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Karla Bilang

 

 

 Herwarth Walden

und die russische, weißrussische und ukrainische Avantgarde von Künstlern und Schrifstellern



 

 

 

2019, ca. 500 S., zahlr. Abb., ISBN 978-3-86465-185-5, 49,80 EUR

 

in Vorbereitung

 

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Inhaltsverzeichnis

 

Einleitung: Herwarth Walden / Forschungslage / Schwerpunkte

 

I. 1910–1914

Moderne zwischen Ost und West

-   Auftakt: Literatur

-   Tolstoi als Zivilisationskritiker

-   Antipoden: Fjodor Sologub und Maxim Gorki

-   Für Kandinsky: Protest und Abstraktion

-   Das Künstlerpaar: Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlensky

-   Die Kunst ist keine Kruppsche Kanone: David Burljuk

-   Gedanken über Bildentstehung: Jelisaweta Epstein     

-   Simultan mit der Transsib: Sonia Delaunay-Terk 

-   Russische Dispute um den Ersten Deutschen Herbstsalon

 

DOKUMENTE I

-   Ludwig Rubiner, Sologub (zu Der kleine Dämon)

-   Nikolai M. Minski, Tolstoi – Der große Schriftsteller der russischen Erde

-   Nikolai M. Minski, Tolstoi – Der russische Luther

-   Tolstoi und Heyse

-   Herwarth Walden, Die Letzten (zu Maxim Gorki)

-   Wassily Kandinsky, Über Kunstverstehen

-   Protest für Kandinsky (mit Äußerungen u. a. von Richard Dehmel, Karl Ernst Osthaus, J. Steenhof,
    Georg Swarzenski, Wilhelm Hausenstein, Oskar Kokoschka, Moeller van den Bruck, Guillaume
Apollinaire)

-   Sonia Delaunay an Herwarth Walden

-   Ludwig Rubiner an Herwarth Walden (zu Chagall)

-   Herwarth Walden, Vorrede zum Ersten Deutschen Herbstsalon

-   Wassily Kandinsky, Rückblicke

-   Wassily Kandinsky an Walden

-   Franz Marc, Kandinsky

-   Marianne Werefkin an Nell Walden

-   Herwarth Walden, Der Mann mit den Unterhosen, (Polemik gegen die Fremdenfeindlichkeit des deutschen Kunstwart)

-   David Burljuk, Die Wilden Russlands

-   Jelisaweta Epstein, Gedanken über Bildentstehung

-   Adolf Behne, Zur neuen Kunst

-   Blaise Cendrars an Herwarth Walden (zu Chagall)

 

II. 1914–1918

Gegen den Strom: Russische Ausstellungen während des Ersten Weltkriegs

-   Kandinsky, Chagall, Archipenko 

 

DOKUMENTE II 

-   Wassily Kandinsky an Herwarth Walden

-   Marianne von Werefkin an Herwarth Walden

-   Gabriele Münter an Herwarth Walden

-   Herwarth Walden, Theater (zu Maria Orska)

-   Paul Citroën, Marc Chagall

-   Blaise Cendrars, Marc Chagall

-   Herwarth Walden, Der Ästhet. Polemik für Kandinsky

-   Wassily Kandinsky, Malerei als reine Kunst

-   Herwarth Walden, Zur Formulierung der neuen Kunst

 

III. Die 1920er Jahre

Konstruktivisten, Skythen und Sowjets: Die russische Moderne in Malerei, Bühne, Architektur und Film

-   Vielfalt der Begegnungen: Eurasier, Emigranten, Konstruktivisten

-   Aus Petrograd: Iwan Puni und Xenia Boguslawskaja

-   Aus Witebsk: Marc Chagall und das jüdische Leben

-   Aus Paris: Der Bildhauer Alexander Archipenko

-   Die Neuen aus Paris: Serge Charchoune und Helene Grünhoff

-   Das russische Theater: Figurinen, Bühnenbilder, Kritiken

-   Ballet russe: Natalia Gontscharowa und Michail Larionow

-   Moskauer Kammertheater: Wesnin, Stenberg, Medunetzky Bühnendesign für „Maschinenangst“: Vera Idelson

-   Experimentator und Theaterlegende: Wsewolod Meyerhold

-   Figurinen für Theater und Stummfilm: Alexandra Exter

-   „Sturm“-Künstler in Moskau: Die Erste Deutsche Kunstausstellung

-   Architektur und Architekton:  Mendelsohn versus Malewitsch

-   Literatur-Streit: Zwiegespräch zwischen Jessenin und Majakowski 

 

DOKUMENTE III

-   Herwarth Walden, Asien

-   Ilja Ehrenburg, Briefe aus dem Café

-   IIja Ehrenburg, Zwei Jahre...

