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Hans-Joachim Petsche (Hrsg.)
 

 

Symmetrie und Harmonie?

Symmetrie und Harmonie. Symmetriebrechung und disharmonie im Focus der Wissenschaften.

Eine multidisziplinäre Vorlesungsreihe

 

2018, [= studieren++, Konzepte - Perspektiven - Kompetenzen, Band 4], 204 S., ISBN 978-3-86464-162-6, 19,80 EUR

 

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Aus dem Geleitwort des Präsidenten der Universität Potsdam zum Eröffnungsband der Reihe „studieren++“

Die vorliegende Reihe „studieren++“ resultiert aus einer von der Universität Potsdam angebotenen Vorlesungsreihe. Das Besondere an dieser Vorlesungsreihe ist der Anspruch und die konsequent umgesetzte Zusammenarbeit über Disziplingrenzen hinweg. Die nicht nur über Instituts-, sondern über Fakultätsgrenzen praktizierte Interdisziplinarität erlaubt die Betrachtung eines Problems oder Sachverhalts aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Wissenschaftliche Fragestellungen sind komplex und nicht immer auf eine Disziplin beschränkt. Sie in ihrer Gänze erfassen und nachhaltige Lösungsstrategien oder Konzepte entwickeln zu können gelingt oft nur durch eine multidisziplinare Kooperation. Eine Lehrveranstaltung wie die vorliegende ist nicht nur für die Studierenden einer Universität eine hervorragende Möglichkeit, um über die Grenzen der eigenen Disziplin hinaus zu blicken und die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus anderen Bereichen zu pflegen. So lernt man, sich in andere Sichtweisen hineinzuversetzen und sich zwischen den Disziplinen zu bewegen – eine Kompetenz, die in der hochkomplexen Arbeitswelt von heute von hohem Nutzen ist.

...

Als Präsident der Universität Potsdam freut es mich ganz besonders, dass sich die hier vertretenen Wissenschaftler bereit erklärt haben, ihre Überlegungen mit den Studierenden und Ihren Kolleginnen und Kollegen zu teilen. Herrn Kollegen Hans-Joachim Petsche möchte ich für sein Engagement danken und ihm zu dieser gelungenen Reihe gratulieren. Der Geist der Wissenschaft, der nicht nur einsam im Büro oder Labor gelebt werden, sondern gerade an einer Universität auch aktiv nach außen getragen werden sollte, wird hier in besonderer Weise sichtbar. Ich wünsche Ihnen viel Freude bei der Lektüre des Bandes und freue mich auf weitere Veröffentlichungen in dieser Reihe.

Oliver Günther,

Präsident der Universität Potsdam,
Potsdam, im Oktober 2014


 

Inhalt (vorläufig)

 

Einführung

Hans-Joachim Petsche

 

Grenzen als philosophisches Problem

Hans-Joachim Petsche

 

Spiel ohne Grenzen: Grenzüberschreitungen als kulturelle und ökonomische Utopie in den Vereinigten Staaten

Rüdiger Kunow

 

Grenzen aus mathematischer Sicht

Heinz Junek

 

Bedeutung von Grenzen in der Philosophischen Anthropologie

Hans-Peter Krüger

 

Grenzen als Themen der Humangeographie

Wilfried Heller

 

Grenzüberschreitungen in der Kognition: Wahrnehmung, Denken und Handeln

Martin H. Fischer und Anna Matheja

 

Grenzen im Politischen. Vom Wandel und der Dauerhaftigkeit eines alten Konzeptes. Eine historisch-politologische Betrachtung

Raimund Krämer

 

Grenzen in der Kolloidchemie

Joachim Kötz

 

Grenzen. Eine soziologische Perspektive

Jürgen Mackert

 

Autorenverzeichnis


 

 

Klappentext

Der vorliegende Band ist das Ergebnis der Ringvorlesung „Grenzen“ die – fächerübergreifend konzipiert und mit beachtlicher Resonanz bei Lehrenden wie Studierenden – im Sommersemester 2015 gehalten wurde. Die hier zusammengestellten Beiträge von Vertretern der Wissenschaftsphilosophie, der Philosophischen Anthropologie, der Kognitionspsychologie, der Mathematik, der Kolloidchemie, der Kulturgeschichte der Gewalt, der Allgemeinen Soziologie, der Humangeographie, der Kulturgeschichte Nordamerikas und der Vergleichenden Politikwissenschaft geben einen Einblick in die Vielfalt der Bezüge und Konzeptionen, die sich in den unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen mit dem Problem der Grenze verbinden. Beeindruckend wie irritierend sprengen die einzelnen Beiträge die (unabdingbar) „begrenzte“ Sicht der je einzelnen Wissenschaften auf das Phänomen der „Grenzen“, provozieren ungewohnte Denkwege und unerwartete Einsichten und kaum vermutete Analogien. Als die Vorlesungsreihe konzipiert und gehalten wurde, war noch nicht absehbar, wie sehr sie ins Zentrum der aktuellen politischen Entwicklungen in Europa zielen würde ...

