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Einleitung
Digitalisierung ist in der Gesellschaft
allgegenwärtig und beeinflusst sowohl das alltägliche, als auch das
berufliche Leben. So wird von einer mediatisierten Welt und einer
digitalen Gesellschaft gesprochen – Notionen, die einerseits Aspekte der
zeitlichen, räumlichen und sozialen Vermittlung beinhalten und
andererseits den Stellenwert der digitalen Medien innerhalb dieser
Realität unterstreichen. Die anhaltende Mediatisierung führt zur
Transformation von Kommunikation und menschlichen Beziehungen und nimmt
auf alle Lebensbereiche Einfluss. Durch diesen Wandel werden
unterschiedliche Visionen und Hoffnungen einerseits sowie ebenso
unterschiedliche Befürchtungen und Negativ-Szenarien andererseits
sichtbar. Durch neue Möglichkeiten der Bildgebung kann Digitalität zu
neu empfundener Ästhetik führen. Roboter werden durch künstliche
Intelligenz auf den sozialen Umgang mit Menschen programmiert.
Algorithmen beeinflussen schon jetzt das gesellschaftliche Leben,
welches zunehmend durch Social-Media-Anwendungen und Smart Objects
innerhalb des Internet of Things vermittelt wird. Diese mediale
Durchdringung sämtlicher Bereiche der Alltagswelt, die mit dem Terminus
Mediatisierung bezeichnet wird, konfrontiert Forscherinnen und Forscher
deshalb zunehmend mit neuen Strukturen, neuen Handlungspotentialen und
neuen ethischen Abwägungen im Hinblick auf deren zukünftige, nachhaltige
und verantwortungsvolle Entwicklung.
Der Hauptfokus des International Network on
Cultural Diversity and New Media (CultMedia) besteht darin, Neue bzw.
Digitale Medien als Form der Technik in ihrer Wechselwirkung mit
Individuen bzw. Gesellschaften und ihren Bedürfnissen sowie kulturellen
Gegebenheiten/Praxen zu erfassen. Dadurch werden technologisch
strukturierte Medien als soziotechnisches System in den Mittelpunkt
wissenschaftlicher Betrachtungen gestellt, um diese wechselseitigen
Beeinflussungen zu begreifen und aus Sicht verschiedener Fachdisziplinen
in Verbindung zu setzen sowie zu analysieren. Die Stärke dieses Ansatzes
liegt darin, dass die Frage, wie die Möglichkeiten und Auswirkungen der
Digitalisierung hinsichtlich neuer Formen der Information, Kommunikation
und Kooperation einzuschätzen sind, immer im Kontext einer ‚Kultur des
Alltäglichen‘ betrachtet wird. Dadurch geraten soziokulturelle und
individuelle Praktiken und Umgangsweisen mit Medientechnologie in den
Vordergrund. Die oben genannten, gesamtgesellschaftlichen Fragen werden
im Kontext praktischer Potentiale und Zukunftsperspektiven neu
perspektiviert.
Die 22. Jahrestagung des CultMedia-Netzwerkes
fand im Zeitraum vom 09. bis 11. September 2019 unter starker
internationaler Beteiligung und unter der Schirmherrschaft des
Präsidenten der Universität Herrn Prof. Oliver Günther an der
Universität Potsdam statt. Unter dem Titel Menschliche Praktiken und
Beziehungen in der mediatisierten Welt wurde ein Hauptaugenmerk auf
individuelle Handlungsdimensionen gelegt. Dabei wurde die im Netzwerk
bereits etablierte Diskussion aus den letzten Jahren zum Schwerpunkt
technisch vermittelte Kulturen aufgegriffen. Technische Entwicklungen
geben stets Anlass zum Nachdenken über Zukünftiges und insbesondere,
welche Visionen als erstrebenswert angesehen werden und welche nicht.
