Meyer, Hansgünter (Hg.)

Der Dezennien-Dissens.
Die deutsche Hochschul-Reform-Kontroverse als Verlaufsform

[= Abhandlungen der Leibniz-Sozietät, Bd. 20], trafo verlag 2006, 532 S., zahlr. Abb. und Tab., ISBN (10) 3-89626-634-9, ISBN (13) 978-3-89626-634-7, 49,80 EUR

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Inhaltsverzeichnis

 

Vorwort 7

 

Teil I: Die Hochschul-Reform-Kontroverse nach Grundfragen betrachtet 19

Der Dezennien-Dissens – Begriff und Themen 21

Hansgünter Meyer

Der Aufstieg der philosophischen Fakultät im 19. Jahrhundert – Keimzelle des modernen Universitätsprofils 223

Hubert Laitko

Education, knowledge and social differentiation: new elites and new inequalities? 261

Reinhard Kreckel

"Elite reproduction and the role of European universities" 277

Claudius Gellert

Putting Science in Its Place? Zur Virtualisierung der deutschen ‘Elite’-Förderung 289

Marcel Lepper

Neoliberalismus, Wissenschaft und Gemeineigentum 297

Hans-Gert Gräbe

 

Teil II: Hochschul-Reform-Kontroverse nach Handlungsoptionen betrachtet 315

Hochschulzugang – neue Chancen oder Risiken? Veränderungen beim Hochschulzugang durch hochschuleigene Auswahlverfahren 317

Dirk Lewin/Irene Lischka

Externe Expertise in der Hochschulpolitik. Varianten und Funktionen des Beratungswesens, illustriert mit Beispielen aus der Berliner Landespolitik 333

Peer Pasternack

Geschlechtergleichstellung als externer Imperativ an Hochschulen? Ein anachronistisches Paradoxon 347

Uta Schlegel

Staatlich angeordnete Studienstrukturreform. Die Umsetzung des Bologna-Prozesses in Deutschland 371

Andreas Keller

‘Gehäuse’ und ‘Füllung‘. Zum Verhältnis von Institutionen und Erkenntnisprozessen 379

Marcel Lepper

 

Teil III: Zeitgeschichtliche Konditionen und Prämissen des Akteurshandelns 389

Soziale Ungleichheiten in der Reproduktion von Akademikern in den (noch) beiden deutschen Staaten 1990 und in den alten und neuen Ländern heute 391

Gustav-Wilhelm Bathke

Prospektivisches: Der alternative Hochschuldiskurs 425

Eine Zwischenbemerkung des Herausgebers

Das zerstörte Kettenglied. Brüche und Verluste in den Sozial- und Geisteswissenschaften zwischen der untergegangenen DDR und dem vereinigten Deutschland 431

Stefan Bollinger

Was heißt und zu welchem Ende betreibt man die Zweite Wissenschaftskultur? 453

Hansgünter Meyer

 

AutorInnenverzeichnis 531

 

 

Vorwort

Diese Schrift soll den Diskurs über die Reform der deutschen Hochschulen referieren – und sie soll zugleich an diesem Diskurs teilnehmen. Soll ihn kritisch beurteilen und ihm zugleich einige Richtlichter aufsetzen. Dies ist nicht ausführbar außer als Beitrag zu den Ideen, die zu den denkbaren Universitäten des 21. Jahrhunderts erörtert werden, man beachte den Plural, akzeptiert als Skizzen Weberscher Idealtypen, denen man sich in praxi günstigenfalls annähern kann. Auch dies ist schon ein vorgreifendes Postulat: Es gibt nicht die eine, allen Ansprüchen und Erkenntnissen genügende ideale Hochschule oder Universität. Es gibt keine zwei gleiche Universitäten, bestenfalls sind sie im Groben typengleich. Es gibt sie nur im Plural mit je unterschiedlichen Ausprägungen hochschulischer Charakteristika. Vorstellbar ist das so: reiht man hundert oder mehr aneinander und zwar so, daß die sich ähnelnden nebeneinander sind, je mehr abweichende Besonderheiten, desto größer der Abstand, so würden sie sich im Mittelfeld der Reihe wenig, die an den Enden der Kette Befindlichen aber bis zur schieren Unkenntlichkeit unterscheiden.

So erscheint die Absicht, einen Disput über Hochschulen/Universitäten zu führen, etwa über ihre richtige Gestaltung, über Reformen, die das bewirken, wie der Versuch der Quadratur des Kreises. Also als eine nicht lösbare Aufgabe. Was von einer Position aus für richtig befunden wird, ist von einer anderen aus gesehen falsch. Was ist darüber zu berichten? Wie den Bauplan eines Gebäudes oder einer technischen Anlage entwerfen kann man Hochschulen/Universitäten nicht. Die Wirklichkeit mit ihren vielen Tausend Unikaten von Forschungsprojekten, Forschungsgruppen, Ausbildungszielen und Lehrangeboten ist dagegen. Das schließt die Existenz von einigen generalisierenden Konstruktions- bzw. Funktionsprinzipien nicht aus. Vielheit und Pluralität reduzieren sich nicht auf Beliebigkeit. Obgleich Hochschulen nach scheinbar unvereinbaren Prinzipien und Ausgestaltungen unisono funktionieren und effizient sein können, sind dennoch Formen und Gestaltungen denkbar, die sich ausschließen.