-   Sandor Ek, Fünf Jahre...

-   Elena Liessner, Aus meinem Leben

-   Viktor Schklowski, ZOO

-   Iwan Puni, Moderne Malerei

-   Xenia Boguslawskaja, Russische Kunstausstellung

-   Lothar Schreyer, Zur neuen Kunst (zu Chagall)

-   Roland Schacht, Archipenko

-   Lothar Schreyer, Der blaue Vogel

-   Herwarth Walden, Der blaue Vogel

-   Adolf Knoblauch, Gesangsgemeinschaft Rosebery d’Arguto

-   Gertrud Alexander, Zum Konzert der Gesangsgemeinschaft

-   F. B. Dolbin, Die internationale Ausstellung neuer Theatertechnik in Wien

-   Gino Gori, Maschinenangst (zu Idelson)

-   Herwarth Walden, Zum Film Potemkin

-   Eugen Kagarow, Petnikow

-   Wladimir Pokrowsky, Gespräch zwischen Jessenin und Majakowski

-   Majakowski-Abend

 

IV. 1927-1932

Die politische Arena: Deutsch-russische Reportagen

-   Genossin Madame: Larissa Reissner als Reporterin in Deutschland

-   Herwarth Walden: Reportagen aus den Sowjet-Republiken

 

DOKUMENTE IV

-   Herwarth Walden, Konferenz für Soziologie in Moskau

-   Herwarth Walden, Vom Bolschewismus

-   Larissa Reissner, Junkers

-   Herwarth Walden, Reportagen: Vom Bildungswesen in Rostow am Don / Kisslowodsk /
    Das Land am Ararat / Bilder aus Odessa, Die Kinderstadt / Tiflis,
die Weltstadt des Kaukasus /
    Kleinstadt in der Ukraine

 

V. 1932–1941

Exil in der Sowjetunion und Expressionismus-Debatte

 

DOKUMENTE V

-   Lothar Schreyer, Herwarth Walden

-   Storman, Literarische Hochstapler

-   Herwarth Walden, Vulgär-Expressionismus

 

 

Einleitung

Herwarth Walden, der Herausgeber der expressionistischen Monatsschrift „DER STURM. Zeitschrift für Kultur und die Künste“ (1910–1932) und Betreiber der gleichnamigen Galerie hatte ein besonderes Interesse an russischer Kunst und Kultur. Nell Walden, seine schwedische Ehefrau und langjährige Mitarbeiterin, sagte dazu: „Herwarth Walden hatte immer eine große Vorliebe für das russische Volk. Er bewunderte die großen russischen Künstler, Dichter, Schriftsteller und Musiker. Dostojewski und Gogol liebte er. Strawinsky lag ihm als Komponist besonders. Er war auch seit langem mit Lunatscharski befreundet.“[1]

Das anfangs vorwiegend künstlerische Interesse fand in den 1920er Jahren auch seinen politischen Niederschlag. Walden wurde 1924 Mitglied der neu gegründeten Gesellschaft der Freunde des neuen Russland und bereiste in den Jahren 1927/29 die Sowjet­republiken. 1932 emigrierte er nach Moskau und wurde 1941 ein Opfer der stalinistischen Säuberungspolitik.

Der Komponist, Theaterkritiker und Publizist Herwarth Walden (Berlin 1878–Lager Saratow 1941) hieß mit bürgerlichem Namen Georg Lewin und war der erstgeborene Sohn des aus dem Osten nach Berlin eingewanderten jüdischen Arztes Viktor Lewin und seiner Ehefrau Emilia, geb. Rosenthal. Die Praxis des Sanitätsrates Dr. Lewin lag in der Holzmarktstraße 65 unweit des Alexanderplatzes und der Jannowitzbrücke am östlichen Spreeufer.