 

 

 

Einführung

„Studiumplus ist eine Modulkombination innerhalb des Bachelorstudiums an der Universität Potsdam. Studiumplus ist fachübergreifend und fachergänzend und dient dem Erwerb von Schlüsselkompetenzen“[1], ist auf der dem Studium­plus der Universität gewidmeten Internetseite zu lesen.

Der vorliegende Band ist das Ergebnis der Ringvorlesung „Grenzen“, die – fächerübergreifend konzipiert und mit beachtlicher Resonanz bei Lehrenden wie Studierenden – im Sommersemester 2015 gehalten wurde. Die hier zusammengestellten Beiträge von Vertretern der Wissenschaftsphilosophie, der Philosophischen Anthropologie, der Kognitionspsychologie, der Mathematik, der Sozialgeschichte, der Allgemeinen Soziologie, der Humangeo­graphie, der Kulturgeschichte Nordamerikas und der Vergleichenden Politikwissenschaft vermitteln einen Eindruck von der Vielfalt der Perspektiven, aus denen „Grenzen“ in den unterschiedlichen Wissenschaften reflektiert werden. Wie schon bei der vorangegangenen Ringvorlesung zum Thema „Raum und Zahl“ wird auch in den Beiträgen zum Problem der Grenze die jeweils (notwendig) begrenzte Sicht der einzelnen Wissenschaften aufgebrochen. Ungewohnte Denkansätze offenbaren sich, unerwartete Einsichten eröffnen sich und man stößt auf kaum vermutete Analogien. Schon ein flüchtiger Blick auf einige Fassetten dieser Vielfalt an mit dem Thema der Grenze einzelwissenschaftlich je verknüpften Kontexte lässt erahnen, wie anregend und produktiv multidisziplinäre Reflexionen sein können:

  Darf sich die Wissenschaft, Insonderheit die Philosophie, Bilder bedienen, wenn es erforderlich ist Theoriegrenzen zu überschreiten? Wie kann es sein, dass ein so wichtiger Begriff wie der der Grenze in philosophischen Nachschlagewerken nicht vorkommt? Kommen wir dem Problem der Erkenntnisgrenzen näher, wenn wir uns die absoluten und relativen Wissensgrenzen zweidimensionaler Flächenwesen vor Augen führen? Wann wird eine Anzahl von Schrauben zu einem Haufen von Schrauben? Wo und was ist da die Grenze? Ist es nicht erstaunlich, dass Michel Foucault die geniale Idee zu seinem wunderbaren Buch „Die Ordnung der Dinge“ fand, als er einem Irrtum über die Rationalitätsgrenzen chinesischer Enzyklopädien aufsaß? Inwiefern ist das Internet selbst als eine Grenze aufzufassen und inwiefern entwickelt Hegel mittels seines Begriffs der Vermittlung eine Philosophie der Grenze, die als Rahmentheorie moderner Selbstorganisationstheorie verstanden werden kann? Philosophie, so wird resümiert, setzt dort ein, wo der Verstand aussetzt. Sie erweist sich ihrer Existenzweise nach als eine Philosophie der Grenze, der herausfordernden Mitte zwischen Bestimmtem und Unbestimmtem. 

  Aus der Sicht der Amerikanistik erfährt der Begriff der Grenze eine mindestens dreifache inhaltliche Aufspaltung. Zu Limit und Border gesellt sich Frontier als ein weiterer Grenzbegriff. Grenze als Frontier erscheint nunmehr unmittelbar als ein soziokulturelles Konstrukt, das sich im Prozess der Besiedlung Nordamerikas ausformte als eine sich westwärts schiebende Grenzerfahrung des Aufeinanderstoßens von „Zivilisation“ und „Wildnis“. Die Spannung zwischen beiden lässt bis heute Raum für Sehnsucht, Verklärung und Utopie: Der wilde Westen. Border hingegen ist der politisch-geographische Begriff für die Staatsgrenze, Insonderheit für die 3000 km lange Grenze der USA zu Mexiko. Diese Grenze, scharf bewacht, mitunter tödlich, ist zugleich im höchsten Maße organisiert durchlässig. „Transfronteracontact zone“ wurde zu einem Begriff, der Menschen benennt, die als „Doppelgänger“ ihrer selbst in dieser Grenzzone leben, für die Grenzüberschreitung nicht mehr ein einmaliger, sondern ein dauernder Akt ist, die ständig in zwei Staaten leben, mit zwei Identitäten, einer legalen und einer illegalen, mit zwei Sprachen, zwei Kulturen ...

