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Julius Erdmann / Björn Egbert (Hg.)


Menschliche Praktiken und Beziehungen in der mediatisierten Welt – Wandel, Nachhaltigkeit und Verantwortung

 

2020, [= e-culture, Band 27], 232 S., zahl. Tab., Graf. und Abb., ISBN 978-3-86464-26-7, 26,80 EUR

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Einleitung

Digitalisierung ist in der Gesellschaft allgegenwärtig und beeinflusst sowohl das alltägliche, als auch das berufliche Leben. So wird von einer mediatisierten Welt und einer digitalen Gesellschaft gesprochen – Notionen, die einerseits Aspekte der zeitlichen, räumlichen und sozialen Vermittlung beinhalten und andererseits den Stellenwert der digitalen Medien innerhalb dieser Realität unterstreichen. Die anhaltende Mediatisierung führt zur Transformation von Kommunikation und menschlichen Beziehungen und nimmt auf alle Lebensbereiche Einfluss. Durch diesen Wandel werden unterschiedliche Visionen und Hoffnungen einerseits sowie ebenso unterschiedliche Befürchtungen und Negativ-Szenarien andererseits sichtbar. Durch neue Möglichkeiten der Bildgebung kann Digitalität zu neu empfundener Ästhetik führen. Roboter werden durch künstliche Intelligenz auf den sozialen Umgang mit Menschen programmiert. Algorithmen beeinflussen schon jetzt das gesellschaftliche Leben, welches zunehmend durch Social-Media-Anwendungen und Smart Objects innerhalb des Internet of Things vermittelt wird. Diese mediale Durchdringung sämtlicher Bereiche der Alltagswelt, die mit dem Terminus Mediatisierung bezeichnet wird, konfrontiert Forscherinnen und Forscher deshalb zunehmend mit neuen Strukturen, neuen Handlungspotentialen und neuen ethischen Abwägungen im Hinblick auf deren zukünftige, nachhaltige und verantwortungsvolle Entwicklung.
Der Hauptfokus des International Network on Cultural Diversity and New Media (CultMedia) besteht darin, Neue bzw. Digitale Medien als Form der Technik in ihrer Wechselwirkung mit Individuen bzw. Gesellschaften und ihren Bedürfnissen sowie kulturellen Gegebenheiten/Praxen zu erfassen. Dadurch werden technologisch strukturierte Medien als soziotechnisches System in den Mittelpunkt wissenschaftlicher Betrachtungen gestellt, um diese wechselseitigen Beeinflussungen zu begreifen und aus Sicht verschiedener Fachdisziplinen in Verbindung zu setzen sowie zu analysieren. Die Stärke dieses Ansatzes liegt darin, dass die Frage, wie die Möglichkeiten und Auswirkungen der Digitalisierung hinsichtlich neuer Formen der Information, Kommunikation und Kooperation einzuschätzen sind, immer im Kontext einer ‚Kultur des Alltäglichen‘ betrachtet wird. Dadurch geraten soziokulturelle und individuelle Praktiken und Umgangsweisen mit Medientechnologie in den Vordergrund. Die oben genannten, gesamtgesellschaftlichen Fragen werden im Kontext praktischer Potentiale und Zukunftsperspektiven neu perspektiviert.
