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Zum Buch
30 Jahre nach dem Mauerfall, der das Ende der
DDR einläutete und zum Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland
vor nunmehr ebenfalls 30 Jahren führte, wird dieser Band in der Reihe
der Abhandlungen der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin
veröffentlicht. In ihm sind Beiträge versammelt, die größtenteils auf
Vorträge anlässlich einer internationalen Tagung zurückgehen, die von
der Leibniz-Sozietät im September 2019 in Berlin veranstaltet worden
ist. Als das
letzte größere Jubiläum des Mauerfalls im Jahre 2014 gefeiert wurde,
stellte der Historiker Thomas Lindenberger in einem Fazit zur
DDR-Forschung fest, dass nahezu alle Wissensfelder zur DDR-Geschichte
bearbeitet und die DDR „zu einer, wenn nicht der am dichtesten und
gründlichsten erforschten Regionen der Weltgeschichte nach 1945“ gehöre.
Gleichwohl gestand er zu, dass die DDR noch nicht „ausgeforscht“ sei:
„Was mehr denn je das Innovative in der Forschung ausmacht, ist nicht
das einzelne Untersuchungsobjekt, sondern die wissenschaftliche
Fragestellung und mit ihr das über de SBZ und die DDR hinausgehende
Erkenntnisinteresse“. Aus den Gegenwartsinteressen gilt es
Fragestellungen abzuleiten“, die so noch nicht an die
Untersuchungsgegenstände der DDR-Forschung herangetragen worden sind.“
(Lindenberger 2014)
Zu den wichtigsten Trends der DDR-Forschung
zählen bislang vor allem politikwissenschaftliche Untersuchungen, die in
der Bundesrepublik schon lange auf die Geschichte der SED und – im
Zeichen des Totalitarismus-Ansatzes – auf ihre Herrschafts- und
Repressionsstrategien zielten (vgl. Lozek 1998: 384f.). Auch Fragen zu
den sozialen und kulturellen Beziehungen wurden mit dem Blick auf eine
umfassende Überformung durch die führende SED und den ihren Interessen
gefügig gemachten Staatsapparat gestellt. Herrschaftsdesign und
Herrschaftsgeschichte der DDR stehen insofern im Zentrum, auch wenn es
um mikro- und erfahrungsgeschichtliche Herangehensweisen geht.
In Arbeiten zur
Alltagsgeschichte wurde vor allem „die Rekonstruktion sozialer
Beziehungen unterhalb und außerhalb des vom SED-Staat vorgegebenen
institutionellen Rahmens“ untersucht. Bei diesem Fokus wurden häufig
jene von den „Machthabern selbst proklamierten Standards“ (Schlögel
1994: 59) zum problematischen Maßstab für die Erkenntnis einer
DDR-Gesellschaft erhoben, die die einen nicht mehr verstanden, die
anderen nicht wirklich kannten.
Worum geht es vor diesem Hintergrund in
unserem Band und welche zentralen Fragestellungen verbinden sich für uns
Herausgeberinnen mit dem gewählten Thema?