        Dass Grenzüberschreitung nicht nur durch Migration, sondern auch durch Kapitalexport stattfindet, ist seit Marx bekannt, führt indes vor Augen, dass die Reduktion von Grenzen auf geographisch-räumliche Gebilde um ein Vielfaches zu kurz greift.

  Die Geschichte der Mathematik ist eine Geschichte von Grenzüberschreitungen ...sicher nicht nur, aber auch. Wenn sich Parallelen im Unendlichen schneiden, scheint es sich wie im Song „Somewhere over the rainbow“ zu verhalten, in dem das Glück in einem verheißungsvollen Punkt in unendlicher Ferne zu liegen scheint. Mathematik findet sich damit nicht ab und holt – in Gestalt der projektiven Geometrie – die unendliche Ferne zurück ins Endliche, holt das Grenzenlose in das Begrenzte der Ebene zurück und entwickelt dabei, ganz nebenbei, die Theorie perspektivischer Malerei eines Albrecht Dürer. In der projektiven Geometrie herrscht vollständige Symmetrie zwischen Punkten und Geraden: Eine Geometrie wie das Paradies! Doch das Paradies hat seinen Preis: Weder Winkel- noch Längenmessung ist möglich! Die Zunahme an Symmetrie führt zur Verarmung struktureller Vielfalt.

        Die Grenze dessen, was als Zahl gelten kann, wurde in der Arithmetik immer wieder überschritten, bis nachträglich eine legitimierende Theorie gefunden wurde. So geschehen mit den (imaginären) Wurzeln negativer Zahlen. Euler rechnete überaus erfolgreich mit diesen „eingebildeten“ Gebilden. Erst Gauß gelang es, für Eulers Grenzüberschreitung eine mathematisch unanfechtbare Begründung zu liefern. Zahlsein erhielt damit eine neue Bedeutung. Ähnliches wiederholte sich bei der theoretischen Begründung des Rechnens mit reellen Zahlen: Wenn 0.9999999... für 1 zu stehen kommt, so wird der unendliche Prozess als vollzogen und in seiner Grenze als Zahl gesetzt. Jede Zahl ist von nun an geronnene Unendlichkeit! Wundert es da, dass der Computer an diesen Zahlen zuweilen systematisch scheitert, da er nur das Endliche kennt? Computer können nicht einmal zuverlässig zählen ...

        Für den Mathematikanwender führt selbst ein sich auf einem Löschblatt ausbreitender Tintenfleck zu einem Problem. Der Prozess seiner Ausbreitung lässt sich nach Einstein berechnen, führt aber zum Beginn seiner Ausbreitung, zu Zeitpunkt 0 auf eine Singularität, also auf eine spezifische Grenze. Diese Singularität lässt sich aber (im Gegensatz zu der des Urknalls) auflösen, wenn man, wie Dirac es tat, eine „Grenzfunktion“ zugrunde legt, die für x = 0 unendlich, ansonsten aber stets gleich 0 ist und deren „Integral“ gleich 1 ist. Auch mit dieser verrückten Funktion, die mathematisch absurd, aber praktisch erfolgreich war, wurden Grenzen überschritten, die erst Jahrzehnte später durch Gelfand und Schwartz eine theoretische Legitimation erfuhren.

 

  Wieso kann man einen Handschuh problemlos umstülpen, aber ein Kaninchen nicht?

    Was geschieht beim ungespielten Lachen und Weinen?

        Die Antwort auf diese anscheinend banalen Fragen beschäftigt die Philosophische Anthropologie Plessners im Hinblick auf das komplexe Verständnis von Leben und personalem Menschsein. Plessners Wirken ist hierbei in seiner Gänze ein Plädoyer für eine offene Grenzforschung. Integrative Verklammerung des sich ausdifferenzierenden Wissenschaftsgefüges durch die Suche nach den Grenzübergängen der Disziplinen. Verspleißung von Methodenvielfalt, um den Fassettenreichtum des jeweiligen Gegenstandes umfassender zu erschließen. Der Mensch wäre ein solcher Forschungsgegenstand, für den die Philosophische Anthropologie als Rahmen der Grenzforschungen stehen könnte, Natur-, Sozial- und Kulturwissenschaften einbeziehend und vermittelnd. Offene Grenzforschung als Verklammerung der Disziplinen und als Seziermesser zur Analyse des Gegenstandes. Philosophie als Philosophie der Grenze, exemplifiziert am Beispiel der Anthropologie.

