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Vorwort zur zweiten Auflage
Anderthalb Jahrzehnte nach der
Veröffentlichung des Bandes „Der Kampf der Nationalsozialisten um den
roten Friedrichshain 1925–1933“ erscheint nun endlich dessen zweite
komplett überarbeitete Auflage. Eine Reihe von Quellenfunden und neu
veröffentlichte Literatur zum Thema ließen dies überfällig werden,
jedoch standen mannigfaltige Gründe einer früheren Veröffentlichung im
Wege. Dass eine so relativ lange Zeit vergangen ist, bringt auch
Vorteile mit sich: Mittlerweise hat sich bei mir nämlich ein völliger
Paradigmenwechsel bei der Herangehensweise an das Forschungsthema
vollzogen. Den entscheidenden Anstoß dafür und den damit einhergehenden
Schub in diese Richtung bekam ich durch die Betreuung meiner
Doktorarbeit durch Prof. Dr. Wolfgang Wippermann. Seitdem besteht der
Fokus meiner Forschungen auf dem Kampf um die typischen proletarischen
und meist zugleich „roten“ Berliner Kieze im Innenstadtbereich, während
die Organisationsgeschichte der Nationalsozialisten in den Hintergrund
rückt. Bei der ursprünglichen Herangehensweise, wo der Schwerpunkt
der Erforschung noch auf der organisatorischen Entwicklung der NSDAP und
ihrer Gliederungen und angeschlossenen Verbände lag, hatte sich nochmals
ein „Quantensprung“ vom Friedrichshain-Band zum Prenzlauer Berg-Band
vollzogen. Während ich im Friedrichshain-Band, neben NSDAP und SA, nur
noch die NSBO ausführlich behandelt hatte, erreichte diese
Herangehensweise im Band zu Prenzlauer Berg ihren Höhepunkt, indem auch
die NS-Jugend- und Frauenorganisationen sowie die nationalsozialistische
evangelische Glaubensbewegung „Deutsche Christen“ ausführlich in die
Betrachtung einbezogen wurden und zudem die Mitgliederkartei einer
NSDAP-Ortgruppe ausgewertet werden konnte. Wer sich diesem Thema über
die Organisationsgeschichte nähern will, dem sei nach wie vor die
Lektüre meines Prenzlauer Berg-Bandes empfohlen. Durch ihre
nochmalige völlige Überarbeitung verliert die ursprüngliche
Magisterarbeit nun endgültig den Charakter einer trockenen
wissenschaftlichen Qualifikationsschrift. Hinzu kommt, dass ich im Laufe
der Jahre auch meinen Schreibstil weiterentwickelt habe. Der Leser
profitiert davon, indem die Veröffentlichung insgesamt leserfreundlicher
wird. So wird dieser Band meinem Anliegen, möglichst ein breites
Publikum für dieses spannende aber auch heikle Thema begeistern zu
können, hoffentlich noch besser gerecht. In meinem erwähnten
Prenzlauer Berg-Band nahm ich im Vorwort
Bezug auf die aktuelle politische Lage. Damals, im Jahre 2008, schrieb
ich: „In der Einleitung zu einem schriftlich niedergelegten
Erlebnisbericht eines Zeitzeugen, der in dieser ‚kampferfüllten Zeit‘
gewirkt hat, wurde 1975 formuliert, dass seine Erinnerungen ‚für die
heutige politische Arbeit angesichts der Ereignisse in Chile und Spanien
und anderen Brennpunkten […] eine hohe aktuelle Bedeutung‘ hätten. Heute
stellt sich die Situation so dar, dass man nicht mehr in ferne Länder
schauen muss. Ein Beweis für Sinn und Aktualität dieser Forschungen.“
Heute, im Jahre 2020, sitzt der politische Arm der getarnten Faschisten
seit über zwei Jahren im Bundestag und sogar schon über drei Jahre im
Berliner Abgeordnetenhaus. Offen auftretende Neonazis haben in Berlin
schon zwei Mal einen sogenannten „Rudolf-Hess-Gedenkmarsch“
durchgeführt. Dabei erinnern die Methoden der blau-braunen Bewegung
in Parlamenten und auf der Straße stark an schon einmal Dagewesenes. So
fragte die AfD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus ernsthaft nach,
warum Straßen und Plätze in Berlin nicht nach Horst Wessel benannt
werden dürfen, aber nach Silvio Meier. Eine Wahlwerbung im Jahre 2017
hieß: „Thälmann würde AfD wählen“. Dieser Slogan ähnelt stark einem
Slogan aus Wahlkämpfen zu den Reichspräsidentenwahlen 1932, der lautete:
„Arbeiter, wählt nicht den Arbeiter Hitler, sondern den
Generalfeldmarschall v. Hindenburg, damit dies System erhalten bleibt!“.
