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Özkara, Sami

 

ARDA. Biographie eines deutschen mit Migrationshintergrund

 



2012, 399 S. ISBN 978-3-86465-005-5, 19,80 EUR

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Zum Inhalt

Arda, ein wissbegieriger, intelligenter Junge, stellt in Bezug auf Religion und Ungerechtigkeit in der Gesellschaft an seine Eltern und seine Umwelt schon als kleines Kind viele Fragen. Damit bringt er seine religiös-konservative Familie in große Schwierigkeiten. Nach Abschluss der fünfjährigen Pflichtschule meldet er sich ohne Einverständnis seiner Familie in der Mittelschule an. Dort wählt er Deutsch als Fremdsprache. Alsbald will er die Oberschule besuchen, was ihm seitens seiner Familie jedoch verwehrt bleibt. Also packt er seine Sachen, verschwindet und findet eine Beschäftigung in einer Textilfabrik, die mit drei weiteren Fabriken aus Deutschland kooperiert. So kommt Arda erstmals mit der deutschen Kultur und Sprache in Berührung. Als seine Eltern ihn schließlich ausfindig machen und ihn mit der Tochter seines Onkels verheiraten,
beschließt Arda, seiner Familie nun endgültig den Rücken zu kehren… aber wie wird ihm dies in diesem Kulturkreis gelingen?
Ardas einzige Rettung bleibt ein Freund aus der Textilfabrik, der Kontakte nach Deutschland hat. Am achtundzwanzigsten Juli 1966 verlässt er das Haus seiner Familie und begibt sich auf den Weg zu dem Mann, der ihn nach Deutschland mitnehmen wird. Seine Deutschkenntnisse aus der Mittelschule sollen Arda in seinem neuen Lebensabschnitt zu Gute kommen…

Der Roman erzählt über den beruflichen und privaten Werdegang eines türkischen Migranten und über das Leben türkischstämmiger Deutscher zur Zeit der Gastarbeiterbewegung. Darüber hinaus liefert er aufschlussreiche Informationen über die Begegnungen beider Kulturen sowie zu den sozio-kulturellen Strukturen in der Türkei und gibt amüsante Einblicke in deutsche Befindlichkeiten.

 

