Peter Pawlowski

 

 

 

Wie die Nazarko-Bande aus Oberhausen fast den Dritten Weltkrieg auslöst

oder

Opa Heinrich schreibt ein Buch

 

 

 

ROMAN

 

lieferbar seit 18.12.2014

 

=> Bestellanfrage beim Verlag

 

2015, 428 S., ISBN 978-3-86465-035-2, 26,80 EUR

Zurück zur letzten Seite                    Zur Startseite des Verlages

 

Zum Buch

 

Ruhrgebiet, 70er Jahre.

 

In einem alten Arbeiterhäuschen gibt es endlich
einen Grund zum feiern: Ein Nazarko hat den Sprung aufs  Gymnasium geschafft, nämlich der zehnjährige Paul.

Von diesen Tag an verändert sich seine Welt schlag­artig. Ihm wird bewusst, dass seine Familie für andere seltsam ist, Anlass zur Be­lustigung
bietet. Da ist beispielsweise der aus Kattowitz stammende Großvater, genannt Polen-Paule-Kohlenklau, sein Bruder Georg, der Schlagerinterpret, seine ständig schwangere Schwester Rosi, später Fatima, seine leicht zurückgebliebene Schwester Betty, die zwielichtigen Zwillinge Ecky und Eddy, sein trinkfester Vater Theo und seine Löwenmutter Anita.

Das ganze Leben außerhalb des Nazarko-Reservats ist für Paul neu und befremdlich: die Klassen­kameraden, die Lehrer, die Geschichte, die RAF, der II. Weltkrieg, die BRD und die DDR, der Eiserne Vorhang, Normen und Konventionen, Religion und Anarchismus ... und die vielen wie Seifenblasen zerplatzenden Träume.

Aber am Horizont strahlt die Volksrepublik Polen, – bis es zum Fiasko kommt und beinahe der Dritte Weltkrieg ausbricht...

 

 

LESEPROBE

 

Opa Heinrich war Rentner. Ab und an reaktivierte ihn der Juniorchef, besonders im November, dem Totenmonat, und gute Steinmetze gab es nicht wie Sand am Meer.

Opa verdiente für das Einmeißeln von Namen, Geburts- und Sterbedaten ein beachtliches Taschengeld hinzu. Wurde er angeheuert, war er außer Rand und Band, fühlte sich wie neugeboren, denn das Rentnerleben bekam ihm nicht. Stundenlanges Fernsehen und Einkaufen füllten ihn nicht aus. Er hatte deshalb Oma Dienste abgeluchst, um sie zu entlasten, wodurch auch sie unter Langeweile litt. Opa staubte die Möbel ab, putzte die Schuhe, die Fenster und den Hausflur, spülte, trocknete ab, und beim Einräumen des Geschirrs und des Bestecks traten sie sich in der engen Küche gegenseitig auf die Füße. Gelegen kamen ihnen die Missionsunternehmungen ihrer Nachbarin Frau Blaschke, einer Zeugin Jehova, die einmal in der Woche den Wachtturm und andere Anwerbematerialien, geistige Speisen, hochbrachte. Opa verwickelte sie in Diskussionen über Gott und die Welt, die bis in den Abend hinein andauerten. Er nannte das Gehirntraining. Kreuzworträtsel mochte er zwar auch, aber das Grübeln sei ihm zu passiv. Er las anspruchsvolle Bücher, wie er sagte, nein, er verschlang sie, Romane von Theodor Schübel und Willi Heinrich. Was er als Literatur bezeichnete, ordnete ich unter Unterhaltungslektüre ein. Für diese Ungezogenheit musste ich mich entschuldigen. Ich hatte schließlich noch keinen Roman dieser Schriftsteller gelesen.

Man müsse einmal im Lotto gewinnen, träumte Oma Katharina, Viermal im Jahr in Urlaub fahren, im Frühjahr zum Almauftrieb in die Berge, im Sommer in die Sonne nach Spanien, im Herbst an die Nordsee und im Winter Städtereisen nach Paris oder Rom. Und eine neue Garnitur. Sie habe sich an der alten so satt gesehen. Mir gefiel sie ebenfalls nicht, grünkohlgrün mit roten Tupfen, Mettwurststückchen.

