Hiltrud Rüstau / Imke Jörns

 

Wo Windpferde die Götter grüßen.

Sikkim - Das verborgene Juwel. Ein Reisbericht

 

 

2015, trafo Wissenschaftsverlag, 352 S., zahlr. Fotos und Abb., ISBN 978-3-86464-047-6, 29,80 EUR

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Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung
Im Reich des Kanchenjunga (Gottfried J. Freitag)
Die Geschichte Sikkims: Blutsbrüderschaft und Drei-Parteien-Vertrag
Sikkim oder Denjong?
Wo die bunten Fahnen wehen: Gangtok und das Kloster Rumtek
Weitere Erkundungen in Gangtok
Kurzbesuch in Nordsikkim
Impressionen von Südsikkim
Streifzug durch Westsikkim
„Home Stay“ bei Ganesh
Das genossenschaftliche Waldhotel
Im Rhododendron-Schutzgebiet von Varsey
Besuch bei Yumas Botin
Übernachtung im Kloster Pemayangtse
Abschied von Sikkim: Darjeeling und Kalimpong
Versuch eines Resümees
Nachtrag: Padmasambhava, der Lotusbuddha
Anhang
Bildteil
Literaturhinweise
Worterklärungen
Index
Danksagung


Auszug

1. Vorbemerkung

Indien ist ein Reiseland, das demjenigen, der es mit offenen Augen besucht, mit seinem reichen Schatz an kulturell Faszinierendem und landschaftlichen Schönheiten jenseits ausgetretener Touristenpfade immer wieder Neues zu bieten hat.
Zu den bisher nur wenig bekannten Reisezielen in Indien gehört Sikkim, erst seit 1975 als 22. Bundesstaat zur Indischen Union gehörig. Zwar ist es schon seit Langem Bestandteil von Pauschalreisen nach Nepal und Bhutan, und auch in Bergsteigerkreisen ist es wohlbekannt. Aber da man als Einzelreisender zum Visum noch eine besondere Genehmigung für eine Reise nach Sikkim benötigt, ist dieser indische Bundesstaat für den Individualtourismus bisher wenig erschlossen, und das Angebot an einführender Literatur ist dementsprechend nicht groß. Das ist der Grund, weshalb wir unsere wie üblich zur eigenen Erinnerung niedergeschriebenen Notizen auch anderen zugänglich machen wollen.
Die Beschreibung unserer Reiseroute mag verdeutlichen, dass es in Sikkim viel zu sehen gibt, sowohl für solche, die wenig Zeit zur Verfügung haben als auch für solche, die nicht mehr ganz so jugendlich sind und vielleicht aus Furcht vor unwegsamen Höhenlagen eine Reise in diese Gegend bisher nicht in Betracht gezogen haben. Die Schönheit der Landschaft ist beeindruckend, noch mehr aber ist es die ursprüngliche Herzlichkeit der Menschen, die dort unter schwierigen Bedingungen ihr Leben meistern.
Unser Buch will kein Reiseführer sein, sondern lediglich als Anregung dienen, sich vielleicht selbst einmal ein Bild von Sikkim zu machen. Um die beschriebenen Reiseeindrücke besser verständlich werden zu lassen, stellen wir einen Einführungsteil voran, in dem sowohl die landeskundlichen wie die sozialen und kulturellen Gegebenheiten und deren historischer Hintergrund skizziert werden. Wer etwas mehr über den Buddhismus wissen will, sei auf den Nachtrag verwiesen.
Was wir erlebt und niedergeschrieben haben, kann lediglich als ein erster Eindruck verstanden werden, denn wir haben bisher nur einen kleinen Ausschnitt von Sikkim gesehen und sind uns bewusst, dass es dort noch weit mehr Interessantes und Schönes zu erleben gibt. Vollständigkeit haben wir also weder angestrebt noch war sie uns möglich.
Das gilt auch für die Beschreibung des Gesehenen, insbesondere können die vielen kulturellen Schätze mit wenigen Worten nicht geschildert oder erklärt werden. Ergänzungen wie Korrekturen sind darum unumgänglich.
Unser Bemühen war darauf gerichtet, nicht nur die eindrucksvolle Landschaft Sikkims, sondern vor allem auch seine liebenswerten und interessanten Bewohner vor dem Auge des Lesers lebendig werden zu lassen.
Wir weilten im Oktober und im März in Sikkim. Ist im Oktober der Himmel klar und man hat immer wieder den herrlichen Blick auf den Kanchenjunga, so kann man sich im Frühjahr vor allem an der Rhododendronblüte satt sehen. Aber auch zu jeder anderen Jahreszeit wird dort viel Interessantes und Schönes zu erleben sein.
Kehrt man von einer Reise nach Sikkim zurück, so scheint man ein anderer Mensch geworden zu sein – man hat wieder gelernt, die Ruhe zu genießen und schöpft noch aus der Erinnerung an diesen Aufenthalt Kraft für den Alltag mit seinen Problemen.
Da es für viele zumeist aus dem Tibetischen stammende Orts- und Landschaftsnamen und manche Fachbegriffe sehr unterschiedliche Schreibweisen gibt, wurde die in der deutschen Sprache leichteste Lesbarkeit gewählt.