Leseprobe

Erstes Kapitel


Es waren die schlimmsten Jahre in der Geschichte der Türken. Der Erste Weltkrieg war gerade zu Ende gegangen. Das auf drei Kontinenten existierende Osmanische Reich war Geschichte geworden. Das Land wurde von Engländern, Franzosen, Italienern und Griechen besetzt. Die Menschenverluste, insbesondere die der Männer, waren unvorstellbar groß. Die Bevölkerung dezimierte sich auf etwa acht Millionen Menschen, davon fast siebzig Prozent Frauen und Kinder. Von den Besatzern waren die Griechen die schlimmsten. Ihr heutiges Land war Jahrhunderte lang von den Osmanen besetzt, so dass ihre Rachegelüste verständlicherweise sehr groß waren. Sie nahmen den größten Teil des den Türken übrig gebliebenen anatolischen Landes ein. Von der Provinzstadt Izmir beginnend standen die Gebiete bis fast vor Ankara unter ihrem Einfluss. Unter den Todessopfern befanden sich überwiegend Männer und kleine Jungen.
In dieser für die Türken ausweglosen Situation machte sich ein Soldat namens Mustafa Kemal heimlich von Istanbul nach Samsun auf den Weg und leitete den Befreiungskampf ein. Nach unbeschreiblich harten militärischen Auseinandersetzungen wurde das Land 1922 von allen „Feinden“ befreit. Mustafa Kemal, dem das neu gründete Türkische Parlament den Familiennamen Atatürk gab, war eine wahrhaftige Führerpersönlichkeit. Das Volk akzeptierte ihn und vertraute ihm. Innerhalb von wenigen Jahren katapultierte der Präsident der Türkischen Republik Atatürk das Volk vom Mittelalter in die Neuzeit. In Europa geltende kulturelle, wirtschaftliche, politische und nicht zuletzt parlamentarische Reformen wurden durchgeführt. Die türkische Frau erhielt das aktive und passive Wahlrecht. Das türkische Alphabet wurde auf lateinische Buchstaben umgestellt. Jahrhunderte lang war das Türkische mit arabischem Alphabet geschrieben worden, obwohl dies für die türkische Sprache nicht geeignet war. Plötzlich waren über neunzig Prozent der Bevölkerung Analphabeten. Es wurden ähnlich den Volkshochschulen in Deutschland, so genannte Volkshäuser, gegründet, in denen nicht nur das lateinische Alphabet gelehrt wurde. Die Menschen wurden in Kursen auf die Neuzeit vorbereitet. Das Land war verarmt und die Menschen litten unter der Hungersnot. Die neu gegründete Republik übernahm zudem die Schulden des untergegangenen Osmanischen Staates. Die letzte Schuldentilgung aus der Osmanischen Zeit geschah im Jahre 1955.
Durch die Kriegswirren gab es sehr viele Waisenkinder im Lande. Sie befanden sich in der Obhut des Staates, dessen finanzielle Möglichkeiten sehr begrenzt waren. Die wohlhabenden Familien wurden gebeten, Waisenkinder aufzunehmen oder zu adoptieren.
Ein wohlhabender Familienvater namens Davut nahm ein Waisenkind mit dem Namen Adem auf. Davut hatte selbst eine Tochter und einen Sohn im Alter von elf und dreizehn Jahren. Adem war ebenfalls dreizehn Jahre alt, zudem sehr introvertiert und ängstlich. Er hatte fünf Jahre lang in einem Waisenhaus gelebt, in dem es an Nahrung und Kleidung gemangelt hatte. Seinen Vater hatte Adem während des Balkankrieges verloren. Seine Mutter wurde schon zu Beginn des Ersten Weltkrieges in einer Kampfhandlung getötet. Sie trug wie viele andere Frauen Essen zu den Soldaten an der Front. Im Waisenhaus musste Adem vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang auf den Feldern in der Landwirtschaft arbeiten, denn man brauchte in diesen Kriegsjahren immer mehr Arbeitskräfte. Er war sehr froh darüber, dass ihn diese wohlhabende Familie aufgenommen hatte. Hier hatte er genügend zu essen, wenn er auch bei dieser Familie viel arbeiten musste. Das Familienoberhaupt Davut nannte er Vater und dessen Frau Mutter.