So ergibt sich fast als Normalität, daß Hochschulen oft Funktionselemente enthalten, Dysfunktionen, bzw. Vorgänge stattfinden, die ihnen schädlich sind. Darüber findet man im Diskurs manchmal Einmütigkeit, oft aber auch starken Dissens. Hochschulen lehren, aber sie sind tunlichst keine Lehranstalten, sie bilden berufliche Fähigkeiten aus, aber sie sind keine beruflichen Trainingszentren, sie verfolgen ein Forschungsprogramm und vermitteln Forschungserfahrung, aber ihre Bestimmung bleibt der Zusammenhang von Forschung und Lehre, sie sind sui generis keine Forschungseinrichtungen. Was sie Wissenschaft und Forschung auf besondere Art betreiben läßt. Sie können 500 oder 5.000 Studenten inskribieren oder 50.000. Sie können in Fakultäten unter einem Dekan gegliedert sein, oder in Departements als Dispositionsfeld eines Managements. Ihre Hauptgliederung können Fachschaften sein, deren wissenschaftliche Reputation von einer Gruppe von Professoren getragen wird mit einem Ordinarius an der Spitze. Rektorate, Senate, Kanzlerschaften, Beiräte, Aufsichtsbehörden der unterschiedlichsten Art können ihnen als Körperschaftsbevollmächtigte vorstehen. Diese können Leitungsorgane sein oder vermittelnde Gremien – im Extremfall bloß Beratungsorgane. Das Feld von Autonomie-Handeln ist weit abgesteckt. Eine große Vielfalt weisen die Vertretungen der Hochschulbediensteten bzw. Beschäftigten auf, die summarisch als Gremien bezeichnet werden. Sie können Entscheidungen treffen oder bloß disputieren oder zwischen den Rängen der Hierarchie und den Beschäftigten vermitteln. Oder sie formulieren nur demokratische Willensbekundungen.

Das gilt zunehmend für die Studentenschaft, die sich immer mehr von einer mit der Immatrikulation verbundenen Pflichtzugehörigkeit des Einzelnen getrennt hat und zu freiwilligen Mitgliedschaften übergegangen ist. Studentische Initiativen treten folglich immer zerstrittener auf, sind unberechenbar und eher kraftlos. Der gelegentliche Lärm von Protestbekundungen erschreckt heute kaum noch jemanden.

Hochschulen/Universitäten können 100 Fachdisziplinen und mehr inkorporieren oder nur 10, diese aber in größtmöglicher Diversifikation ihrer Spezialfächer. So sind technische oder wirtschaftliche oder künstlerische oder andere Spezialhochschulen tätig und das Entstehen weiterer zu erwarten. Jedoch wird noch immer von manchen Universitäten, von den für sie zuständigen Landesbehörden, manchmal auch von Parteigremien oder anderen Interessenten (z.B. große Kommunen) für die von ihnen bevorzugten Hochschulen der Status der sog. Volluniversität angestrebt. Volluniversitäten mit ihrem traditionellen Fächerkanon der Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften, der in der Humboldt-Nachfolge gut 150 Jahre lang für notwendig gehalten wurde, damit eine Universität national oder international renommiert erscheint und Anspruch und Aussicht auf eine angemessene wissenschaftsgeschichtliche Einordnung bzw. aktuell auf ein Spitzenranking hat. Wo der Status der Volluniversität beginnt, war immer umstritten. Jedoch ist zu beobachten, daß immer seltener auf Volluniverstäten insistiert wird.

Neu hinzugekommen ist die Kontroverse um neue bzw. überhaupt unterschiedliche sog. Trägerschaften bzw. ihren korporativen rechtlichen Status. Ursprünglich vom Staat geschaffene, unterhaltene und rechtlich vertretene Institutionen, hervorgegangen aus landesherrschaftlichen (fürstlichen, königlichen) oder klerikalen Gründungen, erweiterte sich die Trägerschaft der Hochschulen zunächst auf private Universitäten und gegenwärtig auf diverse Rechtsträgerschaften durch Stiftungen oder Kapitalgesellschaften, wobei sich schon das Aufkommen einer großen Vielfalt, einschließlich gemischter Trägerschaften und einer sich immer mehr diversifizierenden Sponsoren-Klientel absehen läßt. Allerdings, was sich in Europa hier ziemlich mühsam an Neuem vollzieht, ist in den USA schon seit Jahrzehnten vorhanden. Soll man also den Blickwinkel so wählen, daß dies rasch und effizient nachzuvollziehen ist? Dagegen erheben sich vielfache Bedenken, nicht zuletzt aus den USA selbst, wie wir zeigen werden.

Die Methode, mit der sich das Buch den Hochschul-Zuständen zuwendet, ist sozusagen keine direkte. Also zunächst auch keine empirische. Es werden keine Findings an namentlich/örtlich bestimmbaren Hochschulen bzw. Universitäten gemacht und diskutiert, sondern die Texte behandeln den Diskurs, der über die verschiedenen Hochschul-Gegenstände/Befindlichkeiten seit langem geführt wird. Die Leser werden sich im Verlauf eines solchen Diskurses aufteilen: die einen sind dagegen, weil sie zuviel finden, was sie ganz anders haben wollen, die anderen, weil sie zu viel finden, was sie auch so wollen und dann beschließen: trivial, alles schon gewußt.

Die Texte des Bandes wurden von 13 Autoren verfaßt, allesamt mit Untersuchungen zur Bildungs- und Hochschulproblematik ausgewiesen und international erfahren. Entstanden sind 15 Texte, die der Herausgeber in drei Abschnitte gliederte.