Der Titel der Tagung „Die DDR als
kulturhistorisches Phänomen zwischen Tradition und Moderne“ verweist mit
einer Begrifflichkeit, die in einem bürgerlich-kapitalistischen Kontext
entstanden ist, auf eine neue Vergleichsperspektive: Kapitalismus und
Kommunismus sollen nicht länger nur unter dem Aspekt ihrer
Gegensätzlichkeit betrachtet, sondern können in größere geschichtliche
Zusammenhänge eingebettet werden. Politische Formen von Demokratie und
Diktatur, die kapitalistischen und sozialistischen
Industriezivilisationen und auch die jeweiligen Kulturnationen können
und sollen damit in ein neues Verhältnis gesetzt werden. Die Frage nach
der Moderne ruft dabei zugleich Debatten auf, die nicht länger die
westliche Moderne und damit ein Selbstverständigungsmodus von
Geschichtlichkeit als Norm und Modell für die Welt verstehen. Die
interkulturellen Diskurse um plurale Moderneformen bilden den
theoretischen Hintergrund für die Frage: Wie modern war die DDR? Dies
gilt, auch wenn in der Zeit der Systemkonfrontation ein Wettbewerb in
Gang gesetzt worden ist, in dem gerade auf deutschen Boden der Vergleich
zwischen Deutschland Ost und West in allen Sphären der Gesellschaft
wirkmächtig geworden war und der „deutsche Westen“ z.T. als Maßstab für
politischen und wirtschaftlichen Erfolg und als Vorbild für Lebensweisen
über westliche Medien und familiäre Bindungen in der Alltagswelt präsent
waren. Hinter der Thematik „DDR als kulturhistorisches Phänomen“ wird
somit auch eine Besonderheit der DDR sichtbar: Da die Systemkonkurrenz
in Deutschland auf dem Boden einer geteilten Nation ausgetragen wurde,
war hier das „Epizentrum des Kalten Krieges“ (vgl. Kershaw 2019)
entstanden. Als Kulturnationen standen deshalb beide Teile Deutschlands
in einem unentwegten Kampf um die Deutungshoheit über ein gemeinsames
humanistisches Erbe. Die Formel des „kulturhistorischen Phänomens“
verweist also nicht einfach nur auf eine Untersuchungsperspektive,
sondern auch auf den besonderen Stellenwert von Kultur im
Gesellschaftsexperiment der DDR.
Der Band lässt sich in verschiedene
thematische Schwerpunkte gliedern:
Am Anfang steht mit dem Beitrag des
Kulturwissenschaftlers Dietrich Mühlberg zum einen die Frage nach der
kulturgeschichtlichen Selbstverortung der DDR im Zentrum. Zum anderen
wird an eine vergessene Tatsache erinnert: In der DDR entstand 1963,
also vor dem berühmten Birmingham Center, der weltweit erste
kulturwissenschaftliche Studiengang. Dietrich Mühlberg, der als Nestor
der Kulturwissenschaft in der DDR gelten kann, gibt nicht nur Einblicke
in historische Voraussetzungen, Zielsetzungen, Profil und praktische
Ergebnisse dieser Forschungen. Er eröffnet den Band auch mit einer
Diskussion über die Frage der Moderne in der DDR vor dem Hintergrund
aktueller globaler Herausforderungen.
Es folgt sodann ein Komplex von Beiträgen, der
die große Bedeutung bestimmter Motivationen im gesellschaftlichen
Miteinander thematisiert, zu dem auch der Antifaschismus als Gedenken an
den aktiven Widerstand gegen den Faschismus und als Staatsideologie
gehört. Der Historiker und Germanist Mario Keßler geht in seinem Beitrag
dem keineswegs ausgeforschten Verhältnis zwischen Ost- und
Westemigranten in der SED-Gründergeneration nach. Einerseits waren sie
durch einen tiefinneren Antifaschismus geeint, andererseits aber
gerieten sie in einen zunehmenden Dissens über die Beziehung zwischen
Demokratie und Sozialismus. Wenn diese Westemigranten (Kantorowicz,
Bloch, Mayer u.a.) nicht die DDR verließen, zogen sie sich unter dem
Dauerverdacht einstiger Mitstreiter in eine tragische „Gemeinschaft des
Schweigens“ zurück, die ihren Ausdruck auch in der Widersprüchlichkeit
des DDR-Antifaschismus findet.
Der Kulturwissenschaftler Frank Thomas Koch
erschließt in seinem Beitrag bestimmte „Existenzformen des Jüdischen“,
die sich sowohl auf Individuen und Gruppen wie auf materielle Zeugnisse
(Friedhöfe, Synagogen u.a.) beziehen. Ausgehend von der nach 1990
einsetzenden Vergleichsdebatte um den Antisemitismus in beiden
Nachkriegsnationen, arbeitet Koch DDR-spezifische Konfliktfelder heraus.