Die 22. Jahrestagung des CultMedia-Netzwerkes fand im Zeitraum vom 09. bis 11. September 2019 unter starker internationaler Beteiligung und unter der Schirmherrschaft des Präsidenten der Universität Herrn Prof. Oliver Günther an der Universität Potsdam statt. Unter dem Titel Menschliche Praktiken und Beziehungen in der mediatisierten Welt wurde ein Hauptaugenmerk auf individuelle Handlungsdimensionen gelegt. Dabei wurde die im Netzwerk bereits etablierte Diskussion aus den letzten Jahren zum Schwerpunkt technisch vermittelte Kulturen aufgegriffen. Technische Entwicklungen geben stets Anlass zum Nachdenken über Zukünftiges und insbesondere, welche Visionen als erstrebenswert angesehen werden und welche nicht. Hierbei verlaufen reale Entwicklungen zumeist anders, als Utopien, Szenarien oder Visionen erahnen lassen. Dennoch gilt es, die medientechnologische Basis von Information, Kommunikation und Kollaboration sowie deren sozial-kultureller Auswirkungen zu hinterfragen und insbesondere über die Folgen medialer Entwicklung aus verschiedensten Perspektiven und Fachdisziplinen zu reflektieren. Deshalb scheint es lohnenswert, sich rechtzeitig und mit nachhaltiger Wirkung über Transformationen kultureller Praktiken als Bedeutungsmuster des gesellschaftlichen Lebens, die aus technisch-technologischen Entwicklungsprozessen – und umgekehrt – resultieren, nachzudenken bzw. Einschätzungen vorzunehmen.
Diese Themenvielfalt wurde von fast 30 aktiven Teilnehmerinnen und Teilnehmern verschiedenster nationaler Hintergründe in ihren Beiträgen aus der Perspektive der Linguistik, Bildungswissenschaft, Technik- und Ingenieurwissenschaft, Philosophie, Übersetzungswissenschaft, Soziologie und Kulturwissenschaft erarbeitet. Der Komplexität des Themas entsprechend wurden drei Schwerpunkte in den Mittelpunkt der Tagung gestellt: 1) Menschliche Praktiken, Mediatisierung und Nachhaltigkeit/Verantwortung; 2) Menschliche Praktiken, Mediatisierung und (künstliche) Intelligenz; und 3) Menschliche Praktiken, Mediatisierung und gesellschaftlicher Wandel. Im vorliegenden Band werden diese Positionen, Reflexionen und Entwürfe hinsichtlich der Wechselwirkungen zwischen (Medien-) Technologie und Kultur gesammelt vorgestellt.
Im Hinblick auf die rasante Entwicklung neuer Technologien der Vernetzung, Digitalisierung und Algorithmisierung innerhalb der mediatisierten Welt wird anhand der Beiträge zu aktuellen Forschungsprojekten insbesondere die Bedeutung einer kritisch-realistischen Haltung zu tatsächlichen technologisch-sozialen Umsetzungs- und Aneignungspraktiken sowie einer Verstärkung der Kompetenzen und des Wissens im alltäglichen Umgang mit diesen Technologien deutlich. Damit verbunden ist auch die Reflexion und Diskussion neuer ethischer, politischer, soziokultureller und auch ökonomischer Rahmenbedingungen. Dem Anliegen des CultMEdia-Netzwerks folgend, sollten dabei länderspezifische Unterschiede in der Forschungskultur besonders hervorgehoben werden. Solche kulturspezifischen Schwerpunkte fördern letztendlich auch die generelle Auseinandersetzung mit Konzepten, die stets neu verhandelt werden und verhandelt werden müssen. Damit verbunden ist die stete Verständigung zu den Querschnittsthemen lebensweltliches Handeln, Kultur, Globalisierung und Mediatisierung. Diese Schwerpunkte stellen einen übergreifenden Zusammenhang der vorliegenden Beiträge her.
Für den Tagungsband wurden die eingereichten Beiträge einer Neubündelung in vier Kapiteln unterzogen: 1. Mediatisierte Kultur und Auswirkungen auf lebensweltliche Praktiken; 2. Mediatisierung und kultureller Wandel; 3. Digitaler Wandel zwischen Verlust und Innovation; und 4. Digitale Technologien und gesellschaftliche Verantwortung. Die Beiträge der jeweiligen Kapitel werden im Folgenden kurz zusammengefasst.

