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Steffen W. Groß
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2025, [= Gesellschaft - Geschichte - Gegenwart, Bd. 48], 2025, 155 S., ISBN 978-3-86464-272-2, 16,80 EUR lieferbar
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort – Ohne Kompass und Karte durch die
Wüste Vorwort
Einen Krieg zu beenden ist weitaus schwieriger,
als einen Krieg zu beginnen. Erfahrungen zeigen immer wieder neu, dass
bewaffnete Konflikte hochkomplex sind,
das eine deutlich verbesserte Lage, einen
'besseren Frieden', nach dem Ende der Kampfhandlungen begründet erwarten
lassen kann, ist die prägnante Bestimmung
zu erreichen. Werden keine Ziele bestimmt oder
bleiben sie zu vage, zu diffus, dann verlagert sich der Schwerpunkt des
bewaffneten Konflikts zwangsläufig auf die Die emotionalen Einstellungen verändern sich mit der Dauer kriegerischer Auseinandersetzungen und verselbständigen sich womöglich, was eine Beendigung des Krieges schwieriger werden lässt und immer weiter verzögert. Vor allem negative Emotionen können in ihren Wirkungen einen dauerhaften Frieden verhindern und stattdessen in einen latenten Kriegszustand führen. Breiten sich Gefühle der Rache und verletzte Vorstellungen von Stolz und Gerechtigkeit in einer Gesellschaft aus, dann bilden sie ein starkes movens für gegen die Beendigung des Krieges gerichtete Einstellungen. Demgegenüber sollte es Regierungen, zumal in liberalen Demokratien, darum getan sein, rational zu agieren, auch im Sinne der Orientierung kollektiver Gefühle in der Gesellschaft hin auf die politischen Ziele, die durch einen Krieg erreicht werden sollen. Militärischer Gewalt muss immer unter einem politischen Imperativ stehen und in dessen Rahmen erfolgen. Der Einsatz militärischer Gewalt ist kein Selbstzweck und kann einen fehlenden oder zu vagen politischen Rahmen nicht ersetzen. Die spannungsvolle Beziehung zwischen Politik und Streitkräften operationalisiert sich als Spannungszusammenhang von politischer und militärischer Führung eines Landes. Sir Basil Liddell Hart, britischer Autor einflussreicher strategischer Schriften, stellte heraus, dass das Kriegsziel immer in einem „better state of peace“ bestehen müsse. Unter dieser Vorstellung eines 'besseren Friedens' müssen hernach alle Operationen geführt werden: „(...) it is essential to conduct warwith constant regard to the peace you desire.“ Der militärische Sieg allein, und sei er noch so überwältigend,
„is not in itself equivalent to gaining the
object of policy.“/1/
überwiegend negativ zu formulieren, zum
Beispiel als „Vernichtung“ des Gegners, statt positive Bilder des
erwünschten Nachkriegszustandes zu zeichnen. Mithin muss das Hauptaugenmerk der Politik darauf liegen, positive und realistische Vorstellungen davon zu entwickeln und sie in die Gesellschaft zu vermitteln wie die Nachkriegssituation, der Tag danach, aussehen kann und wie sich nach dem Ende der Kampfhandlungen ein Frieden dauerhaft stabilisieren ließe. Unter den vielen Definitionen des Begriffs der Strategie scheint mir vor diesem Hintergrund die folgende funktionale Bestimmung besonders gut geeignet, um Orientierung zu vermitteln:
Strategie ist die Kunst, sich Entscheidungs-,
Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten zu schaffen und auf längere Sicht
zu erhalten. die „Vernichtung der Hamas“. Dahinter steht die Befreiung der noch in den Händen der Hamas befindlichen fünfzig Geiseln, von denen mutmaßlich noch zwanzig am
Leben sind. Nach wie vor bleibt unklar, auf
welche Weise das bewerkstelligt werden soll.