        Das Handschuhproblem führt unmittelbar auf die Frage, worin sich lebendige Körper von unbelebten Körpern unterscheiden. Dieser Unterschied findet sich in den Grenzen der Körper: Dadurch dass der lebende Körper seine eigene Grenze im Verhalten vollzieht, sich öffnet und abschließt, gewinnt er einen Eigenraum, eine Eigenzeit und eine Eigenzukunft, ein eigenes Spiel von Verhaltensmöglichkeiten, im Unterschied zu seiner Umgebung. Diese seine Verhaltensmöglichkeiten eröffnen sich dadurch, dass er stets auch als ein unbelebter Körper wirkt: Nur was sowohl materiell als auch geistig ist, kann leben. Damit ist das Ende des Wunders einer dualistischen Ontologie besiegt.

        Lachen und Weinen wiederum, ungespielt, verweisen – über alle Kulturgrenzen hinweg – personale Lebewesen auf ihre Verhaltensgrenzen. Insofern eine Person einen Körper hat, den sie einsetzen kann, jedoch durch diesen, als Leib lebend, nicht vollständig über den Körper verfügen kann, ist es möglich, dass dies Leibsein und Körperhaben in Überforderungssituationen auseinander laufen kann und mit erprobten Rollenmustern nicht mehr integrierbar ist.

        Prusten und Gurgeln, Luftnöte und Krämpfe, bis hin zur Ansteckung anderer beim ungespielten Lachen sowie weiche Knie, Schwindel, Zusammensacken, Abschottung und Vereinsamung, Schluchzen und Tränen beim ungespielten Weinen sind die inadäquaten Reaktionen auf inadäquate Situationen – und damit die einzig treffenden. Unmenschlich wird es, wenn wir überhaupt nicht mehr lachen und weinen können, oder wenn wir ununterbrochen lachen und weinen müssen.

        Dann gehen wir der Erfahrung der Grenzen unserer Grenzen verlustig. Wo stehen wir heute?

 

  Nichts scheint auf den ersten Blick klarer zu sein als die räumliche Gliederung der Erde und die damit einhergehenden Grenzen. Aber schnell zeigt sich: Es gibt keine durchweg einheitliche Auffassung in der Geographie über die Ordnung der Erde nach ihren Räumen, ihren Gliederungen und damit Grenzen, schon gar nicht über die kulturellen Gliederungen und ganz besonders nicht über die sog. natürlichen Grenzen. Die unterschiedlichen Perspektiven gehen zurück auf verschiedene überkommene Weltsichten und politische Anschauungen. So wurden beispielsweise die Vorstellungen über die räumliche Gestalt Europas maßgeblich durch die Mythologie der Antike geprägt.

        Gerade die Vielfalt der multiplen Klassifizierungsmöglichen von Räumen erzeugen einen schier unüberschauen Reichtum an Grenzstrukturen, die zudem häufig unscharf sind oder sich als Grenzräume mit eigener Spezifik entfalten. Es lassen sich hierbei fünf große Grenzformen unterscheiden: naturräumliche, kulturelle, politische, ökonomische und soziale Grenzen. Letztlich erweisen sich alle diese Grenzen als Konstruktionen.

        Wie etwa sollen kulturelle Grenzen fixiert werden? Ab welchem Anteil von Christen an der Bevölkerung setzt etwa ein christlicher Kulturraum ein? Wie lassen sich kulturelle Grenzen in hybriden Strukturen, etwa in der Türkei, ziehen?

        Ist Europa schon ein Konstrukt, wie sehr sind geographische Räume wie Südost- und Ostmitteleuropa erst politisch überformt? Seit der expansiven Phase der Französischen Revolution etwa wurde von französischer Seite zur Rechtfertigung von territorialen Annexionen die Bedeutung der sog. natürlichen Grenzen betont. So wurde die Rheingrenze als Frankreichs Ostgrenze begründet. Der Rhein sei aber ein deutscher Strom, nicht Deutschlands Grenze, lautete die Antwort von deutscher Seite. Nach ihrer Auffassung werden Völker nicht durch Flüsse getrennt, weil ein Fluss mit all seinen Nebenflüssen ein natürliches, harmonisches Land bilde. Völker würden eher durch Gebirge und Meere oder sogar nur durch Sprachgrenzen getrennt.