Der junge Georg absolvierte gegen den Willen der Eltern, die eine kaufmännische Ausbildung für ihren Sohn vorgesehen hatten, ein Musikstudium bei dem Pianisten und Liszt-Schüler Conrad Ansorge (1862 Liebau–1930 Berlin). Über Ansorge, der u. a. die Lyrik von Richard Dehmel vertonte, kam Lewin in den Kreis der literarischen Avantgarde. Er gab Klavierabende in der „Friedrichshagener Neuen Gemeinschaft“ und bei den „Kommenden“. Zu seinen engeren Dichterfreunden zählte der polnische symbolistische Schriftsteller Stanislaus Przybyzewski (1868 Lojewo–1927 Inowrocław) sowie östlich orientierte Intellektuelle, wie der Dichter Ludwig Rubiner, der Vorträge über Lew Tolstoi hielt, oder der Philosoph Samuel Lublinski, der in der Zeitschrift „Ost und West. Illustrierte Zeitschrift für modernes Judentum“[2] 1901 die ersten begeisterten Kritiken zu den Gedichten von Else Lasker-Schüler veröffentlichte. Walden seinerseits begann die Reihe seiner Vertonungen der zeitgenössischen Lyrik mit den drei Gedichten Dann, Vergeltung und Verdammnis von Lasker-Schüler. Aus der musikalisch-literarischen Zusammenarbeit wurde 1903 eine fruchtbare, wenn auch nicht unkomplizierte Künstlerehe. Lasker-Schüler war auch die Erfinderin des Künstlernamens Herwarth Walden, wobei wohl der amerikanische Anarchist und Kulturkritiker Henry Thoreau (Concord 1817–1862) Pate gestanden hat, dessen Buch „Walden oder das Leben in Wäldern“ damals weltweit großen Einfluss auf das kapitalismuskritische Denken hatte und um 1900 erstmals in deutscher Übersetzung erschienen war. Um den neuen Tendenzen in Literatur, Schauspiel und Musik ein Forum zu geben, gründete Walden den „Verein für Kunst“, der mit Vorträgen, Lesungen und Aufführungen an die Öffentlichkeit trat.

Mit seiner im März 1910 gegründeten Zeitschrift Der Sturm. Wochenschrift für Kultur und die Künste und mit der zwei Jahre später ins Leben gerufene Sturm-Galerie hat Walden dann ein Netzwerk der modernen Bestrebungen auf den Gebieten der Literatur und der Künste geschaffen, das durch die internationalen Verbindungen zunächst nach Wien und Paris, später verstärkt zu den osteuropäischen Avantgarden einen kosmopolitischen und progressiv-kämpferischen Anspruch hatte. Die Reflexionen zur russischen Literatur und Kunst waren in diesen allgemeineuropäischen Kontext eingebettet.

Forschungslage

Es ist allgemein bekannt, dass Walden eine Vorliebe für Russland hatte und sich in besonderem Maße der Förderung russischer Künstler gewidmet hat. Aber sowohl das Thema Herwarth Walden als auch Waldens Verhältnis zur russischen Kunst und Kultur sind bislang noch nicht umfassend untersucht worden. Mit der vorliegenden Publikation soll hier eine Lücke geschlossen werden, die für Waldens Lebenswerk, für die Rolle der Stadt Berlin als Ost-West-Achse und für das Verhältnis der russischen und der deutschen Kultur zueinander manches Neue zutage fördern wird.

