Zurück zur letzten Seite                    Zur Startseite des Verlages


Tobias Kühne

Kommunismus im Kurort
Wilhelm Pinnecke (1897-1938) und die Honnefer
KPD 1920-1933



 

2024, [= Gesellschaft - Geschichte - Gegenwart, Bd. 47], 216 S., ISBN 978-3-86464-261-6, 22,80 EUR

lieferbar

 

=> Bestellanfrage beim Verlag

 

Zurück zur letzten Seite                   Zur Startseite des Verlages
 

Zum Buch

Inhaltsverzeichnis

Vorwort 7
Einleitung 9

1 Wilhelm Pinnecke und die Funktionäre der Honnefer KPD    21
2 Der kollektivbiografische Netzwerk-Ansatz    47
3 Von der Revolution 1918 bis zur Gründung der KPD 1920    61
4 Die Etablierung der KPD bis 1921    79
5 Organisation, Mitgliedschaft und Funktionärsleben    83
6 Das Schlittern in die Krise im Jahr 1922    98
7 Das Krisenjahr 1923 – Russenbrot und Bürgerkrieg im Siebengebirge    109
8 Der Honnefer Kommunistenprozess von 1926    119
9 Lug und Trug – Kommunisten und die Polizei    132
10 Die KPD und das Dilemma des Parlamentarismus 1924–1929    135
11 Kommunismus und Katholizismus    148
12 Krisen, Gewalt und scheinbarer Aufstieg 1930–1932    159
13 „Das ist unser allerschlechtester Punkt in der Partei“: Landagitation    175
14 Zerschlagung, Widerstand und Neuaufbau 1933 bis 1956    181
Resümee    192

Quellen und Literaturverzeichnis    199
- Archive    199
- Zeitungen und Zeitschriften    207
- Literatur, gedruckte und digitale Quellen    207
Über den Autor    209

 