        Noch komplexer ist die Lage bei der Analyse politischer Grenzen. Hier lassen sich mindestens 15 Forschungsthemen ausmachen, die von Forschungen zur Festlegung von Verlauf und Beschaffenheit von Grenzen bis hin zur Untersuchung von Phantomgrenzen reichen. Sieht man Phantomgrenzen als eine Art Echo ehemaliger Grenzen in neuen Grenzstrukturen an, die politische Prozesse modifizieren oder reinkarnieren lassen können (so wählt historisch moderiert etwa Ostpolen anders als Westpolen), so wird eine Interaktion der unterschiedlichsten, einander überlappenden und durchdringenden Grenzstrukturen deutlich. Angesicht der rasanten Beschleunigung der Globalisierung und der technologischen Entwicklung entfaltet sich die Humangeographie zu einem der komplexesten Forschungsabenteur über die dynamische Verwebung von Grenzen.

 

  Nicht ohne Verwunderung wird man – darauf gestoßen – gewahr, dass unsere alltägliche Welt voller Rituale steckt: Ob die Beerdigung eines Freundes, die Einschulung seines Kindes, die Freisprechung von Zimmerleuten oder die Vereidigung von Angela Merkel zur Bundeskanzlerin, die Vielfalt ist überwältigend, die Präsenz allgegenwärtig.

        Speziell die Initiationsrituale sind im Zusammenhang mit der Frage nach dem Charakter von Grenzen von herausragender Bedeutung, stellen sie doch performative Inszenierungen dar, in denen grenzkonstituierend Grenzen von einem Davor zu einem „auserwählten“ Danach überwunden werden.

        Angesichts der Bedeutung von Ritualen versetzt es in Erstaunen, dass Initiationsrituale bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts von der Wissenschaft kaum beachtet wurden. Erst mit dem cultural turn, Insonderheit dem performativ turn gegen Ende des 20. Jahrhunderts, setzten auch in der deutschen Geschichtswissenschaft verstärkt Forschungen zu Zeremonien und Ritualen ein.

        Ob es sich um die Jugendweihe, die Immatrikulation oder die Aufnahme in eine Freimaurerloge handelt, stets lassen sich in diesen Übergangsritualen drei Phasen ausmachen: eine Trennungsphase, eine Schwellen- und Übergangsphase sowie eine Angliederungsphase.

        Besonders die mittlere Phase, in der sich der Akteur kurzzeitig im „Niemandsland“ befindet, hat oftmals einen paradoxen Charakter.

        Hinter diesen Initiationsritualen verbergen sich, häufig auch unmittelbar körperlich erfahrbare, Angebote einer Welterklärung, die auf Komplexitätsreduktion und Transzendenz beruhen.

        Spontan sich herausbildend wie bewusst inszeniert – man denke an die Vereidigung von Rekruten – haben diese Initiationsriten eine sozial-konservierende, manipulatorisch-legitimierende sowie anarchisch-anthropologische Funktion, in herausragender Weise die Kultur einer Gemeinschaft bestimmt.

        Viele Fragen sind in diesem spannenden Forschungsfeld noch ungeklärt, ja zum Teil noch nicht einmal formuliert.

 

  Weniges ist während der aktuellen Flüchtlingskrise so deutlich geworden, wie die Relevanz von Grenzen für Gesellschaften.

    Dabei scheint es zunächst ausschließlich um die Bedeutung territorialer, also räumlicher Grenzen zu gehen, die jetzt auch im Innern der EU wieder kontrolliert werden. Eine nähere Betrachtung zeigt jedoch, dass neben räumlichen auch symbolische und soziale Grenzen eine wichtige Rolle spielen. Ihr Ineinandergreifen und die daraus sich ergebende Dynamik wird für die Soziologie von zunehmendem Interesse, wobei sich ein kaum überschaubares Massiv von Fragen vor unseren Augen auftut:

        Wie und warum verändern sich Grenzen? Wie lässt sich verstehen und erklären, dass Grenzziehungen verschoben oder verändert werden?

        Wie und warum werden Grenzen, die über lange Zeit für das soziale Leben relativ unbedeutend waren, plötzlich so grundlegend für die sozialen Interaktionen?

        Warum können wir beobachten, dass Menschen, die lange Zeit friedlich miteinander gelebt haben, plötzlich zu schlimmsten Feinden werden?

