trennung von Dauer sein würde.

      Als Loran und seine Mitreisenden endlich den Hauptbahnhof in Duisburg erreicht hatten, schauten sie sich hilflos um. Sie sollten von einem türkisch sprechenden Mann abgeholt werden. Während sie etwa zehn Minuten auf dem inzwischen menschenleeren Bahnsteig standen, fragten sie sich ängstlich und im wörtlichen Sinne sprachlos, was sie nun tun sollten. Plötzlich sahen sie einen Mann schnellen Schrittes auf sie zukommen. Als dieser Mann sie in ihrer Heimatsprache begrüßte, atmeten sie unendlich erleichtert auf. Der Mann stellte sich als Dolmetscher der Firma vor, bei der sie arbeiten sollten. Er hielt einen  Papierbogen in der Hand, auf dem die Namen dieser Arbeiter vermerkt waren. Er entschuldigte sich für seine Verspätung und begründete sie damit, dass er in einen Verkehrsstau geraten sei. Kurz darauf eilte ein weiterer Mann auf sie zu. Der Dolmetscher stellte ihn den Arbeitern als zuständigen Sachbearbeiter des Personalbüros der Firma vor. Nach der Begrüßung und einem kleinen Wortwechsel zwischen den beiden Herren der Firma nahmen die türkischen Arbeiter ihre schweren Koffer und gingen  langsam zu einem Bus, der auf der Ostseite des Hauptbahnhofs auf sie wartete. Jeder Arbeiter trug zwei Koffer mit sich; in einem Koffer befanden sich Kleidungsstücke, während der andere mit Lebensmitteln gefüllt war. Von anderen in Deutschland arbeitenden Türken hatten sie schon in der Heimat gehört, dass man in Deutschland keine türkischen Lebensmittel kaufen könne. Nachdem alle Arbeiter in den Bus eingestiegen waren, verabschiedete sich der Sachbearbeiter des Personalbüros und fuhr mit seinem Auto davon. Während der Busfahrt informierte sie der Dolmetscher, dass er sie in das der Firma zugehörige Ledigenheim bringen werde. Dann sammelte er die Pässe der Arbeiter mit der Begründung ein, dass sie bei der Anmeldung beim Arbeitsamt für die Arbeitserlaubnis und bei der Ausländerbehörde für die Aufenthaltserlaubnis benötigt werden. Sobald die Formalitäten erledigt seien, würden sie die Pässe wieder zurückbekommen. (Erst nachdem die Arbeiter nach einem Zeitraum von sechs Monaten an die Rückgabe ihrer Pässe erinnert hatten, wurden sie ihnen wieder ausgehändigt)

     Nach einer etwa halbstündigen Fahrt hielt der Bus vor einem großen fünfstöckigen Haus an. Hier wurden sie bereits von jungen, schwarzhaarigen Landsleuten erwartet, die die neuen Arbeiter willkommen hießen. Schon bei der Begrüßung wurden sie nach ihren Geburtsorten in der Türkei befragt, um festzustellen, ob unter ihnen Leute waren, die wie sie aus derselben Gegend stammten. Inzwischen hatte sich der Heimleiter vorgestellt. Er unterhielt sich mit dem Dolmetscher und bat die neuen Arbeiter, ihm zu folgen. Er wolle ihnen ihre Zimmer zeigen. Die vor dem Haus anwesenden Arbeiter halfen eifrig beim Tragen der Koffer. Das Haus hatte keinen Aufzug. Der Hausmeister hatte den neuen Arbeitern drei Zimmer auf der letzten Etage zur Verfügung gestellt. In jedem Zimmer standen zwei Etagenbetten. Da Loran als letzter die Etage erreichte, erhielt er mit drei weiteren Kollegen das letzte Zimmer am Ende des Ganges. Dieses renovierungsbedürftige Zimmer erwies sich für vier