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Rauchfuß, Martina / Kuhlmey, Adelheit u.a. (Hg.)

Frauen in Gesundheit und Krankheit: Die neue frauenheilkundliche Perspektive

trafo verlag 1996, 168 S., zahlr. Abb., geb., ISBN: 3-930412-96-9

 

Zum Inhalt

Die Einheit von Psyche, Soma und sozialen Lebensumständen ist in der Frauenheilkunde besonders augenfällig. So sind bei Erkrankungen im gynäkologischen Bereich Frauen immer auch in ihrer weiblichen Identität betroffen. Probleme, die mit der Rolle der Frau in Partnerschaft, Familie und Beruf zusammenhängen, können ihren Ausdruck in psychosomatischen gynäkologischen Störungen finden. Weibliche Gesundheit wird wesentlich beeinflußt vom ungestörten oder gestörten Ablauf physiologischer Prozesse wie Pubertät, Menstruationszyklus, Schwangerschaft und Geburt, Sexualität und Klimakterium. Frauen selbst sehen Gesundheit und Krankheit im Kontext ihrer Lebenssituation.

Sie reagieren häufiger als Männer auf Belastungssituationen mit physischer oder psychischer Dekompensation und reflektieren diesen Zusammenhang von Krise und körperlicher Störung. Frauen scheinen das "kranke Geschlecht" zu sein. Sie klagen häufiger über körperliche Beschwerden, aber auch über Angst, Depression und seelische Konflikte, sie suchen öfter einen Arzt auf als Männer, sie nehmen mehr Medikamente und sind länger krankgeschrieben. Durch Schwangerschaft, Geburt und Kinderversorgung sind Frauen zusätzlichen physischen und psychischen Belastungen ausgesetzt. Dennoch liegt ihre Lebenserwartung heute deutlich über der männlichen.

Die heutige Medizin ist hochtechnisiert und spezialisiert. Sie orientiert sich bislang wenig an der Morbiditätsstruktur der Bevölkerung und an einem bio-psycho-sozialen Modell von Gesundheit und Krankheit. Psychosoziale Forschung aber auch die entsprechende Lehre erfolgt an den Universitäten separiert in speziellen Fachgebieten, u.a. der Medizinischen Psychologie, der Medizinischen Soziologie, der Psychosomatischen Medizin oder der Sozialmedizin. Eine Integration in die einzelnen klinischen Fachgebiete und eine Kopplung mit Fächern der Grundlagenwissenschaften fehlt. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und dies, obgleich der in der Praxis tätige Arzt täglich mit dem bio-psycho-sozialen Bedingungsgefüge von Gesundheit und Krankheit konfrontiert ist: Prävalenzen psychosomatisch-psychoneurotischer Störungen werden mit 11,3 % bis 38,4 % angegeben. Zwischen Erkrankung und kompetenter Behandlung liegen bei Patienten mit psychosomatischen Störungen 6 bis 8 Jahre, in denen häufig aufwendige Diagnostik- und Therapieverfahren durchgeführt werden und lange Krankschriften erfolgen. Dabei bestätigen Untersuchungen die Effizienz ganzheitlicher, eine Psychotherapie einbeziehender Konzepte bei der Behandlung solcher Erkrankungen. Deter (1986) konnte z.B. durch eine krankheitsorientierte Gruppenpsychotherapie bei Asthma bronchiale die Arbeitsunfähigkeit von 58 auf 27,5 Tage senken. Die Hospitalisierungstage reduzierten sich sogar von 24 auf 3 Tage pro Jahr. Erfahrungen der HerausgeberInnen in der Behandlung von Frauen z.B. mit Schwangerschaftskomplikationen oder mit chronischer Scheidenentzündung bestätigen diese Ergebnisse.

Die beschriebenen Tatsachen und Defizite führten dazu, das die HerausgeberInnen eine Ringvorlesung mit dem Thema "Frauen in Gesundheit und Krankheit – Perspektiven einer Psychosozialen Frauen(heil)kunde" initiierten. Den Studierenden der Medizin, aber auch anderer natur- und geisteswissenschaftlicher Fachrichtungen, Frauenärztinnen und -ärzten und einer interessierten Öffentlichkeit sollte eine neue Perspektive der Frauenheilkunde und ein ganzheitliches Verständnis von Frauengesundheit und -krankheit nahegebracht werden.