        Warum passiert auch das Gegenteil? Wie werden scheinbar unüberbrückbare Gräben zwischen Gruppen oder auch Nationen Vergangenheit?

        Wie verändern sich die Beziehungen zwischen Gruppen, Kollektiven so, dass Feinde zu Freunden werden können?

        Die soziologischen Klassiker haben sich – was überraschend ist – nur implizit zum Thema der Grenzen geäußert. Anknüpfen lässt sich an Max Webers Konzept der sozialen Schließung nach innen und außen als ein grundsätzlicher Modus der Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung.

        Analytisch betrachtet dreht es sich bei sozialer Schließung im Kern um das Ineinandergreifen dreier Dimensionen: Die Konstituierung von Grenzen, Identitäten und Gemeinschaften.

        Sofern Grenzen nicht nur beschrieben, sondern ihre Entstehungs- und Funktionsweise erklärt werden soll, sind methodologische Vorentscheidungen zu treffen. Methodischer Individualismus, Holismus und Relatio­nismus lassen sich hierbei als drei grundsätzliche Herangensweise hervorheben.

        Gerade die relationale Perspektive verspricht hierbei neue theoretische Erkenntnisse und empirische Herangehensweisen. Fragt man, was ein solch relationaler Zugang mit Grenzen, Identitäten und Gemeinschaften zu tun hat, so wird deutlich, dass soziale Transaktionen, die zu stabilen sozialen Beziehungen führen, diese Beziehungen begrenzen, eine gemeinsame Identität unter jenen erzeugen, die an ihnen beteiligt sind und so Gemeinschaft stiften.

        Hierbei lässt sich ein feingliedriges Modell entwickeln, das die sozialen Mechanismen, die, erstens, Grenzveränderungen verursachen und die, zweitens, diese Veränderungen verfestigen oder wieder auflösen, idendifiziert und empirisch handhabbar macht.

 

  In einer experimentellen Studie aus dem Jahre 2005 zur mentalen Repräsentation der deutsch-deutschen Grenze in den Köpfen der Menschen wurden erwachsene deutsche Studierende gebeten, die paarweisen Distanzen zwischen sechs westdeutschen und fünf ostdeutschen Städten (inklusive Berlin) zu schätzen. Hierzu wurden die Kilometerschätzungen für alle 110 Städte-Paarungen (West-West, Ost-Ost, West-Ost, Ost-West) notiert. Außerdem wurden die emotionalen Einstellungen aller Probanden zur deutschen Wiedervereinigung erfasst.

        Hierbei ergab sich, dass Distanzen zwischen Städten innerhalb einer Gruppe (also West-West oder Ost-Ost) als geringer eingeschätzt wurden im Vergleich zu Distanzen zwischen Städten aus gemischten (Ost-West) Paaren. Dieser überraschende Befund wurde von den Autoren so interpretiert, dass die innerdeutsche Grenze zwischen Ost und West auch
10 Jahre nach ihrem Verschwinden noch zu einer systematischen Verzerrung der kognitiven Karte des Landes führt. Interessanterweise trat aber diese kognitive Verzerrung nur bei denjenigen TeilnehmerInnen der Studie auf, die eine negative Einstellung gegenüber der deutschen Wiedervereinigung geäußert hatten.

        Einer der interessanten Befunde der modernen Kognitionspsychologie ist wohl das Ineinandergreifen von Wahrnehmung, Denken und Handeln bei der Konstituierung, Verschiebung und Überschreitung von Grenzen.

        Es ist schon erstaunlich, dass Personen, die besser zwei Punktewolken mit ähnlicher Anzahl von Punkten voneinander unterscheiden können, auch besser Rechnen lernen, dass Wahrnehmungsvermögen also in Denkvermögen hineinwirkt. Dass Sprache wiederum Wahrnehmung beeinflusst, zeigte schon das obige Ost-West-Beispiel. Und dass Werkzeuggebrauch, also Handeln, auch unsere Raumwahrnehmung ändert, verblüfft da nicht mehr.

        Noch dramatischer ist aber die rapide Veränderbarkeit des eigenen Körperbildes innerhalb weniger Sekunden durch simple visuell-taktile Stimulation. Bei der inzwischen berühmten Gummihand-Illusion kann gezeigt werden, dass unser Körpererleben das Resultat aktueller sensomotorischer Erfahrungen ist. Wird ein künstlicher Arm direkt neben dem (hinter einem Schirm verborgenen) Arm einer Versuchsperson plaziert und konnte diese sehen, wie der künstliche Arm gestreichelt wurde während sie zugleich spürte, dass hinter dem Schirm ihr eigener nicht sichtbarer Arm synchron gestreichelt wurde, so wurde dieser künstliche Arm bereits nach wenigen Sekunden als ein Teil des eigenen Körpers empfunden.

