Zurück zur letzten Seite                    Zur Startseite des Verlages       http://besucherzaehler-counter.de     seit 13.01.2016

Gerhard Banse / Xabier Insausti (Hrsg.)
 

 

Von der Agora zur Cyberworld.

Soziale und kulturelle, digitale und nicht-digitale Dimensionen des öffentlichen Raumes



 

2018, [= e-culture, Band 24], 330 S., zahl.  Tab. Grafiken und Abb., ISBN 978-3-86464-163-3, 36,80 EUR

 

im Druck

=> Vorbestellungsanfrage beim Verlag

 

Inhaltsverzeichnis

 

 

Editorial der Herausgeber                   

 

Einführung           

Gerhard Banse, Xabier Insausti

 

 

I. Die „Haut“ der Stadt 

 

Sustainable Cities: Top-Down- und Bottom-Up-Strategien zur Konstituierung des öffentlichen Kommunikationsraums im Nachhaltigkeitsdiskurs                  

Annely Rothkegel

 

Virtualisierung von Stadtfunktionen – Möglichkeiten, Veränderungen, Bedrohungen

Andrzej Kiepas

 

Free Citizens or (Voluntaries) Slaves of the Net?  

José Ignacio Galparsoro

 

Ubiquity of the Cybernetic Subject into the Cyber World   

Andrés Merejo

 

Identity Theft: The Escalation of the Problem – the Multidimensional Consequences 

Aleksandra Kuzior, Paulina Kuzior

 

City Performance / Performative City: Art as Politics        

Mariola Sulkowska-Janowska

 

Von der „Stadt der Zukunft“ von Antonio Sant’Elia zur zeitgenössischen virtuellen Stadt 

Tadeusz Miczka

 

Imagine the Future. Die Gebäude Friedensreich Hundertwassers als Manifeste einer Architektur für eine andere Stadt 

Xabier Insausti

 

 

II  Die „Lunge“ der Stadt 

 

Identity, Digital Community and Social Fragmentation: A Paradoxical Construction  

José Marmol

 

Eigene Aktivitäten polnischer Onliner im Netz 

Zbigniew Oniszczuk

 

Life of Thing. Can We Still Apply a Category of Functionality?    

Magdalena Wołek

 

Genius loci und Social Media (am Beispiel Oberschlesien)      

Bogdan Zeler

 

Die „Gleichzeitigkeit der Gleichzeitigkeiten“ und das Internet 

Konstantin Keulen, Kornelius Keulen

 

 

III Das „Gehirn“ der Stadt       

 

Nachhaltigkeit als Leitbild. Zu Interdependenzen von Nachhaltiger Entwicklung, Kultur und Technik 

Gerhard Banse

 

Die Lesbarkeit der Welt im digitalen Zeitalter. Über onto-epistemologische Merkmale virtueller Realität und deren Folgen   

Julián Pacho

 

 

 

IV Das „Herz“ der Stadt  

 

Ethics of Responsibility in the Public Sphere  

Mariusz Wojewoda

 

Die Stadt als Raum für die Begegnung des Internets der Menschen (IoP) und des Internets der Dinge (IoT). Implementierungserfahrungen
mit „smart cities“ in der Tschechischen Republik    

Petr Machleidt, Karel Mráček

 

Anthropologie der Punkte bei der Beschreibung der Europäischen Kulturhauptstädte (Wrocław, San Sebastián) 

Urszula Żydek-Bednarczuk

 

Die Erben der Agorá. Interaktionsmöglichkeiten im öffentlichen Raum in Zeiten der Digitalisierung  

Nina Berding, Bruno Gransche, Stefan Metzger, Sebastian Nähr

 

Soziokulturelle Werte im Wandel? Demonstration von der Agorá zur Cyberworld-Plaza         

Gerhard Zecha

 

How to Analyse Techno-medial Transformations of Culture and Society?  

Andreas Metzner-Szigeth

 

 

Summaries   

 

Autorinnen und Autoren   

 

 

 

 

Editorial der Herausgeber

 

Die Reihe e-Culture wurde zu Beginn des Jahres 2004 auf Initiative des International Network of Cultural Diversity and New Media (CultMedia) begründet. Anliegen des Netzwerks ist die weitergehende Analyse der Veränderungen kultureller Praxen (etwa Nutzungsmuster, Nutzungsmotivationen und Nutzungssituationen), die im Zusammenhang mit der Anwendung der so genannten Neuen Medien, vor allem des Internets stehen. Die Forschung zur netzbasierten Kommunikation hat sich in den letzten Jahren ähnlich rasant entwickelt wie das Internet selbst. Die Relevanz dieses relativ neuen Forschungsfeldes ergibt sich auch aus der großen Bedeutung, die dem Internet für mehrere wichtige gesellschaftliche Trends (wie
z.B. die Globalisierung) beigemessen wird. Der Wandel, der aus diesen Trends folgt, wird oft als ein umfassender Kulturwandel eingeschätzt, mit Auswirkungen auf alle Lebensbereiche moderner Gesellschaften.

Infolge seiner disziplinären Zusammensetzung konzentriert sich das Netzwerk in seiner Arbeit auf die philosophische und kulturwissenschaftliche, auf die psychologische und sozialwissenschaftliche sowie auf die kommunikations- und informationswissenschaftliche Ebene. Fokus der Untersuchung ist dabei stets die Frage, wie die Möglichkeiten und Auswirkungen des Internets hinsichtlich neuer Formen der Information, Kommunikation und Kooperation im Bereich der „Kultur des Alltäglichen“ einzuschätzen sind.

Die Reihe e-Culture dient der Vorstellung von Forschungs- und Arbeitsergebnissen im Bereich Neue Medien und Kultur. Sie soll einen Kristallisationspunkt für auf diesem Gebiet Tätige darstellen – innerhalb wie außerhalb des CultMedia-Netzwerks.

