Zurück zur letzten Seite                    Zur Startseite des Verlages
 

Herrmann, Dieter B.

 

Astronomie –Bildung – Philosophie

Ausgewählte Vorträge und Aufsätze

1995–2020

2020, [= Abhandlungen der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften, Bd. 62], 245 S., zahlr. Abb., ISBN 978-3-86464-213-5, 34,80 EUR

Im Druck

  =>  Bestellanfrage per Mail

  => Order this book by email, click here

Zurück zur letzten Seite                    Zur Startseite des Verlage

Zum Inhalt des Buches

Unzählige Tagungen, Konferenzen und Kolloquia bestimmen den Wissenschaftsbetrieb unserer Zeit. Gebotene Anlässe, seien es runde Jubiläen von Ereignissen oder Personen oder aktuelle Fragestellungen der Wissenschaft, ermuntern zu solcherlei Begegnungen und Gedankenaustausch der Community. Meist reicht die Zeit des Einzelnen nicht, auch nur an einem Bruchteil selbst solcher Veranstaltungen teilzunehmen, deren Themen unmittelbar in den eigenen Interessenbereich fallen. Schlimmer noch, wenn die dort gehaltenen Vorträge auch später nicht öffentlich zugänglich sind, weil der Referent „frei gesprochen“ und keine Zeit hat, das Dargebotene aufzuschreiben oder überhaupt gar nicht erst an eine Publikation gedacht wird. Dadurch gehen oft wichtige Anregungen und Ideen verloren. Dasselbe geschieht, wenn die Publikation etwa in einem Journal erfolgt, das von der eigentlichen Zielgruppe nur unzureichend zur Kenntnis genommen wird. Berühmte historische Beispiele lassen sich leicht finden. So veröffentlichte Ejnar Hertzsprung seine heute zurecht als klassisch geltenden beiden Arbeiten „Zur Strahlung der Sterne“ in einer Zeitschrift, die in Kreisen von Astronomen und Astrophysikern kaum bekannt gewesen ist. Obschon die bahnbrechenden Ergebnisse Hertzsprungs, die Entdeckung von Riesen- und Zwergsternen, bereits 1905 und 1907 publiziert wurden, wurden sie nur marginal rezipiert. Als schließlich H. N. Russell 1913 in den USA dieselben Ergebnisse erzielte, musste ihn erst Hertzsprungs Mentor, Karl Schwarzschild, darauf aufmerksam machen, dass der Sachverhalt längst entdeckt und publiziert war. Die anfänglich als Russell-Diagramm bezeichnete grafische Darstellung des Zusammenhangs zwischen den Leuchtkräften und Spektraltypen der Sterne fand erst 1933 als „Hertzsprung-Russell-Diagramm“ Eingang in die Literatur. Ähnlich erging es dem belgischen Priester-Astronomen und Kosmologen Georges Lemaître, der bereits 1925 die Expansion des Universums vorhersagte. Doch die Veröffentlichung erfolgte an einer für die astronomische Fachgemeinschaft nicht ohne weiteres zugänglichen entlegenen Stelle und zudem in französischer Sprache. So bürgerte sich für den quantitativen Zusammenhang zwischen der Fluchtgeschwindigkeit von Galaxien als Funktion ihrer Entfernung nach dessen definitiver Entdeckung durch Edwin Hubble 1929 der terminus „Hubble-Gesetz“ ein. Erst 2019 ließ die Internationale Astronomische Union ihre Mitglieder über eine Änderung in „Hubble-Lemaître-Gesetz“ abstimmen. Dies sind nur zwei Beispiele, bei denen es keineswegs nur um vordergründige Prioritätsfragen geht, sondern die auch unmittelbar die Effizienz von Forschung betreffen. Wären diese und andere Ergebnisse umgehend nach ihrer Publikation allgemein zur Kenntnis genommen worden, so hätte dies den Gang der Forschung sichtlich beeinflussen können. In einem noch krasseren Fall verweist der Leipziger Astrophysiker Karl Friedrich Zöllner auf Kants ebenfalls lange unbeachtet gebliebene „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“ (1755) und schreibt: „Wenn auch selbstverständlich die induktive Fundierung des von Kant aufgeführten Gebäudes in manchen Teilen keine so feste und solide wie diejenige der späteren exakten Forscher sein konnte, so möge man doch erwägen, welche heuristische Wichtigkeit eine frühere Berücksichtigung der Kant’schen Resultate ... gehabt haben würde.“
Ein anderer Aspekt ist die Zugänglichkeit gesuchter Texte. Das Internet hat auf diesem Gebiet glücklicherweise Vieles einfacher gemacht. Dennoch ist die Suche nach Arbeiten in Konferenzberichten, Akademiepublikationen oder auch Zeitschriften, die nicht in allen Bibliotheken vorhanden sind, oftmals sehr mühselig und zeitaufwändig. Die Gruppe von Interessenten für spezielle Themen erweist sich zudem selbst im internationalen Maßstab oft als zahlenmäßig vergleichsweise klein. Aus all diesen Gründen erscheinen Sammelbände als eine wünschenswerte Alterative, um einmal Erforschtes und Publiziertes auf möglichst einfache Weise bekannter zu machen. Ich denke dabei stets an die Veröffentlichungen der Vorträge von Friedrich Bessel. Diese erhellenden Dokumente der Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts wären wohl – was auch für andere Gelehrte in ähnlicher Weise zutrifft – weitgehend unbekannt geblieben, hätte nicht H. C. Schumacher sie in gesammelter Form als Buch herausgegeben. Deshalb habe ich auch bereits 2004 eine Auswahl meiner eigenen wissenschaftshistorischen Arbeiten in Buchform veröffentlicht. Dass nunmehr auch eine Auswahl der seit 2005 entstandenen Arbeiten hier vorgelegt werden kann, verdanke ich dem Entgegenkommen der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin. Mein herzlicher Dank gebührt auch den Spendern, die dieses Projekt anlässlich meines 80. Geburtstages großzügig unterstützt haben.