Oma zeigte mir alte Fotos, sorgfältig in unzählige Alben eingeklebt. Mama im Kinderwagen, Mama und Tante Rita Hand in Hand auf einer Blumenwiese, Opa und Oma Abratzky vor Burg Katz an der Mosel, bei Omas Cousine im Münsterland, ihr Hochzeitsfoto, Opa als schneidiger Soldat bei Orel und hinter Charkow, Opa in Ostpreußen im Kreis seiner Kameraden. Da lachte er noch in die Kamera. Abgeholt haben wir deinen Opa vom Bahnhof, schluckte Oma. Geheult wie Schlosshunde und dann sind wir mit der Straßenbahn nach Hause gefahren, nach unserem neuen Zuhause, einer kriegsbeschädigten Mansarde, das er gar nicht gekannt hat. Wir waren doch ausgebombt. Opa schlug das Briefmarkenalbum zu, setzte sich zu uns an den Esstisch. Lasst den Krieg mal ruhen.

Vom Krieg wusste er alles als Panzerfahrer eines T4. Durch Tundra und Taiga, Paul, bei Eis und Schnee schnurrten die Ketten des Panzers wie Raubkatzen. Aber die Versorgung, klagte er, hundsmiserabel. Aber was sollten wir darüber reden? Der Krieg ließe sich nicht rückgängig machen, geschehen sei geschehen. Ich will davon einfach nichts mehr hören und sehen.

Was sich bei uns abspielte, war viel interessanter. Opa Heinrich war sehr neugierig und wissbegierig. Nie wäre er auf die Idee gekommen, mich gezielt und direkt zu fragen. Er pirschte sich regelrecht heran, um Neuigkeiten und Stimmungen im Hause der Nazarkos zu erfahren. Man würde ja sonst nichts mehr gewahr, fernab am Tackenberg. Die Hochzeit deiner Schwester und des Herrn Fuhrmann war wirklich schön, zwar im kleinen, überschaubaren, vertrauten Rahmen, aber schön, nicht wahr, Katharina? Sehr schön, bestätigte Oma, ohne Gedöns und Firlefanz. Paul, fragte Opa Heinrich, was sagen denn deine Eltern dazu, dass Herr Fuhrmann zwanzig Jahre älter als Roswitha ist? Er ist nur zwei Jahre jünger als dein Vater und hat eine gleichaltrige Schwiegermutter. Finden sie das nicht komisch?

Der in die Jahre gekommene Junggeselle Clemens Fuhrmann hatte erfolgreich um meine Schwester geworben. Jeden Tag ließ er sich von ihr im Salon Heinen den Nacken ausrasieren. Das Haupthaar gab nicht viel her. Clemens hatte eine Glatze. Im Nacken, in den Ohren und in der Nase wucherten die Haare dagegen sehr. Eines Tages überreichte er Rosi nach Feierabend einen Strauß roter Rosen, insgesamt siebenundvierzig, denn siebenundvierzig Mal hatte sie seinen Nacken rasiert. Er lud sie zum Essen in ein gutbürgerliches Restaurant ein, weil er fremdländische Küche verabscheute. Drei Wochen danach erhielt Mama von ihm ein Bund Tulpen und Papa ein goldfarbenes Feuerzeug.

Daniela braucht einen Vater. Paul, was für eine Antwort! Daniela braucht einen Vater! Hast du keine eigene Meinung?

Clemens arbeitete als Verkäufer in einem Teppichgeschäft und fuhr einen Opel. Er wohnte nicht weit weg von uns in seinem Elternhaus. Für Rosi und Dani war ausreichend Platz vorhanden, sogar ein Kinderzimmer, nämlich das ihres Stiefvaters, das vor dem Einzug allerdings noch mädchengerecht eingerichtet werden musste. Auf den Regalen verstaubten die in der Jugend mit Begeisterung und Konzentration zusammengeklebten und gebastelten Modellkriegsschiffe. Von der Decke hingen Mobiles mit Sturzkampfflugzeugen, Junker Ju 87, und in einer Ecke stapelten sich unzählige Landser-Hefte. Im Bücherschrank stand fein säuberlich eine fast vollständige Karl-May-Sammlung, sechsundfünfzig Bände und alle gelesen. Clemens war früher eine Leseratte.

