Bernd Illmer

Die Atom-Falle

Roman, 2006, 277 S., ISBN 3-89626-623-3, 14,80 EUR

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Nach außen hin besitzt Alain Custeau alles, wovon Normalsterbliche träumen. Er ist jung, attraktiv und verfügt über beträchtliche Geldmittel. Doch hinter der Maske des eloquenten, reichen Erben steckt ein von Rachegedanken zerfressener Sadist. Und das Ziel seiner Rache steht seit langem fest: die Regierung der Bundesrepublik Deutschland. Er hält sie für schuldig am ungesühnten Verstrahlungs-Tod seiner Eltern.

Zum Erreichen seiner Ziele scheut Custeau vor keinem Mittel zurück. Sein Rachefeldzug führt ihn um die halbe Welt. Die junge Prostituierte Patricia, die ihn auf dieser Reise begleitet, hat zunächst keine Ahnung von den irrwitzigen Plänen ihres Begleiters – bis die Atom-Falle zuschnappt …

 

LESEPROBE

Prolog

9.6.1973

Schwerer, für die Jahreszeit ungewöhnlicher Südwind kam auf. Es war vierzehn Uhr zwanzig, als Pierre Custeau das Verdeck seines Porsche schloss. Bereits vor einer halben Stunde war Bewölkung aufgezogen. Es wurde zusehends unfreundlicher, und vielleicht würde es regnen.

Während er um den Porsche herum auf die Fahrertür zuging und einstieg, lächelte ihm die Frau im Wagen freundlich zu. Es bereitete ihr Freude, ihm zuzusehen, wie er mit jugendlicher Spontaneität und Kraft agierte. Sie liebte Pierre wie am ersten Tag.

Kennengelernt hatten sie sich auf einer Finanztagung hochkarätiger Bauträgergesellschaften, bei der sie als Berichterstatterin für ein Wirtschaftsmagazin amtierte. Sie verehrte ihn grenzenlos, ja, oftmals himmelte sie ihren Gatten nahezu unterwürfig an. Custeau war rundheraus glücklich. Als einziger Erbe um fangreicher Konsortialgeschäfte, hatte ihm lediglich das Tüpfelchen auf dem i gefehlt, wie er es oft selbst, scherzhaft und mit Schalk in den Augen, erklärte.

Das Eheglück der Custeaus war vollkommen, als vor acht Jahren ihr einziger Sohn, Alain geboren wurde. Es war ein plötzliches, überraschendes Ereignis. Die Wehen setzten vorzeitig ein, und so erblickte Alain nicht wie vorgesehen, im Hospital in Bordeaux das Licht der Welt, sondern in der trauten Umgebung des Familien-Château, in La Teste, an der Atlantikküste.

»Ist es nicht unbeschreiblich schön hier?« Madame Custeau wandte sich ihrem Gatten zu. Im Begriff, einen Armeelastwagen zu passieren, konzentrierte er sich ganz auf das Überholmanöver.

Der Motor brüllte und röhrte auf, als er beschleunigte und mit spielerischer Leichtigkeit an dem Transporter vorbeizog.

»Ja, mon chou. Ich bin froh, dass wir damals zugegriffen und das Haus gekauft haben. Mir hat die Gegend sofort zugesagt. Außerdem war es mehr als günstig.«

»Ich bedauere nur, dass wir Alain nicht bei uns haben. Es wäre dann noch schöner.«

Flüchtig schaute er zur Seite, in ihre braunen, wie Seide glänzenden Augen, von denen ständig ein Hauch Sehnsucht und Melancholie ausging. Custeau verzog die Lippen und lächelte.

»Warum freust du dich so darüber? Machst du dich lustig über mich?«, fragte sie erstaunt.

Sein Schmunzeln verstärkte sich. »Nein, ich freue mich nicht darüber, dass Alain nicht bei uns ist. Aber es hat auch Vorteile« gab er augenzwinkernd zu verstehen, »und ich glaube, dass du sehr verliebt bist in unseren Sohn. Vielleicht sogar mehr als in mich?«

Ohne sich in einer Antwort zu verlieren legte sie sanft ihre Hand auf seinen Oberschenkel und begann ihn zu streicheln. In gemeinsamer Stille genossen sie die letzte Etappe auf dem Weg zu ihrem Ferienhaus. Es war der zweite Sommer, den sie in Deutschland verbrachten.

Kurz vor York, im Alten Land an der Elbe gelegen, stoppte Custeau den Wagen, um eine letzte kurze Rast einzulegen. Das rustikale Wirtshaus wirkte verlassen. Eine schwarzgekleidete, alte Frau servierte mit gebeugtem Rücken den Kaffee. Durch die farbigen Butzenscheiben des Landgasthauses erblickte Custeau den Armeetransporter, den er zuvor überholt hatte und der jetzt mit hoher Geschwindigkeit eine Serpentine nahm, um dann aus seinem Gesichtskreis zu verschwinden.

Fünfundzwanzig Minuten später geriet das nato-olivfarbige Militärfahrzeug abermals in Sicht, als Custeau aus einer Kurve heraus auf eine Gerade beschleunigte. Er hatte jetzt den höchsten Punkt der Erhebung erreicht, und gleich einem Pfeil schoss der Porsche durch den sich verstärkenden Regen. Kurz nach fünfzehn Uhr, hinter einer schräg abfallenden Linkskurve, erblickten sie den verunglückten Armeetransporter.

Noch während Madame Custeau aufschrie, trat Pierre Custeau mit aller Kraft auf das Bremspedal. Die Hinterräder blockierten.