Eine solche Veranstaltungsreihe hat an der Humboldt-Universität eine Tradition, die bis in die 20er Jahre zurückreicht. Wilhelm Liepmann hatte damals an der Humboldt-Universität den Lehrstuhl für Soziale Gynäkologie und leitete darüberhinaus in Charlottenburg das vom Hauptverband der Deutschen Krankenkassen getragene "Deutsche Institut für Frauenkunde". Er hielt u.a. Vorlesungen zu "Gegenwartsfragen der Frauenkunde". Max Hirsch forderte 1931: "Als Forschungs- und Lehrstätten der sozialen Gynäkologie sind Sozialabteilungen an Universitätsfrauenkliniken und Hebammenlehranstalten einzurichten." Diese Notwendigkeit begründete er mit heute nicht weniger aktuellen Problemen: "Wie alle Zweige des modernen Lebens ist auch der frauenärztliche Beruf in Technik und Arbeitsteilung hineingeraten. Sie haben die Frauenheilkunde aufgespalten und entseelt. Spezialisierung und Technisierung sind unvermeidbar. Aber die Entseelung braucht nicht zu sein. Sie ist vermeidbar."

Die Ringvorlesung "Frauen in Gesundheit und Krankheit – Perspektiven einer psychosozialen Frauen(heil)kunde" fand im Wintersemester 1994/95, in gemeinsamer Verantwortung der Humboldt- und der Freien Universität und der Berliner Ärztekammer, statt. Für die Vorlesungen konnten sehr kompetente Referentinnen und Referenten des In- und Auslandes gewonnen werden. Die Vortragsreihe fand großes Interesse und eine breite Resonanz. Die VeranstalterInnen wurden nachdrücklich um eine schriftliche Dokumentation gebeten. Wir haben uns daher zur Herausgabe der Beiträge entschlossen.

In diesem nun anzukündigenden ersten Band sind 8 der insgesamt 17 Vorträge enthalten, die unter dem Titel der "neuen frauenheilkundlichen Perspektive" zusammengefaßt wurden. Der geplante zweite Band, der etwa im Frühjahr 1996 erscheinen wird, integriert weitere 9 Beiträge unter dem Gesichtspunkt der "psychosozialen Lebensperspektive" von Frauen.

Der hier anzukündigende Band 1 wird eingeleitet mit einem Beitrag von Christian Lauritzen. Der Emeritus der Frauenheilkunde hat seit Jahren aus der Perspektive der belletristischen Literatur und der Kunstgeschichte jene Frauenschicksale dokumentiert, die ihm als Arzt persönlich begegnet sind. In ureigener Diktion eines Nestors der deutschen Frauenheilkunde werden in dem Beitrag prägnante Fundstellen dargestellt, die seit Jahrhunderten mit der weiblichen Biographie unter besonderer Berücksichtigung ihrer Reproduktionsrolle, oft tragisch, verbunden sind.

Peter Schneck beschreibt die Geschichte der Sozialen Gynäkologie in Deutschland. Er macht die Eck- und Streitpunkte dieser Entwicklung an bedeutenden Vertretern dieses Faches fest. Dabei schlägt er inhaltlich einen Bogen über die gesamte Spannbreite sozialgynäkologischen Wirkens. Sie reicht von der Beschäftigung mit den Auswirkungen weiblicher Berufstätigkeit auf die Gesundheit von Frauen und auf den Verlauf von Schwangerschaft und Geburt bis hin zur Ehe-, Sexual- und Kon-trazeptionsberatung. Der Beitrag von Martina Rauchfuß beschäftigt sich mit den Grenzen somatischer Konzepte in der Geburtsmedizin. Ausgehend von diesen Defiziten beschreibt sie psychosoziale Hintergründe unterschiedlicher Schwangerschaftskomplikationen und entwirft schlußfolgernd Konzepte für eine sozio-psycho-somatisch orientierte Begleitung in der Schwangerschaft.