 

2. Im Reich des Kanchenjunga

Eingebettet zwischen Nepal im Westen, China im Norden und Bhutan im Osten liegt Sikkim am Südhang des östlichen Himalaya. Das ehemalige Königreich ist nach Goa flächenmäßig der kleinste Bundesstaat der Indischen Union mit der geringsten Bevölkerungszahl. Mit einer Fläche von 7 096 km², die etwa der doppelten von Luxemburg entspricht, weist das durchweg gebirgige Land auf engstem Raum vielfältige Landschaftsformen auf, die von den nur etwa 300 m über dem Meeresspiegel liegenden Tälern bis zu den hoch aufragenden, schneebedeckten Gipfeln der Berge reichen. Fast drei Viertel der Landesfläche werden von Hauptketten des Vorderen und Hohen Himalaya bedeckt, die sich über das gesamte Land erstrecken. Seine Bildung wurde durch die tektonischen Vorgänge hervorgerufen, die bei der Plattenkollision Indiens mit Eurasien vor etwa 40–50 Mill. Jahren entstanden sind und noch heute wirken.
Es sind vor allem zwei lang gezogene Bergketten, die die Topographie der Region bestimmen, das ist im Westen des Landes die Singalila-Kette, ein Nord-Süd-Ausläufer des Himalaya mit dem Kanchenjunga-Massiv, das bis an die Grenze zu Nepal reicht. Im Norden sind es die Dongkya-Berge, die sich mit Höhen von 4 929 m bis zum tibetischen Hochland erstrecken. Im Osten breitet sich die Chola-Kette mit ihrer südwärts gerichteten Flanke aus, während im südöstlichen Teil die Pangolia-Berge die Grenze zu Bhutan bilden. Im Süden erstrecken sich in einem schmalen Streifen die Siwaliks als jüngste Gebirgsformation mit sanften Hügeln zwischen 600 m und 1 500 m, mildem Klima und üppiger Vegetation. Sie wurden durch große Sedimentablagerungen aus den Schwemmkegeln der Erosion gebildet und stellen als südliche Vorberge des Himalaya den Übergang zum Hochgebirge dar.
Durch die großen Höhenunterschiede auf kleiner Fläche weist der Bergstaat ganz unterschiedliche Klimazonen und Biotope auf. Die klimatische Vielfalt reicht von subtropischen Zonen im Süden bis zu alpinen Zonen im Norden, und die hohen Gipfel der Berge im Nordwesten sind das ganze Jahr über mit Schnee bedeckt. Oberhalb von 1.000 m herrscht gemäßigtes Klima mit Temperaturen, die im Sommer nur selten 28°C übersteigen und im Winter kaum unter 0ºC fallen. Hier befinden sich die meisten der bewohnten Regionen, deren Bevölkerung zumeist von der Landwirtschaft lebt.
Mit seiner Vielfalt an Pflanzen und Tieren ist Sikkim vor allem für Naturliebhaber attraktiv, so sind hier zum Beispiel mehr als 600 Schmetterlingsarten, 550 Vogelarten sowie etwa 400 Orchideenarten, mehr als 40 Rhododendrons, 23 Bambus-Sorten und 8 Baumfarne beheimatet. Seltene Tiere wie der vom Aussterben bedrohte Rote Panda, das Nationaltier Sikkims, Languren, Moschustiere, Dschungelkatzen, Schneeleoparden, der schwarze Himalayabär und Blauschafe leben hier noch in freier Wildbahn.
Dem Naturschutz wird in Sikkim ein hoher Stellenwert eingeräumt, so sind rund 13 Prozent der Landesfläche als Reservate ausgewiesen, und es gibt fünf ausgewiesene Naturschutzgebiete.
Zu den einzigartigen Schönheiten der Landschaft gehört das Gebirgsmassiv des Kanchenjunga an der Grenze zu Nepal, das mit seinem Hauptgipfel eine Höhe von 8 595 m erreicht. Er ist damit der höchste Berg Indiens und der dritthöchste der Welt. Der Kanchenjunga ist unter den Achttausendern der einzige Bergriese, der neben dem Hauptgipfel noch drei weitere Gipfel mit einer Höhe von mehr als 8.000 m und einen fünften Gipfel mit 7 903 m aufweist. Angesichts seiner majestätisch herausragenden Erscheinung und seiner massiven Gestalt ist es verständlich, dass er als heiliger Berg und als die Schutzgottheit des Landes von alters her verehrt wird.