Mediatisierte Kultur und Auswirkungen auf lebensweltliche Praktiken
Im ersten Kapitel werden entsprechend des Hauptfokus der Tagung die Auswirkungen der Mediatisierung unserer Alltagswelt auf individuelle und soziokulturelle Praktiken besprochen. Eingeleitet wird das Kapitel durch Björn Egbert, der die Nutzung digitaler Medien im Unterricht zwischen ihrem Beitrag für die Allgemeinbildung der Schülerinnen und Schüler einerseits und dem damit verbundenen, verantwortungsvollen Umgang andererseits thematisiert. Ausgehend vom allgemeinen Ziel der Entwicklung digitaler Kompetenzen verdeutlicht der Autor am Beispiel des Rahmenlehrplans für die Klassenstufen 1-10 des Landes Brandenburg einerseits, dass die Medienbildung als Leitkonzept ausgewiesen ist und andererseits, dass Lehrkräfte z.T. mit dem zweckmäßigen Einsatz digitaler Medien im Unterricht überfordert seien. Letzteres führe vermehrt zu einem konzeptlosen Einsatz digitaler Medien im Unterricht. Herr Egbert formuliert schließlich Bedingungen, die erfüllt werden müssten, um eine verbesserte Entwicklung der Medienkompetenz von Schülerinnen und Schülern gewährleisten zu können: (1) Verbindliche Vorgaben zur Medienkompetenz in den Curricula; (2) eine Stärkung der inhaltlichen Basis in den Curricula; (3) ein sicherer rechtlicher Rahmen, der Lehrkräften eine umfassende Nutzung digitaler Medien erlaubt; (4) eine fachübergreifend abgestimmte IT-Ausstattung; und (5) eine ausreichende Finanzierung digitaler Medien, insbesondere auch Software.
Einem pädagogischen Ansatz widmete sich auch Christian Schlossnickel in seiner bildungswissenschaftlichen Betrachtung des Digitalpakts Schule. In diesem reflektierte er kritisch den Einsatz von digitalen Medien im Unterricht, insbesondere angestoßen durch umfassende, politische Investitionen, vor dem Hintergrund gängiger Bildungsparadigmen. Das damit verbundene Ideal sei gemäß Schloßnickel die Verbesserung der schulischen Lernumgebungen. Vor diesem Kontext hinterfragt der Autor die zentralen Kriterien politischer Förderprogramme und setzt diese in einen Zusammenhang mit den realen Vorstellungen von Schülerinnen und Schülern zu ihren Lernbedingungen. Dabei wird eine Umfrage zu den Vorstellungen und Wünschen von Schülerinnen und Schülern bezüglich spezifischer Unterrichtsanwendungen in der naturwissenschaftlichen, technischen und ökonomischen Bildung vorgestellt. Dadurch wird ebenso das Paradigma des digitalen Unterrichts infrage gestellt.
Ein ebenso präsentes Ideal der digitalisierten Kultur – die Kommunikationsarbeit (oder PR) – fasst Annely Rothkegel in ihrem kritischen Beitrag in den Blick. Dabei fokussiert sie vor allem das damit verbundene Verhältnis zwischen Mensch und Maschine. Frau Rothkegel unterscheidet vier Ebenen der Mensch-Maschine-Interaktion: (1) Der Mensch als User; (2) der Mensch als arbeitender Kunde; (3) das System als Partner des Users; und (4) das System in der Rolle des Akteurs, während der User passiv und reaktiv bleibt. Anhand von Beispielen für die unterschiedlichen Ebenen ((1) der erweiterte Qualitätsbegriff, (2) Selbstbedienungsläden, (3) künstliche Gesprächspartner in Chats und (4) sozialfähige und möglichst menschenähnliche Roboter) zeigt die Autorin auf, wie essentiell die Abwägung zwischen technischer und informatorischer Machbarkeit und ethischer Verantwortung bei der öffentlichen Kommunikation sei.
Das Kapitel schließen Konstantin und Kornelius Keulen mit ihrem Beitrag zum Problem der Beziehung zwischen Leib und Seele, in dem sie das Konzept der appräsenten Präsenz in den Blick fassen. Dabei thematisieren sie das psychophysische Problem, dass in den digitalen Räumen eine Wirklichkeit mit zwei Identitäten zu finden ist. So sei im digitalen Geflecht des Internets eine Appräsenz des Körpers festzustellen, weshalb die Menschen die zirkulierenden Informationen als das omnipräsent Geistige des Internets präferieren. Damit verbunden sei eine Abgrenzung von der durch den Körper mit seinen Sinnen vermittelten Realität. Einen anderen Aspekt allerdings zeige für die Autoren das ubiquitäre Computing mit dem Internet of Things auf. Ein Großteil des Unbehagens im Umgang mit der digitalen Technik wird aus der Sorge bezogen, dass nun auch Dinge miteinander kommunizieren, ohne dass der Mensch direkt, geistig wie körperlich beteiligt ist. Jedoch schließen Konstantin und Kornelius Keulen ihren Beitrag mit dem Gedanken, dass der Geist ohne Körper nichts sei. Der Geist ist in besonderer Weise in der Zeit der Devices und Interfaces involviert, ebenso wie in der Interaktion mit anderen Objekten.