Dieter B. Herrmann

Berlin, im Sommer 2020


Inhaltsverzeichnis

Vorwort 7


I Bildungsprobleme 9

Astronomie für alle – und was hat das mit Kultur zu tun?     25

Naturwissenschaftliche Bildung im Gesamtkonzept von schulischer Allgemeinbildung unter besonderer Berücksichtigung der Astronomie    33

Astronomie in zwei Welten. Himmelskunde in der Schule – Erfahrungen vor und nach der Wende in Deutschland    41

Über die soziale Herkunft der bedeuten-den Astronomen des 20. Jahrhunderts       51

Eine soziologische Analyse der Source Book of Astronomy and Astrophysics       51

Volkssternwarten und Planetarien als Kinder der Urania-Idee. Eine Analyse der Entwicklung von 1888–2010      59


II Philosophisch-historische Reflexionen 83

Vom Wert des Films für die Bildung. Initiativen der Treptower Sternwarte sowie der Berliner und Wiener Urania (1904–1924)     85

Kant, Zöllner und Engels – ein Beitrag zur Rezeption der „Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels“    93

Über Albert Einsteins politische Ansichten. Ein Briefwechsel zwischen Dieter B. Herrmann und Ernst G. Straus aus den
Jahren 1960–1962                                                                                                                                                      99

Sind die Standardmodelle des Kosmologie und Elementarteilchenphysik falsch, weil sie zu kompliziert sind?
Anmerkungen aus wissenschafts-historischer Sicht                                                                                                        109

Heuristik im aktuellen Meinungsstreit. Befindet sich die Forschung am CERN in einer Sackgasse?                         121

 


III Astronomie und Kulturgeschichte                             127


Keplers wundersame Forschungswege                              129

Über den Intihuatana von Machu Picchu                            139

Wissenschaftliche Mitteilung vor dem Plenum der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin am 13. Oktober 2011       139

Die Berliner Sternwarte und ihre Entwicklung zwischen Akademie und Universität (1700–1945)                          147

Astronomen als Zeichner und Maler. Das Auge – Die Hand – Die Erkenntnis                                                    155

Die Astronomische Gesellschaft – wie alles begann und was dann „versäumt“ wurde                                        169

Das Verhältnis von Humanismus, Katholizismus und Reformation zu Astronomie und Astrologie                         181

Karl Schwarzschild als Entdecker und Förderer von Ejnar Hertzsprung                                                              195

Hundert Jahre Astronomie aus der Vogelperspektive 1920–2020                                                                     211

Über die Lebenserwartung von Astronomen                           239


Über den Autor                                                                243