Personen als relativ klein. Am Zimmereingang standen links und rechts je zwei kleine Kleiderschränke, während sich links neben den beiden Schränken ein großes Waschbecken befand. Es floss jedoch kein warmes Wasser. Direkt gegenüber der Eingangstür war ein kleines Fenster zur Strasse gerichtet, welches links- und rechtsseitig von zwei Etagenbetten eingerahmt war. Mitten im Raum stand ein großer Tisch mit vier Stühlen. Loran zeigte sich sehr enttäuscht von diesen kargen Unterkunftsmöglichkeiten. Fassungslos stand er da. Seine Zimmerkollegen legten ihre Koffer auf die Betten und fingen an, ihre Sachen auszupacken. Ihm blieb das obere Etagenbett rechts im Raum übrig. Er ging zu dem kleinen Fenster und sah hinaus. Die anderen kamen hinzu. Ihr Blick richtete sich direkt auf ein großes Fabrikgelände mit hohen  Rauchabzugstürmen. Eine Vielzahl von Arbeitern trug lange schwere Gegenstände aus Eisen und Stahl von einem Platz zum anderen. In diesem Augenblick kam der Dolmetscher ins Zimmer. Als er sah, dass die Arbeiter aus dem Fenster schauten, erklärte er, dass dieses  Gelände der Fabrik gehöre, in der sie arbeiten werden. Loran fragte den Dolmetscher, ob das Wetter in Deutschland immer so heiß sei. Laut lachend erwiderte dieser:  „Dieses warme Wetter hat man selten in Deutschland. Morgen wird es schon wieder so kühl sein, wie der Winter in der Türkei“. Der Dolmetscher verteilte eine aus vier DIN A4 Seiten bestehende Hausordnung in türkischer Sprache. Er empfahl ihnen, sie in Ruhe zu lesen, um sich gegebenenfalls Ärger mit dem Heimleiter zu ersparen. Wenn mehrere Menschen in engen Räumlichkeiten zusammenlebten, müsse es Regeln geben, auf die jeder zu achten habe. Bevor er sich verabschiedete, sagte der Dolmetscher den Arbeitern, dass er sie am nächsten Morgen um acht Uhr abholen werde. Sie sollten sich zu diesem Zeitpunkt bereithalten. Der Sachbearbeiter des Personalbüros, den sie heute am Hauptbahnhof gesehen hätten, wolle mit ihnen sprechen. Kurz nachdem der Dolmetscher sie verlassen hatte, kam der Heimleiter in Begleitung eines türkischen Heimbewohners, der etwas deutsch sprach, erneut in das Zimmer. Er bat sie mitzukommen, um ihnen das Heim  zeigen zu können. Auf jeder Etage gab es acht Zimmer. In jedem Zimmer waren vier Personen untergebracht. Für zweiunddreißig Personen gab es auf jeder Etage insgesamt zwei sehr große Küchenräume und zwei Toiletten. In jedem Küchenraum befanden sich drei Kochherde und zwei große Kühlschränke, in denen jeder seine Lebensmittel mit seinem Namen versehen, aufbewahren konnte. In den beiden Spülbecken konnte man das benutzte Essgeschirr reinigen. Warmwasser erhielt man durch zwei Durchlauferhitzer. Die Küche war ähnlich wie die Zimmer möbliert. Der Heimleiter öffnete die Schranktüren, um die darin enthaltenen Küchengegenstände, wie Töpfe, Teller, Gabel, Löffel etc. zu zeigen, dass genügend Sachen für zweiunddreißig Personen vorhanden waren. Loran verging der Appetit, wenn er daran dachte, das Geschirr zu benutzen, von dem zuvor andere Leute gegessen hatten. Hygienisch gesehen empfand er diese Lösung nicht akzeptabel. In diesem Augenblick nahm er sich vor, in den nächsten Tagen eigenes Geschirr zu kaufen.