es gibt keinen Zeitplan sowie keine Budget- und
Ressourcenplanung für das Erreichen der Ziele. Insgesamt fehlt die Vision
für den „Tag danach“, eine Premierminister Benjamin Nethanyahu seit nunmehr einundzwanzig Monaten beharrlich weigert, Überlegungen dazu anzustellen und dafür sogar den Bruch des Kriegskabinetts im Juni 2024 sowie den Dauerkonflikt mit Verteidigungsminister Yoav Gallant und dem Direktor des Inlandsnachrichtendienstes ShinBet, Ronen Bar, in Kauf nahm. Yoav Gallant musste inzwischen seinen Posten räumen und wurde durch einen willfährigen Nachfolger ersetzt, von dem Nethanyahu kaum Widerspruch und Kritik, erst recht
keine öffentliche, zu befürchten hat. Die
Entlassung Ronen Bars stoppte das Oberste Gericht Israels und wies sie als
rechtswidrig zurück. sind nicht adressiert und von vornherein unterschätzt worden, obwohl die militärische Führung des Landes darauf immer wieder hinweist. Und so drängt sich das Bild eines Herumirrenden in der Wüste ohne Karte und Kompass auf, der darauf hofft, mit etwas Glück doch noch einen Ausweg zu finden. Premierminister Nethanyahu agiert wie ein Spieler, der einen großen Gewinn durch aggressives Zocken wieder verloren hat: auf der Agenda standen die Befreiung der Geiseln, die Schwächung der schiitischen Achse, die Stärkung der moderaten sunnitischen Achse, vor allem mit Ägypten, Jordanien und den arabischen Golfstaaten. Seit dem Ende des Jahres 2024 sah es recht gut aus für die israelische Regierung, hielt sie doch plötzlich einige starke Karten in den Händen: der Aktionsfähigkeit der Hisbollah konnten harte Schläge versetzt werden, das Assad-Regime in Syrien war zusammengebrochen, der Diktator nach Russland geflohen, der Iran steckt deutlich in der Defensive nachdem es den israelischen zunächst
gelang, das gesamte Luftabwehrsystem weitgehend
auszuschalten und später auch das iranische Atomprogramm existentiell zu
treffen. Verhältnis zwischen arabischen Palästinensern und Israel. So bleibt es bei Taktik, ohne dass ihr eine grundsätzliche Orientierung vermittelnde Strategie, die einen Entscheidungs- und Handlungsrahmen setzen könnte., vorausläuft. Das ist in hohem Maße problematisch und mit Blick auf die möglichen Konsequenzen heikel. Die israelische Gesellschaft steht unter enormem Stress und chronische Erschöpfung hat massiv zugenommen. Fast zwei Jahre intensiver Spannungen, nächtlicher Alarme, Evakuierungen und Ausharren in Schutzbunkern hinterlassen zwangsläufig ihre Spuren in der kollektiven Verfassung. Die für Israel so typische Unbekümmertheit ist dahin. Extremsituationen werden das neue Normal und das kann nicht folgenlos
für die mentale Gestimmtheit einer Gesellschaft
bleiben. wobei für 'Normalität' in Israel ohnehin ganz andere Standards gelten als in Mitteleuropa, führt zu hohen individuellen und gesellschaftlichen Kosten. Krieg ist teuer.
Das gilt gerade auch jenseits der ökonomischen
Kennziffern der Wirtschafts- und Sozialstatistik. Die lange Dauer des
Krieges führt dazu, dass Gewöhnungseffekte legitimiert ist. Längst ist es nicht mehr der Premierminister, der Ton und Richtung der Regierungspolitik bestimmt, sondern die beiden radikalsten Mitglieder seines Kabinetts: Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir und Finanzminister Bezalel Smotrich. Beide führen nationalistisch-religiöse Kleinstparteien der extremistischen Siedlerbewegung, die
bei den letzten Wahlen zur Knesset gerade
einmal sechs bzw.sieben Mandate im einhundertzwanzig Sitze umfassenden
Parlament gewinnen bemerkenswerte Übereinstimmung feststellen: auf beiden Seiten des Konflikts sind die Zukunftsvorstellungen stark von Ängsten geprägt. Es ist die gerade in Israel seit langem stark präsente öffentliche Rede von der existentiellen Bedrohung des Landes und seiner Bewohner, von der zweiten Shoah, von der Gefahr der Auslöschung
des Staates Israel, die beginnt, zur sich
selbst erfüllenden Prophezeiung zu werden, indem sie die Erosion der
individuellen und der kollektiven Vorstellungen von Normalität, wichtigen Sektoren arbeiten lediglich 250.000 der etwa 9,5 Millionen Einwohner. In der Konsequenz wird ein sozioökonomisches Abstiegsszenario realistischer, was
wiederum die Möglichkeiten Israels, sich auch
künftig sicherheitspolitischen Herausforderungen stellen zu können,
negativ beeinflusst. Betrachtung ohne jegliche Parteinahme zulassen. Ein im besten Sinne wissenschaftliches Schreiben darüber scheint mir nicht möglich zu sein. Neutralität tritt hier einmal mehr als ein Ideal, als eine regulative Idee auf, und nicht als herstellbarer Zustand. Erfahrungen, Erinnerungen und Gefühle wie Sympathien und Antipathien haben starken Einfluss darauf, wie wir Konflikte dieser Art wahrnehmen, analysieren, sie bewerten und einordnen. Unsere Vorerfahrungen und Überzeugungen strukturieren Perspektiven vor und beeinflussen das Schreiben darüber. Sie legen sich unter jede Seite. Dieser Umstand muss ehrlich eingestanden und bewusst gehalten werden. Daraufhin sollten sich die Bemühungen auf Ausgewogenheit richten und die unvermeidliche Voreingenommenheit so weit wie möglich zurückgedrängt werden. Die Perspektiven, die dieses Buch einnimmt, sind durch viele Reisen nach Israel und das Westjordanland geformt. Daher ergreift es Partei: nicht für die israelische Regierungspolitik, aber für Israel. Die Gespräche, die ich vor Ort führen konnte, waren bestimmend dafür. Besonders nachhaltigen Eindruck haben dabei Arye Sharuz Shalicar und Itzhak Galnoor hinterlassen. Beiden bin ich sehr dankbar.
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/1/ Basil Liddell Hart (1991), S. 338. |