Martin Küppper, Marvin Gaßer, Isette Schuhmacher, Hans-Joachim Petsche (Hg.)

 

Dialektische Positionen.

Kritisches Philosophieren von Hegel bis heute.

Eine Vorlesungsreihe

 

2015, [= studieren++ - Konzepte - Perspektiven - Kompetenzen, Band 2]

155 S., ISBN 978-3-86464-098-8, 17,80 EUR

 

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Dialektisches Denken verspricht nicht nur das komplexe Weltgeschehen in seinen Tendenzen und historischen Zusammenhängen durchsichtiger zu machen, sondern auch in der kritischen Analyse wirklichkeitsverändernde Potenziale freizulegen. Die Geschichte dialektischen Denkens reicht bis in die Antike zurück und ist bis heute Gegenstand vielfältiger historischer Untersuchungen und aktueller Debatten. Im besonderen Maße hat Hegel zur Ausgestaltung der Dialektik als System beigetragen. Seine Dialektikkonzeption ist daher für die aktuelle Auseinandersetzung mit Gehalten und Problemen dialektischer Philosophie von besonderem Interesse. 

Die Beiträge diese Bandes, auf der Grundlage einer Ringvorlesung an der Universität Potsdam im Sommersemester 2013 entstanden, zielen darauf ab, das Versprechen der Dialektik einzulösen. Sie geben Einblick in die Problemgehalte dialektischer Philosophie seit Hegel, vor allem des Marxismus, der Hegels Dialektik als Erbe und Herausforderung ansieht. Die Stellungnahmen der Autoren wollen den aktuellen Debatten um die Gesellschafts-, Begriffs- und Naturdialektik weitere Impulse verleihen. 

Mit Beiträgen von Andreas Arndt, Herbert Hörz, Dieter Kraft, Martin Küpper und Jan Loheit.

 

 

Inhalt

Vorrede                                                                                                7

Dieter Kraft: Hegels dialektische Philosophie der gesunden Menschenvernunft      17

Andreas Arndt: Hegel und die absolute Idee. Zum Konzept der Dialektik bei Hegel   63

Herbert Hörz: Dialektische Entwicklungstheorie. Zur Kritik eines flachen Evolutionismus    83

Jan Loheit: Wolfgang Fritz Haug: Über den epistemologischen Status der Dialektik im Werk von Wolfgang Fritz Haug          111

Martin Küpper: Hans Heinz Holz und der ontologische Widerspruch     129

Über die Autoren                                                                              155

 

Vorrede

Der vorliegende Band ist aus einer im Sommersemester 2013 an der Universität Potsdam gehaltenen Vorlesungsreihe (mit angeschlossenem Seminar) zum Thema Dialektik entstanden. Die Studierenden Isette Schuhmacher, Marvin Gaßer, Martin Küpper sowie Prof. Hans-Joachim Petsche organisierten, konzipierten und begleiteten gemeinsam die Veranstaltungsreihe. Für die Vorlesungen konnten Dr. Dieter Kraft, Prof. Andreas Arndt, Prof. Herbert Hörz und Prof. Wolfgang Fritz Haug gewonnen werden, die die historischen und systematischen Schwerpunkte mittels ihrer Vorträge markierten. Zu den einzelnen Vorträgen wurden von den Studierenden moderierte Seminare ausgerichtet, in denen die systematischen Problem- und Fragestellungen anhand ausgewählter historischer und zeitgenössischer Textgrundlagen[1] mit einer interessierten studentischen Zuhörerschaft einführend diskutiert wurden. Das weitreichende vorhandene Interesse an Dialektik, das wir durch zahlreichen Zuspruch und kritische Teilnahme seitens der Studierenden bestätigen können, gab dem Gedanken an eine Veröffentlichung der Beiträge Nahrung. Die Herausgeber haben nunmehr die Freude, die von Dr. Dieter Kraft, Prof. Andreas Arndt und Prof. Herbert Hörz zur Verfügung gestellten Manuskripte, ergänzt durch je einen Beitrag von Jan Loheit und Martin Küpper, in diesem Band einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen.

