Daniela Weber

“Verfolgung – Vertreibung – Überleben: Frauen in den Weltfluchtbewegungen”

[= Auf der Suche nach der verlorenen Zukunft, Bd. 3]
trafo verlag 1996, 162 S., ISBN 3-930412-95-0,  EUR 13,80

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Zum Inhalt:

Die weltweiten Fluchtbewegungen haben sich von den 80er auf die 90er Jahre hin stark verändert: quantitative und qualitative Verschärfungen sind auszumachen, die den Schluß zulassen, daß Flucht ein weltweiter Zustand geworden ist und noch mehr werden wird. Gab es Ende des Jahres 1987 noch 14 -15 Millionen Flüchtlinge und ca. 10 Millionen Binnenvertriebene, sind es Mitte der 90er Jahre mehr als 23 Millionen Flüchtlinge und weitere 26 Millionen Menschen, die innerhalb ihrer Heimatländer vertrieben sind. Existierten in den 80er Jahren vor allem mehrere große, konstante Flüchtlingspopulationen und anhaltende Fluchtsituationen, gibt es demgegenüber in den 90er Jahren viele rasch aufeinanderfolgende Fluchtbewegungen einer immensen Anzahl von Menschen. Insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent sind sie massiv und werden voraussichtlich weiter zunehmen. Das Ende des Ost-West-Konflikts und die Verschärfung der Nord-Süd-Gegensätze tragen entscheidend zur Verarmung breiter Bevölkerungsschichten bei und damit zu Versuchen, Macht und damit den Zugang zur Versorgung zu monopolisieren. Vernichtung von Lebensgrundlagen und Vertreibung sind die Konsequenzen. Flucht ist für Millionen von Menschen die einzige noch mögliche Alternative geworden, um der Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen zu entkommen. Vielfach glückt dies nicht mehr. In zunehmendem Maße gibt es für Konflikte und die von ihnen Betroffenen keine wirklichen Grenzen: Vertreibung und Flucht werden ununterscheidbar. Flucht ist dann kein situatives Ereignis mehr, sondern wird zum Zustand, in dem sich ein immer größerer Teil der Menschheit befindet.

Vor diesem Hintergrund beschreibt die Autorin die Lage von Frauen in den Fluchtbewegungen der “Dritten Welt”. Im Buch wird der Tatsache, daß die große Mehrheit der erwachsenen Flüchtlinge weiblich ist und Frauen somit die hauptsächlichen Trägerinnen von Fluchtbewegungen sind, umfassend Rechnung getragen. Die wichtigsten Bereiche des Lebens in einem Flüchtlingslager – gesundheitliche Probleme, Nahrungsmittelhilfe, Brennholz- und Wasserversorgung und psychische Gesundheit  – werden auf ihre Auswirkungen auf weibliche Flüchtlinge hin betrachtet. Aspekte der elementaren Gesundheitsversorgung wie Familienplanung und AIDS, Auswirkungen der Traumata von Verfolgung, Flucht und Exil werden mit einbezogen. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln und die Art und Weise ihrer Verteilung wird als ein politisch bedeutsamer Bereich für weibliche Flüchtlinge behandelt. Bildungsprojekte und Projekte zur Einkommensbeschaffung für weibliche Flüchtlinge werden dargestellt und unter dem Gesichtspunkt ihrer Einbettung in globale wirtschaftlich/politische Zusammenhänge untersucht. Handlungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten von Frauen in einem Flüchtlingslager werden thematisiert. Ebenso werden rechtliche Instrumente des Flüchtlingsschutzes und speziell für weibliche Flüchtlinge konzipierte Richtlinien auf ihren Gehalt und ihre Bedeutung für Frauen hin beleuchtet.
Der Schwerpunkt des Buches liegt auf der Beschreibung und Analyse von sexueller Gewalt gegen weibliche Flüchtlinge und gegen Frauen allgemein: Verfolgung, Flucht und Asyl haben für Frauen andere und spezifische Formen und Konsequenzen. So ist die Verfolgung durch sexuelle Gewalt frauenspezifisch und wird kulturübergreifend und unterschiedslos an Frauen ausgeübt. Auch während einer Flucht sind Frauen dieser Art der Gewalt ausgesetzt. Für weibliche Flüchtlinge verschwimmen die Stationen ihrer Verfolgung dann, wenn sie auch im Erstasylland massiv durch sexuelle Gewalt bedroht sind. In einer Situation von extremer Abhängigkeit und Rechtlosigkeit, wie sie im Exil üblich ist, ist sexuelle Gewalt in aller Regel ein Grundbestandteil im Leben weiblicher Flüchtlinge. Die existierenden internationalen Programme und Rechtsinstrumente werden von der Autorin daraufhin untersucht, ob sie taugliche Methoden darstellen, weibliche Flüchtlinge effektiv zu schützen; praktische Ansätze wie die Erhöhung der Sicherheit für Frauen durch eine bewußt geplante bauliche und soziale Struktur eines Lagers werden dargestellt. Ziel dieser Schwerpunktsetzung durch Daniela Weber ist es, die Zusammenhänge von sexueller Gewalt gegen alle Frauen zu erhellen und die noch deutlichere Betroffenheit weiblicher Flüchtlinge herauszukristallisieren, die von ihr als Extremform der Situation, in der sich alle Frauen befinden, gesehen wird. Fluchtbewegungen insbesondere von Frauen können als Effekte einer Kulmination von struktureller Gewalt und akuten Konflikten beschrieben werden.
Frauenorganisationen weltweit haben in der letzten Dekade als Ergebnis jahrzehntelanger politischer Arbeit einen internationalen Diskurs in Gang setzen können, der diese Realitäten nicht mehr verleugnen kann, sondern zunehmend benennt und erste Schritte dagegen in Gang gesetzt hat. Die “internationale Gemeinschaft” kann die Existenz einer weltweiten Frauenbewegung und die von ihr durchgesetzte Verknüpfung von Frauenpolitik mit dem Menschenrechtsdiskurs nicht mehr ignorieren.
Daniela Weber leistet einen wichtigen Beitrag, um diesen Prozeß weiter voranzutreiben. Hinter den nüchternen Überschriften der Kapitel ihres Buches bietet sie einen erschütternden Einblick in die besondere Betroffenheit weiblicher Flüchtlinge. Und sie wirbt mit ihrem Buch ebenso sachkundig wie leidenschaftlich für die umfassende Unterstützung einer Politik, die verhindert, daß Verfolgung, Vertreibung und Flucht zum Überlebensschicksal immer größerer Teile der Menschheit werden.