     Im Erdgeschoss gab es einen großen Gemeinschaftsraum mit einem Fernsehgerät, in dem man auch Besuche empfangen konnte. Im Keller waren vier große Räumlichkeiten vorhanden. In einem Raum mit einem kleinen Fernster durften die Leute - ohne Teppich - beten. Hier gewann man den Eindruck, dass der Raum kaum benutzt wurde. Direkt daneben gab es zwei Räumlichkeiten zum Wäschetrocknen. In dem vierten Raum des Kellers standen drei Waschmaschinen. Der Heimleiter erklärte die Gebrauchsanweisung. Nach der Besichtigung aller Räumlichkeiten kehrte Loran mit seinen Zimmerkollegen wieder ins Zimmer zurück. Am Fernster sah er wieder missmutig auf das Firmengelände, als drei Arbeiter von der Etage ins Zimmer kamen und ihn zum Teetrinken in die Küche holten. Mitten in der Küche befand sich ein langer Esstisch, an dem zwanzig Personen Platz nehmen konnten. Die Neuankömmlinge setzten sich nun an diesen Esstisch zu den vier zu diesem Zeitpunkt anwesenden Arbeitern der Etage und tranken türkischen Tee. Es gab viel zu erzählen. Die vier „Gastgeber“ wollten viel über die alte Heimat wissen. Damals waren die Informationsmöglichkeiten über die Geschehnisse in der Heimat sehr rar. Man war primär auf den Briefwechsel mit den Angehörigen angewiesen. Die Unterhaltung in der Küche dauerte über zwei Stunden. In der ganzen Zeit war Loran sehr zurückhaltend und sprach wenig. Nachdem ihm die Verhältnisse im Ledigenheim von den Kollegen, die seit einigen Jahren in Deutschland arbeiteten, nahe gebracht worden waren, konnte er seine Enttäuschung kaum verbergen. Nie hatte er sich vorstellen können, ein relativ kleines Zimmer mit vier erwachsenen Menschen teilen zu müssen. Da es für ihn kein „Zurück“ mehr gab, musste er sich sein Ziel im Auge seinem Schicksal beugen. Gegen neunzehn Uhr ging Loran wie die anderen Kollegen in sein Zimmer, um seine Sachen auszupacken. Der Schrank war viel zu klein, so dass er viele Kleiderstücke in einem Koffer, den er auf den Schrank stellte, lassen musste. Für den zweiten Koffer gab es keinen Platz auf dem Schrank, so dass er ihn hinter der Eingangstür abstellte. Nachdem alle ihre Koffer ausgepackt hatten, trafen sie sich draußen vor dem Haus, wo sich das Leben bei solchem warmen Wetter abspielte. Das Ledigenheim war vor neun Jahren von der Firma für die Gastarbeiter gebaut worden. Es stand nur zweihundert Meter vom Firmenhaupteingang entfernt. Von dieser Position aus konnte man die Firmengebäude beobachten. Der Stadtteil „Hüttenheim“ erhielt seinen Namen durch die ihn umzingelnden Industriebetriebe. Auf der einen Seite befanden sich die großen weltbekannten Unternehmen wie die „August-Thyssen-Hütte“, auf der anderen Seite die „Mannesmann-Röhrenwerke“, die „Berzelius- Metallhütten“ sowie „Rheinstahl AG“; jeweils große und weltbekannte Unternehmen. In diesem Stadtteil des Duisburger Südens wurden zu Beginn der 1950er Jahre kleine Einfamilienhäuser gebaut, in denen die langjährigen Betriebsangehörigen dieser weltbekannten Firma wohnten. Zu diesem Zeitpunkt waren diese Häuser nur von deutschen Arbeiterfamilien bewohnt. Mit Beginn der 1970er Jahre zogen immer mehr deutsche Familien aus diesen Häusern aus, so dass sich dieser Stadtteil zu einem Viertel der „Türken“ entwickelte.