Davuts Familie lebte in der sehr schön gelegenen Gemeinde Armutlu, die am unteren Ende des großen Berges Babadagi (Vaterberg) zur westlichen Seite lag. Am östlichen Ende lag die Provinzstadt Denizli. Der Ort Pamukkale (das antike Hierapolis), der heute eine Besuchsstätte für Touristen ist, lag nicht weit entfernt. Auch im Hochsommer war dieser Berg mit Schnee bedeckt, so dass der Fluss, der an Armutlu vorbeifloss, auch zu dieser Jahreszeit immer Wasser hatte. An beiden Seiten dieses Flusses war der Boden sehr fruchtbar und im Sommer war es angenehm kühl. Viele wohlhabende Familien hatten entlang dieses Flusses Sommerhäuser gebaut. Wenn es im Sommer heiß wurde, lebten sie von Ende Juni bis Ende September in diesen Sommerhäusern. Jedes Haus hatte ein paar Hektar Ländereien, von denen man Obst und Gemüse erntete. Die Walnussbäume, Feigenbäume, Kastanienbäume und Granatapfelbäume waren die gängigen Gegebenheiten. In den höheren Ebenen des Babadagi standen Walonenbäume. Die Gegend war sehr waldreich und grün. Da diese Bergregion abgelegen war, war sie von Kriegen verschont geblieben.
Die Gemeinde Armutlu lag auf zwei Hügeln, zwischen denen ein kleiner Bach verlief. Auf dem östlich gelegenen Hügel standen etwa dreihundert Häuser, in denen meist arme Familien lebten. Hier waren zwei Cafés vorhanden. Da die Häuser bis zum Jahre 1950 kein fließendes Wasser besaßen, besorgten sich die Menschen ihren Wasserbedarf von zwei Laufbrunnen. Auf dem westlich gelegenen Hügel gab es etwa fünfhundert Häuser und vier Cafés. Die Cafés sind deswegen erwähnenswert, weil sie die einzigen Stätten waren, in denen die Männer ihre Freizeit verbringen konnten. Nur zur Erntezeit – von Mai bis Juli – blieben die Cafés leer. Da für die Frauen keine solchen Freizeitstätten vorhanden waren, hielten sie sich zuhause auf und arbeiteten. Neben dem Kochen und Waschen arbeiteten sie an Webstühlen. Das Bürgermeisteramt lag auf dieser Seite der Gemeinde. Für die Besucher gab es ein Gemeindehaus, in dem sie übernachten konnten. Hier standen auch mehrere Laufbrunnen. Die Provinzstadt Denizli war nicht weit entfernt. Diese Stadt war für die damalige Zeit sehr gut entwickelt. Die Textilindustrie stand hier an vorderster Stelle. Allerdings gab es in den 1920er Jahren keine derartigen Textilfabriken, wie es heute der Fall ist. Fast jede Familie hatte mindestens einen Webstuhl zu Hause, manche Familien sogar zwei bis drei, mit denen man Textilien herstellte, um mit deren Verkauf die Familien ernähren zu können. Die produzierten Textilien wurden an Zwischenhändler verkauft, die einmal wöchentlich nach Armutlu kamen. Da Armutlu bergig war, konnte keine Produktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse erfolgen. Wer sich mit der Landwirtschaft beschäftigen wollte, musste Ländereien in den etwa vier bis fünf Kilometer entfernten Ebenen erwerben. Dies konnten sich jedoch überwiegend nur die wohlhabenden Familien leisten, so etwa Familie Davut, die in diesen Ebenen mehrere Ländereien erworben hatte und landwirtschaftliche Erzeugnisse produzierte. Meistens erntete man Weizen, Gerste, Wasser- und Honigmelonen. Nicht zuletzt besaß die Familie Weinberge. Davut war als wohlhabender Gemeindevorsteher bekannt. Damals wurde derjenige zum Gemeindevorsteher gewählt, der am wohlhabendsten war. Die Funktion eines Gemeindevorstehers galt als reine Prestigeangelegenheit, denn er erhielt keine Entschädigung für sein Amt. Niemand fragte nach dem Sinn dessen, was ein Gemeindevorsteher für die Gemeinde bezweckte; sein Wort wurde wie ein Gesetz geachtet.