Hierbei verlaufen reale Entwicklungen zumeist anders, als Utopien,
Szenarien oder Visionen erahnen lassen. Dennoch gilt es, die
medientechnologische Basis von Information, Kommunikation und
Kollaboration sowie deren sozial-kultureller Auswirkungen zu
hinterfragen und insbesondere über die Folgen medialer Entwicklung aus
verschiedensten Perspektiven und Fachdisziplinen zu reflektieren.
Deshalb scheint es lohnenswert, sich rechtzeitig und mit nachhaltiger
Wirkung über Transformationen kultureller Praktiken als Bedeutungsmuster
des gesellschaftlichen Lebens, die aus technisch-technologischen
Entwicklungsprozessen – und umgekehrt – resultieren, nachzudenken bzw.
Einschätzungen vorzunehmen.
Diese Themenvielfalt wurde von fast 30
aktiven Teilnehmerinnen und Teilnehmern verschiedenster nationaler
Hintergründe in ihren Beiträgen aus der Perspektive der Linguistik,
Bildungswissenschaft, Technik- und Ingenieurwissenschaft, Philosophie,
Übersetzungswissenschaft, Soziologie und Kulturwissenschaft erarbeitet.
Der Komplexität des Themas entsprechend wurden drei Schwerpunkte in den
Mittelpunkt der Tagung gestellt: 1) Menschliche Praktiken,
Mediatisierung und Nachhaltigkeit/Verantwortung; 2) Menschliche
Praktiken, Mediatisierung und (künstliche) Intelligenz; und 3)
Menschliche Praktiken, Mediatisierung und gesellschaftlicher Wandel. Im
vorliegenden Band werden diese Positionen, Reflexionen und Entwürfe
hinsichtlich der Wechselwirkungen zwischen (Medien-) Technologie und
Kultur gesammelt vorgestellt.
Im Hinblick auf die rasante Entwicklung neuer
Technologien der Vernetzung, Digitalisierung und Algorithmisierung
innerhalb der mediatisierten Welt wird anhand der Beiträge zu aktuellen
Forschungsprojekten insbesondere die Bedeutung einer
kritisch-realistischen Haltung zu tatsächlichen technologisch-sozialen
Umsetzungs- und Aneignungspraktiken sowie einer Verstärkung der
Kompetenzen und des Wissens im alltäglichen Umgang mit diesen
Technologien deutlich. Damit verbunden ist auch die Reflexion und
Diskussion neuer ethischer, politischer, soziokultureller und auch
ökonomischer Rahmenbedingungen. Dem Anliegen des CultMEdia-Netzwerks
folgend, sollten dabei länderspezifische Unterschiede in der
Forschungskultur besonders hervorgehoben werden. Solche
kulturspezifischen Schwerpunkte fördern letztendlich auch die generelle
Auseinandersetzung mit Konzepten, die stets neu verhandelt werden und
verhandelt werden müssen. Damit verbunden ist die stete Verständigung zu
den Querschnittsthemen lebensweltliches Handeln, Kultur, Globalisierung
und Mediatisierung. Diese Schwerpunkte stellen einen übergreifenden
Zusammenhang der vorliegenden Beiträge her.
Für den Tagungsband wurden die eingereichten
Beiträge einer Neubündelung in vier Kapiteln unterzogen: 1.
Mediatisierte Kultur und Auswirkungen auf lebensweltliche Praktiken; 2.
Mediatisierung und kultureller Wandel; 3. Digitaler Wandel zwischen
Verlust und Innovation; und 4. Digitale Technologien und
gesellschaftliche Verantwortung. Die Beiträge der jeweiligen Kapitel
werden im Folgenden kurz zusammengefasst.
Mediatisierte Kultur und Auswirkungen
auf lebensweltliche Praktiken
Im ersten Kapitel werden entsprechend des
Hauptfokus der Tagung die Auswirkungen der Mediatisierung unserer
Alltagswelt auf individuelle und soziokulturelle Praktiken besprochen.
Eingeleitet wird das Kapitel durch Björn Egbert, der die Nutzung
digitaler Medien im Unterricht zwischen ihrem Beitrag für die
Allgemeinbildung der Schülerinnen und Schüler einerseits und dem damit
verbundenen, verantwortungsvollen Umgang andererseits thematisiert.