Der Name Kanchenjunga kommt aus dem Tibetischen und wird meist mit „Die fünf Schätze des ewigen Schnees“ übersetzt. Damit sind seine fünf höchsten Gipfel gemeint, zu deren Füßen sich zahlreiche Gletscher mit großem Wasserreichtum befinden. Alten Mythen zufolge sollen auf jedem der fünf Gipfel kostbare Schätze verborgen sein, die aus Gold auf dem Hauptgipfel sowie Silber, Edelsteinen, Getreide und heiligen Schriften auf den anderen Gipfeln bestünden. Einer anderen Version zufolge werden neben den heiligen Schriften und Getreide auch Mineralien und Salz aufgezählt und Gold, Silber und Edelsteine als Reichtum zusammengefasst.
Die Ureinwohner Sikkims, die Lepchas, erbitten in vielen kleinen Schreinen das Wohlwollen der hier wohnenden Gottheit, um Erdbeben, Lawinen, zerstörende Fluten und Hagelstürme abzuwenden. Wegen ihrer Erfahrungen mit den Naturgewalten wird der Hauptgipfel des Eisriesen von ihnen als besonders heilig angesehen.
Sikkim ist zweifellos nach Nepal eines der attraktivsten Bergsteigergebiete in Asien.
Der Kanchenjunga gilt unter den Bergsteigern als ein sehr schwieriger Berg, nicht nur wegen der Höhe und der ständig wechselnden Wetterlage, sondern auch wegen der starken Winde und der technischen Probleme beim Klettern an den von Schnee- und Eisgraten durchsetzten Bergflanken. Die Erstbesteigung des Hauptgipfels galt lange Zeit für die Bergsteiger Europas als eine besondere Herausforderung, nachdem seit 1905 verschiedene Versuche erfolglos unternommen worden waren. Erst am 25.05.1955 war es den Briten Georg Band und Joe Brown möglich, bis in die Nähe des Gipfels zu gelangen. Aus Respekt vor dem Berg und den religiösen Gefühlen der Bewohner Sikkims beendeten sie wenige Meter unterhalb des eigentlichen Gipfels ihre Expedition und setzten damit ein Zeichen für alle nachfolgenden Gipfelstürmer. Alle Bergsteiger sowohl am Kanchenjunga als auch an den anderen, von den Einheimischen als heilig angesehenen Bergen werden heute von der staatlichen Behörde verpflichtet, wenige Meter unterhalb der Gipfel umzukehren, damit deren Unberührtheit bewahrt werde. Dadurch sind dem Bergsteigertourismus allerdings gewisse Grenzen gesetzt.
In der Nähe des Kanchenjunga befinden sich 28 weitere Hochgebirgsgipfel, die zu den sich in alle Himmelsrichtungen erstreckende Bergketten gehören.
Markante Abschnitte in der Hochgebirgslandschaft Sikkims bilden die Gebirgspässe, über die man die jenseits der Berge liegenden Täler erreichen kann. Die Namen der Pässe enden alle mit dem Wort La, das im Tibetischen Gebirgspass bedeutet. Auf eine lange und abwechslungsreiche Geschichte kann der Nathu La verweisen, der Sikkim mit China, d.h. mit dem autonomen Gebiet von Tibet verbindet. Durch seine geographische Lage, rund 56 km von Gangtok, der Hauptstadt Sikkims, und etwa 460 km von Lhasa, der Hauptstadt Tibets entfernt, war und ist er als Handelsweg von zentraler Bedeutung. Die Fernstrasse von Gangtok zum Nathu La gehört zu den am höchsten gelegenen befahrbaren Strassen der Welt. Auf den letzten Kilometern sind besonders viele Serpentinen zu bewältigen, um den steilen Anstieg zum Pass zu meistern. Aufgrund seiner Höhenlage von 4.545 m ist er allerdings in den Wintermonaten wegen starker Schneefälle und Temperaturen unter -25°C nicht befahrbar.