Zum einen wurde Antisemitismus durch einen offiziellen Antifaschismus
und die Einbindung jüdischer und halbjüdischer Funktionsträger
blockiert. Ein Hemmnis war ebenso die starke, auch im internationalen
Vergleich einmalige Präsenz säkularer jüdischer Intellektueller (Heym,
Beck, Seghers, Kuczynski) und ihres literarischen und künstlerischen
Schaffens. Zum anderen wurde Antisemitismus gefördert – ganz allgemein
durch die Erbschaft einer postnazistischen Gesellschaft, durch fehlende
empirische Forschungen, geschwächte Tabus des Faschistischen sowie durch
antizionistische Vorbehalte der SED gegenüber Israel.
Der
Erziehungswissenschaftler Gert Geißler setzt in seinem Beitrag das
DDR-Schulsystem in einen Vergleich mit der deutschen
Bildungsmobilisierung seit Mitte des 19. Jahrhunderts, also mit einem
wichtigen kulturellen Modernitätsmerkmal aller bürgerlichen
Gesellschaften. Vorangetrieben wurde in der DDR diese Entwicklung durch
den frühen historischen Bruch mit dem bürgerlichen Bildungsprivileg, mit
dem die SED-Politik nachhaltig eine neue Gleichheit der Lernbedingungen
sicherte. Zugleich spielte gerade das Zehnklassen-Modell eine wichtige
Rolle in der Systemkonkurrenz zwischen Ost und West, indem ebenso auf
Leistungssteigerung wie auf ideologische Schulung im Unterricht gedrängt
wurde. Die
Jubiläumskultur in ihren Widersprüchen wird von dem Philosophen
H. C. Rauh auf dem
Gebiet der Philosophie und von dem Transformationsforscher Ulrich Busch
auf dem Gebiet der Musik, am Beispiel von Ludwig van Beethoven erörtert.
H.C. Rauh sieht zunächst eine Kontinuinität der Gedenkfeierlichkeiten
für Philosophen in Deutschland als Teil einer allgemeinen
nationalgeschichtlichen Erinnerungskultur. In seinem Beitrag zeichnet
Rauh nach, wie diese Tradition bei den klassischen „Groß-Philosophen“
von Kant bis Hegel in der DDR der parteipolitisch kontrollierten
ideologischen Interpretation und Umdeutung unterlag, bei denen die
Klassiker des Marxismus-Leninismus (und zeitweilig auch Stalin) als
Maßstab dienten. Das Erbe „der“ deutschen Philosophie wurde somit als
frühbürgerliche, d. h. vormarxistische klassische deutsche
(idealistische) Philosophie klassifiziert, die vor allem als eine der
wichtigsten „theoretischen Quelle des Marxismus“ (vgl. Buhr/Irrlitz
1968) betrachtet wurde. Vor diesem Hintergrund wird vor allem auch – am
Beispiel Nietzsche – erklärt, welche Defizite die philosophische
Erinnerungskultur in der DDR aufwies.
Ulrich Busch zeichnet in seinem Beitrag den
frühen Aufstieg Beethovens zu einer Ikone sozialistischer Nationalkultur
nach, die zugleich als deutsch-deutsches Einigungsband funktionieren
konnte. Gleichzeitig steht diese omnipräsente Symbolfigur für eine auf
das humanistische Klassikerbe verengte Kulturpolitik. Gerade die
großzügig geförderten Beethoven-Jubiläen zeigen eindrucksvoll das
Bemühen der SED-Politik, vor der BRD ihre eigene kulturelle
Deutungshoheit und damit auch politische Legitimation zu verteidigen.
Zugleich ist Beethoven als Kampffigur in der Auseinandersetzung mit
einer als dekadent abgewerteten bürgerlichen Moderne eingesetzt worden.
Busch zeichnet die Gegenbewegungen nach, in denen vor allem in den
1980er Jahren Beethovens Vormacht durch die Aufwertung moderner und
populärer Musikströmungen allmählich schwindet.