Ausgehend vom allgemeinen Ziel der Entwicklung digitaler Kompetenzen
verdeutlicht der Autor am Beispiel des Rahmenlehrplans für die
Klassenstufen 1-10 des Landes Brandenburg einerseits, dass die
Medienbildung als Leitkonzept ausgewiesen ist und andererseits, dass
Lehrkräfte z.T. mit dem zweckmäßigen Einsatz digitaler Medien im
Unterricht überfordert seien. Letzteres führe vermehrt zu einem
konzeptlosen Einsatz digitaler Medien im Unterricht. Herr Egbert
formuliert schließlich Bedingungen, die erfüllt werden müssten, um eine
verbesserte Entwicklung der Medienkompetenz von Schülerinnen und
Schülern gewährleisten zu können: (1) Verbindliche Vorgaben zur
Medienkompetenz in den Curricula; (2) eine Stärkung der inhaltlichen
Basis in den Curricula; (3) ein sicherer rechtlicher Rahmen, der
Lehrkräften eine umfassende Nutzung digitaler Medien erlaubt; (4) eine
fachübergreifend abgestimmte IT-Ausstattung; und (5) eine ausreichende
Finanzierung digitaler Medien, insbesondere auch Software.
Einem pädagogischen Ansatz widmete sich auch
Christian Schlossnickel in seiner bildungswissenschaftlichen Betrachtung
des Digitalpakts Schule. In diesem reflektierte er kritisch den Einsatz
von digitalen Medien im Unterricht, insbesondere angestoßen durch
umfassende, politische Investitionen, vor dem Hintergrund gängiger
Bildungsparadigmen. Das damit verbundene Ideal sei gemäß Schloßnickel
die Verbesserung der schulischen Lernumgebungen. Vor diesem Kontext
hinterfragt der Autor die zentralen Kriterien politischer
Förderprogramme und setzt diese in einen Zusammenhang mit den realen
Vorstellungen von Schülerinnen und Schülern zu ihren Lernbedingungen.
Dabei wird eine Umfrage zu den Vorstellungen und Wünschen von
Schülerinnen und Schülern bezüglich spezifischer Unterrichtsanwendungen
in der naturwissenschaftlichen, technischen und ökonomischen Bildung
vorgestellt. Dadurch wird ebenso das Paradigma des digitalen Unterrichts
infrage gestellt.
Ein ebenso präsentes Ideal der
digitalisierten Kultur – die Kommunikationsarbeit (oder PR) – fasst
Annely Rothkegel in ihrem kritischen Beitrag in den Blick. Dabei
fokussiert sie vor allem das damit verbundene Verhältnis zwischen Mensch
und Maschine. Frau Rothkegel unterscheidet vier Ebenen der
Mensch-Maschine-Interaktion: (1) Der Mensch als User; (2) der Mensch als
arbeitender Kunde; (3) das System als Partner des Users; und (4) das
System in der Rolle des Akteurs, während der User passiv und reaktiv
bleibt. Anhand von Beispielen für die unterschiedlichen Ebenen ((1) der
erweiterte Qualitätsbegriff, (2) Selbstbedienungsläden, (3) künstliche
Gesprächspartner in Chats und (4) sozialfähige und möglichst
menschenähnliche Roboter) zeigt die Autorin auf, wie essentiell die
Abwägung zwischen technischer und informatorischer Machbarkeit und
ethischer Verantwortung bei der öffentlichen Kommunikation sei.
Das Kapitel schließen Konstantin und
Kornelius Keulen mit ihrem Beitrag zum Problem der Beziehung zwischen
Leib und Seele, in dem sie das Konzept der appräsenten Präsenz in den
Blick fassen. Dabei thematisieren sie das psychophysische Problem, dass
in den digitalen Räumen eine Wirklichkeit mit zwei Identitäten zu finden
ist. So sei im digitalen Geflecht des Internets eine Appräsenz des
Körpers festzustellen, weshalb die Menschen die zirkulierenden
Informationen als das omnipräsent Geistige des Internets präferieren.