        Kognition als einen grenzüberschreitenden Prozeß der Wechselbeziehung von Wahrnehmen, Denken und Handeln zu begreifen, rüttelt an Grundfesten tradierten Verständnisses von Menschsein und wirft Fragen auf, die weit über die Psychologie hinausweisen.

 

  Seit einigen Jahren sehen wir Bilder von dramatischen Grenzüberschreitungen, zu Land und vor allem zur See, von meterhohen Grenzzäunen, von übervollen Schiffen und von Toten. Wir lesen heute von Grenzen in aufschäumenden Leitartikeln oder hören Bedrohliches von Stammtischen. Während die einen Grenzen abbauen, zumindest aber überbrücken und neue auf jeden Fall verhindern wollen, gibt es andere, die Grenzen ausbauen und verstärken, wenn nicht sogar dichtmachen wollen.

        Wieso reden wir heute so viel von Grenzen? Sollte nicht die neue Weltordnung, die Anfang der 1990er Jahre proklamiert wurde, ganz ohne Grenzen auskommen, zumindest ohne Eiserne Vorhänge und vor allem hier im „zivilisierten Europa“ waren Grenzen out.

        Jedoch: Nach 1989 kamen global Zehntausende von Kilometern Grenze hinzu. Und es ist sicherlich symptomatisch, dass dort, wo der Eiserne Zaun im Jahre 1989 mit Drahtscheren aufgebrochen wurde, heute doppelt verlegter NATO-Draht diese Grenzen markieren.

        Ein Durchgang durch die Geschichte politischer Grenzen (wie imperialer Grenzenlosigkeit) demonstriert, wie eng sie in den Kontext politischer Herrschaft eingebunden sind, wie sie für Ewigkeiten konzipiert immer wieder verändert und modifiziert, ja konstruiert wurden. Politische Grenzen erweisen sich als zutiefst paradox und lassen sich verorten in einem Spannungsfeld von Natürlichkeit und Künstlichkeit, von Ewigkeit und Wandelbarkeit, von Räumen und Linien, von Abschottung und Begegnung, von Barriere und Schutz, von Friedensgarant und Kriegsgrund, von Ordnung und Chaos.

        Diese Paradoxien machen die Dynamik, die Widersprüchlichkeit, das Illusionäre und Gefährliche, aber auch das Haltbringende, das Ordnende aus.

        Im Gang durch die politische Geschichte bei der EU anlangend, fragt sich, was dies eigentlich sei: eine Art konföderaler Staatenbund, ein föderaler Bundesstaat, eine suprastaatliche Organisation, ein „dynamisches Mehrschichtensystem“ oder gar das erste postmoderne politische Gebilde?

        Ein Sammelsurium alter und neuer, sichtbarer und unsichtbarer Demarkationslinien durchschneidet diesen Raum bzw. grenzt ihn gegenüber anderen Räumen ab.

        Grenzen sind jedoch nicht nur Momente politischer Herrschaft, sondern eben auch Identitätsschutz. Dergestalt erscheint eine grenzenlose Europäische Union weder möglich noch sinnvoll. Eine von Mauern umgebene aber ebenso wenig! Zu plädieren wäre daher für kooperative Grenzen, die einerseits dem Individuum in einer offenen Gesellschaft genügend Raum für Kommunikation und Austausch bieten und die andererseits ausreichend demokratische Verantwortlichkeit gewährleisten und nicht zuletzt dem Einzelnen Schutz geben, auch den Flüchtenden und Asylsuchenden in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze.

 

„In der Bologna-Debatte hat sich ein Konsens darüber entwickelt, dass an Hochschulen neben Fachwissen und Fachkompetenzen auch (damit in Verbindung stehende) überfachliche Kompetenzen vermittelt werden sollen“[2], wird in der Empfehlung der 15. Mitgliederversammlung der Hochschulrektorenkonferenz vom November 2013 vermerkt.