Der Geschlechterfrage
widmen sich die Beiträge von Ursula Schröter und Irene Dölling. Die
Soziologin Ursula Schröter geht davon aus, dass in der DDR das
Patriarchat fortexistierte, obwohl die Gleichberechtigung der Frau als
Ziel formuliert und praktisch in Teilen umgesetzt worden ist. Hauptgrund
sei, wie neuere ethnographische Untersuchungen nahelegen, dass das
Patriarchat eine Gesellschaftsstruktur ist, die lange vor der
Klassengesellschaft entstand. Insofern sei davon auszugehen, dass sich
das Patriarchat nicht automatisch mit der Abschaffung des
Privateigentums an Produktionsmitteln auflöst. Es wurde insofern sowohl
durch die Europäische Moderne als auch durch den ersten
Sozialismusversuch gravierend verändert, aber nicht abgeschafft.
Die Soziologin und
Kulturwissenschaftlerin Irene Dölling bezeichnet das Abflachen von
Hierarchien und Ungleichheiten im Geschlechterverhältnis, wie es durch
formale Gleichstellung der Frauen und ihre Integration in Bildung und
produktive Arbeit seit 1949 befördert wurde, als ein Modernitätsmerkmal
der DDR. Gegenläufig wirkte allerdings eine SED-Frauenpolitik, die die
Dreifachbelastung der Frauen in Arbeit, Familie und Alltag nicht
beseitigte und ebenso wenig ihre politische Teilhabe in Machtpositionen
beförderte. Auch wenn durchaus kulturelle Normen und Alltagspraktiken
entstanden, die sich nach 1990 als zukunftstauglich erwiesen, ist für
Dölling dieser „Modernitätsvorsprung“ nicht mit einer wirklichen
Emanzipation der Geschlechter gleichzusetzen.
Die
Geschlechterproblematik wird auch bei den Verhaltenskodizes in den
sogenannten Anstandsbüchern behandelt, die sich in der DDR großer
Beliebtheit erfreuten. Die Kulturwissenschaftlerin Dorothee Röseberg
behandelt die konzeptionelle Bedeutung des Werkes von Karl Kleinschmidt
für die Auffassungen über das Verhältnis von Form und Inhalt im Bereich
solcher Vorschriften für das Miteinander, das gute Benehmen in der DDR.
Obwohl in den 1960er Jahren Gebote der sozialistischen Moral Eingang in
diese Schriften finden, bleibt ein protestantischer Wertekatalog
gleichzeitig grundlegend. Damit wird die These einer engen Verbindung
von politischen Führungskräften und religiösen Sozialisten in den ersten
Dezennien der DDR gestützt. Um den Einfluss protestantischer Ethik und
Moral in der DDR geht es auch im Beitrag der französischen Germanistin,
Sylvie Le Grand. Sie untersucht Bibeleditionen in der DDR, die Teil der
vielschichtigen und z. T. paradoxen Beziehungen staatlicher Behörden zum
protestantischen Erbe, insbesondere zur biblischen Sprache und zum
christlichen Gedankengut waren. Dabei belegt das Verlagsprogramm den
Willen, die traditionellen Aufgaben der Bibelgesellschaft zu erweitern
und die verlegerische Tätigkeit zu diversifizieren. Der Bibelverlag
erscheint als ein Verlag zwischen genuin protestantischer Tradition und
staatlicher Kontrolle, in dem ein kompliziertes und widersprüchliches
Gutachter- und Zensurverfahren praktiziert wurde.
Mit den Beiträgen von
Diane Barbe und Reinhold Viehoff kommt ein expliziter deutsch/deutscher
Vergleich zur Sprache. Die französische Filmwissenschaftlerin Diane
Barbe bespricht das Thema ‚Berlin‘ im Kino diesseits und jenseits der
Grenze mit dem Ziel einer topographischen Analyse. Anhand ausgewählter
Filmbeispiele wird ein Ost-West-Vergleich skizziert, der es ermöglicht,
vor allem eine gemeinsame Tendenz in der Entwicklung der beiden
deutschen Kinos zu identifizieren. Diese gemeinsame Tendenz beschreibt
den Wandel von einem Berlin-Bild, das beiderseits der Mauer zunächst
vorrangig als Schaufenster des eigenen Systems inszeniert wurde, hin zu
Berlin-Darstellungen, die die Stadt zunehmend zu einer Bühne für
Gesellschaftskritik werden lassen. Den Inszenierungen von Modernität
wird dabei besondere Aufmerksamkeit geschenkt.