Die Gemeinde Armutlu hatte seinerzeit nur eine Volksschule und eine Moschee. Alle Menschen lebten entsprechend der islamischen Religion. Diese galt nach der Gründung der Republik Türkei nicht mehr als Staatsreligion, sondern war fortan die private Angelegenheit der Bewohner. Aufgrund der positiven Autorität des Staatspräsidenten Atatürk akzeptierten sie die neue Regelung. Jahrhunderte lang wurden die Gebete in der Moschee in arabischer Sprache abgehalten. Im Grunde wurde das, was man predigte, überhaupt nicht verstanden; selbst die Imams (Vorbeter) hätten ihre Gebete nicht ins Türkische übersetzen können. Diese erhielten ihre Gehälter nun nicht mehr vom Staat, sondern waren auf die Almosen bzw. Spenden der Gläubigen angewiesen. Aus diesem Grunde wurden ihr Image und ihre Autorität in Frage gestellt. Als die Imams und die ultrareligiösen Menschen dies bemerkten, versuchten sie durch Attentate etwas dagegen zu unternehmen. Die Verantwortlichen solcher Attentate wurden hart bestraft. Erst nach dem Tode des Staatsgründers und Staatspräsidenten Atatürk im Jahre 1939 konnten sie auf sich aufmerksam machen. Die nach dem Zweiten Weltkrieg neu gegründete Demokratische Partei gewann die 1950er Wahlen. Sie versprach den Wählern religiöse Freiheiten und die Wiedereinführung des Gebetes in arabischer Sprache. Damit wurden schleichende religiöse Entwicklungen eingeleitet. Heute im Jahre 2010 wird die Türkei von einer religiösen Partei regiert. Man weiß nicht, wohin die Entwicklung führen wird. Presse- und Meinungsfreiheiten sind ebenso wie Menschenrechte eingeschränkt. Die Türkei von heute ist keine hundert-prozentige Demokratie. Heute sieht man wieder Frauen mit Kopftüchern auf den türkischen Straßen. Selbst die Ehefrauen der Minister- und Staats-präsidenten tragen eine Kopfbedeckung, während sie selbst ihre politische Arbeit ohne Kopfbedeckung mit „europäischer Kleiderordnung“ verrichten. Dies betrachtete Arda als Diskriminierung der Frauen.
In der heutigen Türkei existiert eine Scheindemokratie. Kurios daran ist allerdings, dass sich die Europäische Union, die mit der Türkei seit fünf Jahren Verhandlungen über deren Aufnahme führt, kaum zu diesen Entwicklungen äußert.
Das Waisenkind Adem fühlte sich bei Familie Davut trotz harter Arbeit und wenig Freizeit im Großen und Ganzen wohl. Ihm wurde jedoch verwehrt, Cafés zu besuchen, während sich ihr eigener Sohn dort ständig aufhalten durfte. Adem war dankbar, dass ihn die Davuts als Pflegekind angenommen hatten. Im Laufe der Zeit wurde er immer mehr an schwerere Arbeiten herangezogen. Er wurde als Arbeitskraft betrachtet, die der Familie äußerst gelegen kam. Der einzige leibliche Sohn Osman hingegen wurde, wie es damals bei den türkischen Familien üblich war, sehr verwöhnt. In vielen türkischen Familien wurden die Söhne den Töchtern vorgezogen, was auch heute oft noch der Fall ist. Die Töchter werden, heute nur noch im Osten der Türkei, als ein Kind betrachtet, das eines Tages das Elternhaus verlassen wird. Dem wird ansonsten wenig beigemessen. Obwohl die Schulpflicht eingeführt wurde, schickte Davut seinen Sohn Osman, seine Tochter und natürlich auch Adem nicht in die Schule. So mussten sie Analphabeten bleiben. Adem musste zum Sonnenaufgang aufstehen und sich um die Haustiere kümmern. Erst dann durfte er etwas essen. In den Sommermonaten wurde er zu den fast fünf Kilometer entfernt liegenden Landwirtschaftsarbeiten herangezogen. Von April bis Mitte Juli übernachtete er mit den Arbeitern in einem dürftig eingerichteten Häuschen. Einmal in der Woche kam er „nach Hause“, um zu baden und seine Wäsche zu wechseln. Die schönste Zeit für ihn war der Sommer nach der Ernte im Sommerhaus der Familie Davut. Das Sommerhaus hatte fünf Hektar Land. Mais, Tomaten, Paprika, Zwiebeln, Knoblauch und ähnliches Gemüse wurde gepflanzt und geerntet. Daneben gab es noch zahlreiche Apfel-, Birnen-, Granatapfel- und Walnussbäume und viele weitere Obstfelder. Dies bedeutete natürlich harte Arbeit. Wenn man Adem suchte, war er regelmäßig im Garten zu finden. Als er siebzehn Jahre alt wurde, entwickelte