Damit verbunden sei eine Abgrenzung von der durch den Körper mit seinen
Sinnen vermittelten Realität. Einen anderen Aspekt allerdings zeige für
die Autoren das ubiquitäre Computing mit dem Internet of Things auf. Ein
Großteil des Unbehagens im Umgang mit der digitalen Technik wird aus der
Sorge bezogen, dass nun auch Dinge miteinander kommunizieren, ohne dass
der Mensch direkt, geistig wie körperlich beteiligt ist. Jedoch
schließen Konstantin und Kornelius Keulen ihren Beitrag mit dem
Gedanken, dass der Geist ohne Körper nichts sei. Der Geist ist in
besonderer Weise in der Zeit der Devices und Interfaces involviert,
ebenso wie in der Interaktion mit anderen Objekten.
Mediatisierung und kultureller Wandel
Das zweite Kapitel
des Bandes umfasst Ansätze und Positionen, die den durch die
Mediatisierung aller menschlichen Lebensbereiche angestoßenen,
kulturellen Wandel in den Mittelpunkt stellen. Eingeleitet wird es durch
den Beitrag Gerhard Banses, der sich mit möglichen Wechselwirkungen der
Entwicklung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) und
nachhaltiger Entwicklung auseinandersetzt. So hat der Beitrag seinen
Anfang in dem Gedanken, dass mit IKT häufig die Hoffnung auf eine
Beförderung der nachhaltigen Entwicklung verbunden wurde. Diese
„Harmonie a priori“ habe sich jedoch weitgehend als Illusion erwiesen:
Die Digitalisierung der Gesellschaft entspräche nur selten
Nachhaltigkeitsaspekten. Nach einer Charakterisierung aktueller
Entwicklungen in der Informationsgesellschaft sowie der Vorstellung von
Leitgedanken der nachhaltigen Entwicklung gibt Banse einen Überblick
über ökologische Effekte der IKT. Nachvollziehbar wird dies insbesondere
am Beispiel des Smartphones, wobei der Autor verdeutlicht, inwiefern
Smartphones vor, während und nach der Nutzungsphase negativ auf eine
nachhaltige Entwicklung einwirken. Er betont abschließend, inwiefern
deshalb die Entstehung nachhaltigkeitsorientierter Bewegungen und
Denkweisen sowie die Übernahme langfristiger gesellschaftlicher
Verantwortung für eine zukünftige Entwicklung von IKT entscheidend sind.
In ihrem
länderspezifischen Beitrag zur Entwicklung und Nutzung der künstlichen
Intelligenz (KI) in der Tschechischen Republik legen Petr Machleidt und
Karel Mráček einen Schwerpunkt auf die technologische Entwicklung von
KI, einschließlich der sozioökonomischen und der rechtlich-ethischen
Auswirkungen innerhalb der Tschechischen Republik. So entwickelte die
Regierung eine nationale Strategie, die die Grundlage für die
Unterstützung und Entwicklung der KI in der Tschechischen Republik
bildet. Die Autoren stellen anschließend diese politischen
Rahmenvorgaben sowie die Diskurse um das Themenfeld KI in der
tschechischen Gesellschaft vor. Diese umfassen insbesondere Sicherheit
und Verteidigung, industrielle Produktion und
Mensch-Maschine-Kommunikation. Im Zusammenhang mit der Entwicklung und
dem Einsatz autonomer Systeme und allgemeiner KI wurden neue ethische
Fragen aufgeworfen, die mit dem Entwurf, der Entwicklung und dem Einsatz
intelligenter Maschinen zusammenhängen sowie mit Situationen, in denen
Maschinen Entscheidungen über die Lösung ethischer Probleme treffen
(Roboethik, Maschinenethik). Abschließend zeigen Machleidt und Mráček
auf, dass insbesondere juristische Fragen im Zuge einer weiteren
Entwicklung von KI geklärt werden müssen, da sie die sozialen
Beziehungen in Zukunft erheblich beeinflussen werden.