 

*****

Der vorliegende Band 24 Von der Agorá zur Cyberworld-Plaza: Soziale und kulturelle, digitale und nicht-digitale Dimensionen des öffentlichen Raums enthält Beiträge, die auf die Jahrestagung des CultMedia-Netzwerks 2016, die zum gleichen Thema in Donostia-San Sebastián, Spanien, durchgeführt worden war, zurückgehen. In jenem Jahr war Donostia-San Sebastián (neben Wrocław, Polen) Europäische Kulturhauptstadt. Da lag es nahe, „Stadt“ als „Cyberworld-Plaza“ im Unterschied zur bzw. im Vergleich mit der (antiken) „Agorá“ zu thematisieren, zu fragen, welche Stadtfunktionen wie „digitalisiert“ werden (können) sowie vor allem – leitmotivisch für das Netzwerk, – welche sozialen und kulturellen „Effekte“ damit verbunden sind bzw. verbunden sein könnten. Schwerpunkte dieses Bandes sind Aspekte der interkulturellen Kommunikation, vermittelt durch die Neuen Medien und bezogen auf die Stadt sowie ihre realen wie virtuellen Räume des Zusammenlebens. Die Beiträge nehmen in disziplinär wie methodisch unterschiedlicher Weise darauf Bezug: disziplinär reicht das Spektrum von Philosophie, Soziologie sowie Kultur- und Medienwissenschaften über Linguistik sowie Rechts- und Politikwissenschaften bis zu Pädagogik und Informatik; methodisch gibt es neben mehr theoretischen Erwägungen auch (länderbezogene) Fallbeispiele und die Auswertung statistischer Daten (etwa hinsichtlich Nutzungsmuster). Damit wird die etablierte Diskussion des Themenfelds „Technikvermittelte Kulturen“ fortgesetzt. Wiederum wird deutlich, dass die Wechselwirkungen insbesondere zwischen den technischen Bedingungen der Neuen Medien und dem kulturellen Wandel des gesellschaftlichen Zusammenlebens auf verschiedenen Ebenen, in vielfältigen Perspektiven und vor allem innerhalb eines interdisziplinären sowie internationalen Rahmens betrachtet werden müssen.

Noch eine Ergänzung in eigener Sache: Mit der Tagung in Donostia-San Sebastián wurde der „Staffelstab“ in der Leitung des CultMedia-Netzwerks weitergegeben. Das betraf auch die Herausgeber und das Advisory Board der Publikationsreihe „e-Culture / Network Cultural Diversity and New Media“, deren personelle Zusammensetzung ab Band 25 (!) eine andere sein wird. – Ich bedanke mich deshalb bei den bisherigen Mitherausgebern Andrzej Kiepas und Nicanor Ursua sowie bei den Mitgliedern des Advisory Board Irene Krebs, Bettina-Johanna Krings, Gerhard Zecha und Urszula Żydek-Bednarczuk für ihr engagiertes Wirken im Rahmen dieser Publikationsreihe sowie – last but not least – bei Herrn Dr. Wolfgang Weist, trafo Wissenschaftsverlag Berlin, für deren verlegerische Betreuung.

 

Für die Herausgeber

Gerhard Banse

 

 

Einführung

 

Gerhard Banse, Xabier Insausti

 

Der vorliegende Band enthält Beiträge, die aus Vorträgen der Jahrestagung 2016 des International Network on Cultural Diversity and New Media (CultMedia) hervorgegangen sind, die vom 26. bis 28. September in Donostia-San Sebastián, Spanien, zur Thematik Von der Agorá zur Cyberworld-Plaza: Politische, soziale, kulturelle, digitale und nicht-digitale Dimensionen des öffentlichen Raumes stattfand (vgl. auch Banse 2017). Nach 2004 war es die zweite Tagung des Netzwerks in dieser herrlichen Stadt im Bogen des Golfs von Biskaya (vgl. Ursua/Metzner-Szigeth 2006). Das Netzwerk formierte sich im September 2002 in Prag, Tschechische Republik, als ein multidisziplinärer multinationaler Kooperationsverbund mit Teilnehmern aus acht Ländern. Ziel des Netzwerkes ist es, die bei nationalen Untersuchungen gewonnenen Erkenntnisse zu mit dem Internet verbundenen kulturellen Phänomenen in einer international vergleichenden Perspektive anzugehen. Im Mittelpunkt steht die Analyse der Veränderungen kultureller Praxen (etwa Nutzungsmuster, Nutzungsmotivationen und Nutzungssituationen), die im Zusammenhang mit der Anwendung der so genannten Neuen Medien, vor allem des Internets – einschließlich der sogenannten „sozialen Netzwerke“ – stehen. Folgende vier Forschungsfelder bilden den Mittelpunkt der Arbeit des Netzwerks (vgl. Banse/Metzner-Szigeth 2005, 2012):

 

(1-   Privatheit und Öffentlichkeit erschließt die sozio-politische Dimension mit Hilfe der Leitfrage „Was verändert sich unter dem Einfluss der neuen Medien im Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit?“

(2-   Identität und Gemeinschaft erschließt die sozial-kulturelle Dimension mit Hilfe der Leitfrage „Was verändert sich unter dem Einfluss der neuen Medien im Verhältnis von Identität und Gemeinschaft?“

(3-   Wissen und Wirtschaft erschließt die sozio-ökonomische Dimension mit Hilfe der Leitfrage „Was verändert sich unter dem Einfluss der neuen Medien im Verhältnis von Wissen und Wirtschaft?“

(4-   (als Querschnittsthema) (Un-)Sicherheit und Vertrauen erschließt die veränderte Balance dieser beiden für die Verfasstheit moderner Gesellschaften fundamentalen Parameter mit Hilfe der Leitfrage „Welche Veränderungen, Problemlagen und Lösungsansätze ergeben sich hinsichtlich des Verhältnisses von (Un-)Sicherheit und Vertrauen auf den Forschungsfeldern (1) bis (3)?“

 