er Interesse für die Tochter der Familie Davut, denn er merkte, dass auch sie ihn mochte. Gül, so hieß die Tochter, suchte ebenso seine Nähe. Als sich Davut nach seiner Herkunft erkundigte, erfuhr er, dass Adem der Sohn eines Mannes war, der der arabischen Minderheit angehörte und keine weiteren Verwandten mehr hatte. Damals wie heute hegten die Türken Aversionen gegen Araber. Der Grund lag darin, dass die Araber dem Osmanischen Reich vor und während des Ersten Weltkrieges in den Rücken fielen. Sie wurden von Engländern unterstützt. Das Stichwort „Thomas Edward Lawrence von Arabien“ untermauert diese Tatsache.
Eigentlich war Davut nicht damit einverstanden, dass seine Tochter Adem ehelichen wollte. Da Adem jedoch eine willkommene Arbeitskraft und zudem sehr fleißig, zuverlässig und auch sehr unterwürfig war, akzeptierte er ihn. Adem hätte niemals gewagt, einem der Familienmitglieder zu widersprechen. In kürzester Zeit erfuhren auch die Gemeindemitglieder von Adems Herkunft. Von nun an wurde er „Araber“ genannt.
Es vergingen einige Jahre, die Adem nach Davuts Meinung ins heiratsfähige Alter befähigten. Davut war sich des guten Charakters Adems durchaus bewusst und er merkte, dass sich seine Tochter Gül für ihn interessierte. So beschloss er, dass die beiden heiraten sollten. Da es aber nach den damaligen traditionellen Norm- und Wertvorstellungen unmöglich war, dass das jüngere Kind vor dem älteren heiratet, musste man zunächst für den Sohn Osman eine Frau suchen. Diese musste allerdings aus einer wohlhabenden Familie stammen, was nicht allzu schwierig war, da Familie Davut als wohlhabendste Familie der Gemeinde galt und Davut zudem Gemeindevorsteher war. In einem Zeitabstand von einem halben Jahr heiratete zunächst der Sohn Osman und anschließend die Tochter Gül. Der Sohn blieb im Haus der Familie Davut. Für die Tochter baute man ein kleines Häuschen, das sie nach der Heirat mit Adem bezog.
Obwohl Adem nun verheiratet war, wurde er zur gleichen Zeit wie Osman zum Militärdienst herangezogen. Der Militärdienst war damals wie heute ein Muss. Er dauerte zwei Jahre, wovon die ersten drei Monate zur Grund-ausbildung gehörten und anschließend der Dienst im Osten der Türkei begann. Die jungen Männer aus dem Osten machten ihren Dienst im Westen der Türkei, während die aus dem Westen in den Osten geschickt wurden. So hatten sie Gelegenheit, das Land kennenzulernen.
Während des Militärdienstes zog Adems Ehefrau Gül zu ihren Eltern. Sie war inzwischen ungeplant schwanger geworden. Damals gab es noch keine Verhütungsmöglichkeiten. Auch Osmans Frau war schwanger. Nach einem Jahr hatten Adem und Osman zur gleichen Zeit einen Heimaturlaub von vier Wochen. Beide Frauen hatten inzwischen Söhne zur Welt gebracht. Als beide Väter heimkehrten, sahen sie ihre Söhne zum ersten Mal. Adems Baby war vier Monate alt, das von Osman zwei Monate. Elf Monate nach ihrem Heimaturlaub, wurden sie aus dem Militärdienst entlassen. Positiv am Militärdienst war, dass die beiden dort das Lesen und Schreiben lateinischer Schrift erlernen konnten.
Es war Sommer und damit Erntezeit. Adem musste hart arbeiten und konnte nur einmal in der Woche zu seiner Familie fahren. Osman hingegen kam fast jeden Abend nach Hause. Obwohl Adem verheiratet war und einen eigenen Haushalt führte, war er materiell und auch persönlich vollkommen von Davut abhängig. Er folgte allen Anweisungen seines Schwiegervaters, da kein Widerspruch geduldet wurde. All die Jahre plagten ihn Minderwertigkeits-komplexe gegenüber seinem Schwiegervater. So vergingen Jahre, in denen seine Frau vier Söhne und eine Tochter gebar, wobei sie einige Fehlgeburten hatte. Osman hatte inzwischen zwei Söhne und drei Töchter. Auch Osmans Frau erlitt drei Fehlgeburten.