Zuvor ein knapper Rückblick auf bisher Publiziertes und den Stand der Diskussion. Einen ersten Anstoß gab Eberhard Steneberg[3] mit seiner Publikation Russische Kunst Berlin 1919–1932 aus dem Jahre 1969, in der Walden mit seinem Herbstsalon und mit punktuellen Einzelausstellungen russischer Künstler genannt wird. Die Publikation wirft einen umfassenden Blick auf das allgemeine Thema der russischen Künstler in Berlin und zieht ihre Lebendigkeit aus der Tatsache, dass der Autor mit vielen der damals noch lebenden Protagonisten gesprochen bzw. mit ihnen korrespondiert hat. Auf die politische Brisanz des Themas Walden und Russland verwies Sina Walden, die in Moskau geborene Tochter von Herwarth Walden und Ellen Borg, mit ihrem Beitrag Nachricht über meinen Vater, der 1976 in dem Heft „Exil in der Sowjetunion“[4] erschienen ist. Darin rekonstruierte sie Waldens Verhaftung im März 1941 und berief sich auf die persönlichen Berichte des polnischen Schriftstellers Alexander Wat[5], der mit Walden bekannt und ebenfalls in Saratow interniert war.

In seinem umfassenden Werk Der Sturm: Eine Monographie (1985) geht Volker Pirsich[6] abgesehen von knappen Ausführungen zu Kandinsky und zum sowjetischen Theater auf das russische Thema als solches gar nicht ein und in dem Kapitel Osteuropa bleibt Russland ausgespart. Interessant sind die Überlegungen zu Kandinsky, die den möglichen Einfluss seiner theoretischen Schriften auf die Ästhetik der Sturm-Dichtung und namentlich auf August Stramm zum Gegenstand haben. In dem allgemein gehaltenen Unterabschnitt „Walden und das sowjetische Theater“ wird u. a. auf die Abbildungen zum Theaterdesign in der Sturm-Zeitschrift verwiesen.

Die zwei Jahre zuvor in Leipzig von Georg Brühl herausgegebene Walden-Monographie[7] brachte eine erste Annäherung an das Thema, da der Autor Waldens Mitarbeit im „Bund der Freunde der Sowjetunion“ und seine kulturpolitische Arbeit für die Sowjetunion sowie die Emigration nach Moskau umrissen hat. Außerdem ermöglichte die Auflistung der für den Sturm tätigen Theoretiker, Schriftsteller und Künstler einen Überblick über die Beteiligung der Russen. Auch Werner Schmidt vom Kupferstichkabinett Dresden hat in seinem Katalog zur Graphik von Marc Chagall[8] ausdrücklich Waldens Bedeutung für das Bekannt werden des russisch-jüdischen Maler gewürdigt. Für die Dokumentation der Zusammenarbeit von Kandinsky und Walden haben Hans Konrad Roethel und Jelena Hahl-Koch[9] im Jahr 1980 eine Bresche geschlagen, die durch Hahl-Kochs Anmerkungen und Abgleichungen mit russischen Texten wertvolle Hinweise für die Jahre 1912–1914 geben.

Innerhalb des Themenkomplexes des so genannten russischen Berlin der frühen 1920er Jahre wird in der vielen Literatur die Bedeutung Waldens nur marginal dargestellt. Innerhalb der Aufsatzsammlung Berliner Begegnungen. Ausländische Künstler in Berlin (1987) sind einige Reproduktionen aus der Sturm-Zeitschrift und Waldens Beitrag Neue Reisekopfbücher – Berlin (1923) enthalten sowie Beiträge russischer Schriftsteller, in denen Walden und Der Sturm Erwähnung finden. Selbst der Kenner Fritz Mierau hat in seinem Sammelband Russen in Berlin. Literatur Malerei Theater Film (Leipzig 1991) bei der Zusammenstellung der Texte Herwarth Walden und die Sturm-Zeitschrift gänzlich außen vor gelassen.