Martina Kainz wendet die Gesellschaftstheorie
Pierre Bourdieus auf die digitale Gesellschaft an und hinterfragt damit
die Wandlungsprozesse bezüglich sozialer Distinktion. Dabei bietet die
Theorie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu eine geeignete
Grundlage für eine Analyse der soziologischen Struktur und spezifischer
Charakteristika der Online-Gesellschaft. Im Rahmen internetbasierter
Kommunikationsformen komme es nach der Autorin zur Bildung und
Entwicklung eigener Netzpraktiken und verschiedener Formen des Habitus
innerhalb des jeweiligen Feldes. Insbesondere das soziale Kapital, das
durch die Zugehörigkeit zu verschiedenen Online-Netzwerken generiert
werden kann, ermögliche den Nutzerinnen und Nutzern, Beziehungs- und
Imagepflege zu betreiben. Durch die Nutzung digitaler Technologien bzw.
vor allem sozialer Netzwerke könnten zudem verschiedene Ausprägungen des
demonstrativen Konsums in Form von Bildern, Videos oder Postings
präsentiert werden. Kainz schließt ihren Beitrag mit einem Blick auf die
‚digitale‘ Elite, eine Gruppe von Expertinnen und Experten, die eine
besondere Expertise im Bereich der Entwicklung von Algorithmen und der
Programmierung aufweist.
Daran anschließend setzt sich Julius Erdmann
in seinem Beitrag Ordnungen und Praktiken der soziotechnischen Aneignung
neuer Medien in Zeiten algorithmisierter Kultur mit der Frage
auseinander, wie sich Menschen Medien aneignen und in ihr Leben
integrieren. Dabei betrachtete er die Medienaneignung von digitalen
Technologien im Rahmen der Aneignungsforschung der Cultural Studies.
Herr Erdmann stellte heraus, dass Medienaneignung hier ein kreativer und
spielerischer Umgang mit den Handlungsmöglichkeiten innerhalb
symbolisch-technischer Strukturen sei. Die Grenze dieser Aneignung seien
allerdings die algorithmischen Strukturen der Anwendungsoberflächen und
-schnittstellen. Diese entziehen sich seines Erachtens einem
individuellen Zugriff.
Digitaler
Wandel zwischen Verlust und Innovation
Im dritten Kapitel des Bandes werden
evaluative und analytische Studien zu den Vor- und Nachteilen
gegenwärtiger und zukünftiger Entwicklungen des Digitalen vorgestellt.
Den Auftakt macht hierbei die Fallstudie von Mariana Mocanu zum Einsatz
des Internets in der Bildung und zur Frage, ob digitale Medien die
direkte Erfahrung ersetzen können. So beschreibt die Autorin in der
Studie, dass das Internet einen undifferenzierten und ungehinderten
Zugang zu Informationen biete, welcher insbesondere hinsichtlich der
Bildungsprozesse zur gesteigerten passiven Beobachtung der Erfahrungen
anderer führe. In der Vergangenheit hingegen sei der Zugang zu
Informationen untrennbar mit dem Lernprozess verbunden gewesen. In der
Rezeption digitaler Medien allerdings stünde die fokussierte Suche nach
Antworten auf konjunkturelle Fragen im Vordergrund. Nicht nur das
Lernen, sondern auch die Lernziele wären aufgrund des Internetzugangs
verändert. Darunter litten allerdings die Verifizierung und das
persönliche Erfahren der Information.