Der
Medienwissenschaftler Reinhold Viehoff vergleicht die beiden berühmten
Fernsehsendungen ‚Polizeiruf 110‘ und ‚Tatort‘ und setzt seine Analyse
in den Kontext des jeweils gültigen Selbstverständnisses der beiden
Gesellschaften. Für die DDR wird auf das Problem verwiesen, dass ein
Krimi von Verbrechen, von Normübertretungen handelt, die historisch
nicht mehr vorgesehen waren. Sie galten als dem Sozialismus wesensfremd.
Im Beitrag wird herausgearbeitet, wie in den Filmen vor allem die
‚Widerspruchstheorie‘ zur Grundlage der Verbrechenserklärung
herangezogen wurde. Nach dieser Theorie kann Verbrechen im Sozialismus
dadurch erklärt werden, dass auch im Sozialismus der grundsätzliche
Widerspruch weiter existiert, nämlich zwischen individuellen
Bedürfnissen, Wünschen, Begierden usw. und den gesellschaftlichen
Zwängen, die deren direkte und schnelle Befriedigung verhindern. Zudem
wird das Genre des Krimis im Fernsehen und die damit verbundenen
normüberschreitenden Problematiken und Themen in den Kontext eines
ideologischen Medienkampfes zwischen Ost und West gerückt, bei dem stets
erneut die Schwäche des jeweils anderen und die Überlegenheit des
eigenen Systems demonstriert werden sollte.
Adjai Oloukpona wirft aus der Perspektive
eines afrikanischen Germanisten einen restrospektiven Blick auf die
DDR-Afrikawissenschaften und deren Wirkung auf dem afrikanischen
Kontinent. Dabei spielt die Entdeckung des Lebens des „schwarzen
Philosophen der Aufklärung“, Anton Wilhelm Amo (1703–1758), eine
exemplarische Rolle. Dessen Biographie vom DDR-Historiker Burchard
Brentjes, 1976 in Halle veröffentlicht, hatte wichtige Impulse für
Wissenschaft, Politik und das Selbstbewusstsein afrikanischer Völker und
das Ringen um Selbstbestimmung. Oloukpona vertritt die These, dass die
DDR-Afrikawissenschaften, insbesondere die Arbeiten von Historikern aus
der DDR, auf dem afrikanischen Kontinent wichtige Spuren hinterlassen
haben, die sich besonders in der Entwicklung einer nationalen
Geschichtsschreibung zeigen. Solche Spuren seien nachhaltiger als die
damaligen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen der DDR zu
afrikanischen Staaten.
Mit diesem Beitrag ist zugleich der Horizont
für eine internationale Sicht auf die Problematik DDR und Moderne
eröffnet und damit auf die Frage, wie man sich heute (einer)
kulturgeschichtlichen Betrachtung der DDR widmen kann.
In diesen Horizont gehört auch der Beitrag des
französischen Historikers Nicolas Offenstadt, der im Anschluss an Bruno
Latour für eine symmetrische Anthropologie und Geschichtsschreibung
plädiert. Ausgangspunkt seiner Untersuchungen ist ganz bewusst nicht
eine Unterscheidung von Verlierern, Besiegten oder Gewinnern „der
Geschichte“. Ziel ist es vielmehr, allen eine Stimme zu geben.
Verschiedene Beiträge,
die auf einem Podium vorgetragen worden sind, stehen ebenfalls in diesem
historiographischen Zusammenhang. Anliegen ist dabei ein
interdisziplinärer Dialog, der HistorikerInnen (Wolfgang Küttler, Gerd
Dittrich, Caroline Moine) und KulturwissenschaftlerInnen (Dorothee
Röseberg und Monika Walter) zusammenführte. Diachronie vs Komplexität
und Widersprüchlichkeit von kulturellen Erscheinungen und Prozessen
bildeten den Kern einer Kontroverse, die dem Leser thesenartig
präsentiert wird.