In Berlin hat zuerst Eberhard Roters, der 1992 eine Publikation über den Maler Iwan Puni herausgab, auf Waldens Vorliebe für die Russen hingewiesen: „Walden hat sich seit den Anfängen seiner Galerie um die zeitgenössische russische Kunst verdient gemacht. In mehreren Einzelausstellungen hatte er seit 1914 das Werk von Alexander Archipenko und Marc Chagall der Öffentlichkeit vorgestellt, ebenso das Werk von Wassily Kandinsky und Alesej [sic] Jawlensky.“[10] Im Katalogbuch der Ausstellung Berlin-Moskau/Moskau-Berlin wurde Walden durch Bernd Finkeldeys Textcollage Die bessere der Welten. Herwarth Walden und die Sowjetunion[11] gewürdigt.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hatte die Forschung in den 1990er Jahren erstmals  Zugang zu den Moskauer RGALI (Rossiskii Gosudarstvennyi Arkhiv Literaturii i Iskusstva) und damit rückte Waldens Zeit in der russischen Emigration, die Inhaftierung und Verhöre in den Vordergrund. Im Jahr 1997 veröffentlichte Vladimir F. Koljazin als Herausgeber die Publikation Gebt mir meine Freiheit zurück. Russische und deutsche Literaten und Künstler – Opfer des stalinistischen Terrors (Moskau 1997), in der erstmals auch nähere Angaben zu Waldens Inhaftierung gemacht wurden.

Erst als 2012 das 100-jährige Jubiläum des Sturm-Galerie begangen wurde, rückte Walden überhaupt wieder ins Zentrum des Forschungsinteresses. In dem Sammelband zur Ausstellung Der Sturm – Zentrum der Avantgarde gab Marina Dmitrieva in ihrem Aufsatz Russische Künstler und Der Sturm[12] einen allgemeinen Überblick, der die Problematik auch aus der russischen Perspektive beleuchtet. Im selben Jahr erschien der von Karla Bilang herausgegebene Briefwechsel zwischen Kandinsky und Walden[13], der die Intensität der Arbeits- und Freundschaftsbeziehung zwischen dem Künstler und seinem Berliner Galeristen sichtbar machte und auch das Umfeld weiterer russischer Künstler mit einbezog. Beide Autorinnen sind zu ihren Themen auch in dem von Wladimir Koljasin herausgegebenen Moskauer Tagungsband Herwarth Walden und das Erbe der deutschen Expressionismus (2014)[14] vertreten; weitere Beiträge zum Thema Walden und die russische Avantgarde gab es auf der Tagung nicht.

Auf die besondere Rolle der russischen Künstlerinnen in der Sturm-Galerie geht Bilang in ihrer Publikation Frauen im „Sturm“. Künstlerinnen der Moderne[15] ein und widmet sich in dem Düsseldorfer Tagungsband Der Sturm. Literatur, Musik, Graphik[16] (2015) den Figurinen und Bühnenkonstruktionen, von denen der überwiegende Teil aus dem russischen Theater stammte. Die von Ingrid Pfeiffer 2016 in der Schirn-Kunsthalle Frankfurt initiierte Ausstellung Sturm-Frauen machte noch einmal den Anteil der russischen Künstlerinnen im Sturm sichtbar und zeigte u. a. erstmals einen großen Teil von Alexandra Exters Figurinen für den Stummfilm mit einem biografischen Begleittext von Ada Raev[17].

So liegen verschiedene Untersuchungen zu Einzelbereichen vor, die noch durch das eine oder andere Beispiel – etwa aus den Biografien der russischen Künstler – ergänzt werden könnten. 

Schwerpunkte und Gliederung

Vorab eine Bemerkung zum Begriff „russische Avantgarde“, der hier als Sammelbegriff verschiedener osteuropäischer Völker, die entweder zum russischen Zarenreich oder nach 1917 zur Sowjetunion gehört haben, gebraucht wird. Nach der heutigen politischen Geographie gehören dazu Künstler aus Weißrussland, wie beispielsweise Marc Chagall, und viele in der Ukraine geborene Künstler wie die Brüder Burljuk, Alexander Archipenko, Sonia Delaunay-Terk, Jelisaweta Epstein, Alexandra Exter.

Das Thema umfasst die Zeitspanne von etwa 1910 bis 1930/38 und wird durch die geschichtlichen Zäsuren des Ersten Weltkrieges, der Oktoberrevolution in Russland sowie den Sturz des deutschen Kaiserreiches, die besondere Situation der 1920er Jahre mit den deutsch-russischen Kulturkontakten und einer Politisierung der Kultur in der Weimarer Republik  bestimmt.