Unterstellt ist dabei, daß über Hochschulen seit Jahrhunderten disputiert wird. Daß die Machtinhaber den Hochschulen ihres Bereiches seit je Vorgaben auferlegten, nach denen sie handeln sollten – und nach denen über sie befunden wurde. In früheren Jahrhunderten haben sie Päpste und Kaiser privilegiert und ideologisches (theologisches) Aufsichtspersonal über sie gewacht. Dann übernahmen diese Rolle die Landesfürsten, die zugleich ihre Alimentierung sicherten. Eine gewisse Dominanz der Theologie blieb zumeist erhalten. Mit dem Entstehen der modernen Nationalstaaten wurden sie Gegenstand staatlicher Kultur-, Bildungs- und Ressourcenpolitik – und zugleich eine feste Größe in den Staatshaushalten. So waren sie für Repräsentanten der Macht, für Honoratioren und Bürger immer ein Gegenstand heftiger Dispute, an denen sie sich auch mit erbitterten internen Sinn- und Ziel-Auseinandersetzungen beteiligten. Die Geschichte der Universitäten kennt keine Zeiten, zu denen sie nicht Gegenstand geistreicher oder spitzfindiger Auseinandersetzung waren. Emanuel Kant hat diese Tradition mit einem eigenen Pamphlet auf ein hohes literarisch-publizistisches Niveau gehoben: "Der Streit der Fakultäten" (1798), eines seiner Spätwerke, eine Art sarkastisch-kritisches Schlußwort zur Literatur der Aufklärung und zugleich ein Programm für ein neues, aufgeklärtes Hochschul-Jahrhundert. Und vielmehr: der Entwurf für eine neue Art, an den Universitäten Wissenschaft zu betreiben. Unsere Texte werden auf essentielle Passagen dieses Werkes eingehen.

Der strukturierende chronologische Zugang ist jedoch anderes gewählt: Seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts hat der Streit um Hochschulen und Universitäten in Deutschland eine bemerkenswerte Eskalation besonderer Art erfahren: Ihnen wurde eine allgemeine, strukturelle Leistungsschwäche attestiert, heftige Forderungen nach Reformen waren verknüpft mit Vorwürfen der Reformunfähigkeit, nicht ohne dabei eine kritisch-schmähende Akzentuierung zu pflegen. Dann, nach Jahren und mannigfachen Irritationen (Forderungen nach betriebswirtschaftlich agierenden Hochschulen, Hochschulen als Dienstleister u.a.), schwenkte die Kontroverse Ende der 90er Jahre in eine eigentümliche Polarisierung ein: Das Hochschul-Establishment und die staatliche Hierarchie fokussierten die Thematik auf "Qualität" und hochrangige Leistungssteigerung, forderten Managementpraktiken und kompetentes Verwaltungshandeln (jedoch im Vollzug des Bologna-Prozesses nun auf supranationaler Stufe), während sich an den Hochschulen und in der hochschulwissenschaftlichen Publizistik, in Büchern, Zeitschriften und Konferenzen eine vielgestaltige Kommentierung ausbreitet, kaum zustimmend, sondern im Grundton besorgt und überwiegend kritisch. Insofern diese Stimmen den common sense der Öffentlichkeit darstellen, wird dort die Hochschulwirklichkeit des Establishments reflektiert als stark defizitär, fehlentwickelt und unzutreffend wahrgenommen. Letzteres in zwei Nuancen: Die ihnen angelasteten Schwächen und Mängel seien nicht so dramatisch, wie sie dargestellt werden und – die zum Einsatz gelangenden manageriellen Innovationen haben nicht das geleistet und verbessert, was man von ihnen behauptet.

Diesen Diskursen folgt insbesondere der erste Textkorpus des Buches, verfaßt vom Herausgeber. Die hochschulkritischen Positionen und Argumentationen der Administrationen und Gremien werden ausgiebig zitiert, die sich nach 1998 anschließenden HRK-Optionen gewissenhaft rezipiert und kommentiert. Über dieses Verfahren, dem Buchtitel folgend, dem Report des "Dezennien-Dissens", wird versucht, die aktuelle Situation an den Hochschulen einsichtig zu machen und zugleich Maßgaben, Fakten und Argumente zu gewinnen, wie sie von Administrationen und vom Establishment bewertet und Reformforderungen unterzogen werden. Die Autoren enthalten sich jeden Versuchs, normativ auszuführen, wie Hochschulen tunlichst gestaltet, gelenkt, gefördert werden sollen, wie man sie einrichtet, damit sie einem Ideal entsprechen, das alles Wünschenswerte (Globalisierung, Qualität, Exzellenz, Effizienz) praktizieren läßt. Ihre Kritik richtet sich nach zwei Seiten: den Pluralismus der Hochschulgebilde pragmatisch auf pure Beliebigkeiten auszuweiten – oder, von der anderen Seite her, ihn mit vorgefaßten administrativen Regelungen einzuengen, von denen behauptet wird, daß sie Exzellenz, Effizienz und höchste Qualität garantieren.

Der systematische Rückblick und Rückgriff auf die Humboldt-Idee zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die der zweite Textkorpus ausführt, Autor der Herausgeber, insistiert nicht, daß als Reformergebnis die Berliner Universität von 1810 in Geist und Form wiedererstehen soll; was wir erwähnen, da immer noch solche angeblichen Vorhaben in Zeitschriftenartikeln und Konferenzreden mit Texten, Fakten und Argumenten hart attackiert werden, die nicht müde werden, dies als puren Unsinn bloßstellen. Unzweifelhaft – weder kann man die Berliner Universität von 1810 noch die erfolgreiche deutsche Ordinarien-Universität des späten 19. Jahrhunderts auferstehen lassen. Davon gehen unsere Überlegungen aus. Zugleich aber wenden sie sich gegen solche Kampflosungen, daß Humboldts Universitäts-Idee überwunden sei und "über Humboldt hinausgegangen" werden müsse. Dieser Abschnitt – thematisiert als Universitätsidee Humboldts und das Bildungscharisma des deutschen Neuhumanismus – greift jenen Teil des nationalen Diskurses auf, der mit dem Für und Wider der Fortführung oder Beendigung der Humboldt-Tradition befaßt ist. In längeren Textpassagen werden die Ansichten Humboldts und Schleiermachers zitiert und mit Blick auf ihre Aktualität erörtert. Es geht aber weniger um praktizierbare Humboldt-Zitate, sondern um das Bildungscharismus des deutschen Neuhumanismus und seine wissenschaftstheoretische Einordnung.