Das in den zurückliegenden fünfzehn Jahren Erreichte kann sich sehen lassen: 20 Tagungen (darunter acht größere Jahrestagungen) und mehr als 35 Publikationen (zumeist Sammelbände) belegen quantitativ das Wirken des Netzwerks. Qualitativ (inhaltlich) wurden

(1-   unterschiedliche „Modi“ der „Verquickung“ von Technischem und Kulturellem auf Mikro-, Meso- und Makro-Ebene im Spannungsfeld von Globalisierung / Homogenisierung – Regionalisierung / Partikularisierung – Glokalisierung deutlich gemacht;

(2-   Differenzierungen vor allem bei Kultur- und Technikverständnis(sen) sowie beim Verhältnis (Komplementarität) von Lebenswelt / Realität und Cyberspace / Virtualität herausgearbeitet;

(3-   Präzisierungen insbesondere bei kulturellen „Standardisierungen“, beim Internet als Mittel, Medium und Milieu, bei der „Textualität“ im Internet, bei Medienkompetenzen bei Sicherheitskultur(en), bei (netzbasierter) Kreativität und beim Vergleich (national‑)kultureller Nutzungsmuster vorgenommen.

 

Fokus der Untersuchungen war und ist dabei stets die Frage, wie die Möglichkeiten und Auswirkungen des Internets hinsichtlich neuer Formen der Information, Kommunikation und Kooperation im Bereich der „Kultur des Alltäglichen“ einzuschätzen sind. Dabei ging und geht es stets um die Analyse einerseits kultureller und sozialer (sowie auch wirtschaftlicher) Voraussetzungen wie Folgen der Mediatisierung und Virtualisierung vielfältiger Bereiche der Lebenswelt, andererseits kognitiver, normativer und institutionelle Faktoren bzw. Bedingungen, die für die weitere Ausprägung der Informations- und Wissensgesellschaft relevant sind.[1] – So auch auf der Tagung 2016 in Donostia-San Sebastián bzw. im vorliegenden Band.

Schwerpunkte waren bzw. sind Aspekte der interkulturellen Kommunikation, vermittelt durch die Neuen Medien und bezogen auf die Stadt sowie ihre realen wie virtuellen Räume des Zusammenlebens.[2] In Verbindung damit wurde die Aufmerksamkeit auf vier Schwerpunkte („Brennpunkte“) fokussiert, die anhand der Metapher des „Körpers“ der Stadt und der Organe dieses Körpers bestimmt wurden:

1       die „Haut“ der Stadt: reale und virtuelle Dimensionen der Stadt, städtische Zukunft und Leitbilder der Entwicklung;

2       die „Lunge“ der Stadt: öffentliche Räume, in denen das Zusammenleben der Menschen stattfindet, Räume, in denen Generationen und verschiedene Kulturen aufeinander treffen;

3       das „Gehirn“ der Stadt: die rationale Dimension der Stadt, wirtschaftliche Tätigkeit als treibende Kraft der Regeneration, die Stadt als der Schöpfer des „Lebens“ im Gegensatz zur „Schlafstadt“, der neue digitale Anspruch in der Stadt;

4       das „Herz“ der Stadt: die emotionale Dimension der Stadt, Orte und geteilte Räume für kulturelle, politische, soziale, sportliche, spielerische und festliche Akte.

 

*****

Diesen vier „Brennpunkten“ (jeweils verstanden als „Fokus“, nicht jedoch etwa als „Städtisches Problemviertel“) folgt die Anordnung der Beiträge in diesem Buch, die in disziplinär wie methodisch unterschiedlicher Weise darauf Bezug nehmen: disziplinär reicht das Spektrum von Philosophie, Soziologie sowie Kultur- und Medienwissenschaften über Linguistik sowie Rechts- und Politikwissenschaften bis zu Pädagogik und Informatik; methodisch gibt es neben mehr theoretischen Erwägungen auch (länderbezogene) Fallbeispiele und die Auswertung statistischer Daten (etwa hinsichtlich Nutzungsmuster). Von diesen je spezifischen Sichten können letztendlich alle mit der Thematik befassten Fachgebiete profitierten.

 

 

1 „Haut“ der Stadt

Ausgangspunkt für Annely Rothkegel in Sustainable Cities: Top-Down- und Bottom-Up-Strategien zur Konstituierung des öffentlichen Kommunikationsraums im Nachhaltigkeitsdiskurs ist die Einsicht, dass sich eines der zentralen Themenfelder der Nachhaltigkeitskommunikation auf die urbane Entwicklung („sustainable cities“) bezieht. Dabei richtet sich die öffentliche Aufmerksamkeit vor allem auf die sichtbaren Resultate wie die einer „grünen Architektur“, auf Objekte des „urban farming“ oder sozialer Einrichtungen wie „Repair Cafés“. Weniger beachtet ist der öffentliche Kommunikationsraum, in dem die relevanten Konzepte und Begriffe entwickelt, verbreitet und in die Praxis umgesetzt werden. Der Beitrag skizziert eine linguistische Modellierung der Dynamik innerhalb eines solchen Kommunikationsraums, in dem begriffliche Muster und typische Sprechweisen die Top-Down- und Bottom-Up-Strategien der Kommunikation spiegeln, die das Leitbild der Nachhaltigkeit im Spannungsfeld zwischen abstrakter Vision und konkreter Aktion charakterisieren. Hintergrund ist die im Tagungsprofil vorgegebene Metapher von der Stadt als „räumlicher Körper“ mit durchlässiger „Haut“ zwischen innen und außen, die für den begrifflichen Transfer stehen. Exemplarisch werden sechs Tableaus vorgeführt und im Hinblick auf Merkmale der DASS-Kommunikation (Akteure, Milieus, Medien) und WAS-Kommunikation (Inhalte, Themen, Bedeutungskonstruktionen) beschrieben: Top-Down > Zukunftsstadt, Labor-Stadt, Kampagnen wie Stadtradeln sowie Bottom-Up > Transition Town-Bewegung, Aktionen des Mülltauchens und Debatten um den Grünraum in der Stadt. Auf der Basis einer vereinheitlichten Analysemethode liefert der Ansatz einen Zugang zu unterschiedlichen Ebenen der Nachhaltigkeitskommunikation, die über die verschiedenen Medien hinweg einen komplexen dynamischen Kommunikationsraum bilden.