Mediatisierung und kultureller Wandel
Das zweite Kapitel des Bandes umfasst Ansätze und Positionen, die den durch die Mediatisierung aller menschlichen Lebensbereiche angestoßenen, kulturellen Wandel in den Mittelpunkt stellen. Eingeleitet wird es durch den Beitrag Gerhard Banses, der sich mit möglichen Wechselwirkungen der Entwicklung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) und nachhaltiger Entwicklung auseinandersetzt. So hat der Beitrag seinen Anfang in dem Gedanken, dass mit IKT häufig die Hoffnung auf eine Beförderung der nachhaltigen Entwicklung verbunden wurde. Diese „Harmonie a priori“ habe sich jedoch weitgehend als Illusion erwiesen: Die Digitalisierung der Gesellschaft entspräche nur selten Nachhaltigkeitsaspekten. Nach einer Charakterisierung aktueller Entwicklungen in der Informationsgesellschaft sowie der Vorstellung von Leitgedanken der nachhaltigen Entwicklung gibt Banse einen Überblick über ökologische Effekte der IKT. Nachvollziehbar wird dies insbesondere am Beispiel des Smartphones, wobei der Autor verdeutlicht, inwiefern Smartphones vor, während und nach der Nutzungsphase negativ auf eine nachhaltige Entwicklung einwirken. Er betont abschließend, inwiefern deshalb die Entstehung nachhaltigkeitsorientierter Bewegungen und Denkweisen sowie die Übernahme langfristiger gesellschaftlicher Verantwortung für eine zukünftige Entwicklung von IKT entscheidend sind.
In ihrem länderspezifischen Beitrag zur Entwicklung und Nutzung der künstlichen Intelligenz (KI) in der Tschechischen Republik legen Petr Machleidt und Karel Mráček einen Schwerpunkt auf die technologische Entwicklung von KI, einschließlich der sozioökonomischen und der rechtlich-ethischen Auswirkungen innerhalb der Tschechischen Republik. So entwickelte die Regierung eine nationale Strategie, die die Grundlage für die Unterstützung und Entwicklung der KI in der Tschechischen Republik bildet. Die Autoren stellen anschließend diese politischen Rahmenvorgaben sowie die Diskurse um das Themenfeld KI in der tschechischen Gesellschaft vor. Diese umfassen insbesondere Sicherheit und Verteidigung, industrielle Produktion und Mensch-Maschine-Kommunikation. Im Zusammenhang mit der Entwicklung und dem Einsatz autonomer Systeme und allgemeiner KI wurden neue ethische Fragen aufgeworfen, die mit dem Entwurf, der Entwicklung und dem Einsatz intelligenter Maschinen zusammenhängen sowie mit Situationen, in denen Maschinen Entscheidungen über die Lösung ethischer Probleme treffen (Roboethik, Maschinenethik). Abschließend zeigen Machleidt und Mráček auf, dass insbesondere juristische Fragen im Zuge einer weiteren Entwicklung von KI geklärt werden müssen, da sie die sozialen Beziehungen in Zukunft erheblich beeinflussen werden.
Martina Kainz wendet die Gesellschaftstheorie Pierre Bourdieus auf die digitale Gesellschaft an und hinterfragt damit die Wandlungsprozesse bezüglich sozialer Distinktion. Dabei bietet die Theorie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu eine geeignete Grundlage für eine Analyse der soziologischen Struktur und spezifischer Charakteristika der Online-Gesellschaft. Im Rahmen internetbasierter Kommunikationsformen komme es nach der Autorin zur Bildung und Entwicklung eigener Netzpraktiken und verschiedener Formen des Habitus innerhalb des jeweiligen Feldes. Insbesondere das soziale Kapital, das durch die Zugehörigkeit zu verschiedenen Online-Netzwerken generiert werden kann, ermögliche den Nutzerinnen und Nutzern, Beziehungs- und Imagepflege zu betreiben. Durch die Nutzung digitaler Technologien bzw. vor allem sozialer Netzwerke könnten zudem verschiedene Ausprägungen des demonstrativen Konsums in Form von Bildern, Videos oder Postings präsentiert werden. Kainz schließt ihren Beitrag mit einem Blick auf die ‚digitale‘ Elite, eine Gruppe von Expertinnen und Experten, die eine besondere Expertise im Bereich der Entwicklung von Algorithmen und der Programmierung aufweist.
Daran anschließend setzt sich Julius Erdmann in seinem Beitrag Ordnungen und Praktiken der soziotechnischen Aneignung neuer Medien in Zeiten algorithmisierter Kultur mit der Frage auseinander, wie sich Menschen Medien aneignen und in ihr Leben integrieren. Dabei betrachtete er die Medienaneignung von digitalen Technologien im Rahmen der Aneignungsforschung der Cultural Studies. Herr Erdmann stellte heraus, dass Medienaneignung hier ein kreativer und spielerischer Umgang mit den Handlungsmöglichkeiten innerhalb symbolisch-technischer Strukturen sei. Die Grenze dieser Aneignung seien allerdings die algorithmischen Strukturen der Anwendungsoberflächen und -schnittstellen. Diese entziehen sich seines Erachtens einem individuellen Zugriff.

