[= Gesellschaft – Geschichte – Gegenwart, Bd. 36], trafo verlag 2006, 411 S., zahlr. Tab. und Abb., ISBN (10) 3-89626-627-6, ISBN 978-3-89626-627-9, 42,80 EUR
Mit einem Vorwort von Rudolf Hickel
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort: Rudolf Hickel Teil 1: Währungsunion und Absturz Ost 1.1 Busch, Ulrich: „15 Jahre Währungsunion“ 1.2 Kowalski, Reinhold: „Beispielgebender Transformationsprozess in Ostdeutschland?“ 1.3 Steinitz, Klaus: „Ursachen für den wirtschaftlichen Absturz“ 1.4 Mai/Steinitz: „Zur Treuhandtätigkeit und zur These von der maroden DDR“ Teil 2: Strukturdefizite, Arbeitsproduktivität/Lohn 2.1 Kowalski, Reinhold: „Investitionen für Arbeitsplätze? 2.2 Mai/Steinitz: „Zur ostdeutschen ‚Produktionslücke“ 2.3 Kowalski, Reinhold: „Dauerhafte Industrielücke in Ostdeutschland“ 2.4 Kowalski, Reinhold: „Die Industrie in Ostdeutschland – Eigenarten und Innovationsfähigkeit“ 2.5 Kühn, Wolfgang: „Arbeitsproduktivität im innerdeutschen Vergleich“ 2.6 Mai, Karl: „Ostdeutscher Produktivitätsrückstand“
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Teil 3: Aufholprozess
3.1 Busch, Ulrich: „Vermögensdiskrepanz und ‚innere Einheit’“ ?“
3.2 Mai, Karl: „Scheitern oder Vollendung der ostdeutschen Transformation
3.3 Mai, Karl: „Über alternative Vorschläge für die Entwicklung Ostdeutschlands“
3.4 Steinitz, Klaus (mit Karl Mai): „Zum ‚Aufholprozess’ und weiteren Ausblick“
Teil 4: Transferleistungen und Verschuldungsdilemma
4.1 Steinitz, Klaus: „Die West – Ost Finanztransfers“
4.2 Mai, Karl: „West-Ost-Transferleistungen heftig umstritten – Fakten contra Mythen“
4.3 Mai, Karl: „Zur Höhe der Staatsverschuldung infolge der deutschen Vereinigung“
Teil 5: Wachstumsbremse Ost?
5.1 Steinitz, Klaus: „Ostdeutsche Wirtschaft - Wachstumsbremse oder Impuls für die gesamtdeutsche Wirtschaftsentwicklung?“
5.2 Busch, Ulrich: „Abstieg West durch Aufbau Ost?“
5.3 Mai, Karl: „Liegt der ‚Schwarze Peter’ in Ostdeutschland?“
Teil 6: Mezzogiorno Ost?
6.1 Busch, Ulrich: „Mezzogiorno Ost! Na und?“
6.2 Mai, Karl: „Mezzogiorno als eine zwangsläufige Perspektive Ost?“
6.3 Steinitz, Klaus: „Wie offen ist die Zukunft Ostdeutschlands?“
Teil 7: Ergebnis Ost unter neoliberaler Perspektive
7.1 Steinitz, Klaus: „Das Doppelleben der Schere zwischen Ost und West – Ökonomische Realitäten und der Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit“
7.2 Kowalski, Reinhold: „Aufbau Ost-Politik weiterhin illusionär und unehrlich“
7.3 Steinitz, Klaus: „Der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik – erster Schritt der Osterweiterung der EU?“
Teil 8: Statistik-Anhang. Ost-West-Vergleich volkswirtschaftlicher Daten
8.1 Kühn, Wolfgang: „Ost-West-Vergleich der volkswirtschaftlichen Daten“, Tabellen, Grafiken und Erläuterungen
Mai, Karl: „Nachbetrachtung zum Thema Ostdeutschland“
Angaben zu den Autoren
Rudolf
Hickel:
V
O R W O R T: Mut zur erfolgreichen Alternative
Die nach einem anfänglichen Aufholprozess einsetzende Stagnation der
Entwicklung zu einer leistungsfähigen, stark verflochtenen
Unternehmenswirtschaft verlangt eine schonungslose Untersuchung der Ursachen.