Die Anfänge der Vorlesungsreihe reichen bis in das Jahr 2011 zurück. Der Ausgangspunkt des Projektes lag in der Intention, einen größtmöglichen Raum zu schaffen, in dem die zahlreichen Probleme in und mit der Dialektik durch gemeinsames Fragen präzisiert und Diskussionen entfaltet werden können. Dafür musste eine angemessene Lehrveranstaltungsform gefunden werden, die es erlaubt, Problemgehalte der Dialektik vorerst zu benennen, dann am konkreten Material zu verdeutlichen und schließlich diskursiv zu prüfen. Sich auf ein Seminar oder eine Ringvorlesung zu fokussieren, erschien uns daher als Verengung unseres Vorsatzes. Seminare dienen vor allem der Einübung einer anspruchsvollen Diskussionskultur. Probleme müssen adäquat formuliert und ihre Lösungsvorschläge auf die Probe gestellt werden. Vorlesungen hingegen sind darauf fokussiert, den aktuellen Forschungsstand aus historischer und/oder systematischer Perspektive prägnant darzubieten. Sie sollten darüber hinaus Impulse zur weiteren, vertiefenden Beschäftigung geben. Die Zusammenführung der Stärken beider Lehrformate entwickelte sich zum grundsätzlichen Anliegen unserer weiteren Organisation und Gestaltung.

Das erforderte zunächst eine thematische Eingrenzung der zu behandelnden Themenkomplexe. Denn die inhaltlichen Mehrdeutigkeiten und mannigfaltigen Verwendungsweisen von ‚Dialektik‘, die sich in ihrer schon 2500 Jahre andauernden (europäischen) Geschichte herausgebildet haben, erschweren die Annäherung an sie, wobei die verschiedenen, gleichzeitig vorhandenen und oftmals im Widerstreit stehenden Konzeptionen von ‘Dialektik’ den Zugang zu ihr zusätzlich verkomplizieren. Eine auf Vollständigkeit abzielende, einheitliche, sinndeutende Perspektive dialektischer Philosophie sowie eine umfassende historische Darstellung ihrer vielfältigen Erscheinungsformen über die Epochengrenzen hinweg konnte daher nicht unser Anliegen sein. Infolgedessen entschieden wir uns den Schwerpunkt auf die Linie dialektischer Philosophie zu setzen, die ihren Ausgang bei Hegel findet. Die Systematik der Hegelschen Philosophie stellt sich uns als grundlegender Knotenpunkt einer weitverzweigten Linie dar, der innerhalb der Geschichte der Philosophie – Vorhergehendes verarbeitend – zugleich Nachkommendes hinsichtlich des Reichtums an Ideen entscheidend prägte. Die Faszinationskraft, die ferner von Hegels Dialektikverständnis ausgeht, sehen wir insbesondere darin begründet, dass uns mit ihm ein durchweg dynamisch gefasstes Konzept begegnet. Versucht dieses die Fortentwicklung von Begriffsstrukturen durch die immanente Widersprüchlichkeit ihrer Begriffe zu begründen, ist hiermit zugleich die Möglichkeit gegeben, Dialektik nicht nur als Methode des Denkens zu begreifen. Nach Hegels Tod begann daher ein Ringen um das Erbe und die Weiterentwicklung seiner Philosophie. Von den nachfolgenden Linien der Auseinandersetzung wählten wir den Marxismus, da uns die Einsicht einte, dass Hegel nicht unpolitisch gelesen werden kann, was im Marxismus seinen prägnantesten Ausdruck findet. Im herausragenden Maße integrierte Hegel Geschichte und Politik in seine Metaphysik, was den Marxismus in doppelter Weise bricht. Beruft sich der Marxismus einerseits nachdrücklich auf Hegel und sieht sich als Erbe des wissenschaftlichen Gehaltes seiner Dialektik, so ist andererseits bis heute umstritten, worin dieses Erbe und worin dieser Kern der Hegelschen Dialektik eigentlich besteht.