Was danach auszuführen bleibt, um dem Reform-Diskurs eine Erfolg versprechende (mehr nicht) Ausrichtung zu geben, das sind Einsichten in das Funktionieren der Wissenschaft als das erfolgreichste Welt-Langzeit-Unternehmen der Menschheit. Oder, in anderer Terminologie, gesicherte wissenschaftstheoretische Erkenntnisse (die noch keine erfolgreichen Hochschulen garantieren – aber), die Hochschulen eine verläßliche Basis als ertragreiche Wissenschaftsunternehmen sichern und damit verläßliche Ausgangspunkte, auf denen man beliebig weit in die Zukunft handeln kann. Den Leser wird beeindrucken, über welche Gewißheiten das neuhumanistische Wissenschafts- und Bildungs-Charisma bereits verfügte.

Der dritte Text, den Hubert Laitko beisteuert, setzt diese Exkurse wissenschaftsgeschichtlich fort; er greift weit aus, stellt essentielle geschichtliche Zusammenhänge her und schildert den Werdegang einer akademischen Idee, die letztlich Weltgeltung erlangte. Die Verwirklichung der Humboldt-Idee ist der glanzvolle Aufstieg der philosophischen Fakultät aus ihrer über Jahrhunderte bloß propädeutischen Rolle zum Kern der Forschungsuniversität, die ihrerseits ein völliges Novum nach 700 Jahren Universitätsgeschichte war. Ein Faszinosum der abendländischen geistigen Kultur, ohne welches es die gesellschaftliche Moderne und unsere heutige Wissensgesellschaft nicht gäbe.

Diesem Rückblick in die Anfänge folgen zwei professorale Beiträge mit ausgemachter Aktualität und Gegenwärtigkeit.

Text Nr. 4: Reinhard Kreckel "Bildung und neue Eliten als Antrieb zu neuen Ungleichheiten?" Und zugleich eine Unverzichtbarkeit gesellschaftlicher Moderne? – und Text Nr. 5: Claudius Gellert. "Elitenreproduktion in europäischen Universitäten".

Kreckel, der das im "Dezennien-Dissens" schon wiederholt gewendete Thema der Elite wieder aufgreift, beunruhigt das mögliche Wiedererstehen jenes alten Mißgefühls sozialer Ungleichheit, statt daß sich mit den neuen (globalen) Intensionen von Bildung, Exzellenz und Elitenranks sich ein freundliches, konsentes Verhältnis zu diesen unvermeidbaren Erscheinungen in entwickelten Gesellschaften ausbildet. Also ist die Aufgabe fällig, Bedeutung und Ausmaß neuer Ungleichheiten, erwachsend aus neuen Entwicklungen (und aus welchen?), richtig zu verstehen, rational zu deuten – und nicht zurückzufallen in alte Visionen von "Elite und Masse", die das Problem verwirren und unverstanden lassen.

Gellert führt diese Überlegungen komplementär weiter, indem er die Rolle der europäischen Universitäten für einen sozialstrukturellen (und zugleich hochschulinternen) Prozeß untersucht, den er "Elitenreproduktion" nennt. Auch er fragt nach Bedingungen, die Eliten sozial konsent, verträglich erscheinen lassen und höhere Bildung nicht unbedingt als ein fatal "élite-oriented" Unternehmen zu werten. In Verbindung mit der Frage, wo die Antriebe individueller Bildungsanstrengungen liegen, ergeben sich für ihn Zusammenhänge mit Lebensstilen und Verhaltensweisen jenseits rigider Klassenspaltungen. Das schließt die Fortexistenz "herrschender Klassen" und Unterprivilegierte nicht aus, wohl aber hat die Bildungsexpansion die Ausdehnung eines nicht konfrontativen "middle class" Effektes gefördert. Auf der anderen Seite tradieren soziale Segregierungen, die "in élite and class oriented societies" durch exklusive (außeruniversitäre) Bildungs- und Mobilitätswege (und Mobilisierung exklusiver Lebensstile und "Sozialkapital" – Bourdieu) die Privilegierung der einen und die soziale Benachteiligung der anderen reproduzieren. Charakteristisch dafür ist England und Frankreich, nicht aber Deutschland. Die Idee ist falsch, resümiert Gellert, daß der elitäre Lernvorteil untersetzt (basiert) ist durch ein demokratisches System massenhafter höherer Bildung. Daraus resultierende Spannungen liegen auf der Hand.

Diese beiden Beiträge werden in englischer Sprache angeboten, auf eine mögliche Übersetzung wurde verzichtet, weil sie zu Lasten des originären Impetus und Entstehungszusammenhanges ginge, der die Autoren bestimmte.

Der 6. Text wurde von Marcel Lepper geschrieben. "Putting Science in Its Place?", fragt er mit Livingstone, dem Briten und spezifiziert: Zur Virtualisierung der deutschen ‘Elite’-Förderung. Dieser Ansatz gibt ihm das Stichwort, die Bedeutung der Räumlichkeit, der Orte, der geographischen Dimension moderner Wissenschaft auszuloten. Und sie mit dem aktuellen Problem der Spitzenforschung, Exellenz-Clustern, Elite-Universitäten, der Effizienz von Förderung zu verbinden. Die räumliche Komponente, zeigt Leppert, schließt vieles ein, was für Wissenschaftsförderung essentiell ist: Zentralisierung, Regionalisierung, Föderalismus, Standort-Bestimmung, Netzwerke und Kooperationen, Delokalisierung, Synergie-Effekte – eine "Sichtweise", resümiert er, … welche den "Raumbezug menschlichen Handelns nicht als bloße ‘Akzidenz’, sondern als konstitutiven Bestandteil begreift – aber nicht eine Metaphysik des ‘spiritus loci’ gelte es hier zu reaktivieren, sondern eine pragmatische Betrachtungsweise von Forschung und Lehre." Er nutzt die Gelegenheit, diesem Gedanken Nachdrücklichkeit zu verleihen.