Dann waren da noch befremdliche Bücher, Ewiges Deutschland, ein deutsches Hausbuch, Weihnachtsausgabe des Winterhilfswerkes des deutschen Volkes, 1939, 1940, 1941, Vorwort Dr. Goebbels. Ich nahm Hans Grimms Volk ohne Raum aus dem Bücherschrank. Clemens riss es mir aus der Hand. Was ich mir erlaubte? Einfach so ungefragt herumschnüffeln? Ob ich das befürworten würde, wenn fremde Leute in meine Sachen ihre Nase steckten? Er reichte mir drei Briefmarkenalben. Die dürfte ich mir ansehen und dann mal schätzen, was die Sammlung wohl wert wäre, nur Deutsches Reich, Großdeutsches Reich, Luftfeldpost, Deutsche Flugpost, Zulassungsmarken Deutsche Feldpost, Generalgouvernement, Böhmen und Mähren. Ein Vermögen, junger Mann.

Clemens wohnte mit seiner Mutter allein, der Vater war im Krieg gefallen. Nimmer heimgekehrt und doch gegenwärtig, seufzte die alte Fuhrmann. In der Diele und im Wohnzimmer hingen gerahmte Aufnahmen des Vaters, als Soldat und als SA-Mann, allesamt mit Trauerflor versehen. Man spürte, dass die Mutter Rosi als Nebenbuhlerin ansah. Sie behandelte Clemens fürsorglich und weinerlich besorgt. Sie verhätschelte ihn nach Strich und Faden. Das einzige, was Clemens ohne ihre Hilfe macht, flüsterte Mama, ist Hintern abwischen.

Die kleine Feier im privaten Kreis fand im Garten an zusammengestellten, gedeckten Tapeziertischen statt. Die Nazarko-Abratzky-Seidelmann-Fraktion war fast vollständig erschienen. Wir haben nur wenig Verwandtschaft, klagte Bertha Fuhrmann. Die Männer gefallen, die Frauen verschollen. Wir sind ja auch aus dem Osten, stammen aus Neusalz. Der Pole hat uns die Heimat genommen. Dabei hat der Pole doch auch den Krieg sang- und klanglos verloren. Das sei ungerecht. Bertha hatte ihre Schwester eingeladen, eine Ordensschwester, die eigens zur Hochzeit ihres einzigen Neffen aus Papua-Neuguinea eingeflogen war. Sie war eine schweigsame, beinahe stumme Person. Sie erzählte wenig, und deshalb erfuhren wir kaum etwas über die Missionsstation im Urwald, von Tropenhelmen, Moskitonetzen und wilden Eingeborenen mit dicken Pflöcken durch die Nase, Kannibalen und Blasrohren.

Ecky und Eddy berichteten sehr männlich von ihren Erlebnissen bei der Bundeswehr und hatten in Clemens Fuhrmann einen sehr interessierten Zuhörer. Seine Generation sei leider nicht eingezogen worden Dann sähe es heute unter Umständen ganz anders aus. Aufrüstung sei der richtige Weg. Der Iwan versteht nur diese Sprache. Du kommen, machen Ärger, Dorf, Mütterchen kaputt. Ecky und Eddy lachten herzlich. Der Schwager schien nach ihrem Geschmack. Schwester Bonifatia schüttelte ungläubig den Kopf. Hans-Jürgen und Heinz-Dieter spielten unter Pflaumenbäumen Federball. Sie versuchten, einen neuen Weltrekord in Ballhochhalten aufzustellen und zählten laut: 68, 69, 70, 71. ... Tante Rita mahnte sie: Tobt nicht so dolle. Nicht, dass ihr euch schmutzig macht oder nach Schweiß riecht. 76, nein, Mutti, 77, 78 …. Mein Gustav hat Pflaumenkuchen geliebt, Pflaumenkuchen mit dick Sahne drauf. Erinnerst du dich, Martha? Ja, Bertha, er hat Pflaumenkuchen geliebt. Mein Gustav rührte keinen anderen Kuchen an, vielleicht mal eine Erdbeertorte, wenn es keine Pflaumen gab. Der Zweifrontenkrieg hat uns das Genick gebrochen, erklärte Clemens meinen Brüdern. Die Amis hätten sich aus der rein europäischen Angelegenheit heraushalten sollen. Dass die Engländer, die Franzmänner kein gutes Haar an uns gelassen haben, war doch klar. Der Roosevelt hätte mal den Führer in Berlin oder in der Wolfsschanze anrufen sollen. Der hätte ihm was ganz anderes erzählt.