Einen Schwerpunkt auf die
bildungswissenschaftliche Dimension der Digitalisierung legt auch Serena
Scheithauer. In ihrem Beitrag Tippen statt Schreiben reflektiert sie den
Verlust grundlegender Kompetenzen als Basis für die individuelle
Handschrift. So seien nach der aktuellen STEP-Studie Lehrkräfte
mehrheitlich unzufrieden mit der Handschrift der Schülerinnen und
Schüler. Die Autorin betrachtet daran schließend insbesondere die Frage,
ob die Handschrift der Vergangenheit angehört und durch digitales
Schreiben im Kontext der Schule ersetzt werden sollte. Darauf
verdeutlicht Scheithauer Handlungsmöglichkeiten, insbesondere im
Unterricht der Primarstufe, um das Kulturgut Handschrift mit der
fortschreitenden Digitalisierung sinnvoll zu verknüpfen. Dabei werden
auch technische Hilfsmittel betrachtet, die eine Ausführung der
Handschrift ermöglichen und diese parallel digital abrufbar machen.
Demnach böten digitale Medien Potentiale, um Unterricht und
Kompetenzförderung zeitgemäß zu gestalten.
Ksenia Hintze wiederum evaluiert in ihrem
Beitrag die Einsatzpotentiale digitaler Medien im Sachunterricht der
Primarstufe. Aufgrund der starken Handlungsorientierung des
Sachunterrichts scheint der Einsatz digitaler Medien sehr erschwert.
Jedoch seien die digitalen Medien aus dem Alltag der Kinder nicht mehr
wegzudenken und eine Tabuisierung ihrer Nutzung, auch im Unterricht,
kann nicht das Ziel der schulischen Medienerziehung/-bildung sein. Ein
sinnvoller, zielgerichteter Medieneinsatz hingegen könne den bewussten
Umgang mit diesen Medien fördern, ihre Grenzen klar darstellen und
alternative Lösungswege ermöglichen. Hintze konkretisiert die
tatsächlichen Einsatzpotentiale der digitalen Medien im Sachunterricht
unter anderem am Bespiel der Nutzung von Apps zur Pflanzenerkennung und
zeigt darüber hinaus ihren Nutzen und die Grenzen auf.
Digitale
Technologien und gesellschaftliche Verantwortung
Im letzten Kapitel werden Gedanken zu der mit
der Digitalisierung einhergehenden gesellschaftlichen Verantwortung
angeführt. Diese Ansätze vereint eine ethisch orientierte Reflexion des
digitalen Wandels. So beschäftigt sich Christian Hulsch mit den
gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung und der Industrie
4.0-Technololgie auf die Arbeitsverhältnisse der Gegenwart. Hulsch nimmt
hierbei eine human-soziale Perspektive ein. Ausgehend von der
Gesellschaftstheorie Karl Marx‘ betrachtet der Autor den derzeitigen
Zustand der deutschen Industriegesellschaft mit besonderem Fokus auf die
Brennpunkte der aktuellen und in naher Zukunft erwartbaren,
gesellschaftlichen Entwicklung. Anhand der Zukunftsperspektive einer
digitalisierten Industrie, der Industrie 4.0, hinterfragt Hulsch,
inwiefern das Konzept der sozialen Marktwirtschaft dazu beitragen kann,
aktuelle Herausforderungen zu bewältigen? Er stellt abschließend den
Gedanken einer sozial-ökologischen Transformation als Ausweg aus den
bestehenden Dilemmata vor.
Gerhard Zecha widmet sich dem Konzept der
Freundschaft in der digitalisierten Gesellschaft und sucht dieses an der
Ethik Aristoteles zu messen. So geht er aus von den differenzierten
Konzepten der Nutzenfreundschaft, Lustfreundschaft und der echten
Freundschaft. Nach Aristoteles ist letztere notwendig mit sittlicher
Tugendhaftigkeit verbunden. Zecha konstatiert im Hinblick auf die
heutzutage auch online geknüpften und aufrechterhaltenen Freundschaften,
dass diese unverbindlich blieben. Dies führe – unter Rückgriff auf das
Aristotelische Konzept – zu der paradoxen Situation, dass der Mensch
trotz mehrerer Like-Bekanntschaften letztlich alleine sei. Der Autor
beschließt seinen Beitrag mit dem Fazit, dass Freundschaften durch die
Neuen Medien begonnen und bestärkt werden, nie aber ersetzt werden
könnten.