     Loran und seine Freunde hielten sich bis zum Einbruch der Dunkelheit vor dem Haus auf. Kurz nach zweiundzwanzig Uhr sahen sie, wie hunderte von Arbeitern nach Schichtende das Betriebsgelände verließen und schnellen Schrittes nach Hause eilten. Einige dieser Arbeiter wohnten in dem Ledigenheim. Wegen  der festgelegten Ruhezeiten legten sie sich alsbald zum Schlafen hin. Loran war nach wie vor sehr wortkarg und legte sich wie seine Freunde auf sein Bett um zu schlafen. Das Schnarchen seines unter seinem Etagenbett schlafenden Kollegen hielt ihn jedoch wach. Da es in der Nacht sehr heiß war, öffnete er das kleine Fenster, womit sein Kollege jedoch nicht einverstanden war. Gegen drei Uhr sah Loran ein letztes Mal auf die Uhr. Als sein Bettnachbar aufhörte zu schnarchen, schlief er endlich ein.

     Loran und seine Zimmerkollegen wurden am nächsten Morgen gegen sieben Uhr geweckt. Der Heimleiter bat sie, sich um acht Uhr bereitzuhalten, da sie der Dolmetscher abholen wollte. Obwohl sie den in deutscher Sprache verbalisierten  Satz nicht verstanden, wussten sie, was gemeint war. Loran ging als erster ins Badezimmer, um sich zu rasieren. In dem relativ großen Bad waren zwei Toiletten, zwei Duschen und drei Waschbecken vorhanden. Da der Raum zuvor von den Frühschichtarbeitern benutzt worden war, roch es noch ausgesprochen unangenehm. Man hatte vergessen, das Fenster zu öffnen. Loran rasierte sich eilig, kleidete sich an und ging in die Küche, um das Frühstück vorzubereiten. Einer seiner Kollegen hatte bereits den Tee gekocht. Da sie kein Brot hatten, aßen sie von dem daheim mitgebrachten Kuchen. Einkaufen wollten sie nach dem Gespräch mit dem Sachbearbeiter des Personalbüros. Sie waren mit dem Frühstück noch nicht ganz fertig, als der Dolmetscher kam und sie bat, ihn zu begleiten. Ergeben tippelten sie hinter dem Mann her. Er brachte die zwölf Arbeiter in einen Raum, in dem sich schon ein selten groß geratener Mann im mittleren Alter aufhielt. Mit ihm befand sich ein weiterer Mann im Raum, der den Arbeitern als „Obermeister“ vorgestellt wurde. Beide Herren begrüßten sie freundlich und stellten sich namentlich vor. In diesem Moment blieben den Männern die Namen der Herren nicht präsent. Der Dolmetscher übersetzte. Der Leiter der Personalabteilung der Firma sah sich bei der Begrüßung jeden der Arbeiter genau an und fragte nach seinem Befinden. Nachdem sie ihre Plätze eingenommen hatten, warf der Sachbearbeiter des Personalbüros einen Blick auf die Vertragsunterlagen der zwölf türkischen Arbeiter. Neben Loran verfügten nur noch zwei weitere Arbeiter über eine Berufsausbildung; der eine war Dreher und der andere Zimmermann. Die restlichen neun Türken waren ungelernte Arbeiter. Der Sachbearbeiter sagte zu den drei Arbeitern, die ihre Berufsausbildung in der Türkei beendet hatten: „Leider muss ich Sie als Hilfsarbeiter einsetzen. Die in ihrem Arbeitsvertrag stehenden Facharbeiterstellen sind inzwischen mit deutschen Arbeitern besetzt worden“. Wie Loran erst viel später konstatieren konnte, wurden viele Facharbeiter aus der Türkei als solche angeworben. Nach ihrer Ankunft in Deutschland hingegen wurden die in der deutschen Anwerbeagentur in Istanbul abgeschlossenen Arbeitsverträge geändert. Zudem wurden die türkischen Schul-, bzw.  