Dazu muss gesagt werden, dass Walden in diesen zwanzig Jahren bei seiner Arbeit unterschiedliche Schwerpunkte in den Bereichen Literatur, Kunst und Theater gesetzt hat, die in die zeitliche Gliederung der vorliegenden Publikation einfließen. Diese Schwerpunkte sind um 1909/1911 die Literatur und die Theaterkritik. Ab 1912 setzte eine vehemente Hinwendung zur Malerei ein, die bis zum Beginn der 1920er Jahre reichte und die Literatur in den Hintergrund drängte. In den 1920er Jahren wiederum trat die russische Bühnen- und Filmkunst mit ihren Bühnenbildern und Figurinen stärker in den Vordergrund und die Malerei verlor an Bedeutung. Zum Ende der 1920er Jahre standen als Ergebnis von Waldens Reisen in die Sowjetunion fast ausschließlich Reportagen über den Aufbau und die Erfolge der neuen Sowjetrepubliken im Fokus. Walden hat in den Reportagen über Bildungswesen und Pädagogik, Justiz und Verwaltung sowie über die Traditionspflege und Veränderungen in den alten Kulturstädten und in den unterschiedlichen Republiken berichtet.

Zur Kunst und Literatur, die durch Stalin dem Dogma des sozialistischen Realismus untergeordnet wurden, hat sich Walden, der ja immer, selbst als Mitglied der Kommunistischen Partei, ein Verfechter des freien künstlerischen Ausdrucks, des Expressionismus und der Abstraktion gewesen ist, nicht oder nur äußerst vorsichtig geäußert. So ergeben sich für die einzelnen vier Kapitel ganz unterschiedliche Sichtachsen auf Walden und sein Verhältnis zur russischen Kunst und Kultur. Diese sind eigentlich nur in den späteren Jahren ideologisch bedingt. Sie hängen auf der einen Seite mit der in den jeweiligen Zeitabschnitten auch unterschiedlichen Entwicklung und Bedeutung der Einzelkünste zusammen, für die Walden ein ausgesprochenes inneres Gespür hatte, von dem er sich bei seinen Entscheidungen leiten ließ. Vor allem Waldens breite kulturelle Bildung und sein Interesse am modernen Gesamtkunstwerk ließen ihn immer wieder das Neue und für die jeweilige Zeit Typische finden und aufgreifen: er war ausgebildeter Komponist und Pianist, arbeitete als Redakteur für Bühnen- und Theaterzeitschriften, vertonte die Lyrik der Frühexpressionisten, schrieb Ausstellungs- und Theaterkritiken, verkehrte in Künstler- und Theaterkreisen, pflegte Kontakte nach Wien und Paris, nach Ost- und Nordeuropa. Walden war, so könnte man es salopp sagen, künstlerisch immer am Puls der Zeit und immer auf der Suche nach kulturellen Neuerungen, für deren Durchsetzung er kämpfen konnte. 

Waldens bedeutendste Unternehmung war die Gründung und redaktionelle Leitung der Zeitschrift Der Sturm. Wochenschrift für Kultur und die Künste, die im März 1910 das Licht der Welt erblickte und ihren Namen der Dichterin Else Lasker-Schüler, mit der Walden seit 1903 verheiratet war, verdankte. Das Überspringen der engen nationalen Grenzen, der Blick zu den Nachbarländern und das Arbeiten in überregionalen Zusammenhängen gehörten von Beginn an zum Sturm. Neben den Berliner Autoren Alfred Döblin, Peter Hille, Else Lasker-Schüler, Paul Scheerbart kamen wesentliche literarische und theoretische Impulse aus dem Wiener Umfeld von Alfred Kerr, darunter Oskar Kokoschka mit seinen Dramen und Zeichnungen. Neben dem literarischen war das Interesse an kulturkritischen Essays groß. Der Wiener Architekt und Theoretiker Adolf Loos, der mit seiner Schrift Ornament und Verbrechen (1908) nicht nur dem Wiener Jugendstil zuleibe rückte, hielt im Sturm einen viel beachteten Vortrag über neue sachliche Architektur und Innenarchitektur. Neben Österreich spielten die Skandinavier, die mit August Strindberg und Edward Munch in Berlin direkt vertreten waren, und die Russen mit dem legendären Lew Tolstoi, dem Symbolisten Sologub und dem Naturalisten Maxim Gorki eine nicht unwesentliche Rolle im Spektrum der internationalen Literatur.