Abschließend ergründet Urszula Żydek-Bednarczuk die Rolle mobiler
Applikationen im heutigen Kommunikationsverhalten und ethische
Konsequenzen, die daraus zu ziehen seien. So seien diese Programme auf
mobilen Endgeräten in allen Bereichen der gegenwärtigen Lebenswelt
präsent und beeinflussten diese. Damit würden bisher bestehende Grenzen
zwischen Zeit, Raum, Wirkung, Freizeit verschwinden, da die
eingeschalteten Applikationen einen unverzüglichen Endeffekt
herbeiführen könnten. Die Autorin stellt deshalb fest, dass die Apps das
menschliche Leben zunehmend beherrschten. Eine Art der Abhängigkeit der
Menschen von Programmen und Maschinen trete damit auf – sie seien
zunehmend nicht in der Lage, ohne Apps zu leben. Mit dieser Entwicklung
seien deshalb auch tiefgreifende Transformationen des
Kommunikationsverhalten und kultureller Dynamiken verbunden, die die
Ausgangslage für neue ethische Reflexionen der heutigen Gesellschaft
darstellen sollten.
Julius Erdmann,
Björn Egbert
Inhaltsverzeichnis
Editorial der
Herausgeber 9
Einleitung 13
Julius Erdmann, Björn Egbert
I MEDIATISIERTE KULTUR UND AUSWIRKUNGEN AUF
LEBENSWELTLICHE PRAKTIKEN 23
Der Einsatz digitaler
Medien in Schulen im Kontext von Verantwortung und Allgemeinbildung 25
Björn Egbert
Die Betrachtung des Digital Pakts Schule im
Kontext medialer Bildungsparadigmen 39
Christian Schloßnickel
Kommunikationsarbeit in digitalen Kontexten 61
Annely Rothkegel
Das Leib-Seele-Problem in der digitalen
Vernetzungsgesellschaft. Die appräsente Präsenz und das omnipräsent
Geistige im Internet 73
Konstantin und Kornelius Keulen
II MEDIATISIERUNG UND
KULTURELLER WANDEL 85
IKT und NE – (k)eine
„Harmonie a priori“?! 87
Gerhard Banse
Position der Tschechischen Republik im Bereich
der Entwicklung und Nutzung der künstlichen Intelligenz 109
Petr Machleidt und Karel Mráček
Habitus, Distinktion und soziales Kapital in
der Online-Gesellschaft. Die Gesellschaftstheorie Pierre Bourdieus im
Kontext der
Nutzung digitaler Technologien 119
Martina Kainz
Ordnungen der soziotechnischen Aneignung in
Zeiten algorithmisierter Kultur 131
Julius Erdmann
III DIGITALER WANDEL ZWISCHEN VERLUST UND
INNOVATION 149
Can the Internet replace personal experience?
A Case Study in Education 151
Mariana Mocanu
Tippen statt
Schreiben. Die Handschrift im Zeitalter der Digitalisierung 167
Serena Scheithauer
Digitale Medien im Sachunterricht. Eine
perspektivübergreifende
Betrachtung von Einsatzmöglichkeiten und
fachdidaktischen Grenzen 179
Ksenia Hintze
IV DIGITALE TECHNOLOGIEN UND GESELLSCHAFTLICHE
VERANTWORTUNG 195
Gesellschaftliche Auswirkungen der
Digitalisierung und der Industrie 4.0-Technololgie auf die
Produktionsweise und Arbeitsverhältnisse der
Gegenwart 197
Christian Hulsch
Freundschaft in der
mediatisierten Welt: eine Seele in zwei Körpern (Aristoteles) oder eine
Million thumbs-up (Facebook, Instagram etc.)?
211 Gerhard
Zecha
Mobile Apps im neuen Kommunikationsverhalten
221 Urszula
Żydek-Bednarczuk
Über die Autorinnen und Autoren 231
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