Berufsausbildungszeugnisse in Deutschland bis um Jahr 2011 nicht anerkannt. Außerdem brauchte Deutschland damals mehr Hilfsarbeiter, die die schmutzigsten und schwersten Arbeiten in den deutschen Betrieben verrichten sollten. Nach einem fast einstündigen Gespräch sahen drei türkische Facharbeiter keine andere Möglichkeit, als die ihnen vorgelegten Arbeitsverträge zu unterschreiben. Vor der Unterschrift baten die türkischen Arbeiter den Dolmetscher um Rat, der ihnen als Bediensteter der Firma empfahl, diese neuen Bedingungen zu akzeptieren. Bevor der Sachbearbeiter den Raum verließ, bat er die Arbeiter, bei einer Bank ihrer Wahl Girokonten für die Lohnüberweisung zu eröffnen. Schließlich wandte sich der anwesende Obermeister mit einigen Worten an die Arbeiter. Er werde ihnen am nächsten Morgen die zuständigen Meister und Vorarbeiter vorstellen. Als er die Arbeiter aufmunterte, ihm gegebenenfalls Fragen zu stellen, schwiegen sie. Der Obermeister galt als unerreichbare Autorität, der man selbstverständlich keine Fragen stellen durfte. Nachdem der Obermeister den Arbeitern einige Räumlichkeiten gezeigt hatte, wurden sie von dem Dolmetscher zu einem Lagerraum gebracht, wo sie entsprechend ihrer Körpergröße Arbeitskleider und jeweils einen Schlüssel für einen Spind zur Aufbewahrung ihrer persönlichen Sachen erhielten. Dann begleitete sie der Dolmetscher in das Personalbüro, in dem jeder einen Vorschuss von DM 200,- erhielt. Abschließend wies der Dolmetscher darauf hin, dass er sie am nächsten Tag um sechs Uhr vor dem Haupteingang erwarte, um sie zu dem Obermeister zu begleiten. Beim Abschied bat Loran den Dolmetscher, wegen eines Einzelzimmers im Ledigenheim Rücksprache mit dem Heimleiter zu halten. Er sei bereit, die anfallenden Zusatzkosten zu zahlen. Zwei Tage später erhielt er jedoch seitens des Heimleiters mit der Begründung, dass es keine Ausnahme geben dürfe, eine klare Absage.

     Als die zwölf Kollegen wieder im Heim waren, äußerten sie den Wunsch, einkaufen zu gehen. Da sie sich nicht auskannten, begleitete sie ein Heimbewohner zu dem Kaufhaus „Karstadt“ im Zentrum der Stadt. In Hüttenheim gab es damals außer einem Kiosk kein anderes Geschäft. Auf der Fahrt in die Stadt erklärte der Begleiter den neuen Arbeitern, wie und mit welchem Bus man in die Stadt fahren könne. Loran kaufte sich zunächst Küchenartikel zum Kochen. Nach den Einkäufen zeigte der Begleiter den neuen Kollegen die wichtigsten Behörden in der Stadt. Die Ausländerbehörde auf der Ruhrorterstrasse und das Arbeitsamt in Duisburg-Duissern waren für alle Ausländer damals die wichtigsten Ämter. Anschließend gingen sie zur Eröffnung ihrer Girokonten zur Sparkasse am König-Heinrich-Platz. Auf dem Wege zum Hauptbahnhof zeigte ihnen der Begleiter das Restaurant „Wienerwald“, links des Hauptbahnhofs auf der Königstrasse liegend, wo man als Moslem bedenkenlos Hühnerfleisch essen konnte. Da sie diese Besichtigungen zu Fuß vorgenommen hatten, kehrten sie erschöpft von den neuen Eindrücken in ihr Ledigenheim nach Hüttenheim zurück. In ihren Zimmern unterhielten sie sich mit den anderen im Heim anwesenden Arbeitern über Deutschland und über ihre bevorstehende Arbeitsaufnahme. Neugierig und voller Spannung sahen sie dem nächsten Tag entgegen.

 

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