Digitaler Wandel zwischen Verlust und Innovation
Im dritten Kapitel des Bandes werden evaluative und analytische Studien zu den Vor- und Nachteilen gegenwärtiger und zukünftiger Entwicklungen des Digitalen vorgestellt. Den Auftakt macht hierbei die Fallstudie von Mariana Mocanu zum Einsatz des Internets in der Bildung und zur Frage, ob digitale Medien die direkte Erfahrung ersetzen können. So beschreibt die Autorin in der Studie, dass das Internet einen undifferenzierten und ungehinderten Zugang zu Informationen biete, welcher insbesondere hinsichtlich der Bildungsprozesse zur gesteigerten passiven Beobachtung der Erfahrungen anderer führe. In der Vergangenheit hingegen sei der Zugang zu Informationen untrennbar mit dem Lernprozess verbunden gewesen. In der Rezeption digitaler Medien allerdings stünde die fokussierte Suche nach Antworten auf konjunkturelle Fragen im Vordergrund. Nicht nur das Lernen, sondern auch die Lernziele wären aufgrund des Internetzugangs verändert. Darunter litten allerdings die Verifizierung und das persönliche Erfahren der Information.
Einen Schwerpunkt auf die bildungswissenschaftliche Dimension der Digitalisierung legt auch Serena Scheithauer. In ihrem Beitrag Tippen statt Schreiben reflektiert sie den Verlust grundlegender Kompetenzen als Basis für die individuelle Handschrift. So seien nach der aktuellen STEP-Studie Lehrkräfte mehrheitlich unzufrieden mit der Handschrift der Schülerinnen und Schüler. Die Autorin betrachtet daran schließend insbesondere die Frage, ob die Handschrift der Vergangenheit angehört und durch digitales Schreiben im Kontext der Schule ersetzt werden sollte. Darauf verdeutlicht Scheithauer Handlungsmöglichkeiten, insbesondere im Unterricht der Primarstufe, um das Kulturgut Handschrift mit der fortschreitenden Digitalisierung sinnvoll zu verknüpfen. Dabei werden auch technische Hilfsmittel betrachtet, die eine Ausführung der Handschrift ermöglichen und diese parallel digital abrufbar machen. Demnach böten digitale Medien Potentiale, um Unterricht und Kompetenzförderung zeitgemäß zu gestalten.
Ksenia Hintze wiederum evaluiert in ihrem Beitrag die Einsatzpotentiale digitaler Medien im Sachunterricht der Primarstufe. Aufgrund der starken Handlungsorientierung des Sachunterrichts scheint der Einsatz digitaler Medien sehr erschwert. Jedoch seien die digitalen Medien aus dem Alltag der Kinder nicht mehr wegzudenken und eine Tabuisierung ihrer Nutzung, auch im Unterricht, kann nicht das Ziel der schulischen Medienerziehung/-bildung sein. Ein sinnvoller, zielgerichteter Medieneinsatz hingegen könne den bewussten Umgang mit diesen Medien fördern, ihre Grenzen klar darstellen und alternative Lösungswege ermöglichen. Hintze konkretisiert die tatsächlichen Einsatzpotentiale der digitalen Medien im Sachunterricht unter anderem am Bespiel der Nutzung von Apps zur Pflanzenerkennung und zeigt darüber hinaus ihren Nutzen und die Grenzen auf.