Der Virtualisierung von Stadtfunktionen – Möglichkeiten, Veränderungen, Bedrohungen geht Andrzej Kiepas nach. Es werden drei Arten dieser Probleme diskutiert: (a) Funktionen, die eine Stadt verwirklichen kann, (b) Funktionen, die eine Stadt tatsächlich realisiert, und (c) die Gefahren, die mit der Virtualisierung in diesem Bereich zusammenhängen. Eine dieser Gefahren besteht heute in neuen Arten von Instrumentalisierung („instrumentelle Vernunft“) und – damit zusammenhängend –, dass Handlungen die ethischen Grundlagen enzogen werden, was nicht neutral für die Stadt als eine Gemeinschaft bleiben kann bzw. wird.

José Ignacio Galparsoro folgt zur Beantwortung der Frage Free Citizens or (Voluntaries) Slaves of the Net? der Arbeit von Byung-Chul Han. Han beschäftigt sich mit der Analyse unserer Gegenwart, unter besonderer Berücksichtigung der Folgen der Entstehung des digitalen Netzwerks. Nach seiner Auffassung hat die modern Gesellschaft zwei grundlegende Eigenschaften, die sich gegenseitig ergänzen: einerseits ist sie eine „Gesellschaft der Transparenz“, andererseits eine „digitale Gesellschaft“. Diese beiden Merkmale haben, wie gezeigt wird, schlimme Folgen für die in dieser Gesellschaft lebenden Menschen. Der Mensch wird der ihm aufgezwungenen „Sklaverei“ nur dann entkommen können, wenn es ihm gelingt, das qualitative Gewicht seiner Handlungen zu verändern, d.h., wenn er einsieht, dass seine Handlungen, anstatt vollkommen vorhersagbar und berechenbar zu sein, Ereignisse im vollen Wortsinn werden: Unvorhersehbares, das zur Selbstverbesserung des Menschen beizutragen in der Lage ist.

Mit seinen Überlegungen zu Ubiquity of the Cybernetic Subject into the Cyber World zielt Andrés Merejo darauf ab, mittels eines systemischen Denkens die komplexen Beziehungen zwischen Sprache, der Allgegenwart von Cyber-Subjekten und der Cyber-Welt zu erklären. Letztere zeichnet sich durch allgegenwärtige technologische Dimensionen aus, gekennzeichnet durch Netzwerke, mobile Geräte und Displays. Das Internet bringt auch „Cyber-Dinge“ hervor, die Teil einer neuen Form von Macht und Kontrolle ermöglichen: digitale Macht und virtuelle Kontrolle. Diese allgegenwärtigen Technologien ermöglichen es dem Cyber-Subjekt, in Echtzeit überall und jederzeit in der Cyber-Welt präsent zu sein. Darüber hinaus wird das nicht nur als ein Bestandteil dieser digitalen Welt betrachtet, sondern ist zu einem Protagonisten in intelligenten Städten sowie in hypervernetzten Gesellschaften geworden, die zur heutigen Cyber-Welt gehören.

Der thematische Ausgangspunkt von Aleksandra Kuzior und Paulina Kuzior in Identity Theft: The Escalation of the Problem – the Multidimensional Consequences ist die Tatsache, dass im Zeitalter des Internets und der neuen Technologien Identitätsdiebstahl immer häufiger anzutreffen ist. Laut einer Studie zur Erforschung der psychischen Auswirkungen von Identitätsdiebstahl haben die Opfer zumeist psychische und physische Schmerzen erlitten, und diejenigen, deren Fälle ungelöst bleiben, leiden ständig darunter. Dies führt zur Frage, wie man sich schützen kann, um nicht Opfer dieser Verbrechensart zu werden. Zunächst sind die Dokumente, die sensible Daten enthalten, stets im Auge zu behalten, damit sie nicht gestohlen werden können. Alle Emails, die in den Posteingang gelangen, sind sorgfältig zu lesen, und beim Teilen von Daten mit anderen sind Vorsicht und begrenztes Vertrauen notwendig. Man sollte keine sensiblen Daten an unbekannte Quellen geben und sehr vorsichtig sein, wenn man Links anklicken muss. In vielen Ländern suchen Regierungen, Strafverfolgungsbehörden und Kreditinstitute aktiv nach Möglichkeiten, Identitätsdiebstahl zu verhindern. Die Verwendung neuer Technologien bei der Erstellung wichtiger persönlicher Dokumente macht den Diebstahl von Dokumenten zwar wenig kosteneffektiv, aber nicht unmöglich. Das schwächste Glied sind jedoch die Menschen. Keine Technologie kann hilfreich sein, wenn Menschen ihre sensiblen Daten oder andere Informationen mit anderen teilen, die dafür eigentlich ungeeignet sind. Etwas Voraussicht in Kombination mit sorgfältiger Planung bei der Offenlegung sensibler Daten wird das Risiko, Opfer eines Identitätsdiebstahls zu werden, auf ein Minimum reduzieren.