Opa und Opa Heinrich sprachen über die Zukunft der Zechen. Das sähe nicht rosig aus. Papa stand gähnend am Grill, wendete mit einer Holzzange Würstchen und Bauchfleisch. Bertha zeigte Oma und Mama das Haus. Rosi sagte zu Dani: Mal doch ein Bild. Betty gluckste über den Marienkäfer in ihrer Hand. Den wollte sie mit nach Hause nehmen und in ein Einmachglas sperren, wie einen Frosch, und wenn es schönes Wetter gäbe, flöge er nach oben. Paulchen, was essen Marienkäfer?

Onkel Ernst erklärte meinen Großvätern, wie man aus der Badewanne Schmutzränder schonend entfernte. Wenn die Wahrheit ans Licht käme, würde das Ausland den Deutschen dankbar sein, sagte Clemens. Man müsse vertraglich festlegen, dass im nächsten Krieg keine Atombomben abgeworfen werden, meinte Ecky und verteilte aus dem Kasten unterm Tisch Bier an die Männer.

Eddy öffnete die Flasche mit Zeigefinger und Daumen. Mensch, Burschen, winkte Clemens ab, im Krieg zählen keine Verträge. Das sei Mumpitz. Das westliche Ausland müsse lernen, wo der Hund begraben sei. Ihr glaubt nicht, wie schnell wir dann die Ostzone und die besetzten Gebiete zurück hätten, in Monaten, ach, was rede ich da, in wenigen Wochen. 110, 111, Mutti, guck mal, 112, oh, schade. 112, das ist spitze, lachte Tante Rita. Ich langweilte mich, memorierte Lateinvokabeln, Konjugationen, Stammformen und Deklinationen. Ein geteiltes Land im 20. Jahrhundert sei ein Witz. Wir sind Europäer, keine Asiaten. Wo warst du eigentlich im Krieg, Clemens?, fragte Opa plötzlich, und Opa meinte, er solle stille sein. Es sei Hochzeit.

Jungvolk, Hitlerjugend, Arbeitsdienst, sagte Clemens zu Ecky und Eddy in gedämpfter Stimmlage. Beinahe hätte es für die Napola gereicht. Da staunt ihr, was? Ecky erwiderte, er wisse, was eine Mobila, eine Morgensbierlatte, sei, aber eine Napola? Clemens räusperte sich und fragte: Wo bleiben denn die Würstchen? Nach Kuchen sei Zeit für Herzhaftes.

Und du möchtest ein großer Fußballer werden? Der zweite Walter? 1954, begann Clemens zu schwärmen, Deutschlands Aufwertung in der neutralen Schweiz. Sogar die in der Ostzone hätten gejubelt. Das beweise, dass wir ein Volk seien. Weltmeister und Wirtschaftswunder, lachte er, und der Neid, der Neid auf der ganzen Welt.

Und dein Bruder Georg war wirklich auf Konzertreise in Tuttlingen? Wenn ich es doch sage, Opa.

Mama hatte mich zum Ledigenwohnheim an der Duisburger Straße geschickt, um Georg die schriftliche Einladung zu überbringen. Klopf ihn weich. Nimm Dani mit, hatte Oma vorgeschlagen, aber sie wollte nicht. Brauchst nur traurig zu gucken mit deinen großen, schönen Kulleraugen.

Sag, die Mama heiratet. Nein, Uroma, ich will nicht. Was bist du doch für ein widerborstiges Kind, Daniela!