Nur wenn die Ursachen zutreffend identifiziert sind, lässt sich eine
erfolgreiche Strategie mit einem Bündel von Instrumenten benennen. Maßgeblichen
Einfluss auf die stagnierende Transformation haben heute noch nachwirkende
Fehlentscheidungen beim Start in die sozial-ökonomische Vereinigung.[i]
Dazu gehört die schnelle Einführung der Währungsunion zum 1. Juli 1990.
Einem „monetären Urknall“ vergleichbar wurde die damalige DDR-Ökonomie über
Nacht dem Diktat der international gehärteten D-Mark
ausgesetzt. Dieser gigantische Aufwertungsschock musste zum Zusammenbruch
auch der konkurrenzfähigen Teile von DDR-Unternehmen führen. Durch den
Transport der kapitalistischen Produktionsverhältnisse über die DM-Währung
sind Alternativen, wie ein dritter Weg, erdrückt worden. Heute ist umstritten,
ob anstatt des DM-Imperialismus eine längere Phase eines Regimes zweier Währungen
mit einem Wechselkurs realisierbar gewesen wäre. Die Skepsis ist groß. Denn
bei freier Konvertierbarkeit wäre die tägliche Flucht in die stärkere Währung
enorm und ein einigermaßen stabiler Wechselkurs kaum machbar gewesen. Erinnert
sei hier auch an die massenhafte Forderung der „DM-jetzt!“-Bewegung in
Ostdeutschland. Gewiss ist jedoch, dass die westdeutsche Finanz- und Wirtschaftspolitik
zur Bewältigung der negativen Folgen des DM-Imports alles falsch gemacht hat,
was falsch zu machen war. Der Grund dafür liegt in dem ideologisch ausgeprägten
Unverständnis für die Anforderungen an eine Transformationsökonomie. Hinzukam
die katastrophale Politik der Treuhandanstalt (THA). Deren Urfehler liegt in
ihrem dominanten Interesse, die vorhandene Unternehmenssubstanz schnell an die
westdeutschen Verhältnisse anzugleichen. Die Folge war eine Filettierung, mit
der abertausende Arbeitsplätze vernichtet worden sind. Weniger vornehm
gesprochen, die THA hat vielfach den westdeutschen Unternehmen dazu verholfen,
entweder die potenzielle Konkurrenz aus Ostdeutschland zu vernichten, oder aber
profitable Werkbänke einzurichten. Die THA hat maßgeblich die Verantwortung
dafür, dass heute eine
kleinteilige, werkbankbezogene Unternehmensstruktur dominiert. Schließlich
sind dann noch ordnungspolitische Fehler im Einigungsvertrag (Vorrang für
Restitution privatwirtschaftlicher Alteigentümer) gemacht worden. Sicherlich
sind aus den öffentlichen Haushalten hohe Finanztransfers seit 1970 geflossen.
Wären diese Finanzmittel jedoch auf eine politisch
gestaltete Transformation konzentriert worden, hätte eine hohe sozial-ökonomische
Rendite der Transformation erzielt werden können.
In
der Politik wie überhaupt in der in der westdeutschen Öffentlichkeit zeigt
sich nach über 15 Jahren deutsche Einigung eine Interesselosigkeit gegenüber
den Ursachen der stagnierenden Transformation, die durch hohe Arbeitslosigkeit
gekennzeichnet ist. Böse Ideologien, ja Beschimpfungen verdrängen den klaren
Blick. Die Vorwürfe sind bekannt: Die Ossis seien doch selbst schuld. Die öffentlichen
Finanzen, vor allem der Solizuschlag auf die Einkommen- und Körperschaftsteuerschuld,
seien in viel zu teuere Projekte – wie „öffentliche Schwimmbäder mit
goldenen Hähnen“ - versenkt
worden. Peinlich ist in diesem Zusammenhang die Rolle der vorherrschenden
Wirtschaftswissenschaft. Anstatt die Ursachen zu ergründen und angemessene
Konzepte zu entwickeln, soll Ostdeutschland als Labor für weiteren Lohnabbau
sowie eine umfassende Deregulierung, d.h. Abbau gesetzlicher Regulierungen
zurechtgetrimmt werden. Am Ende decken sich die meisten
wirtschaftswissenschaftlichen Vorschläge mit dem, was auf der Agenda der
Unternehmensverbände und der Kapitalfunktionäre steht.