Beides war und bleibt widerliche, rechte Demagogie. Man halte sich nur
den „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933 vor Augen. Oder denke an das
sächsische Heidenau, wo auf Antrag der AfD die dortige
Ernst-Thälmann-Straße umbenannt werden soll. Dieser Antrag zeigt das
wahre Verhältnis der AfD zum Arbeiter und Kommunisten Ernst Thälmann.
Schließlich sei an dieser Stelle speziell jenen gedankt, die an der
Entstehung der Neuauflage ihren Anteil haben. Als da wären, der Grafiker
Jürgen Mann für die Karte, Grit Ulrich von der Stiftung Archiv der
Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv für die
schnelle und unkomplizierte Hilfe sowie nicht zuletzt Dr. Günter Wehner
für Rat und Tat.
Berlin, im Januar 2020
Inhaltsverzeichnis
Vorwort zur zweiten Auflage 11
Einleitung 13
1. Ein typischer
Arbeiterbezirk im Zentrum der Stadt 21
1.1 Lage und Sozialstruktur 21
1.2 Politische Ausgangssituation – Zwei
verfeindete Lager 27
1.3 Das „Recht auf die Straße“ 44
1.4 Verkehrslokale als Basis der
Organisationstätigkeit 67
2. NSDAP und SA in
Friedrichshain 77
2.1 Sektionen und Ortsgruppen 77
Sektion
Friedrichshain 77
Sektion Baltenplatz
88
Sektion Landsberger Platz 90
Sektion Andreasplatz
92
Ortsgruppen 96
2.2 SA-Stürme 100
Sturm 5 –
Friedrichshain 101
Horst Wessel –
„nationaler Sozialist“ oder „jugendbewegter Bürgersohn“? 108
Sturm 34 –
Petersburger Straße 110
Sturm 36 –
Andreasplatz 111
SA-Formationen, die
nach Herbst 1931 gebildet wurden 117
3. Sozialstruktur,
Mitgliederzahlen, Organisationsgrad und Wahlerfolge der
Nationalsozialisten des Friedrichshains 123
3.1 Sozialstruktur 123
3.2 Mitgliederzahlen 135
3.3 Organisationsgrad und Soziographie 137
3.4 Wahlerfolge 142
4. Die
Ereignisgeschichte des Nationalsozialismus in Friedrichshain 151
4.1 Von „Kaisers Geburtstag“ bis zum Ende des
Parteiverbotes 151
4.2 Die erste Zeit nach dem Parteiverbot mit
dem Fall Kütemeyer als erstem Versuch Goebbels‘, eine Märtyrerlegende
aufzubauen 160
4.3 Die erste Phase des „Kampfes um Berlin“
171
- Der Beginn des „Kampfes um Berlin“ ab Spätsommer 1929 mit dem Fall
Neumann als vorläufigem Höhepunkt und düsteres Vorzeichen 171
- Der Fall Horst
Wessel – der zweite, diesmal erfolgreiche Versuch Goebbels’, eine
Märtyrerlegende aufzubauen 175
- Die Saalschlacht
am 21. Januar 1930 im „Schweizergarten“ – die erste schwere Saalschlacht
in Friedrichshain 179
- Der „Hemden- und
Hosenkrieg“ 183
- Der „Ochsensturm“
kommt zu spät – die zweite schwere Saalschlacht in Friedrichshain am 27.