Digitale Technologien und gesellschaftliche Verantwortung
Im letzten Kapitel werden Gedanken zu der mit der Digitalisierung einhergehenden gesellschaftlichen Verantwortung angeführt. Diese Ansätze vereint eine ethisch orientierte Reflexion des digitalen Wandels. So beschäftigt sich Christian Hulsch mit den gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung und der Industrie 4.0-Technololgie auf die Arbeitsverhältnisse der Gegenwart. Hulsch nimmt hierbei eine human-soziale Perspektive ein. Ausgehend von der Gesellschaftstheorie Karl Marx‘ betrachtet der Autor den derzeitigen Zustand der deutschen Industriegesellschaft mit besonderem Fokus auf die Brennpunkte der aktuellen und in naher Zukunft erwartbaren, gesellschaftlichen Entwicklung. Anhand der Zukunftsperspektive einer digitalisierten Industrie, der Industrie 4.0, hinterfragt Hulsch, inwiefern das Konzept der sozialen Marktwirtschaft dazu beitragen kann, aktuelle Herausforderungen zu bewältigen? Er stellt abschließend den Gedanken einer sozial-ökologischen Transformation als Ausweg aus den bestehenden Dilemmata vor.
Gerhard Zecha widmet sich dem Konzept der Freundschaft in der digitalisierten Gesellschaft und sucht dieses an der Ethik Aristoteles zu messen. So geht er aus von den differenzierten Konzepten der Nutzenfreundschaft, Lustfreundschaft und der echten Freundschaft. Nach Aristoteles ist letztere notwendig mit sittlicher Tugendhaftigkeit verbunden. Zecha konstatiert im Hinblick auf die heutzutage auch online geknüpften und aufrechterhaltenen Freundschaften, dass diese unverbindlich blieben. Dies führe – unter Rückgriff auf das Aristotelische Konzept – zu der paradoxen Situation, dass der Mensch trotz mehrerer Like-Bekanntschaften letztlich alleine sei. Der Autor beschließt seinen Beitrag mit dem Fazit, dass Freundschaften durch die Neuen Medien begonnen und bestärkt werden, nie aber ersetzt werden könnten.
Abschließend ergründet Urszula Żydek-Bednarczuk die Rolle mobiler Applikationen im heutigen Kommunikationsverhalten und ethische Konsequenzen, die daraus zu ziehen seien. So seien diese Programme auf mobilen Endgeräten in allen Bereichen der gegenwärtigen Lebenswelt präsent und beeinflussten diese. Damit würden bisher bestehende Grenzen zwischen Zeit, Raum, Wirkung, Freizeit verschwinden, da die eingeschalteten Applikationen einen unverzüglichen Endeffekt herbeiführen könnten. Die Autorin stellt deshalb fest, dass die Apps das menschliche Leben zunehmend beherrschten. Eine Art der Abhängigkeit der Menschen von Programmen und Maschinen trete damit auf – sie seien zunehmend nicht in der Lage, ohne Apps zu leben. Mit dieser Entwicklung seien deshalb auch tiefgreifende Transformationen des Kommunikationsverhalten und kultureller Dynamiken verbunden, die die Ausgangslage für neue ethische Reflexionen der heutigen Gesellschaft darstellen sollten.