Bereits im Altertum war dieser Pass über die Chola-Gebirgskette ein Teil der südlichen Route auf der Seidenstrasse, die Lhasa mit den Ebenen Bengalens verband. Unter britischer Herrschaft trug er zu einem wachsenden Güteraustausch bei. Ende der 1950er Jahre diente er vielen Tibetern als Fluchtweg in das benachbarte Indien. Wegen der militärischen Auseinandersetzungen zwischen Indien und China wurde der Pass jedoch im Herbst 1962 geschlossen. Es dauerte mehr als 40 Jahre, bis er im Juli 2006 wieder geöffnet wurde. Für ausländische Touristen bleibt er jedoch noch immer gesperrt. Die Wiedereröffnung der Handelsroute über den Nathu La soll künftig die Zusammenarbeit im Wirtschafts- und Handelsbereich zwischen beiden Ländern sowie die Entwicklung der bilateralen Beziehungen fördern. Wo einst Yak- und Maultierkarawanen auf den traditionsreichen Seiden- und Gewürzrouten entlang zogen, verkehren nunmehr schwer beladene Lkws auf den engen und kurvenreichen Gebirgsstrassen des Himalaya. Von dem regen Grenzverkehr erhofft sich Sikkim wichtige wirtschaftliche Impulse.
2009 wurde das erste Land-Datenkabel zwischen Indien und China über den Nathu La verlegt.
Ein weiterer Gebirgspass an der Ostgrenze Sikkims ist der Jelep La, für den eine Höhe von 4.386 m angegeben wird. Sein Name kommt aus dem Tibetischen und bedeutet „Pass der schönen Ebene“, weil sein Übergang mit fast 46 m Länge einem Sattel ähnelt, der auf den Weg zum Chumbi Tal in die tibetische Hochebene führt. Auf indischer Seite gibt es zwei Routen, die zum Pass führen. Die ältere Route führt von Kalimpong im Darjeeling-Distrikt über Pedong und Rhenok (etwa 63 km östlich von Gangtok) weiter nach Kupup, einem der höchstgelegenen Orte in der Region. Kupup war schon während des Handels auf der Seidenstrasse ein weithin bekannter Umschlagplatz und spielte auch später eine wichtige Rolle im Handel mit Pelzen und Wolle. 1962 hat der Pass mit der Schließung seine Bedeutung für die wirtschaftliche Lage der Region verloren, doch es bestehen Hoffnungen, dass auch seine Öffnung bevorsteht. Die andere Route führt von Gangtok über Sherathang nach Kupup. Anders als der nur 6 km entfernte Nathu La kann der Jelep La durch seine günstige geografische Lage ganzjährig genutzt werden.
Zu den wichtigsten Pässen im Westen Sikkims gehören der Chiwabhangjang (3.400 m) und der Kang La (5.004 m), die von alters her für die Überquerung des Singalila-Gebirgskamms an der Grenze zu Nepal genutzt werden. Die Zahl der Touristen, die über diesen Pass ihre ausgedehnten Hochgebirgswanderungen unternehmen, wächst von Jahr zu Jahr wegen der Schönheit der Landschaft, insbesondere durch den Fernblick auf den Kanchenjunga.
Ein großer Teil der Berge erhebt sich mit Höhen von mehr als 5.000 m bis oberhalb der Schneegrenze, so dass die Sommerwärme hier nicht mehr ausreicht, um den im Winter gefallenen Schnee zu schmelzen. In dieser Region des ewigen Schnees bilden sich deshalb riesige Eismassen, die sich in Form von Gletschern auf Grund der Hangneigung und anderer Faktoren von den Hochgebirgsriesen in die tiefer gelegenen Ebenen bewegen. Die größten und wichtigsten Gletscher befinden sich vorwiegend in Nordsikkim am Osthang des Singalila-Gebirgskamms.
Der größte unter Sikkims Gletschern ist der Zemu-Gletscher mit einer Länge von 26 km, der sich in einem hufeisenförmigen Tal am Fuße des Kanchenjunga-Massivs im Nordwesten Sikkims befindet. Er gilt als der längste Gletscher des östlichen Himalaya, obwohl das Zemu-Tal relativ niedrig gelegen ist. Seine Länge verdankt er vor allem der größeren Niederschlagsmenge im östlichen Himalaya durch den Sommermonsun, aber auch der räumlichen Nähe zum Golf von Bengalen, von dem die Gletscher reichlich mit Niederschlägen versorgt werden.