Kompetenzen sind hierbei nicht mit Wissen um den Gegenstand und die Methode einer wissenschaftlichen Disziplin zu verwechseln. Im Anschluss an Erpenbeck und Heyse (1999) können Kompetenzen als Selbstorganisationsdispositionen konkreter Individuen gefasst werden, „also als Anlagen, Bereitschaften, Fähigkeiten, selbst organisiert und kreativ zu handeln, und mit unscharfen oder fehlenden Zielvorstellungen und mit Unbestimmtheit umzugehen.“[3] Sie bringen, „im Unterschied zu anderen Konstrukten wie Können, Fertigkeiten, Fähigkeiten, Qualifikationen usw. die als Dispositionen vorhandenen Selbstorganisationspotentiale – hier: des konkreten Individuums – auf den Begriff.“[4] Selbstorganisationsdispositionen können dergestalt nicht vermittelt werden.[5] Es können nur die Bedingungen organisiert und der Stoff so strukturiert werden, dass ihre Herausbildung befördert wird. Es geht mithin – im Kantschen Sinne – um die (bestmöglichen) Bedingungen der Möglichkeit ihrer Herausbildung. Multidisziplinäre Vorlesungsreihen gehören nach Ansicht der Autoren dieses Bandes in herausragender Weise zu diesen Bedingungen.

Wir wünschen dem Leser eine anregende Lektüre. Der nächste „Ring“ zum Thema „Symmetrie und Harmonie?“ wird im Wintersemester 2016/17 stattfinden.


 

[1]     http://www.uni-potsdam.de/studiumplus/ [17.09.2014].

[2]     Aus: Europäische Studienreform. Empfehlung der 15. HRK-Mitgliederversammlung am 19.11.2013: Die Europäische Studienreform in Deutschland: Empfehlungen zur weiteren Umsetzung. http://www.hrk.de/positionen/gesamtliste-beschluesse/position/convention/studienreform/ [17.09.2014].

[3]     Heyse, V.; Erpenbeck, J.; Michel, L. (2002): Lernkulturen der Zukunft. Kompetenzbedarf und Kompetenzentwicklung in Zukunftsbranchen. QUEM­report, H. 74. Berlin 2002, S. 11.

[4]     Erpenbeck, J.; Heyse, V.: Kompetenzbiographie – Kompetenzmilieu – Kompetenztransfer. Zum biographischen Kompetenzerwerb von Führungskräften der mittleren Ebene, nachgeordneten Mitarbeitern und Betriebsräten. In: QUEM­report. Schriften zur beruflichen Weiterbildung, H. 62. Berlin 1999, S. 25.

[5]     Dass die Forderung nach Kompetenz-Entwicklung so neu nicht ist und nicht erst mit dem Bologna-Prozess aufgekommen ist, wird deutlich, wenn man einen Blick zurück auf die Humboldtsche Bildungsreform wirft, von der Hans-Niels Jahnke mit besonderem Blick auf die mathematisch-naturwissenschaftliche Bildung vermerkte: „1810 setzte eine Reform aller Bildungsinstitutionen in Preußen ein, die historisch wohl ohne Bei­spiel war und die heute noch die Grundstrukturen unseres Bildungswesens [...] nachhaltig be­stimmt“ [Jahnke, H. N.: Mathematik und Bildung in der Humboldtschen Reform. Göttingen 1990, S. 1].

So heißt es in einem im Jahre 1810 von Georg Wilhelm Bartholdy (1765–1815) für die für gymnasiale Bildung zuständige Berliner wissenschaftliche Deputation verfassten Gutachten „Über Stufenfolge, Methode und Umfang des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts“, dass der Lehrende „beim dem wissenschaftlichen Vortrage der Mathematik [...], die Sätze selbst aus dem Innern seiner Zuhörer entwickeln und durch ihre eigene Kraft sie erfinden lassen“ muss. [zitiert nach: Lohmann, I.: Über den Beginn der Etablierung allgemeiner Bildung. Friedrich Schleiermacher als Direktor der Berliner wissenschaftlichen Deputation. Zeitschrift für Pädagogik 30 (1984), 6: 749–773, 759].

Und Adolf Diesterweg (1790–1866) lobt einige Jahre später ein mathematisches Lehrbuch, bei dem der Stoff so angeordnet sei, dass er „eine Art Kunstwerk darstellen, welches der Lernende an der Hand des Lehrers aufführt.“ [Diesterweg, A.: Besprechung der Raumlehren Justus Graßmanns von 1817, 1824 und 1826. In: Rheinische Blätter für Erziehung und Unterricht mit besonderer Berücksichtigung des Volksschulwesens. Ed. Adolf Diesterweg. Band 1, H. 2, 106–110. Schwelm 1827, S. 108].

Treffender lässt sich wohl kaum die Forderung nach einem Unterricht, der Kompetenzen beim Lerner provoziert und induziert, beschreiben.