Als Adem fünfunddreißig Jahre alt war, starb unerwartet sein Schwieger-vater. Es gab keinen Arzt, der Davuts Todesursache feststellen konnte. Im Gesundheitszentrum arbeiteten eine Krankenschwester und eine Hebamme, die man mit ’Doktor’ betitelte. Sie erzählten den Leuten, dass Davut an Lungenkrebs gestorben sei. Drei Jahre später starb auch seine Frau. Durch die jahrelange harte Arbeit in der Landwirtschaft, insbesondere während der Erntezeit, lief sie schon im Alter von fünfzig Jahren in gebückter Haltung. Bevor Davut starb, hatte er sein Erbe mit seinem Sohn Osman und seiner Tochter Gül geregelt. Die Tochter erhielt nur ein paar Hektar Land. Den Rest seiner Ländereien, die mehrere hundert Hektar Land erfassten, vererbte er seinem Sohn Osman. So besaßen Adem und Gül nun ein wenig Land und das vom Schwiegervater für sie erbaute Häuschen. Um seine Minderwertigkeitskomplexe zu überwinden, verkaufte Adem mit Erlaubnis seines Schwagers Osman ihr Land und erwarb ein Sommerhaus. Er wollte den besser gestellten Leuten angehören.
Adem glaubte, nun endlich selbständig leben und arbeiten zu können. Doch nun war es Osman, der die Rolle seines Vaters übernahm. Adem war wiederum nicht in der Lage, sich seinen Anweisungen zu widersetzen. Er wurde wie sein „Leibeigener“ behandelt.
Jahre gingen ins Land. Adems Kinder Ali, Mehmet, Fatma und Ramazan waren inzwischen Jugendliche im Alter von zwölf bis achtzehn Jahren. Sein am fünfzehnten Juli 1945 geborener Sohn Arda war ein Problemkind. Schon seine Geburt war sehr problematisch verlaufen. Die Hebamme und Krankenschwester vom Gesundheitszentrum bemühten sich tagelang um die Geburt. Am vierten Tag schließlich kam er zur Welt. Er war klein und weinte ständig. Seine Mutter verlor oftmals die Geduld und schlug ihn. Dieses Verhalten übertrug sich auch auf seine älteren Geschwister, die ganztags in der Landwirtschaft des Onkels Osman arbeiteten. Obwohl schon damals eine Schulpflicht bestand, durften die älteren Geschwister die fünfjährige Volksschule nur für die Dauer von zwei bis drei Jahren besuchen. So konnten sie nur unzureichend lesen und schreiben. Ihr Onkel hatte angeordnet, voll in der Landwirtschaft oder an den Webstühlen zu arbeiten. Nur in den Wintermonaten von November bis März durften sie die Schule besuchen. Es kam hinzu, dass Ardas Geschwister den Schulunterricht langweilig fanden und lieber in der freien Natur arbeiten wollten. Das von Adems Schwiegervater erbaute Haus wurde mit finanzieller Unterstützung seines reichen Schwagers erweitert, da es für die zahlreichen Kinder kaum Schlafmöglichkeiten gab. Die Familie lebte in ärmlichen Verhältnissen. Ihre vier Söhne schliefen in einem großen Zimmer in Etagenbetten. Nur die Tochter Fatma hatte ein eigenes Zimmer bekommen als sie elf Jahre alt wurde. In dem größten Raum des Hauses hatte der Vater drei Webstühle einbauen lassen. Wer zu Hause war, arbeitete daran. Aufgrund seiner schwachen körperlichen Konstitution war es immer Arda, den man zu Hause ließ. Trotz seines jungen Alters musste er an den Webstühlen arbeiten. Die Kinder wurden entsprechend den religiösen Vorstellungen erzogen. Da die Gebetsrufe und Gebete in der Moschee wieder in arabischer Sprache durchgeführt wurden, fragte Arda wissbegierig immer wieder nach, wenn er etwas nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich nicht verstand. Die Geschwister besuchten den Korankurs, den der Hoca im Gemeindehaus neben der Moschee durchführte. Der Korankurs wurde in arabischer Sprache abgehalten. Die Kinder in diesem Kurs mussten den Koran auswendig lernen. Auch Arda musste im Alter von fünf Jahren an diesem Korankurs teilnehmen. Es war ihm entsetzlich langweilig, weil er nichts von dem verstand, was er lesen sollte.

 

 

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