Julius Erdmann, Björn Egbert

 

 

Inhaltsverzeichnis

 



Editorial der Herausgeber 9

Einleitung 13
Julius Erdmann, Björn Egbert


I MEDIATISIERTE KULTUR UND AUSWIRKUNGEN AUF LEBENSWELTLICHE PRAKTIKEN 23

Der Einsatz digitaler Medien in Schulen im Kontext von Verantwortung und Allgemeinbildung 25
Björn Egbert

Die Betrachtung des Digital Pakts Schule im Kontext medialer Bildungsparadigmen 39
Christian Schloßnickel

Kommunikationsarbeit in digitalen Kontexten 61
Annely Rothkegel

Das Leib-Seele-Problem in der digitalen Vernetzungsgesellschaft. Die appräsente Präsenz und das omnipräsent Geistige im Internet 73
Konstantin und Kornelius Keulen


II MEDIATISIERUNG UND KULTURELLER WANDEL 85

IKT und NE – (k)eine „Harmonie a priori“?! 87
Gerhard Banse

Position der Tschechischen Republik im Bereich der Entwicklung und Nutzung der künstlichen Intelligenz 109
Petr Machleidt und Karel Mráček

 
Habitus, Distinktion und soziales Kapital in der Online-Gesellschaft. Die Gesellschaftstheorie Pierre Bourdieus im Kontext der

Nutzung digitaler Technologien 119
Martina Kainz

Ordnungen der soziotechnischen Aneignung in Zeiten algorithmisierter Kultur 131
Julius Erdmann


III DIGITALER WANDEL ZWISCHEN VERLUST UND INNOVATION 149

Can the Internet replace personal experience? A Case Study in Education 151
Mariana Mocanu

Tippen statt Schreiben. Die Handschrift im Zeitalter der Digitalisierung 167
Serena Scheithauer

Digitale Medien im Sachunterricht. Eine perspektivübergreifende
Betrachtung von Einsatzmöglichkeiten und fachdidaktischen Grenzen 179
Ksenia Hintze


IV DIGITALE TECHNOLOGIEN UND GESELLSCHAFTLICHE VERANTWORTUNG 195

Gesellschaftliche Auswirkungen der Digitalisierung und der Industrie 4.0-Technololgie auf die

Produktionsweise und Arbeitsverhältnisse der Gegenwart 197
Christian Hulsch

Freundschaft in der mediatisierten Welt: eine Seele in zwei Körpern (Aristoteles) oder eine

Million thumbs-up (Facebook, Instagram etc.)? 211
Gerhard Zecha


Mobile Apps im neuen Kommunikationsverhalten 221
Urszula Żydek-Bednarczuk


Über die Autorinnen und Autoren 231