Die Betreuung von Paaren mit "unerfülltem Kinderwunsch" ist das Thema, mit dem sich Heribert Kentenich in seinem Beitrag auseinandersetzt. Er beleuchtet dabei die psychosozialen Hintergründe der Sterilität, die empfundenen Kränkungen der Paare ebenso wie die Aus-wirkungen der therapeutischen Maßnahmen. Kentenich resümiert aus seinen Erfahrungen das Konzept einer psychosomatischen Betreuung.

Die Möglichkeiten der Übertragung theoretischer Erkenntnisse der Frauengesundheitsforschung in die Praxis sind das Thema Beate Wimmer-Puchingers. Zunächst beleuchtet sie die Defizite der herkömmlichen medizinischen Versorgung von Frauen, um, im Anschluß daran, Richtlinien zur Verbesserung in der Frauengesundheitsforschung aufzuzeigen. An Hand des WHO-Projektes "Frauengesundheitsförderung an einer Frauenklinik" stellt Wimmer-Puchinger beispielhaft vor, wie konzeptionelle Überlegungen und Ziele durch Team- und Organisationsentwicklung erfolgreich in die Praxis umgesetzt werden konnten.

Renate Volbert setzt sich in ihrem Beitrag mit dem sexuellen Mißbrauch von Kindern auseinander, in dem sie Ursachen, Folgen und Therapiemöglichkeiten diskutiert. Zugleich reflektiert sie kritisch die in Medien und Wissenschaft geführte, häufig ideologisierte Debatte um dieses Thema. Volbert plädiert für eine auf empirisch belegten Fakten basierende Auseinandersetzung, wobei sie auch auf die methodischen Probleme der Datengewinnung verweist.

Marianne Ringler setzt sich in ihrem Beitrag mit der Komplexität menschlicher Sexualität auseinander, mit der GynäkologInnen in der Praxis konfrontiert werden. Sie stellt fest, daß Probleme in diesem Bereich trotz sexueller Liberalisierung weder an Häufigkeit abgenommen, noch an Bedeutung verloren haben. Um so bedauerlicher ist es ihrer Meinung nach, daß die gynäkologische Ausbildung die Beratungskompetenz vernachlässigt. In ihren Ausführungen geht Ringler auf die Ursachen und Folgen sexueller Probleme und Störungen ein und weist – unter Berücksichtigung von Gesprächstechniken – auf mögliche Therapieansätze.

Judith Esser-Mittag stellt die Aufgaben vor, die sich die Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendgynäkologie gesetzt hat, um die bislang defizitäre frauenärztliche Versorgung heranwachsender Mädchen zu verbessern. Sie beschreibt zunächst Ursachen und Konsequenzen dieses Defizits und berichtet dann über die Erfahrungen und Erfolge der "Ärztlichen Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau", in deren Auftrag sie arbeitet.

Der Band wendet sich, unterstützt durch eine am breiten Verständnis orientierte Darstellung der Sachverhalte, nicht nur an Ärztinnen und Ärzte und andere medizinische Fachleute, sondern gleichzeitig (und bewußt gewollt) an alle Leserinnen und Leser, denen die Gesundheit und das Wohlbefinden von Frauen und Mädchen – aus Betroffenheit oder Engagement heraus – am Herzen liegt.

 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Frauenschicksale im Lichte der schöngeistigen Literatur.
Christian Lauritzen, Ulm

Zur Geschichte der sozialen Gynäkologie.
Peter Schneck, Berlin

Psychosoziale Aspekte von Schwangerschaftskomplikationen.
Martina Rauchfuß, Berlin

Psychosomatische Aspekte des unerfüllten Kinderwunsches.
Heribert Kentenich, Berlin

Women Friendly Service – oder "Von Daten zu Taten".
Beate Wimmer-Puchinger, Wien

Empirische Befunde zum sexuellen Mißbrauch von Kindern.
Renate Volbert, Berlin

Sexuelle Probleme in der gynäkologischen Sprechstunde.
Marianne Ringler, Wien

Gesundheitsförderung für heranwachsende Mädchen.
Judith Esser-Mittag, Wien