Einen anderen Fokus hat Mariola Sulkowska-Janowska. In City Performance / Performative City: Art as Politics beschäftigt sich mit dem Problem der Verantwortung von Künstlern, insbesondere im Bereich städtischer Performances („Aktionskunst“). Das Konzept dieser Art von Darbietung (performance), wie es hier unterstellt wird, entstammt der Philosophie John Austins, der auf die inhärente Macht bestimmter (performativer) Aussagen verwiesen hat. Dieses Merkmal bildet das Wesen der performativen Kunst. Die Künstler können durch die Schaffung kurzlebendiger Mikrowelten nicht weiter dem ungeschriebenen Prinzip „licentia poetica“ folgen, sondern sie müssen für ihre Kreationen verantwortlich sein. Die heutigen Städte scheinen perfekte Plätze (im Sinne von „Agorá“) für die Gestaltung der eigenen, aber auch der gemeinsamen Welten von Künstler darzustellen. Aber diese Agorá verändert sich heute jedoch immer öfter in eine Arena…

Der Übergang Von der „Stadt der Zukunft“ von Antonio Sant’Elia zur zeitgenössischen virtuellen Stadt wird von Tadeusz Miczka thematisiert. Ihm geht es um jene Strömung in der Architekturgeschichte, die überzeugt davon war, dass die Stadt als Ort, an dem der Mensch nur lebt, einzutauschen sei gegen eine Stadt als Ort, an dem der Mensch frei von jeglichen Beschränkungen leben könne. Als Schöpfer dieser Ansicht gilt der Futurist Antonio Sant’Elia mit seinen urbanen Projekten von 1913 und 1914. Zu neuesten Verkörperungen und zugleich Konkretisierungen dieser Idee werden nun unterschiedliche Arten des Städtischen im digitalen Second Life, die Multimedia-Nutzern seit 2003 angeboten werden. In Bezug auf die Behauptung, dass die Relationen zwischen Virtuellem und Realem nicht durch Bifurkation, sondern durch Transversalität bestimmt seien, sowie auf Manuel Castells’ Hypothese, dass mit dem Informationszeitalter auch eine neue urbane Form, die „Informationsstadt“ als „Gesellschaft des Netzes“ verbunden sei, macht sich der Autor des Beitrages Gedanken darüber, ob virtuelle Städte nur als Bestandteile von Computerspielen fungieren würden oder ob sie Einfluss auf das Reale und Funktionelle zeitgenössischer städtischer Gemeinschaften haben.

Xabier Insausti geht in Imagine the Future. Die Gebäude Friedensreich Hundertwassers als Manifeste einer Architektur für eine andere Stadt von dem Topos aus, dass die Entfremdung des Menschen von der Natur eine der schlimmsten Konsequenzen des Optimismus der Aufklärung sei: Sigmund Freud etwa sprach vom „Unbehagen“ an der Kultur, und Theodor W. Adorno und Max Horkheimer stellten die zweideutige Dialektik der Modernität in ihrer Dialektik der Aufklärung dar. Nicht zufällig haben sie die Reise Odysseus durch fremde Länder als das Vorbild einer (notwendigen) Entfremdung des Menschen verstanden, aber eine Entfremdung, die ein Zurück zur Heimat, nach Hause ermöglicht. Diese schwierige Dialektik ist seitdem der Weg, die Richtung, dem bzw. der die westliche Kultur zu folgen hat. Der Architekt Friedensreich Hundertwasser kommt von einer Generation her, die die Ideen und Impulse der kritischen Theorie ernst nahm. In ihm findet man kreativ und optimistisch (nicht naiv) das kritische Erbe weiterentwickelt: Im Grunde genommen ist das Problem des heutigen Menschen sein Nicht-mehr-finden-können mit der Natur, auch und besonders mit der Natur im bzw. des Menschen selbst. Um diese zerstörte Brücke wieder zu errichten, hat Hundertwasser viel beigetragen. Er steht der Art und Weise, wie die Häuser, in denen die Menschen leben, gebaut worden sind, kritisch gegenüber. Der Mensch fühlt sich in diesen Häusern nicht mehr zu Hause. Deshalb sucht er nach Entschädigungen, die aber sein Leben nicht verbessern, sondern eher noch verschlimmern. Dunkle Farben, keine Natur, das seien Umstände, die nicht dazu einladen, die Umgebung und das Leben mit den Mitmenschen zu verbessern.

2 „Lunge“ der Stadt

Im ersten Beitrag dieses Kapitels Identity, Digital Community and Social Fragmenta-tion: A Paradoxical Construction unternimmt José Marmol den Versuch, die Debatte über die Komplexität der sozialen Prozesse der Identitätskonstruktion – sowohl individuell als auch gemeinschaftlich bzw. kollektiv – im Rahmen der paradoxen Beziehungen zwischen flüchtigen bzw. schwer fassbaren Identitäten, sozialer Fragmentierung, digitaler Revolution und Globalisierung darzustellen. Die Analyse umfasst objektive und subjektive Merkmale der Entwicklung von der „festen“ Moderne zur Spätmoderne bzw. „flüssigen“ Moderne sowie Nebeneffekte des Globalisierungsprozesses von Wirtschaft und Kultur im Prozess der Identitätsbildung oder -entwicklung.

Zbigniew Oniszczuk stellt in Eigene Aktivität der polnischen Onliner im Netz aktuelles statistisches Material aus Polen vor. Dabei geht er davon aus, dass „Aktivität im Internet“ ein mehrdeutiger Begriff ist. Der Beitrag zeigt am Beispiel der Onliner in Polen das Vorkommen von zwei Grundarten dieser Aktivität: die passive und die kreative. Die passive Aktivität dominiert eindeutig, weil sie mit der Nutzung der Unterhaltungs-, Dienstleistungs- und Kommunikationsvorteile des Internets verbunden ist. So nutzen 80% der polnischen Onliner verschiedene Formen des Onlinehandels, 70% elektronisches Banking und mehr als die Hälfte unterschiedliche Ausgaben der Onlinepresse. Sehr ähnlich sieht auch die Situation bei den Nutzern sozialer Medien (66% der Gesamtinternetnutzer) aus, deren Mehrheit diese Medien aufgrund verschiedener Formen der interpersonalen Kontakte und des reichen Unterhaltungsangebots bevorzugt. Die kreative Aktivität, die mit der Erschaffung eigener Inhalte verbunden ist, betrifft nur jeden fünften Internetnutzer in Polen. 21% der Onliner veröffentlichen im Netz selbst gemachte Fotos, Filme, Musik oder Texte. Lediglich 6% der Internetnutzer führen eigene Blogs. Das bedeutet, dass die im Netz bestehenden Möglichkeiten der kreativen Aktivität von der Mehrheit polnischer (und nicht nur dieser) Onliner nicht genutzt werden.