Der 7. Text ist aus der Feder von Hans-Gert Gräbe: "Neoliberalismus, Wissenschaft und Gemeineigentum". Er spezifiziert und vertieft ein im 2. Textkorpus bereits bedachtes und besorgt verfolgtes Thema: Die Folgen von Wissenschaft als Marktwirtschaft – als eine ihrer Handlungsfelder. Gräbe sieht mißbilligend auf Verkündigungen, daß die "Unterfinanzierungsmisere" in der Wissenschaft beendet werden könne, wenn es gelänge, aus Wissen mehr Einnahmen, Gewinn, Erlöse, Profit herauszuschlagen. Zweifelsohne stellt sich so eine Elementarbefindlichkeit moderner Wissenschaft her, die potentiell unerschöpfliche Ressourcen hervorbringt, oder ihren verschwenderischen Gebrauch optimieren hilft, der aber vielfach die dazu notwendigen Ressourcen vorenthalten werden. Inzwischen kommen neue Entwicklungen zum Tragen, sog. geistiges Eigentum intensiver ertragssicher zu nutzen, was an neuralgischen Punkten der Weltökonomie und der sozialen Verhältnisse zu neuen Beschränkungen führt. Warnend artikuliert seine Analyse eine gefährliche Entwicklung: "the dogma of bourgeois property comes into active conflict with the dogma of bourgeois freedom". Der Textbetrag Gräbes diskutiert in weiteren Beispielen diesem Konflikt entgegenlaufendes Handeln und seine technische sowie geschäftliche Ausräumung, die optimistisch in die Zukunft blicken lassen.

Der Teil II. des Bandes untersucht einige aktuelle Themen des Hochschul-Reform-Syndroms, den wir unter dem Gesichtswinkel von Handlungsoptionen betrachten wollen, also (übergreifenden) Möglichkeiten des administrativen, manageriellen oder Verwaltungshandelns an (bzw. gegenüber) Hochschulen und Universitäten. Er faßt 5 Beiträge zusammen.

Zunächst stellen (Text Nr. 8) Dirk Lewin und Irene Lischka ein neues Konzept zum "Hochschulzugang – neue Chancen oder Risiken?" vor mit dem Untertitel "Veränderungen beim Hochschulzugang durch hochschuleigene Auswahlverfahren". Das Thema ergibt sich, wie sorgfältig an Literaturbelegen ausgeführt wird, bereits aus der Sachlage, daß der viel gebrauchte Begriff Hochschulzugang "mit unterschiedlichen Inhalten belegt" ist, was natürlich bei der Bewertung seiner Probleme zu Schwierigkeiten führt. Daraus ziehen die Autoren ihre Schlüsse für ihr eigenes Konzept, was zunächst davon ausgeht, die Schwierigkeiten des Hochschulzugangs sowohl aus der Sicht der Hochschulen wie der der Studienwilligen zu erörtern. "Die Folgen sind bekannt," resümieren sie" "Rund ein Viertel der Studierenden an Universitäten und ein Fünftel der Studierenden an Fachhochschulen brechen ihr Studium ab …". Daraus ergibt sich ihre Auflistung und Bewertung der Strategie der Hochschulen, den Studentenzugang qualitativ zu steuern. Ihr eigenes Konzept titeln sie "Studierfähigkeit versus Paßfähigkeit", was wiederum kritisch ansetzt bei den überkommenen Gleichsetzungen von Hochschulreife und Studierfähigkeit. "Paßfähigkeit" dagegen geht von einer "möglichst hohen Übereinstimmung individueller Kompetenzen der StudienanfängerInnen mit den grundlegenden und spezifischen Anforderungen eines Studiums", folglich von einem Komplex "sowohl fachlicher, methodischer als auch sozialer Kompetenzen einschließlich personaler Eigenschaften" der künftigen Studenten aus. Der Beitrag führt eingehend aus, wie Hochschulen sich von diesen Gegebenheiten Kenntnis verschaffen und wie sie sie zur "Steuerung des Hochschulzugangs" nutzen können. Ihre Überlegungen münden in ein "Modell zur Erhöhung der Paßfähigkeit", dessen Voraussetzung und Komponenten ausführlich diskutiert werden.

Peer Pasternack (Text Nr. 9) schreibt über: "Externe Expertise in der Hochschulpolitik – Varianten und Funktionen des Beratungswesens, illustriert mit Beispielen aus der Berliner Landespolitik." Der Titel läßt bereits erkennen, daß es sich um ein expliziertes Fallbeispiel des im Vorhergehenden wiederholt erörterten deutschen Sonderproblems konföderaler Administrierung von Hochschulen handelt. Der Autor stellt eingangs fest: Wie überall werden heute auch im Hochschulwesen "… Beratungsleistungen erbracht: Expertisen … erstellt, Modellberechnungen in Auftrag gegeben, Expertenkommissionen berufen, Szenarien angefordert, Coachings, Monitorings und Benchmarkings eingekauft." Er verfügt über eingehende, unmittelbar praktische Erfahrungen mit diesem Gegenstand – und zwar am Beispiel einiger Berliner Hochschulen/Universitäten. Ausgeführt werden zunächst einige Vorgänge an der Freien Universität Berlin (FU) (Entwicklung des Fächer-Kanons nach starker Reduzierung der Professoren-Anzahl, Umbau der Berliner Hochschul-Medizin.) Ferner wird der Fall der Reorganisation der Kunsthochschulen erörtert sowie die Analyse einer Berater-Expertise zu Haushaltseinsparungen eingeflochten. Dabei werden die auftauchenden Interessendivergenzen/-konflikte und die Art der Beratungsleistungen sowie ihre faktische Wirksamkeit untersucht.