Auffällig sind die Gletscherzungen im Bereich des Kanchenjunga, die relativ tief liegen und doch große Talgletscher ausbilden. Die hohen Niederschläge am Kanchenjunga führen zu großen Eismassen, die auch die höheren Temperaturen in den niedriger gelegenen Talböden für längere Zeit überstehen, wodurch sie sich über viele Kilometer talwärts bewegen können.
Das Schmelzwasser der Gletscher speist dann die zahlreich vorhandenen umliegenden Seen, die zu Quellgebieten für Flüsse werden, wenn das angesammelte Wasser auf natürliche Weise austritt. Viele der Hochgebirgsseen befinden sich in großen Höhenlagen und frieren dadurch monatelang zu.
Einige der Seen sind nicht nur touristische Attraktionen, sondern werden als heilige Stätten von Pilgern verehrt.
Zu den bekanntesten Bergseen in Nordsikkim gehört der Gurudongmar Lake, der knapp 5 km von der Grenze zu Tibet entfernt ist und deshalb nur mit Sondergenehmigung besucht werden kann. Auf Grund seiner Höhenlage mit 5 210 m ist der See von November bis Mitte Mai zugefroren. Sowohl für Buddhisten als auch für Hindus gilt der See als heilige Pilgerstätte, und seinem Wasser werden wundersame Heilkräfte nachgesagt. Große Verehrung erfährt der See von den Sikhs. Der Legende nach soll Guru Nanak, der Religionsstifter des Sikhismus, 1516 bei seiner dritten Reise nach Tibet auch an diesem Bergsee vorbei gekommen sein. Nachdem Yak-Züchter ihn um Hilfe bei der Beschaffung von Wasser für die Tiere baten, soll er den See an einer Stelle berührt haben, die seitdem nicht mehr zufriert. Auch Padmasambhava (tibetisch Guru Rimpoche, der kostbare Lehrer), ein buddhistischer Mystiker aus dem 8. Jh., der von entscheidender Bedeutung für die Verbreitung des Buddhismus in Tibet war und im Zentrum der religiösen Gläubigkeit der Buddhisten in Sikkim steht, soll hier der Überlieferung zufolge meditiert haben.
Umgeben von schneebedeckten Bergen gehört der Bergsee mit seinem smaragdfarbenen Wasser in den Sommermonaten zu den eindrucksvollsten Sehenswürdigkeiten in Nordsikkim.
Ein bei indischen Touristen beliebter Ausflugsort ist ein anderer Bergsee, der nur 38 km östlich von Gangtok entfernte und 3.780 m hoch gelegene Tsomgo Lake. Der rund 1 km lange Gletschersee fasziniert nicht nur durch seine Umgebung, sondern auch durch das massenhafte Auftreten von Brahminie-Enten und anderen Zugvögeln, die sich hier zu einer kurzen Rast aufhalten.
Großer Beliebtheit und Verehrung erfreut sich auch der Khechopalri Lake in Westsikkim, der, in rund 1.700 m Höhe inmitten eines dichten Mischwaldes gelegen, als der heiligste See in Sikkim gilt. Zahlreiche Pilger aus Sikkim, Bhutan und Nepal kommen hierher. Dabei darf das Wasser des Sees nur für Riten und Rituale verwendet werden, Baden und Boot fahren sind strengstens verboten. Für viele Gläubige gilt der See auch als Wunsch erfüllender Ort. Für Sikkims Buddhisten ist der Bergsee besonders heilig, weil er mit seiner Form den Fußabdruck von Buddha symbolisiert.
Als Sikkims höchster Bergsee gilt der Chho Lhamo Lake, der auf einem Hochplateau in rund 5 330 m Höhe gelegen ist, das sich bis Tibet erstreckt. Durch seine Nähe zur tibetischen Grenze, die etwa 5 km entfernt ist, kann er nur mit Sondergenehmigung aufgesucht werden. Im Herbst, bevor der mittelgroße See völlig zufriert, tummeln sich hier tausende Zugvögel aus Russland und China für eine kurze Rast auf ihrer langen Reise in den Süden. Der Chho Lhamo Lake ist der von den Einheimischen am häufigsten besuchte Bergsee, auch wenn es besonders beschwerlich ist, ihn auf dem steilen Weg durch steiniges Gelände zu erreichen.