In Life of Thing. Can We Still Apply a Category of Functionality? geht Magdalena Wołek von der These aus, dass der Mensch als ein Produkt seiner eigenen Produkte angesehen werden kann. Da Zyniker beobachtet haben, dass Gegenstände Menschen besitzen und nicht Menschen Dinge besitzen, könnte die Existenz des Menschen in der Perspektive von Gegenständen des täglichen Lebens beschrieben werden. Ein Objekt, das ein Maximum an heutigen technischen und gestalterischen Möglichkeiten darstellt, stellt indes minimale technische Anforderungen für morgen dar. Dann wird die Funktionalität der Sache nutzlos oder zumindest eine historische Kategorie. Heutzutage sind funktionale Mittel dafür ausgelegt, mehr als bestimmte Anforderungen zu erfüllen: Sie dienen nicht nur dazu, Bedürfnisse zu erfüllen, sondern schaffen neue Bedürfnisse, auf die mit neuen „Utensilien“ reagiert wird. Auf diese Weise wird das Leben neuer Dinge von einer spezifischen Dialektik beherrscht. Ein Schema dieser Dialektik wurde in Hegels „Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie“ als Beleg für das „Nichts“ der Philosophie beschrieben. Eine Theorie folgt der anderen. Jede von ihnen bewertet die vorherige als falsch oder zumindest als nicht zufriedenstellend. Wenn man diese Folge philosophischer Theorien beobachtet, kann man sicher sein, dass die gegenwärtige Philosophie morgen falsch sein wird. Anstelle von „philosophischen Theorien“ könnte man auch neue Erfindungen oder Entwürfe berücksichtigen und vom „Nichts der Dinge“ sprechen. Das war zu Hegels Zeiten noch nicht der Fall, aber Objekte unseres Alltags werden genauso verstanden wie die Theorien in seinen Überlegungen: Die Innovationen von heute bilden den Standard von morgen und den Trödel von übermorgen. Diese dialektische Struktur der Wahrnehmung der Dinge ist charakteristisch – auch in der Mode.

Im Beitrag Genius loci und Soziale Medien (am Beispiel Oberschlesien) befasst sich Bogdan Zeler mit einer Region, die geschichtlich gesehen polnische und tschechische Gebiete umfasst und deren Name zum ersten Mal an der Wende vom 15. zum 16. Jh. auftritt. Die umfangreiche Geschichte dieser Region weist zahlreiche Wandlungen auf und wurde zum wesentlichen Bestandteil der Geschichte Polens, Deutschlands und der Tschechischen Republik. Die Einzigartigkeit der oberschlesischen Region ergibt sich aus der Kategorie des Grenzlandes, der Besonderheit der Sprache und der Kultur, dem Vorhandenseins der schlesischen Dialekte sowie aus der eigenartigen Religiosität, einerseits katholisch, andererseits evangelisch. Die Wesensart Oberschlesiens hat ihre Wurzel auch in der durch einen besonderen Ethos geprägten Bergmannskultur. Man kann sagen, dass über der Region ein Genius loci umherschweift.

Die „Gleichzeitigkeit der Gleichzeitigkeiten“ und das Internet bildet den Focus in den Darlegungen von Konstantin Keulen und Kornelius Keulen. Der von Ernst Bloch geprägte Topos der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ war für die Autoren der Anstoß für eine Analyse der Gleichzeitigkeit in ihrer Pluralität. Das Phänomen Internet scheint in seiner Ausprägung von Gleichzeitigkeiten eine Herausforderung zu sein, den Topos „Gleichzeitgkeit des Ungleichzeitigen“ durch den Topos „Gleichzeitigkeit der Gleichzeitigkeiten“ zu ersetzen. Dabei ist zu diskutieren, inwieweit durch die Internetglobalisierung Ungleichheiten Ungleichzeitigkeiten induzieren. Und es ist zu fragen, ob nicht gerade durch die Verspleißung unterschiedlicher substantieller wie artifizieller Temporalitäten die Explosion der Zeitdimensionen im Netz erklärbar wird.

 

 

3 „Gehirn“ der Stadt

In diesem Teil wird zunächst von Gerhard Banse in analytisch-systematischer Weise Nachhaltigkeit als Leitbild. Zu Interdependenzen von Nachhaltiger Entwicklung, Kultur und Technik erörtert. Ausgegangen wird von der These, dass das Konzept „Nachhaltige Entwicklung“ immer stärker als regulatorische Idee, als Leitbild wirkt. Dabei werden die Beziehungen zur Kultur einerseits, zur Technik andererseits immer deutlicher: Nachhaltige Entwicklung ist eine Frage der Kultur – und Technik ist immanenter Teil von Kultur. Zu berücksichtigen ist dabei jedoch, dass „Kultur“ wie „Technik“ ubiquitär verwendete Begriffe sind. Die Haupt- und bedeutende Frage, die sich aktuell in diesen Zusammenhang stellt, ist die nach der kulturellen Anschlussfähigkeit gegenwärtiger nachhaltiger (zumeist technikbasierter) Lösungen. Die Bedeutung der Kultur für die Technik beginnt mit der Auswahl der Felder der technologischen Entwicklung, geht weiter über spezifische technische Lösungen und deren Akzeptanz (was Präferenzen und Bewertungskriterien sowie deren Hierarchie einschließt) und endet bei Mustern und Praktiken der Verwendung (nicht nur in individueller Art und Weise). Die Beziehung zwischen nachhaltiger Entwicklung und Technik ist verbunden mit der Frage nach dem Beitrag einer bestimmten technischen Lösung zu mehr oder weniger „Nachhaltigkeit“ (insbesondere hinsichtlich Effizienz, Suffizienz und Konsistenz).