Als Text Nr. 10 folgt ein Beitrag von Uta Schlegel: "Geschlechtergleichstellung als externer Imperativ an Hochschulen? Ein anachronistisches Paradoxon". Was natürlich ausdrückt, daß die teils erfolglose, teils nur eingeschränkt erfolgreiche Geschlechtergleichstellung an Hochschulen, nicht an ihnen schlechthin, sondern in ihren oberen Hierarchierängen, ein Paradoxon darstellt. Der Beitrag informiert über neue und neueste Untersuchungen zum Ergebnis des Gender mainstreaming als Facette moderner Hochschulpolitik, die allerdings bereits kritische Befunde vorweisen, wo es für Absolventinnen noch nicht um den positionalen Aufstieg, sondern um die pure Chance geht, einen studienkonformen Arbeitsplatz zu finden. Diese Untersuchungen, zeigt die Autorin instruktiv, befinden sich weitab eines bloßen Auszählens von Frauen mit gelungenen Karrieren, sie treffen auf eine komplizierte Problematik des noch immer verbreiteten Vorkommens von Geschlechter-Ungleichheiten in modernen Gesellschaften – und ihrer Ursachen. Eines dieser Probleme sind die verbliebenen beträchtlichen Unterschiede zwischen westdeutschen und ostdeutschen Ländern sowie das in mancherlei Hinsicht defizitäre Problembewußtsein der Genderforschung dazu. Der Beitrag bietet dem Leser dazu eine Fülle Informationen aus jüngster Vergangenheit und Gegenwart. Eine verhaltenssoziologisch tief ausgeleuchtete Problematik hierzu ist die sog. "gefährdete" Geburtenentwicklung in AkademikerInnenfamilien. Eine weitere ergibt sich für die Autorin aus der Differenz zwischen der Rechtslage, der Einsichts- und Absichtserklärungen der Hochschul-Administrationen einerseits und der unzureichenden Wirksamkeit von Maßnahmen andererseits. Die Ursachen werden dazu in historischen Voraussetzungen wie in aktuellen gesellschaftlichen Befindlichkeit ausgemacht und an neuen sozialwissenschaftlichen Befunden diskutiert. Der Beitrag fährt dann fort, die Handlungsoptionen der Hochschulen kritisch zu diskutieren und praktikable Sollgrößen aufzustellen. Das Aufkommen von Perspektivenwechseln der Administrationen und "Entzerrungsmodellen" für Wissenschaftlerinnen mit anpruchsvollen Berufszielen und ihre Praktikabilität wird erörtert. Die Abhandlung biete eine Fülle von Literatur und Verweise auf Untersuchungen und Publikationen zum Thema an.

Danach folgt (Text Nr. 11) Andreas Keller mit einem Report über Stand und Perspektiven des Bologna-Prozesses: "Staatlich angeordnete Studienstrukturreform – Die Umsetzung des Bologna-Prozesses in Deutschland."

Er nähert sich seinem Thema durch eine Replik auf das noch immer umstrittene neue, konsekutive Studienprofil mit den Abschlüssen Bachelor und Master, das "in Kontinentaleuropa das einphasige, direkt zum Diplom oder einem vergleichbaren Studienabschluß führende Hochschulstudium" ablöst. Das neue Profil hatte und hat im Wettbewerb mit dem alten schlechte Karten, führt Keller aus und so steht die "verbindliche bundesweite Abschaffung des Diploms" per Regelbestimmung auf der Agenda. Daraus ergeben sich aber weitere Probleme, z.B. auf dem in konventionellen Begriffen agierenden Arbeitsmarkt, der die Bachelor-Abschlüsse nicht als gleichwertig goutiert. Der Beitrag erörtert auch die prekäre Situation, die z.B. durch das Veto der renommierten TU 9 entstanden ist, die den international hoch bewerteten deutschen Diplom-Ingenieur nicht aufgeben wollen. Andere Widerstände sind zu erwarten, wenn damit Ernst gemacht wird, den Übergang von der Bachelor zur Master-Stufe nur einer kleinen, elitären Minderheit einzuräumen. Den Ablehnungen stehen aber positive Entwicklungen des Bologna-Prozesses mit einer breiten Basis von Fürsprechern entgegen, wie Keller sachkundig ausführt. Sie beruhen vorallem auf dem erwarteten Aufschwung der Mobilität von Studenten, Absolventen und Lehrkräften und damit der Förderung von exzellenten Niveaus und hoher Kompetenz. Es gibt jedoch, so das Resümee des Autors, europaweit noch einige Friktionen der Bologna-Optionen abzuklären, bevor daran gegangen werden kann, sie mit ministeriellen Regelbestimmungen durchzusetzen.

Ein weiterer Beitrag von Marcel Lepper (Text Nr. 12) ist überschrieben: "‘Gehäuse’ und ‘Füllung’ – Zum Verhältnis von Institutionen und Erkenntnisprozessen", oder: Wissenschaft unter den Bedingungen ihrer Institutionalisierung – ein genuin wissenschaftstheoretisches Thema, jedoch, wie nicht bewiesen werden muß, von großer praktischer Relevanz, was der Autor mit der Berufung auf eine profunde Literatur instruktiv untersetzt und exemplarisch belegt. "… Für eine Theorie zur gekoppelten Beschreibung von Institutionen und Erkenntnisprozessen (wie sie ihm nötig erscheint) wären hier abschließend drei Bedingungen formulierbar", schreibt er und schließt mit einigen einsichtigen Charakterisierungen eines solchen Vorhabens.