Branko öffnete die Tür. Der grobschlächtige, massige Jugoslawe stand in Rippchenunterwäsche vor mir. Er gab mir zu verstehen, dass Georg nicht da sei. Aber, Herr Branko, sagte ich, fast flehentlich, die Schuhe meines Bruders stehen doch hier auf der Fußmatte. Du nix kapieren?

Bruder nix da, Bruder Konzert. Die grimmige Miene in seinem breitflächigen Gesicht sagte mir, dass eine Diskussion zwecklos war. Geben Sie ihm das, bitte. Ich reichte ihm den Umschlag und bedankte mich für seine Mühe, worauf er einen übertriebenen Kotau darbot. Ich trottete den Flur entlang, der aufgrund der abgestellten Fahrräder, Koffer und Mülltonnen eine gewisse Enge, Hindernisse und Hürden aufwies. Vom Ausgang nahm ich die fünf Treppenstufen wagemutig in einem Satz. Ein Wagen hielt vor dem Haus. Jemand kurbelte die Scheibe herunter, und ich blieb stehen, da ich vermutete, dass sich dieser nach dem Weg erkundigen wollte. Es war Christoph von Langen. Auch das noch! Was machst du denn im Ledigenwohnheim?, fragte er entgeistert.

Was wohl? Ich wohne hier, raunzte ich ihn an. Der Herr am Steuer lachte schallend und rauschte davon. Am nächsten Morgen tuschelte Christoph mit Robert und Wolfram, in der großen Pause mit Arndt und Ingenstedt und nach der sechsten Stunde mit Heck, Hessler und Polewoi. Ging ich an ihnen vorbei, hielt er inne und glotzte mich großäugig an.

Opa, Georg war mit den Melodien in Tuttlingen. Ein Millionär, ein Fabrikant aus dem Elsass, habe die Band zur Grundsteinlegung einer weiteren Fabrik zwecks Stimmung und Heiterkeit engagiert.

Das habe Gunter eingestielt, und das hatte ich schon als Kind gelernt, eine Schwindelei muss der Glaubwürdigkeit halber verpackt werden, eine Geschichte haben. Du willst mir einen Bären aufbinden, Paul. Die Melodien sind doch nicht so berühmt, dass ein Millionär sie bucht. Ein Millionär lädt den James Last, Max Greger oder Paul Kuhn ein, damit deren Orchester aufspielt, und das ohne Gage, denn sie zählen zum näheren Bekanntenkreis. Du flunkerst Opa an, Paul.

Oma, was soll ich sagen, was wollt ihr hören?

Das mit Georg war eine üble Geschichte und obendrein überflüssig. An einem Sonntag saß Papa verkatert unten im Sessel vor dem Fernseher. Es lief der internationale Frühschoppen. Papa studierte in der Bild die Statistiken zur Fußball-Bundesliga. Oben in unserem Zimmer, vor dem Spiegel des Kleiderschranks probte Georg für einen Auftritt in Koblenz. Er übte Rote Rosen von Freddy Breck ein. Heut´ bin ich zum ersten Mal richtig verliebt. Er hatte am Abend übermäßig viel geraucht, Roth-Händle ohne Filter, und war aus diesem Grund so sehr verschleimt, dass er in einem halb mit Wasser gefüllten Topf abhusten musste, damit die Bronchien von dicken Kröten und Fröschen befreit wurden. Dieses Rotzen und die ständige Wiederholung von Heut´ bin ich zum ersten Mal richtig verliebt brachte Papa auf die Palme. Wutschnaubend stürzte er zu uns hoch und brüllte wie von Sinnen. Er habe Migräne, könne das Gejaule nicht länger ertragen und von Georgs Rotzerei bekäme er es an der Galle und Bratschen am Mund. Dann saufe nicht so viel, entgegnete Georg trocken. Es fiel ein Wort aufs andere, bis Papa schrie: Pack´deine Sachen. Ich kann dein freches Gesicht nicht mehr sehen. Unverschämtheiten brauche er nicht unter seinem Dach, nicht am heiligen Sonntag, wenn er frei habe und am nächsten Tag wieder zur verdammten Schicht müsse. Seit wann dein Dach? Das Haus gehört meines Wissens nach Opa. Das Fass war übergelaufen. Georg, ich zähle bis drei, dann bist du verschwunden. Vor der Haustür flehte ich Georg, der einen Koffer in der Hand hielt, auf Knien an, zu bleiben, zu warten, bis die Großeltern, Mama und Betty von der Kirche zurückkämen. Probleme seien dafür da, um sie zu lösen. Er würde seine Kurzschlussreaktion in Bälde bereuen. Tut mir leid, kleiner Bruder. Halt die Stellung, wuschelte er mir durchs Haar, Ihr seht mich nie wieder. Bedanke dich dafür bei deinem Vater. Ich schaute ihm nach. Er spazierte fast vergnügt am Friseursalon Heinen vorbei auf die Alleestraße zu.