Es folgen Reflexionen von Julián Pacho über Die Lesbarkeit der Welt im digitalen Zeitalter. Über onto-epistemologische Merkmale virtueller Realität und deren Folgen. Das „Buch der Natur“, charakterisierende Metapher moderner Weltauffassung, konnte erst nach Erfindung der Schrift gelesen werden. Hinsichtlich der Schrift hat die menschliche Kultur folgende Phasen durchgemacht: agraphische oder prähistorische, handschriftliche oder prämoderne, mechanische oder Gutenberg-moderne und postmoderne oder digitale Schriftphase. Jede Phase zeigt charakteristische Züge in der Kodierung der Welterfahrung sowie in deren sozialer bzw. interkultureller Vermittlung, was wiederum entsprechenden Kulturtypen Form verleiht. Welche Züge zeichnen die digitale Schriftphase aus? Und vor allem, vermittelt sie bloß eine neue Lesbarkeit Welt oder gar eine neue Welt? Auf diese Fragen werden im Beitrag Antworten gesucht.



 

4 „Herz“ der Stadt

Dieser Teil beginnt mit Ethics of Responsibility in the Public Sphere von Mariusz Wojewoda. Für ihn ist Ethik vor allem ein theoretischer Bereich, in der die Kriterien des richtigen Handelns von Individuen und gesellschaftlichen Gruppen behandelt werden. Die Angewandte Ethik beschäftigt sich mit den praktischen Aspekten menschlicher Handlungen. Der Artikel stellt die Anwendung der Verantwortungsethik in der öffentlichen Sphäre vor. Die Wirkung der Ethik erfolgt durch die Kraft von Argumenten und auch von Beispielen. Die Veränderung der gesellschaftlichen Gewohnheiten ist möglich durch die Nutzung bestimmter Handlungen in der öffentlichen Lebenssphäre. Manuel Castells verweist in dieser Hinsicht auf drei Modelle der Gestaltung und Ausprägung kollektiver Identität: Identität des Widerstands, Identität der Tradition und Identität des Entwurfs. Im Beitrag werden Aspekte der Wandlung gesellschaftlicher Handlungen im Kontext der Verantwortungsethik und Beispiele dafür vorgestellt. Die heutige Kommunikation ist oftmals mit Bildern verbunden. In der gesellschaftlichen Kommunikation funktionieren diese Bilder, die aber nichts mit Verantwortung zu tun haben. Die Regeln der Verantwortungsethik sollten aber auch in der visuellen Kommunikation verwirklicht sein bzw. werden.

Die Stadt als Raum für die Begegnung des Internets der Menschen und des Internets der Dinge wird von Petr Machleidt und Karel Mráček  behandelt. Das Konzept der smart cities ist eine Reaktion der schnell wachsenden Städte und ihrer Population auf die Probleme, die mit der gewaltigen Entfaltung der Städte zusammenhängen. In diesem Kontext entsteht eine herausragende innovative Umwelt, in der die Informations- und Kommunikationstechnologien eine Schlüsselrolle spielen. In den Vordergrund drängen das Internet der Dinge (IoT) und das Internet der Dienstleistungen (IoP) sowie Fragen ihrer effektiven Koexistenz. Der Beitrag befasst sich mit der Implementierungsfrage der „smart cities“ in der Tschechischen Republik – hier kann man eher von einer Frühphase sprechen: Die Herausbildung einer „intelligenten“ Stadt umfasst einen langwährenden Transformationsprozess. Hinzu kommt, dass das Thema der smart cities noch nicht genügend konzeptualisiert ist. In diesem Prozess wird die aktive Beteiligung aller relevanten „stakeholder“ wichtig. Eine größere Bedeutung gewinnen auch die Regelung und die Bewertung von Folgen neuer Technologien – mit besonderer Aufmerksamkeit auf die Möglichkeiten, eine neue Lebensqualität der Stadtbewohner zu schaffen. Da aber die „Dinge“ Daten erfassen, speichern und untereinander austauschen, sammeln sie auch Daten über ihre Nutzer und Anwender. Diese können für Wirtschaftsunternehmen, Staaten oder Organisationen interessant sein, so dass sie einen Zugriff darauf anstreben könnten. Deren Interessen stimmen jedoch oft nicht mit denen der Nutzer überein.

Einen anderen Ansatz wählt Urszula Żydek-Bednarczuk in Anthropologie der Punkte bei der Beschreibung der Europäischen Kulturhauptstädte (Wrocław, San Sebastián). Mittels ihrer Forschungsperspektive, die auf die Anthropologie der Punkte zurückgreift, und anhand der Beschreibung der Punkte, die als Orte im kulturellen Raum von Wrocław und San Sebastián gelten, werden die unternommenen und mit den Feierlichkeiten im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstädte 2016 verbundenen Maßnahmen analysiert. Das Untersuchungsmaterial sind die Veranstaltungsprogramme in Wrocław und in San Sebastián. Es wird zum Ausgangspunkt, von dem ein Weg zu einem weiteren Punkt führt und nebenbei ein Netz entsteht. Der so gebildete Raum eröffnet einen durch menschliche Erfahrung angereicherten bzw. anzureichenden Raum. Er beinhaltet Maßnahmen, Orte, Musik und Rhythmus sowie Ideen des Alltäglichen und des Örtlichen. Die Herangehensweise über eine Anthropologie der Punkte findet ihre Anwendung auch in den Medien. Sie kommt sowohl bei der medialen Programmkonstruktion als auch bei der punktuellen Suche von Mediennutzern nach Inhalten zur Geltung. Darüber hinaus gilt sie als Versuch einer Bestandsaufnahme, um die Kraft der Punkte bei der Erstellung eines kulturellen locum zum Ausdruck zu bringen.