Anstelle eines Nachwortes wird abschließend in
einem Beitrag der Herausgeberinnen die Diskussion um Moderne vertieft.
Akzentuiert wird zum einen die kritische Sicht auf die komplexe und
widerspruchsvolle Geschichtlichkeit dieses gesamten Diskursfeldes und
die darin sichtbar gewordene selbstreflexive Kritik der eigenen
Denkvoraussetzungen. Besondere Beachtung findet die Doppelauslegung der
Begrifflichkeit Moderne, die sich zum einen auf ein
geschichtsphilosophisch-anthropologisch begründetes „Projekt der
Moderne“, zum anderen auf die Analyse der tatsächlichen weltweiten
Modernisierungsprozesse durch Historiker, Soziologen und
Kulturwissenschaftler bezieht. Schließlich und zentral geht es in diesem
Beitrag um die Frage, welche Erkenntnisgewinne gerade von der
Untersuchung sozial- kultureller Dimensionen zu erwarten sind, wenn es
um einen Vergleich zwischen kapitalistisch und sozialistisch
organisierten Moderne-Varianten geht. Ziel eines solchen Vergleichs soll
die Verortung des gescheiterten Gesellschaftsexperiments der DDR in
einer weltweiten Vergleichsperspektive bzw. in einem „zukünftigen
globalen Diskurs der Moderne“ sein.
Inhaltsverzeichnis
Geleitwort des Präsidenten der Leibniz-Sozietät zu Berlin 7
Rainer Zimmermann
Vorwort der Herausgeberinnen 11
Zur kulturhistorischen Verortung der DDR. Wie sich in der DDR ein
kulturgeschichtliches Selbstverständnis herausbildete 21 Dietrich
Mühlberg
Als Wissenschaftler beargwöhnt und benötigt. Die
DDR und die akademischen „Westemigranten“ 39 Mario Kessler
Über Antisemitismus und Existenzformen des Jüdischen in der DDR. Eine
neuerliche Positionsbestimmung für die 1970er/1980er Jahre 55
Frank Hans Koch
Die Pflichtschule der DDR als Baustein in
der deutschen Bildungs-geschichte. Ein Blick auf die Entwicklung
kulturreproduktiver schulischer Versorgung 73 Gert Geißler
Zur philosophischen Jubiläumskultur in der DDR. Von Leibniz
(1946) über Fichte (1962/64) zu Kant (1954/74) und Hegel (1956/70/81)
sowie Nietzsche (1994) 95 Hans-Christoph Rauh
Warum
Beethoven? Ludwig van Beethoven als Favorit der Musikkultur der DDR 119
Ulrich Busch
Die DDR zwischen Patriarchat und Moderne.
Acht Thesen 141 Ursula Schröter
Wie modern waren die
Geschlechterverhältnisse in der DDR? 155 Irene Dölling
„Keine Angst vor guten Sitten“. Verhaltenskodex zwischen Tradition
und Moderne 165 Dorothee Röseberg
Bibeledition in
der DDR: Positionen zum protestantischen Erbe 185 Sylvie Le Grand
Berlin im Kino (1961–1989) Ein Ost-West-Vergleich 201
Diane Barbe
Kriminalität und Fernsehen POLIZEIRUF 110
vs. TATORT 219 Reinhold Viehoff
DDR-Afrikawissenschaften aus aktueller Sicht eines afrikanischen
Germanisten 241 Adjaï A. Paulin Oloukpona-Yinnon
Auf
den Spuren der DDR. Auf dem Weg zu einer symmetrischen
Geschichtsschreibung 251 Nicolas Offenstadt
Ausschnitte aus dem Podium: Wie schreibt man eine Kulturgeschichte der
DDR?
Anstelle eines Nachwortes. Soziokultureller Wandel in der
DDR. Ein Beitrag zur Modernediskussion Dorothee Röseberg /
Monika Walter
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