Gegen diese Mischung aus neoliberalem Reduktionismus und Unkenntnis der real
existierenden Verhältnisse ist Aufklärung erforderlich. Es gibt zwar
vereinzelt Gegenansichten, zu denen auch alternative Vorschläge einer an den
Zielen Arbeit, soziale Gerechtigkeit und Umwelt ausgerichteten
Wirtschaftspolitik gehören. Umso bedeutsamer ist das hier vorgelegte Buch, in
dem ausgewiesene Experten die Ursachen der sozial-ökonomischen
Herausforderungen untersuchen und alternative Vorschläge unterbreiten. Die in
diesem Buch vereinten Experten bieten zwei, die Qualität dieser Veröffentlichung
prägende biografische Eigenschaften. Zum einen haben die Wissenschaftler in der
DDR bereits gearbeitet. Im Unterschied zum Wessi-Import kennen sie die Schwächen,
aber auch die Stärken dieses Wirtschaftssystems auf der Basis von
Staatseigentum. Zum anderen begleiten sie wissenschaftlich engagiert den Prozess
der sozial-ökonomischen Transformation. Sie haben ihre Erfahrungen und
Kenntnisse in die „Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik“
eingebracht. Die westdeutsche Gründung erfolgte 1975 und richtete sich gegen
die Kette, der zufolge die Gewinne von heute, die Investitionen von morgen und
Arbeitsplätze von übermorgen schaffen. Damals wie heute wendet sich dieser
linke Denktank gegen die neoliberale Marktanbetung und unterbreitet Jahr für
Jahr Vorschläge zur politischen Gestaltung der Wirtschaft. Bereits im ersten
Jahr der deutschen Einigung sind WirtschaftswissenschaftlerInnen
aus der ehemaligen DDR zur Memo-Gruppe gestoßen. Seit dem produzieren sie Jahr
für Jahr das wichtige Kapitel zur ostdeutschen Transformation. Darüber hinaus
konzentrieren sich ihre publizistischen Aktivitäten auf Veröffentlichungen in
unterschiedlichen Quellen. In diesem Buch werden die wichtigsten Beiträge der
hier versammelten Experten aus den vergangenen Jahren zusammengebracht. Die
Beiträge zeichnen sich durch analytischen Tiefgang sowie eine empirische
Absicherung der Aussagen aus. Durch die geschickte Zusammenführung der
einzelnen Beiträge werden Synergien hergestellt, die diesem Buch eine
eigenständig hohe Qualität verleihen.
Ich wünsche dieser analytisch fundierten, empirisch abgesicherten und
praxisrelevanten Gegensicht eine weite Verbreitung. Dieses Buch sollte nicht auf
den Schreibtischen bzw. in den Handapparaten der PolitikerInnen, der
Unternehmen, der Kapitalfunktionäre, der Verbandsvertreter sowie der
wirtschaftswissenschaftlichen Akademien und Institute liegen bzw. stehen, sondern ernsthaft studiert werden. Es
lohnt sich, denn dieses Buch hat die Kraft, selbst hartnäckige Vorurteile zu
knacken. Den auf monetäre Kosten-Nutzen-Analyse Fixierten sei die Überlegung
nahe gelegt. Möglicherweise kann mit der Realisierung der wichtigsten Vorschläge
in diesem Buch eine hohe soziale Rendite einer politisch gestalteten
Transformation gegenüber dem derzeitigen, neoliberalistischen „muddling
through“ durchgesetzt werden.
Rudolf
Hickel
Direktor
des Instituts Arbeit und Wirtschaft (Universität Bremen/Arbeitnehmerkammer
Bremen)
Gründungsmitglied der „Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik“
[i]
Eine
erste umfassende, kritische Studie zur ökonomischen Transformation
Ostdeutschlands:
Jan Priewe / Rudolf Hickel, Der Preis der Einheit – Bilanz und
Perspektiven der deutschen Vereinigung, Frankfurt a. M. März 1992 (in
koreanischer Sprache publiziert)