Nina Berding, Bruno Gransche, Stefan Metzger und Sebastian Nähr behandeln Die Erben der Agorá, wenn sie Interaktionsmöglichkeiten im öffentlichen Raum in Zeiten der Digitalisierung nachspüren. Prinzipiell ist der öffentliche Raum – idealtypisch einst die Agorá – für alle Bürger frei zugänglich. Dort werden Begegnungen mit Anderen erst möglich. Unterschiedliche Lebensstile und Weltsichten werden kontinuierlich in den „Dauerablauf des Alltags“ integriert. Inwiefern der öffentliche Raum durch Privatisierung und Kommerzialisierung zunehmend fragmentiert wird und warum die Digitalisierung diese Tendenzen nicht überwindet, sondern im Gegenteil noch verstärkt, wird im Beitrag diskutiert.

Daran schließt Gerhard Zecha an, wenn er fragt: Soziokulturelle Werte im Wandel? Demonstration von der Agorá zur Cyberworld-Plaza. Für ihn sind die Agorá als Versammlungs- und Lebensraum im antiken Athen zur Wiege der westlichen Kultur, Philosophie und Lebensweise und die Ethik als Naturrecht zum Grundpfeiler menschlichen Lebens geworden. Vier Kardinaltugenden sind, zusammen mit den drei theologischen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe, die Säulen der westlichen oder christlichen Ethik: Verstand, Maß, Tapferkeit und Gerechtigkeit. Was ist davon in der Cyberworld-Plaza noch zu finden? Es zeigt sich immer deutlicher, dass das digitalisierte Leben im Rahmen von Globalität und Anonymität genau das Gegenteil der agorá-initiierten Kardinaltugenden hervorruft: durch digitale Demenz neue Zivilisationskrankheiten, durch Anonymität die Cyberangst, durch Stress und Maßlosigkeit die Cybersucht sowie durch digital ermöglichte Gier die wachsende Ungerechtigkeit. So führen die lebensmäßigen Grundelemente der digitalen Welt zur Frage: Ist die Cyberworld-Plaza die Verwirklichung von Orwell 2016?

Im den Band abschließenden Beitrag von Andreas Metzner-Szigeth geht es um Antworten auf die Frage How to Analyse Techno-medial Transformations of Culture and Society? Zunächst legt der Autor die Absicht dar, den Charakter des Netzmediums anhand seiner Funktion als Katalysator gesellschaftlicher Transformationen zu bestimmen. Sodann werden, deskriptiven und emanzipativen Erkenntnisinteressen folgend, Leitfragen eingeführt, um die Einflüsse des Netzmediums auf gesellschaftliche Transformationsprozesse zu erschließen. Im weiteren geht es darum, wie technisch-medial vermittelte Komponenten der Wahrnehmung, der Kommunikation und des Handelns wechselwirken und wie ihre Konvergenz ein charakteristisches Entwicklungsmuster erzeugt. Auf dieser Grundlage wird eine grundlegende These zur Strukturierung interdependenter gesellschaftlicher Transformationen in Verbindung mit der Evolution des Netzmediums entworfen, wobei Rekonfigurationen im Verhältnis von Raum und Zeit sowie Virtualität und Realität hervorgehoben werden. im Folgenden werden vier empirische Forschungsfelder bestimmt: Identität und Gemeinschaft, Wissen und Wirtschaften, Privatheit und Öffentlichkeit sowie (Un-)Sicherheit und Vertrauen. Schließlich wird ein analytisches Modell zur Bearbeitung der Zusammenhänge von Medien, Technologie und Gesellschaft eingeführt, um empirische und theoretische Aufgaben miteinander verbinden zu können. Abschließend wird die Frage wieder aufgegriffen, die eingangs gestellt wurde: Reicht es aus, den Charakter des Netzmediums hinsichtlich seiner Funktion zu bestimmen, als Katalysator gesellschaftlicher Veränderungen zu fungieren? Oder braucht es eine erweiterte Idee gesellschaftlicher Koevolution, um hinreichen Antworten zu entwickeln?

 

*****

 

Die Beiträge belegen: Mit ihnen wird die bereits etablierte Diskussion zum Fragenkomplex des Themenfelds „Technikvermittelte Kulturen“ fortgesetzt. Wiederum wird deutlich, dass die Wechselwirkungen insbesondere zwischen den technischen Bedingungen der Neuen Medien und dem kulturellen Wandel des gesellschaftlichen Zusammenlebens auf verschiedenen Ebenen, in vielfältigen Perspektiven und vor allem innerhalb eines interdisziplinären sowie internationalen Rahmens betrachtet werden müssen.

Die Herausgeber bedanken sich bei den Herren Nicanor Ursua, Abteilung für Philosophie der Universität des Baskenlandes, und Iñaki Dorronsoro, Eusko Ikaskuntza, Gesellschaft für Baskische Studien, für die hervorragende Organisation der Tagung in Donostia-San Sebastián, aus der die Beiträge dieses Bandes hervorgegangen sind. Aber: Dieser Band wäre nicht zustande gekommen, wenn die Autorinnen und Autoren nicht bereit gewesen wären, den zahlreichen Wünschen der Herausgeber – z.B. hinsichtlich Terminstellung, Manuskriptumfang, Präzisierungen – nachzukommen. Deshalb dafür herzlicher Dank. Unser Dank gilt weiterhin Herrn Wolfgang Weist vom trafo Wissenschaftsverlag, Berlin, für die Vorbereitung der Drucklegung und ‑abwicklung. Last – but not least – sind die Herausgeber sowohl dem Institut für Kulturwissenschaften und Interdisziplinäre Studien der Schlesischen Universität Katowice als auch der Abteilung für Philosophie der Universität des Baskenlandes für ihre finanzielle Unterstützung dankbar, ohne die der Druck dieses „Protokollbandes“ nicht möglich gewesen wäre.

 


 


[1]     Zum Netzwerk, seinen Mitgliedern, Aktivitäten und Ergebnissen vgl. näher >> http://www.ifk.fh-flensburg.de/index.php?page=cultmedia <<.

 

[2]     Das hing auch mit dem „Status“ von Donostia-San Sebastián in jenem Jahr zusammen: Sie war gemeinsam mit Wrocław (Polen) Europäische Kulturhauptstadt 2016 – und die Jahrestagung war ein würdiger Beitrag in diesem Rahmen.