Papa hing sichtlich am Ende, mit den Nerven runter, im Sessel, unrasiert, unfrisiert, die Bild-Zeitung in Stücke gerissen und zerknüllt vor seinen nackten Füßen. Das gibt Theater. Das hat ein Nachspiel, und frag´mich nicht nach Sonnenschein, stöhnte er. Mama war außer sich. Sie tobte.

Den Sohn vor die Tür, an die frische Luft setzen, wo sind wir denn, wo leben wir eigentlich?

Schreiben wir das 20. Jahrhundert oder leben wir noch im Mittelalter oder in der Steinzeit?

Oma vermittelte, der Sohn dürfe sich dem Vater nie widersetzen, gleich wie alt er sei. Frau Smigielski hatte dann zufällig Georg in der Stadt gesehen. Mit diesem Branko Jovanovic aus dem Ledigenwohnheim, der unter der Hand bei den Szmigielskis Wasserleitungen ausgewechselt hatte.

Gestärkt durch Omas Argument dachte Papa keine Sekunde daran, Georg aufzusuchen. Der Sohn komme zum Vater, kehre an den heimischen Herd reumütig zurück und leiste Abbitte. Mama traf Georg nie an. Sohn nix da. Sohn Konzert.

Ach, diese Singerei, klagte Opa Heinrich. Dein Vater hätte auf den Tisch hauen müssen. Immer die lange Leine, bloß keine Konfrontation, immer Friede, Freude, Eierkuchen. Paul, man muss auch mal Tacheles reden. Dein Vater war zu jung Vater geworden. Auf mich hat ja damals keiner gehört. Wir hätten euch finanziell unter die Arme gegriffen. Theo, habe ich gesagt, lerne ein Handwerk. Hilfsarbeiter, angelernter Stahlschnapper bringt dich nicht vorwärts. Du trampelst auf einer Stelle.

Papa und Opa Heinrich waren keine Freunde. Ich hätte mir einen anderen Schwiegersohn gewünscht. Verdient, Anita! Ich hätte einen anderen Schwiegervater verdient. Das war das einzige Mal, dass Papa gegen Opa Heinrich gestänkert hatte. Er hatte es auch gar nicht nötig, denn bei allen Breitseiten vom Tackenberg stand ihm Mama wie eine Löwin zur Seite.

Auf einem späteren Besuch überraschte mich Opa Heinrich mit der Bekanntschaft des Bestatters Strehle. Steinmetz Jonas und Beerdigungsinstitut warfen einander geschäftlich die Bälle zu. Wenn ein Stein, Frau Müller, dann von Jonas. Wenn zurechtgemacht, Frau Schmidt, dann von Strehle. Paul, ist der Sohn von Herrn Strehle in deiner Klasse? Wolfram oder Wolfgang, überlegte er laut.

Wolfram, Opa, er gehört zu den Klassenbesten. Herr Strehle habe behauptet, ich sei ein Eigenbrötler, ein Streber des Mittelmaßes. Ist das wahr? Entspricht das der Wahrheit, Paul? Das ist mir neu, Opa. Meine Noten liegen eindeutig über dem Durchschnitt, und was dieses Eigenbrötlerdasein anbetrifft, habe ich keinen blassen Schimmer, was er damit meint. Da hat er wohl etwas durcheinandergebracht, der Herr Strehle oder dieser Wolfram. Verwechslungen kommen vor, schmunzelte er und legte die Hände zusammen.