Die hohen Bergseen, in denen nicht nur das Schmelzwasser der umliegenden Gletscher, sondern auch die reichlichen Niederschläge während des Monsuns gesammelt werden, bilden häufig die Quellgebiete für Gletscherflüsse. So gilt der Chho Lhamo Lake durch das Schmelzwasser vom Tista-Khangse-Gletscher unterhalb des Pauhunri (7 128 m) unweit der tibetischen Grenze als Quelle des Tista-Flusses. Als reißender Gletscherbach schneidet er sich zunächst tief ins Gebirge ein und erreicht mit seinem Lauf nach Süden sehr schnell tiefer gelegene Gebiete. Über weite Strecken bahnt sich der Fluss oftmals mit großem Getöse seinen Weg durch steilhängige Täler, die zum Teil aus wenig verfestigten Gesteinen wie Tonglimmerschiefern (Phylliten) und Kalksteinen, aber auch aus magmatischen und metamorphen Gesteinen wie Gneisen und Graniten bestehen. Die tief eingeschnittenen Schluchten sind daher nicht nur steil und schmal, sondern auch voller Geröll aus Felsgestein, das als Sedimentfracht vom Fluss mitgeführt wird. Bei der Stadt Rangpo nimmt die Tista das Wasser des Rangpo-Flusses auf, mit dem sie einen Teil der Grenze von Sikkim zu Westbengalen bildet. Weiter südwärts vereinigt sie sich mit der Rangit, dem größten ihrer zahlreichen Nebenflüsse, bevor sie ihren Lauf in südöstliche Richtung fortsetzt. Hier zwischen den Städten Rangpo und Sevoke befindet sich auch die Coronation Bridge, die anlässlich der Krönung von König Georg VI. von England in den Jahren 1937 bis 1941 errichtet wurde und eine wichtige Strassenverbindung zwischen Darjeeling und New Jalpaiguri darstellt. New Jalpaiguri ist neben Siliguri eine der beiden am nächsten gelegenen Eisenbahnstationen (beide in Westbengalen). Bei den Einheimischen gilt die „Lohapul“ (Eisenbrücke) als große Sehenswürdigkeit, denn das tief eingeschnittene Flussbett und die starke Wasserführung der Tista erforderten eine große Bogenspannweite und damit eine auffällige Stahlkonstruktion.
Die Rangit entspringt in Westsikkim und wird zunächst vom Schmelzwasser des Rathong-Gletschers, später auch von Nebenflüssen wie Rimbli, Kalej, Rishi, Roathak u. a. gespeist. An der Einmündung der Rangit in die Tista bei Melli sind Wildwasser-Floßfahrten möglich.
Die Tista gilt in Sikkim als Lebensader, die mit ihrem rund 315 km langen Lauf nach dem Süden zusammen mit vielen Zubringerflüssen ein stark vernetztes Gewässersystem bildet, das ganzjährig wasserreich ist und darum über ein großes Wasserkraftpotential für die Erzeugung von Elektroenergie verfügt. Die ersten Wasserkraftwerke an Tista und Rangit, den beiden wichtigsten Flüssen in Sikkim, wurden bereits errichtet, und ihnen sollen in den nächsten Jahren weitere folgen. Man verspricht sich aus der Nutzung des enormen Gefälles der Tista für die Stromerzeugung hohe Einnahmen aus dem Energieexport in die Nachbarländer Bihar und Westbengalen. Derartige Pläne und Projekte stoßen jedoch auf zunehmende Ablehnung unter der Bevölkerung. Bei Naturschützern und Geologen besteht die Befürchtung, dass die Druckverhältnisse in der von Erdbeben gefährdeten Region durch die wassertechnischen Bauten nachhaltig gestört werden. Das Erdbeben von 2011, bei dem offiziell 70 Todesopfer im dünn besiedelten Sikkim angegeben wurden, verstärkte die Befürchtung, dass möglicherweise der Bau von Dämmen zu dem schweren Erdbeben in der Nähe der Grenze zu Nepal geführt hat. Geologen warnen vor weiteren Beben in der Region, auch weil dadurch Auswirkungen auf den Verlauf der Tista möglich sind, vor allem aber, weil das ganze Himalaya-Gebiet eine seismische Unruhezone darstellt. So werden die Zweifel am Nutzen der Staudämme angesichts der gewaltigen Umweltschäden durch die Veränderung des Wasserhaushalts in Verbindung mit der religiös motivierten Ablehnung der Pläne gegenwärtig immer lauter. Naturschützer fürchten darüber hinaus, dass einzigartige Lebensräume für Tiere und Pflanzen im Einzugsbereich der Tista verloren gehen.