Der Teil III des Bandes ist überschrieben mit: "Zeitgeschichtliche Konditionen und Prämissen des Akteurshandelns". Einige Beiträge dazu weichen von der im übrigen bevorzugten monographischen, literatur-basierten Darstellungsweise ihres Themas deutlich und gravierend ab und pflegen eine essayistisch verknappte Darstellung weitgefaßter Sachzusammenhänge. Das geschieht hauptsächlich aus zwei Gründen: Es kann im Kontext der deutschen Hochschul- und Bildungspolitik nicht davon abgesehen werden, daß es 1990 und danach eine tiefe Zäsur gegeben hat, die eine einmalige historische Situation darstellt, bzw. aus einer außergewöhnlichen Konstellation der Komponenten von Wissenschaft und Bildung resultierte. Daraus folgt, wie schon am Beitrag von Uta Schlegel exemplifiziert, eine duale, d.h. West-Ost-Sicht auf die Themen. Der Beitrag (Text Nr. 13) von Gustav-Wilhelm Bathke führt diese Herangehensweise am Gegenstand des deutschen Akademikernachwuches methodisch konsequent aus. Er titelt: "Soziale Ungleichheiten in der Reproduktion von Akademikern in den (noch) beiden deutschen Staaten 1990 und in den alten und neuen Ländern heute." Ins Zentrum seiner Überlegungen stellt er das Problem der Bildung als Intergenerationenmobilität (mit Blick auf den wünschenswerten Abbau sozialer Unterschiede) und der meist kritisch erörterten sog. Selbstreproduktion der sozialen Schicht der Intellektuellen. Diese Thematik, die sich im Hochschulalltag darstellt als soziale Herkunft und soziale Prägung der Studierenden, weitet er zu Überlegungen aus, die grundlegende sozialwissenschaftliche Bedeutung haben. Er kommt dabei zu einer Reihe neuartiger Feststellungen und essentieller Bewertungen für die Hochschulpolitik jedweder politischen Orientierung. Von Interesse ist auch die Ausweitung der Sichtweise auf die Abiturstufe und den Hochschulzugang und damit auf wichtige und aktuelle Themen der sozialen Gewichtigkeit von Bildung – mit Replik auf Bourdieus Konzept des Sozialkapitals. Mit fast 20 großformatigen Tabellen und weiteren quantitativen Nachweisen bietet er zur Verifikation seiner Thesen ein umfangreiches – und für die Öffentlichkeit teils schwerzugängliches – statistisches Material an, um Analogien und Dissonanz der West-Ost-Verhältnisse lückenlos zu belegen. Auch dafür bietet Bathke eine differenzierte Interpretation per Ost-West-Sicht an, sowie ein Beispiel für eine eigene "Gender-Studies" durch die soziale Charakterisierung der Mütter der Studierenden. Die Situation wird instruktiv nach Fachrichtungen und Hochschultypen spezifiziert.

Als Text Nr. 14 folgt der Beitrag von Stefan Bollinger: "Das zerstörte Kettenglied – Brüche und Verluste in den Sozial- und Geisteswissenschaften zwischen der untergegangenen DDR und dem vereinigten Deutschland." Damit setzte der Band die Untersuchung der spezifischen und einmaligen historischen Situation der deutschen Hochschulen und Universitäten fort. Verfasser und Herausgeber folgen der inzwischen in vielen Publikationen geübten Praxis, die Untersuchung von Wissenschaft, Bildung und Wissenschafts-Institutionen nicht ohne Berücksichtigung der besonderen ostdeutschen Situation auszuführen, die charakterisiert ist durch die Tätigkeit von zwei Wissenschaft-Bildungs-Bereichen, den einen, geschaffen im Prozeß der Reorganisation im Osten, der von den Eliten der neuen politischen Ordnungskräfte (altbundesdeutschen Ursprungs) vorgenommen Gründungen – und zum anderen, entstanden im Ergebnis sog. freier Gründungen, die von einer großen, wenn auch unbestimmbaren Anzahl im Vereinigungsprozeß ausgegliederter Wissenschaftler und Publizisten initiiert wurden. Die zwischen diesen beiden extrem strukturungleichen Bereichen bestehenden Einflüsse, Beziehungen, Kooperationen, Netzwerke usw. sind inhaltlich nicht unbedeutend, aber kaum ausreichend vollständig darstellbar. Stefan Bollinger, in dieser Materie durch zahlreiche fundierte Publikationen ausgewiesen, hinterfragt zunächst die Vokabel "Erfolg", die von den selbsternannten Erneuerern der ostdeutschen Wissenschafts- und Hochschullandschaft bevorzugt wird. Er erinnert an den in den 80er Jahren in beiden deutschen Staaten bzw. Wissenschaftssystemen sowohl anerkannten wie heftig umstrittenen Reformbedarf und fragt nach dem Sinn dieser Vokabel, wenn lediglich das eine als reformbedürftig ausgemachte System dem anderen reformbedürftigen übergestülpt wird. Zugleich erinnert er daran, daß 1989/90 in den Wissenschafts-Institutionen der DDR umfangreiche, gründliche und auf den Weltstandard orientierte Reformvorhaben begonnen wurden, die man jedoch schroff abbrach. Auch zuvor waren, wie der Autor sachkundig ausführt, in der DDR bedeutende Bildungs- und Wissenschaftsreformen durchgeführt worden, die sich gegenüber der seit je reformabstinenten BRD durchaus vorteilhaft ausnahmen und auch (in den ökonomischen Grenzen des Landes) im In- und Ausland akzeptierten Erfolg hatten. Neben den bekannten Stichworten: Brechung des Bildungsprivilegs, Beseitigung nazistischer Überreste, hochgradige Bildungsexpansion, starkes Potentialwachstum u.a. weist Bollinger auf die weithin anerkannte effiziente Anwendungs-/Praxis-Nutzung der Forschung hin. Die damit einhergehende politische Indoktrination und die vielen Vorkommnisse (sinnloser) politischer Pressionen läßt er nicht aus. Auf die widerständigen, nicht unbedeutenden Unternehmungen innovativen, antidoktrinären Denkens in den Sozialwissenschaften, der Geschichtswissenschaft, der Philosophie u.a. wird verwiesen und beklagt, daß es verhindert wurde, sie nach 1990 weiter zur Geltung zu bringen. Der Beitrag beschreibt nochmals die bekannte Situation der fast vollständigen Ausgliederung des ostdeutschen Wissenschaftspersonals und die faktisch vollständige Rekrutierung des wissenschaftlichen und administrativen Leitungspersonals durch Westdeutsche. Damit verbindet sich vorallem Das Verschwinden der Erfahrung, wie Bollinger titelt. Er verbucht sie unter den bedauerlichen, weil vermeidbaren Verlusten, die das Land und damit Gesamtdeutschland durch diese Art von Vereinigung erlitten hat – und die, was er in einer beeindruckenden Reihe von Fakten untersetzt, vorallem die bildungs- und studienmotivierten nachfolgenden Generationen treffen.