Die schwierige Aufgabe des Einstiegs in die Ideenwelt und die philosophiehistorischen Verzweigungen der Dialektik von und nach Hegel sollten die von den Studierenden moderierten Seminare erleichtern. Es wurden klassische und neuere Texte zur Dialektik von Hegel, Marx, Hörz, Haug und Adorno rekonstruiert und die darin enthaltenen Problemgehalte herausgestellt. Birgt eine solch didaktisch notwendige Konzentration auf ausgewählte Texte, verbunden mit einer Straffung der Gehalte, die Gefahr, die geschichtliche Entfaltung des Gegenstandes zu schematisieren und den historischen Bezug zur Apologetik verkommen zu lassen? Sicher! Jedes dialektische Hineinfragen in die zu untersuchenden Sachverhalte darf, um dieser Gefahr zu begegnen, nicht von formalen didaktischen Überlegungen ausgehöhlt werden. Andernfalls blieben lediglich Andeutungen und fragmentarische Gedanken zur Dialektik übrig, die den systematischen und historischen Ideengehalt einer sich entwickelnden Dialektik verdecken würden. Die Darstellung von Grundmustern dient daher als Einführung in und Impulsgeber für das wissenschaftliche Studium der Dialektik; sie ist jedoch nicht die Darstellung der wissenschaftlichen Forschung selbst. Anregungen zum Studium der Dialektik zu geben, ihre Geschichte, Systematik und Methodik sich zu erschließen, um sie gegebenenfalls als Methode (oder Metamethode) des Erkennens und Handelns fruchtbar zu machen, war ein wesentliches Ziel der Vorlesungsreihe.

Die Beiträge gewähren einen Einblick in die aktuelle Diskussion um den Gehalt der Hegelschen Dialektik sowie über die unterschiedlichen Bezugspunkte derzeitiger marxistischer Dialektikkonzeptionen. Der lebendige mündliche Ausdruck bot die Möglichkeit eine gewählte Gedankenfigur sorgfältig in verschiedene Stränge aufzufächern und schließlich zum Ausgangspunkt der Überlegungen zurück zu führen. Da es diesen Entfaltungen nicht an der Präzision einer wissenschaftlichen Abhandlung mangelte, sind sie lediglich leicht überarbeitet in jener stilistischen Form abgedruckt.

Dieter Krafts Beitrag Hegels dialektische Philosophie der gesunden Menschenvernunft stellt Dialektik als Lehre von den Seins- und Denkverhältnissen heraus, die in ihrer europäischen Tradition bereits von den Pythagoreern erste Systematisierungsbestrebungen erfuhr. Von dort zieht sich eine Linie dialektischer Philosophie, deren wichtige Stationen Platon, Aristoteles, Cusanus, Leibniz, Hegel, Marx und Engels sind.

Im besonderen Maße hat Hegel zur Systematisierung der Dialektik beigetragen, der mitnichten eine reine Begriffsdialektik entwickelte, die das Begriffliche, die Idee zum Agens der Geschichte erhob. Vielmehr müsse, Kraft zufolge, Hegel als „Idealist der objektiven Realität“ verstanden werden, der darum bemüht ist, das Strukturprinzip der natürlichen und geistigen Wirklichkeit vernünftig zu exemplifizieren. Zur Ordnung des Augenscheinlichen wird der Verstand hinzugezogen, der bereits mit Gegensätzlichem und Widersprüchlichem konfrontiert ist. Die spekulative Vernunft ist sogleich der qualitative Schritt über die Verstandesgrenzen hinaus. Diese versucht, die immaterielle, relationale, werdende Struktur des Wirklichen in ihrer Koinzidenz des Widersprüchlichen zu erfassen, wofür Hegel die prozessuale Denkfigur der Identität von Identität und Nicht-Identität prägte. Dialektik wird in dieser Hinsicht als universelle Seinsstruktur charakterisiert, wobei die begriffliche Fassung des Ganzen eine wirklichkeitserschließende Funktion erhält, die zugleich eingreifendes Denken ist.

Hegels Dialektikkonzept, so Kraft weiter, antizipiert weite Teile der Quantenphysik und zeitigt somit eine weitreichende Kompatibilität mit dem gegenwärtigen Wissenschaftsverständnis. Nur als ganzheitliche Theorie kann die moderne Physik das Universum als universelles, wechselseitiges, dynamisches Reflexionssystem darstellen.

Andreas Arndts Beitrag Hegel und die absolute Idee. Zum Konzept der Dialektik bei Hegel zeichnet die Entwicklungsgeschichte des Problemfelds nach, in dem Hegel „Dialektik“ thematisiert. Hiernach skizziert Arndt die formale Struktur der Dialektik als Methode in der „absoluten Idee“, um schließlich ihre Beziehung zum Gegenstand als Realdialektik zu erörtern.

Die Wissenschaft der Logik entfaltet die Aufhebung des Verstandes als Selbsterkennen des Begriffs durch den Begriff, das in der „absoluten Idee“ kulminiert, die insofern absolut ist, als sie von nichts anderem als dem Begriff abhängt. Die Methode (der Dialektik) ist dann, Arndt zufolge, nicht der Gang der Entwicklung des Begriffs, sondern das begriffliche Wissen um den Modus der Begriffsentwicklung. Unser Wissen um die Bewegung des Begriffs, die nun zurückverfolgt werden kann, wird dann zum Mittel des Denkens und ist nicht identisch mit dem betrachteten Begriff.