 

 Fussnoten


[1]       Nell Walden, Herwarth Walden. Ein Lebensbild, Mainz 1963, S. 32.

 

[2]       S. Lublinski, Gedichte von Else Lasker-Schüler, in: Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für modernes Judentum, 1. Jg., Heft 12, Dezember 1901.

 

[3]       Eberhard Steneberg, Russische Kunst Berlin 1919–1932, Herausgeber: Deutsche Gesellschaft für bildende Kunst (Kunstverein Berlin), Berlin 1969, Umfang 80 Seiten, davon 15
         Seiten Biografien, und 35 Abbildungen.

 

[4]       Sina Walden, Nachricht über meinen Vater, in: europäische Ideen. Heft: Exil in der Sowjetunion, Nr. 14/15, Berlin 1976, S. 14–15

 

[5]       Alexander Wat (1900 Warschau–1967 Paris), polnischer Schriftsteller und Dichter, Vertreter des Futurismus, Redakteur namhafter Kulturzeitschriften, beeinflusst von Majakowski,

         1939 Flucht vor der deutschen Wehrmacht nach Lemberg, 1940 Verhaftung, 1941 Deportation nach Kasachstan, 1946 Rückkehr nach Polen, ging 1959 nach Westeuropa.

 

[6]       Volker Pirsich, Der Sturm: Eine Monographie, Herzberg 1985, unter 5.2.3.3 Kandinsky (S. 213–216), unter 8.1.5 Walden und das sowjetische Theater (S. 599–604).

 

[7]       Georg Brühl, Herwarth Walden und Der Sturm, Leipzig 1983, S. 77–80 u. 86–92.

 

[8]       Werner Schmidt, Marc Chagall. Graphik, Ausst.-Kat. Kupferstichkabi­nett Dresden 1976.

 

[9]       Hans Konrad Roethel, Jelena Hahl-Koch (Hg.), Kandinsky. Die Gesammelten Schriften Bd. 1, Bern 1980.

 

[10]      Eberhard Roters, Iwan Puni – Der Synthetische Musiker, Berlinische Galerie, 1992, S. 23/24

 

[11]      Bernd Finkeldey, Die bessere der Welten. Herwarth Walden und die Sowjetunion – Eine Textcollage, in: Berlin-Moskau / Moskau-Berlin, hg. von Irina Antonowa u. Jörn Merkert,

         Ausstellung der Berlinischen Galerie in Zusammenarbeit mit dem Puschkin-Musum Moskau, 1995

 

[12]      Marina Dmitrieva, Russische Künstler und Der Sturm, in: Der Sturm Bd.II: Aufsätze, hg. von Andrea von Hülsen-Esch u. Gerhard Finckh, von der Heydt-Museum Wuppertal 2012

          S. 441–453.

 

[13]      Karla Bilang (Hrsg.), Kandinsky, Münter, Walden. Briefe und Schriften 1912–1914, Bern 2012.

 

[14]      Herwarth Walden und das Erbe des deutschen Expressionismus, hrsg. V. Koljazin, Staatliches Institut für Kunstwissenschaft Moskau 2014, siehe darin: Bilang, Kandinsky und

         Walden 1912–1918, S. 131–152, Dimitieva, Russische Künstler und Berlin, S. 317–336.

 

[15]      Avantgarde aus dem Osten: Konstruktivismus und Theaterdesign, in: Bilang, Frauen im Sturm. Künstlerinnen der Moderne, Berlin 2013, S. 193–237.

 

[16]      Bilang, Bühnenbild und Figurinen für Theater und Film in der Zeitschrift Der Sturm, in: Der Sturm. Literatur, Musik, Graphik und die Vernetzung in der Zeit des Expressionismus,

          hg. von Henriette Herwig u. Andrea von Hülsen-Esch, Berlin/Boston 2015, S. 191–214.

 

[17]      Sturm-Frauen. Künstlerinnen der Avantgarde in Berlin 1910–1932, hg. von Ingrid Pfeiffer u. Max Hollein, Schirn Kunsthalle Frankfurt 2015.

 

 

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