Aus der Einleitung


Im August 1920 gedachten Honnefer Turner ihrer im Ersten Weltkrieg gefallenen
Turnbrüder mit der Enthüllung einer Gedenktafel. Zum Ende der Veranstaltung ergriff
einer der Teilnehmer das Wort, die katholische Honnefer Volkszeitung (HVZ) berichtete:
„Nach erfolgter Aufstellung der Turner sprach namens der Aktiven Herr W. Pinnecke.
Mit markanten Worten verurteilte er den männermordenden Krieg, der auch seinen
Verein der besten Mitglieder beraubt habe. Von dem schrecklichen Weh dieses
Völkerringens zeuge die Gedenktafel. Seine Worte werden den Zuhörern unvergeßlich
bleiben. Das dreifache ‚Schlaft wohl‘ der Turner wirkte einfach rührend.“ 
Insgesamt waren über 200 Honnefer Bürger im Weltkrieg gefallen oder an Krankheiten
gestorben. Kriegsinvaliden gehörten wie in ganz Deutschland zum Stadtbild. Man würde
gerne genauer wissen, mit was für „markanten Worten“ Herr Pinnecke hier den Krieg
verurteilte, aber vielleicht waren dem Redakteur die Worte auch etwas zu „markant“
gewählt, als dass er sie wortwörtlich hätte wiedergegeben wollen. Fast 20 Jahre später
fiel auch Wilhelm Pinnecke in einem „männermordenden Krieg“. Er hatte als Kommissar
'eines Bataillons der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der
Republikaner gekämpft, zuvor hatte er für die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD)
Mandate im preußischen Landtag und im Reichstags inne gehabt. Wie lässt sich dieser
erstaunliche Lebensweg vom Rhein bis an den fernen Ebro erklären?
Die Region Mittelrhein, organisatorisch bestehend aus den Regierungsbezirken Aachen,
Koblenz, Köln und Trier, galt und gilt jenseits der Großstädte Köln und Aachen sowie der
vorgelagerten Kohlereviere nicht eben als kommunistische Hochburg und schon gar nicht
der beschauliche Kurort Honnef (seit 1960: Bad Honnef). Aber in der Wahrnehmung der
Zeitgenossen war „Honnef, ein Luftkur- und Badeort […,] als Kommunistennest verschrien“,
so jedenfalls ein damaliger Bürgermeister. Der kommunistische Journalist Alexander
Abusch hingegen berichtete zweieinhalb Jahre später über das „Städtchen, fast ohne
Industrie, das schwarze Honnef, mit seinen vielen Klöstern“ und beschrieb die Lage
etwas bissig, aber ansonsten wohl treffend: „Hinter der Kulisse der Hotelstädte und
des Fremdenbetriebes mit seiner ‚rheinischen Fröhlichkeit‘ als Animierung zum Suff birgt
sich eine klassenkämpferische Tradition der Arbeiter dieses Landstriches“. Nur vergaß
Abusch zu erwähnen, dass es sich hierbei um eine überaus junge „Tradition“ handelte,
wenn nicht gar um eine erfundene.
Mit stadtweit immerhin 18,4 Prozent und rund einem Drittel der abgegebenen Stimmen
für die KPD im Ortsteil Selhof bei der Reichstagswahl im November 1932 gehörte Honnef
zu den zahlreichen „Klein-Moskaus“ in Europa, auch wenn die gängigen Voraussetzungen
dafür hier eindeutig fehlten. Denn die historischen und sozioökonomischen Rahmenbedingungen
für einen Aufstieg des Kommunismus am Rande des Siebengebirges waren denkbar ungünstig.
Industrie oder größere Unternehmen fehlten hier fast gänzlich und es gab auch keine
wirtschaftliche Monokultur oder ein die Kommune dominierendes Unternehmen mit einer
Werkssiedlung. Ebenso wenig fand sich hier ein durch Binnenmigration entwurzeltes und
säkularisiertes Milieu, dass einer Radikalisierung im kommunistischen Sinn zugänglich
gewesen wäre.
Eine parteiförmige Arbeiterbewegung gab es vor der Gründung eines Ortsvereins der
Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) um die Jahreswende 1918/19 in Honnef nicht.
Selbst bei der Reichstagswahl im Januar 1912, als die Sozialdemokratie mit 34,8 Prozent der
Stimmen reichsweit einen großen Sieg errang, erzielte der sozialdemokratische Kandidat in
Honnef lediglich 49 von 1247 abgegebenen Stimmen, also 3,9 Prozent. Es war ein „klägliche[s]
Fiasko“, wie ein Redakteur der HVZ bemerkte und dies auf die volkstümliche Wahlagitation
des Zentrums zurückführte. Diese klassenübergreifende und integrierende Mobilisierung
konnte das katholische Milieu auch nach 1918 erzielen, wenn auch weniger erfolgreich. Der
idealtypische Arbeiter aus Selhof war, und er blieb dies auch während der Weimarer Republik,
katholisch, beschäftigt vor allem im Bau- oder holzverarbeitenden Kleingewerbe, betrieb
nebenher Land- oder Gartenwirtschaft (oder Wilderei bzw. Forstdiebstahl) und war häufig
Hauseigentümer – alles nicht gerade Merkmale, die auf „politischen Fanatismus“ bei Honnefer
Bürgern hindeuten oder jemanden dazu brächten, sich selbst stolz als „Max Hölz II.“ zu titulieren.
Zusammengefasst wies Honnef nahezu alle Merkmale einer kommunistischen Diaspora auf, nicht
jene einer Hochburg: „Die linksextremen Hochburgen sind im Vergleich zum Reichsdurchschnitt
durch einen leicht unterdurchschnittlichen Katholikenanteil, überdurchschnittliche Verstädterung,
einen deutlich unter dem Durchschnitt liegenden Anteil der Agrarbevölkerung, eine starke
Stellung des sekundären Wirtschaftssektors und einen beträchtlichen Anteil von arbeitslosen
Arbeitern an den Berufspersonen charakterisiert. Die linksextremen Diasporagebiete verhalten
sich praktisch spiegelbildlich dazu“.

...

 

Zurück/font>A> zur letzten Seite                    Zur Startseite des Verlages