Grundlage dieses dialektischen Methodenwissens ist demnach die reflexi­ve Fassung der außersprachlichen Gegenstände durch das Denken. (Dialektische) Philosophie erhält durch Hegel eine neue Funktion. Ihre Aufgabe ist infolgedessen die begriffliche Fassung des Verhältnisses des Denkens zu den außersprachlichen Tatsachen. Die „absolute Idee“ ist demzufolge die begriffliche Grenze zur außersprachlichen Wirklichkeit und das Ergebnis einer Verallgemeinerung der konkreten Gegenstandbezüge, in denen der Mensch steht. Dieser Prozess kann jedoch reziprok umgekehrt werden, insofern, so Arndts Vorschlag, die Abstraktion aufgehoben wird bzw. bestimmte Gegenstände auf ihren Begriff gebracht werden. Hegel stellt dann in der Wissenschaft der Logik das kategoriale Gefüge – als Mittel – bereit, äußerliche Gegenstände gemäß ihrer eigenen Strukturiertheit zu erfassen.

Herbert Hörz, ursprünglich mit der philosophischen Reflexion der Entwicklungen der Quantenphysik im 20. Jahrhundert befasst, geht in seinem Beitrag Dialektische Entwicklungstheorie. Zur Kritik eines flachen Evolutionismus der Frage nach, wie Entwicklung in Natur und Gesellschaft modellhaft dargestellt werden kann und wie anhand dieser wissenschaftlichen Modelle Hypothesen zur weiteren Entwicklung formuliert werden können. Aus den hierbei gewonnenen Erkenntnissen soll Aktionswissen generiert werden, sodass ein erfolgreiches Eingreifen des Menschen in seine eigenen gesellschaftlichen Verhältnisse und die darin verflochtenen Naturprozesse hinsichtlich eines verantwortungsvollen Umgangs ermöglicht wird.

Zukunftsgestaltend ist Dialektik für Hörz dahingehend, dass durch die Analyse der Struktur, Veränderung und Entwicklung von Phänomenen der Natur und Gesellschaft Aussagen über mögliche Entwicklungsrichtungen getroffen werden können. Zentral ist hierbei die statistische Gesetzeskonzeption, die Prognosen hinsichtlich der Entwicklungsrichtungen mittels der Wahrscheinlichkeiten ihrer Realisierungsmöglichkeiten ermöglicht. Das fordert den Wissenschaftler in besonderer Weise auf, aus den gesammelten Erkenntnissen über Natur und Gesellschaft die Vision einer zukünftigen solidarisch-kooperativen Gesellschaft zu begründen, die ohne Ausbeutung, Unterdrückung und Verarmung auskomm

Jan Loheits Beitrag Über den epistemologischen Status der Dialektik im Werk von Wolfgang Fritz Haug systematisiert und vertieft Haugs Überlegungen zum Status der Dialektik innerhalb des Marxismus. In Abgrenzung zur klassischen Metaphysik und Erkenntnistheorie hebt Haug die originäre Charakteristik Marxschen Denkens hervor, die mit den Feuerbachthesen einsetzt und die er als Epistemologie der Praxis bezeichnet.

Mit der Forderung von Marx, die Wirklichkeit als praktisch-menschliche Tätigkeit zu begreifen, geht für Haug folgende Konsequenz einher. Das erkennende Subjekt ist in einen Komplex von Prozessen verwickelt, sodass die substanzialistische Rede vom unabhängigen Dasein der Erkenntnisobjekte verworfen wird. Sein ist daher nur geschichtsimmanent als gesellschaftliche Kategorie zu begreifen. Haug entwirft, so Loheit, eine Praxeologie, die vor allem operativen Charakter hat und als praktische Dialektik hinsichtlich des Wahrheitsanspruchs prioritär gegenüber der theoretischen ist.

Loheit hebt als Methode die von Haug entwickelte Materialanalyse als dialektische Verfahrensweise hervor. Gedanklich vorgeformte Ideengehalte sind der Prozessform des Wirklichen nicht zu oktroyieren. Jeder Gegenstandsbereich der Materialanalyse äußert sich auf der Grundlage seiner spezifischen Struktur in einem bestimmten Modus. Die einzelnen Elemente werden unter neue Blickwinkel gestellt und in ihren Verweisen zu anderen Gegenstandsbereichen gekennzeichnet. Dialektik bietet daher keine absoluten Wahrheiten, sondern orientiert auf die Freilegung der sich stets verändernden gesellschaftlichen Zusammenhänge und Verweisstrukturen.