Der 15. Textkorpus "Was heißt und zu welchem Ende betreibt man die Zweite Wissenschaftskultur?" wurde vom Herausgeber verfaßt. Der letztgültige, originäre Ursprung des Begriffs konnte nicht aufgeklärt werden; aber es gibt ihn und er hat sich weithin durchgesetzt. Damit korrespondiert, daß eine zureichende wissenschaftsgeschichtliche und archivalische Begleitforschung dieser bedeutenden Publizistik im deutschen Wissenschafts- und Kulturbetrieb fehlt. Das ist um so bedauerlicher, als hier fast alle Wissenschaftsdisziplinen und eine große Anzahl bedeutender Autoren vertreten sind. Daß hier häufig Spät- oder Alterswerke vorgelegt werden, erhöht eher die Bedeutung solcher Schriften bzw. öffentlicher Unternehmungen, mindert sie nicht. Außerstande, eine Gesamtdarstellung oder eine gültige chronologische Folge zu bieten, bringt der Text exemplifizierende Beschreibungen bzw. Annotationen, die 1990 einsetzen. Für die Auswahl der Exemplifikationen war die Biographie des Verfassers ebenso behilflich wie frühe Versuche anderer Autoren, die seit Anfang der 90er Jahre diese Entwicklung verfolgten und darüber publizierten. Auch bei unserer Darstellung wird nochmals herausgestellt, daß politisch gewollte, im übrigen aber sinnlose und den Vereinigungsprozeß komplizierende Verluste an wertvollem und unersetzlichen personellen und ideellen Potential herbeigeführt wurden. Die deutsche Geschichte kennt nichts Vergleichbares, wenn man von den hier mit nichts kommensurablen Schäden und Verheerungen absieht, die die Nazis der deutschen Wissenschaft und Kultur zugefügt haben. Eingegangen wird auf einige rechtsstaatliche Defizite, die durch offenbare Mängel und spätere willkürliche Auslegungen des Vereinigungsvertrages sowie einiger Grundgesetzregelungen zustande kamen. Relativ ausführlich dargestellt, bzw. sachkundig berücksichtigt werden Versuche der bundesdeutschen Administrationen, den kostspieligen Personal- und Erfahrungsverlust wenigstens befristet zu begrenzen. (Das Unternehmen KSPW und die WIP im HEP-Regelung sowie die Wirkung der ABM-Förderung). Mit der Würdigung der Leibniz Sozietät und den Unternehmungen Horst Klinkmanns sowie der Bedeutung der Rosa-Luxemburg-Stiftung beginnt die Darstellung, teils ausführliche Vorstellung mittels Prospekten, Zielstellungen, Publikationsprogrammen u.ä. der Korporationen der Zweiten Wissenschaftskultur: Vereine, Foren, Gremien, Gesellschaften, Kommissionen, Institute, Verlage, Redaktionen, spezielle Stiftungen, Gesprächskreise, Podien u.a. Der Text berücksichtigt über 50 Adressaten, darunter einige wichtige Autoren bzw. Buchtitel, was jedoch weit unter der Dunkelziffer der Gesamtheit liegt. Dieser Text Nr. 15 schließt mit einer Begriffsklärung und ausführlichen Wertung (bzw. Deutung) der Entstehungszusammenhänge sowie der absehbaren Perspektiven der Zweiten Wissenschaftskultur, die positiv gesehen werden.

Diese Arbeit ist – wie ersichtlich – ein sog. Sammelband. Das Thema, in einem Opus kaum zu erschöpfen, fand das Interesse eines kleinen Autoren-Kollegiums, das noch zahlreicher wäre, wenn nicht widrige Umstände, Krankheiten, Überlastung, einige Beiträge verhindert hätten. Umso dankbarer ist der Herausgeber für die vorliegenden Texte, die alle zu wichtigen Themen/Problemen des Hochschul-Diskurses unverzichtbare Materialien und Gedanken beisteuern. Wie intendiert, beschreibt der Band nicht nur den Jahrzehnte-Diskurs über deutsche Hochschulen, er nimmt auch mit Stellungnahmen und Einlassungen daran teil und unterbreitet dem Leser eine Vielfalt von Meinungen, Urteilen und Sichtweisen über Hochschulen, ihr Funktionieren, über die dort Tätigen und Verantwortlichen bis zu maßgeblichen Gremien der Hochschul- und Wissenschaftspolitik und ihrem Agieren. Dabei ist unterstellt, daß die einzelnen Beiträge nur persönliche Erfahrungen und Abschätzungen ausdrücken, keine Auflagen erteilt wurden und das Ergebnis also keinem kollektiven Konsens unterliegt. Keiner der Mitwirkenden wurde aufgefordert oder hatte die Möglichkeit, von bestimmten Textaussagen Abstand zu nehmen bzw. sie ändern zu lassen. Das schließt natürlich ein, daß der Herausgeber die alleinige Verantwortung für die Gesamtheit der Texte trägt.