Und die Betty, mokierte er ein nächstes Mal, das arme Ding. Wie dick sie geworden ist. Wir haben uns erschreckt, deine Großmutter und ich. Und diese scheußliche Hornbrille. Es gibt doch so hübsche Modelle für Kinder, unterbrach Oma Katharina. Und diese absonderliche Frisur, Paul, fuhr Opa fort. Rosi ist schließlich Friseuse. Sie hat doch ein Auge dafür, für Schnitte, die einem vorteilhaft stehen oder entstellen. Und ihre Tobsuchtsanfälle, wenn sie ihren Willen nicht bekommt, und dieses Herumschreien. Und dann fliegen einem die Brocken um die Ohren, und dieses Gekichere, Gegluckse und Schmatzen. Paul, machen sich denn deine Eltern keine Sorgen? Opa, Betty ist versetzt worden, antwortete ich ein wenig ungehalten. Sie ist halt anders, und das sei das Reizvolle am Menschen, dass wir nicht alle gleich sind.

Danach regte sich Opa über die inflationären Preise in den Supermärkten und Kaufhäusern auf, über die Habgier der Versicherungen. Abkassieren ohne Gegenleistung.

Eine Windböe habe das Küchenfenster zugeschlagen, das auf Kipp gestanden habe. Ein zehn Zentimeter langer Riss. Der Eigentümer sagte, den Schaden übernehme die Hausratsversicherung.

Opa Heinrich habe die Lüneburger angerufen und ein Unsympath namens Kolow habe süffisant und frech, geradezu unverschämt und respektlos auf das Kleingedruckte hingewiesen. Durchzug falle unter höhere Gewalt. Ich könne einen Anwalt einschalten oder eine Zusatzversicherung abschließen, für nur 9, 98 DM im Monat. Ich kündige, Herr Kolow. Bitte sehr, Herr Abratzky, tun Sie, was sie nicht lassen können. Überlegen Sie es sich in Ruhe. Sie haben Zeit. Die Kündigungsfrist betrüge ein halbes Jahr.

Opa Heinrich war geizig, ein ausgemachter Knauser. Er studierte Werbeprospekte akribisch, verglich die Preise und Angebote der Supermärkte und hielt seine Ergebnisse tabellarisch fest.

Während Opa hinter all dem die Ausbeutung der Arbeiterklasse wähnte, sah Opa Heinrich darin grobe Verstöße gegen das Gebot der christlichen Nächstenliebe. Als unverbesserlicher und passionierter Geizkragen schenkte er klein, aber fein, günstig, aber nützlich. Zu meinem Geburtstag und zu Weihnachten bekam ich Romane, preisreduzierte Mängelexemplare, zum Beispiel Und ewig singen die Wälder von Trygve Gulbransson oder Die Komödiantin von Reymont.

Und weil ich einmal erwähnt hatte, dass wir im Deutsch-Unterricht die gelben Reclam-Heftchen läsen, gab er mir nach jedem Besuch, wenn ich in der Diele in die Schuhe geschlüpft war und die Jacke angezogen hatte, ein altes, braunes Reclam-Heftchen in Sütterlinschrift, so dass ich bald über eine beachtliche Sammlung verfügte, Opern, Dramen, Komödien, Die Jüdin, Oper in fünf Aufzügen von Jaques Fromental Halevy, König Ödipus von Sophokles, Otto der Schütz von Gottfried Kinkel oder Der Verschwender von Ferdinand Raimund, Original-Zaubermärchen in drei Aufzügen, Musik von Conradin Kreutzer, – Augenblick, Paul, ich habe noch etwas für dich, ein Heftchen: Hurtig! Hurtig! Macht doch weiter, holt Champagner, Kaffee, Rum! Bringt den Gästen ihre Kleider, tummelt euch ein wenig um! Alles sei hier vornehm, groß, in dem Flottwells Schloss!

 

...

 

Zurück zur letzten Seite                    Zur Startseite des Verlages