Die Rezeption des umfangreichen Werks des 2011 verstorbenen, marxistischen Philosophen Hans Heinz Holz steckt noch in den Anfängen. Einen Impuls zur weiteren Auseinandersetzung hierzu möchte der Beitrag Hans Heinz Holz und der ontologische Widerspruch von Martin Küpper leisten. Der Beitrag knüpft an die in der Vorlesungsreihe aufgeworfenen Problemgehalte und Fragestellungen an.

Das Verhältnis zwischen Begriffs- und Realdialektik beschreibt Holz als Widerspiegelung, die er nicht als plane Abbildung, sondern als wechselseitige Reflexion auffasst. Dialektische Philosophie hat daher zunächst den systematischen Ort der formalen Logik für eine materialistische Dialektik zu erörtern. Die historisch herausgebildeten Regeln des Denkens, wie der Identitätssatz und der Satz vom verbotenen Widerspruch, sind hierbei zu beachten, aber auch in ihren Grenzen aufzuzeigen.

Holz intendiert eine kategoriale Bestimmung des Widerspruchs als Grundform der Wirklichkeit. Widersprüche sind hiernach nicht nur in ihrer historischen und logischen Dimension zu begreifen, sondern zugleich als innerhalb eines unendlichen Relationsgefüges mit anderen stehend. Mithilfe der Einführung von Widerspruchsgraden soll die Fokussierung auf die Analyse der Genese von konkreten Widersprüchen durchbrochen werden, sodass die aus den Inhalten des Wissens gewonnene Kategorie des Widerspruchs auf Wirklichkeit zurück projiziert werden kann.

Trotz aller Unterschiede in der Herangehensweise und im gewählten Themenschwerpunkt ist allen Beiträgen dieses Sammelbandes die Auffassung gemein, dass Dialektik eine ernstzunehmende Größe im wissenschaftlichen wie auch alltäglichem Umgang des Menschen mit der Wirklichkeit darstellt. Mit ihr äußert sich entsprechend eine spezifische theoretische wie auch praktische Haltung zur Wirklichkeit, die gerade für gesellschaftskritische Betrachtungen von großem Interesse ist. Diese verschiedenen Pfade verknüpfend, soll der Band schließlich einen Beitrag zur systematischen Erschließung der gegenwärtigen Gesellschaft und ihrer kategorialen Struktur via dialektischer Philosophie leisten. Insofern weisen die einzelnen Beiträge über den vermeintlich engen Rahmen einer Fachdiskussion hinaus in weiterführende Bereiche, was ihnen einen Doppelcharakter eröffnet, der im Titel des Bandes seinen Niederschlag findet: Stehen die einzelnen Beiträge als Teilstudien durchaus für sich, befinden sie sich zugleich in einem diskursiven Verhältnis zueinander und anderen gegenwärtigen Strömungen der Philosophie gegenüber, indem die Vorlesenden Positionen beziehen, die andere mitunter ausschließen. In der Gesamtheit der Beiträge entfaltet sich dergestalt eine umfassende Diskussionsstruktur hinsichtlich der Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Weiterentwicklungen zeitgenössischer Dialektikkonzeptionen und der Aneignung ihres historischen Erbes.

Der vorliegende Band hat daher sowohl dokumentarischen als auch propädeutischen Wert. Er legt Zeugnis über die Diskussionen der Vorlesungsreihe und die in ihr behandelten Probleme ab. Zudem gibt er Gelegenheit, einen lebendigen Einblick in die historisch-systematischen Dimensionen und die aktuelle Relevanz dialektischer Philosophie zu gewinnen. So viele Fragen diese Vorlesungsreihe beantwortet hat, so viele neue hat sie aufgeworfen; die Beschäftigung mit Dialektik wird nicht abzuschließen sein. Dieser Band soll daher vor allem als Aufmunterung zur Nachahmung ähnlicher Projekte dienen, um die Auseinandersetzung mit und um Dialektik aufrecht zu erhalten.


[1]     Seminarplan abrufbar unter: http://www.uni-potsdam.de/u/philosophie/Dialektik2013.html

 

 

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