Juni 1930 im „Saalbau Friedrichshain“ 185
- Das Rededuell
zwischen Goebbels und Neumann im „Saalbau Friedrichshain“ am 28. Oktober
1930 im Zeichen des Berliner Metallarbeiterstreiks
vom 14. Oktober 1930 188
- Der Kampf um die
Arbeitsnachweise 199
- Ein Nazi-Kellner
verplappert sich und es hat keinerlei Konsequenzen 200
-
Parteiveranstaltungen des Jahres 1930 202
- Die Ermordung der
Sozialdemokraten und Reichsbanner Herbert Graf und Willy Schneider durch
Nationalsozialisten in der Hufelandstraße in
der
Silvesternacht zum 1. Januar 1931 204
4.4 Die Saalschlacht im „Saalbau
Friedrichshain“ am 22. Januar 1931, als Höhepunkt der politischen
Auseinandersetzungen in Friedrichshain 206
4.5 Die zweite Phase des „Kampfes um Berlin“
221
- Die Entstehung eines neuen Brennpunktes im Bezirk durch das Erstarken
des Sturmes 34 221
- Der Stennes-Putsch
231
- Der Volksentscheid über die Auflösung des Preußischen Landtages am 9.
August 1931 237
- Die „Hib-Aktion“
239
- Parteiveranstaltungen des Jahres 1931 240
- Die
„Antimarxistische Aktion“ 243
- Die neue Taktik
der Versammlungssprengungen, darunter die Versammlung des
„Untersuchungsausschusses gegen den Hakenkreuzterror“ 254
- Die
Reichspräsidentenwahlen 1932 – der erste Griff Hitlers nach der Macht
261
- Die Sektionsarbeit neben der „Antimarxistischen Aktion“ 264
- Die Saalschlacht
in den „Andreas-Festsälen“ am 31. Mai 1932 265
- Der Höhepunkt der
reichsweiten politischen Auseinandersetzungen im Sommer 1932 270
- Die
„antireaktionäre“ Propagandaphase der NSDAP nach den gescheiterten
Verhandlungen zwischen Hitler und Hindenburg vom 13. August 1932 279
4.6 Die Zeit von der Neuorganisation der
NSDAP bis zur Machtübertragung 1933: Die Voraussetzungen für die
Machtübernahme werden geschaffen 283
- Versammlungs- und
Propagandaaktivitäten der NSDAP in Friedrichshain nach der reichsweiten
Neuorganisation des Spätsommers 1932 283
- Der „Kampf um die
Straße“ ist noch längst nicht entschieden 290
- Die
Reichstagswahlen vom 6. November 1932 – die NSDAP hat ihren Zenit
überschritten 300
- Massenübertritte
von der SA zur KPD Ende 1932/Anfang 1933 302
- Jahreswende
1932/33: Ist die Gefahr einer faschistischen Machtübernahme gebannt? 304
- Der „Saalbau
Friedrichshain“ – längst noch nicht erobert sondern bis zuletzt heiß
umkämpft 304
- Auch der „Frankfurter Hof “ steht nochmal im Brennpunkt der
Auseinandersetzungen 313
- Die NSDAP fordert
für Hitler die Macht 315
- Der 30. Januar
1933 316
- Der NSBO-Aufmarsch am 26. Februar 1933 319
- Der
Reichstagsbrand 321
- „Bökers Festsäle“
– „Die letzte Kommune-Hochburg im Osten gestürmt!“ 323
- Der „Tag der
erwachenden Nation“ 324
- Der Wahlkampf zu
den letzten halbwegs freien Wahlen 325
5. Ausblick 329
5.1 Der Nationalsozialistische
Bezirksverordnete Krischer im Bezirksamt Friedrichshain 329
5.2 Die „ Machtergreifung“ der
Nationalsozialisten in Friedrichshain 332
5.3 Konsolidierung der Macht auf kommunaler
Ebene 340 5.4
Früher Widerstand 345
6. Zusammenfassung
und Schlussbetrachtung 353
Abkürzungs- und
Begriffsverzeichnis 371
Quellen- und Literaturverzeichnis 375
A. Archivalische Quellen 375
B. Gedruckte Quellen 377
C. Zeitungen 378
D. Zeitgenössische Literatur 379
E. Literatur 380
Bildnachweis 392
Quellen zur Karte auf dem Innenumschlag 393
Über den Autor 395
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