Die Menschen in Sikkim leben vor allem von Subsistenzlandwirtschaft. Auf kleinsten Ackerflächen der sich die Hänge steil hinaufziehenden Terrassenfelder wachsen je nach Höhenlage Reis, Mais, Gerste, Buchweizen, Hirse, Chilli, Hülsenfrüchte, Kartoffeln, Senfsamen, Gemüse und Obst aller Art wie Mandarinen, Äpfel, Papaya, Guaven und Bananen. Neben Tee werden auch Heil- und Gewürzpflanzen angebaut. In den letzten Jahrzehnten haben sich Kardamom und Ingwer zu Sikkims Hauptexportgütern entwickelt. Außer der Champignonzucht entwickelt sich auch die Blumenzucht, für die es in der Hauptstadt Gangtok, aber auch in den Städten des benachbarten Westbengalen einen guten Absatzmarkt gibt. Obwohl nur 15 % der Landesfläche landwirtschaftlich genutzt werden können, bildet der Agrarbereich einschließlich Forstwirtschaft und Viehhaltung den wichtigsten Wirtschaftszweig, in dem mehr als zwei Drittel der Bevölkerung beschäftigt sind. Daneben befinden sich in den Städten Melli und Jorethang nahe der Grenze zu Westbengalen auch einige Unternehmen der verarbeitenden Industrie, wie etwa Brauereien, Brennereien, Gerbereien und die Fertigung von Armbanduhren. Andererseits ist der Abbau von Bodenschätzen wie Kupfer, Kohle, Kalkstein, Eisen, Zink, Blei und anderen Mineralien bisher noch wenig entwickelt, weil die Förderung, Aufbereitung und der Transport hohe Investitionen erfordern und enorme Umweltprobleme beinhalten. Aber auch der in der Bevölkerung noch weit verbreitete Glaube, dass die Ausbeutung der unter der Erde befindlichen Schätze Missernten und Krankheiten für Mensch und Tier zur Folge haben würde, steht dem entgegen.
In jüngster Zeit wird die Bedeutung des Tourismus für den wirtschaftlichen Aufschwung zunehmend betont, der sich zum größten Wirtschaftsfaktor entwickeln soll.
Sikkims Potential in der Wirtschaft und im Tourismus wird durch die fehlende Infrastruktur, die zu schaffen und zu sichern in dem vielgestaltigen Bergland äußerst problematisch ist, stark eingeschränkt. Mitte des 19. Jh. haben die Briten mit dem Bau von Strassen in Sikkim begonnen. Die meisten Strassen, die seitdem errichtet wurden, sind eng, führen überwiegend einspurig am meist steilen Hang entlang und winden sich mit vielen Serpentinen die steil ansteigenden Berghänge hinauf und in die tiefen Täler hinunter. Jede Straße in der tektonisch aktiven Himalaya-Region wird naturbedingt zu einer Dauerbaustelle, auch wenn sehr viel Geld investiert wird, um durch Wasserablaufregulierung, Straßen- und Hangbefestigungen usw. zu verhindern, dass herabstürzendes Geröll und lehmige Erdmassen die Straßen immer wieder unpassierbar machen.
Die einzige Fernverkehrsstrasse ist der National Highway 31A (NH 31A) mit einer Länge von 149 km, der über weite Strecken entlang des Tista-Flusslaufes von Sevoke bis nach Gangtok und zum Nathu La führt. Wegen ihrer strategischen Bedeutung genießt diese Straße die besondere Aufmerksamkeit des indischen Militärs, denn über sie erfolgt der gesamte Nachschub für die an der Grenze stationierten Truppen. Deshalb pendeln ständig Militärkonvois zwischen den Versorgungseinheiten im bengalischen Siliguri und den Militärstützpunkten an den Grenzen zu Tibet, Bhutan und Nepal.