Der Wagen drehte sich einmal um die eigene Achse, schlitterte auf dem nassen Asphalt Richtung Seitenstreifen zu und kippte am Rand der Fahrbahn auf die Seite. Im Crescendo splitternden Glases gab das auf dem Straßenbelag schleifende Blech gequälte und schrille Laute von sich.

Einige Schrecksekunden vergingen, bis Pierre Custeau sich regte und die unnatürliche Stille brach. Seine Stimme klang aufgeregt und stockend zugleich. »Martina! Martina, bist du verletzt?«, rief er erschrocken.

»Nein, es ist alles in Ordnung. Und du?«

»Bei mir ist auch nichts«, antwortete er erleichtert. »Warte, ich helfe dir sofort.« Unter großen Anstrengungen befreite er sich vom Gurt und kletterte über sie hinweg ins Freie. Wenig später stand Madame Custeau an seiner Seite. In Tränen aufgelöst presste sie sich an ihn und begann hemmungslos zu schluchzen.

Er strich ihr beruhigend über das kastanienbraune Haar. »Ist doch gut, Liebes. Uns ist gottlob nichts passiert. Bitte nicht weinen, ja? Ich werde schnell nachsehen, ob ich den Leuten da irgendwie helfen kann. Falls ein Wagen kommt, dann stoppst du ihn und sag den Leuten, sie sollen vorsichtshalber einen Krankenwagen vorbeischicken, okay?«

Ihr zaghaftes Nicken zeigte ihm, dass sie sich vom ersten Schock erholt hatte. Behutsam löste er sich und eilte zielstrebig an dem Porsche vorbei, zwischen zwei Chausseebäumen hindurch auf den Armeetransporter zu. Er spürte weder die Feuchtigkeit des Grases, noch dass ihn der Regen völlig durchnässte. Aus der Ferne erklang der zynische Ruf eines Regenbogenpfeifers.

Das Führerhaus des Lkw hatte einen jungen Vogelbeerbaum geköpft und sich anschließend in ein wildgewachsenes Dickicht geschoben.

Als Custeau sich mühsam an der Seite zur Führerkabine vorbeikämpfte, entdeckte er ihn. Das heißt, er erblickte ein Paar unnatürlich abgewinkelter Beine und die Hüfte. Der Oberkörper war durch die überdimensional großen Zwillingsreifen verdeckt.

Er wähnte sich zurecht in Gefahr, doch er war machtlos. Seine Lungen drohten zu zerplatzen. Plötzlich wurde er kurzatmig und krampfartig inhalierte er die tödliche Luft. Seine Beine knickten unter ihm weg wie Streichhölzer, und er brach über Sergeant Benidorm zusammen.

Martina Custeau wartete zehn Minuten. Als weder ein Fahrzeug an der Unfallstelle vorbeikam, noch von ihrem Mann etwas zu sehen war, machte sie sich auf die Suche nach ihm. Die hochhackigen Schuhe hatte sie längst abgestreift. Ihre erst zaghaften, dann hysterischen Rufe verhallten ungehört. Lediglich der Schrei eines Regenbogenpfeifers durchdrang die Abgeschiedenheit der Einöde und zeugte von Leben. Immer wieder schob sie eine vom Regen und Schweiß nasse Haarsträhne aus der Stirn. Unsicheren Schrittes stolperte sie verzweifelt auf das nächste Gebüsch zu.

Mit vor Schrecken und Schmerz geweiteten Augen starrte sie auf ihren Mann. Sowohl chemische als auch radioaktive Stoffe hatten seinen Körper durchdrungen und das Gesicht in eine Horrormaske bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Sie wollte schreien, doch ihre Stimme versagte. Nur wenige Meter neben ihrem Ehemann sank sie in das vom Regen aufgeweichte Erdreich.

Es war ein Lieferwagen der dreißig Kilometer entfernten Molkerei, der den demolierten Porsche kurz darauf entdeckte. Als der Fahrer niemanden in unmittelbarer Nähe bemerkte, fuhr er weiter und verständigte in der nächsten Ortschaft die Polizeidienststelle.

Als die Militärpolizei eintraf und alles absperrte, hatte es bereits zwei weitere Tote gegeben. Ein Polizeibeamter und ein Krankenpfleger waren am Armeetransporter zusammengebrochen. Zwanzig Minuten nach dem Eintreffen der Military Police, war der zuständige Strahlenschutzdienst, der SSD-Nord an der Unfallstelle.

In der zwei Tage später erschienenen Pressemitteilung wurde mitgeteilt:

Fünfzehn Kilometer vor York prallten ein Armeetransporter der US-Army und ein Porsche aufeinander. In dem Pkw befand sich ein Urlauberpaar aus Frankreich. Als Unfallursache vermutet die Polizei überhöhte Geschwindigkeit des Porschefahrers auf der regennassen Fahrbahn. Sowohl die Fahrer des Transporters als auch das  Ehepaar waren auf der Stelle tot. Ein Polizeibeamter und ein Krankenpfleger erlitten bei der Rettungsaktion schwere Rauchvergiftungen, denen sie später erlagen. Ein Helikopter der US-Army brachte die Opfer in das Militärhospital des siebenten  Infanterieregiments. Niemand bemerkte, dass vier Wochen nach dem Unfall, im Schutz der hereinbrechenden Dämmerung, zwei Männer in Astronautenanzügen und mit sonderbaren Gerätschaften, den Unfallort Zentimeter für Zentimeter unter die Lupe nahmen.