trafo verlag 2006, 125 S., ISBN (10) 3-89626-605-5, ISBN (13) 3-89626-605-7, 12,80 EUR
Zurück zur letzten Seite Zur Startseite des Verlages
![]() |
Pressetext
Ein
Ex-Pharmamanager schreibt einen Roman über einen Ex-Pharmamanager und
dessen Verstrickungen in die Korruptionsstrategien der Pharmakonzerne, für
die er arbeitete. Relevanz In einer
neuen Studie zeigt Transparency International, dass sämtliche
Finanzierungsprobleme des Gesundheitssystems in Deutschland allein durch
entschiedenes Vorgehen gegen die Korruption im Gesundheitssystem gelöst
werden könnten - aber wer würde das schon wollen? Inhalt Als Rubio,
Pharmamanager im Ruhestand, seine Verwicklung in bisher unbekannte
Pharmaskandale veröffentlichen will, gerät er ins Fadenkreuz der
Industrie. Er und seine Familie werden bedroht. Schließlich liegt
Rubios Hund tot im Vorgarten. Rubio lässt sich auf einen Deal ein: Eine
halbe Million Euro dafür, daß seine explosiven Memoiren in einem
Tresor der Pharmaindustrie weggesperrt werden. Auf der Zugreise zum Ort
der Übergabe bemerkt Rubio den auf ihn angesetzten Killer, der das
Ganze für weniger erledigen könnte. Bevor er spurlos aus dem Zug
verschwindet, erzählt Rubio seine Geschichte einem Mitreisenden. Auf
Umwegen gelangt Rubios lebensgefährliches Wissen an die Polizei. Die
Ermittlungen laufen an. Die Autoren John Rengen
verfügt über mehr als 35 Jahre internationale Erfahrung in der
Pharmaindustrie, insbesondere in der Mitarbeiterführung, im Management,
Start up, Expansion, Manpower Management, Marketing und Verkäufe,
Verhandlungen mit Regierungsvertretern und staatlichen Zulassungsbehörden
Er arbeitete unter anderem für Firmen wie Eli
Lilly und Novo Nordisk.
Einen seiner größten und fragwürdigsten Erfolge erzielte er bei
Zulassung und Preisverhandlung für das Psychopharmakum Prozac,
den ersten Blockbuster. Olaf
Nollmeyer ist Autor von Sachbüchern, Drehbuch, Minidrama und Prosa. |
Ich widme dieses Buch meinen drei Kindern.
Den ersten beiden, bei denen ich mich dafür
entschuldigen möchte, dass sie mich in ihrer
Kindheit kaum gesehen haben, weil ich meine
Seele dem Teufel verkauft, und Tag und Nacht
für die Pharmaindustrie gearbeitet habe.
Und meinem dritten Kind, dem ich wünsche,
dass ihm in seiner Zukunft die verschiedenen
Fürchterlichkeiten der Pharmaindustrie
erspart bleiben mögen.
John Rengen
Einleitung
1. Kapitel: Beichte in Abteil 43
2. Kapitel: Nebenwirkungen
3. Kapitel: Die dunkle Seite
4. Kapitel: Einnehmende Wesen
5. Kapitel: Nicht ohne meinen Kühlschrank!
6.
Kapitel: Leben und Sterben eines Medikamentes
7. Kapitel: Die drei Ebenen der Bestechung
8. Kapitel: Das Kichern der Psychiater oder: The Making of a Blockbuster
9.
Kapitel: Sein täglich Insulin gib ihm heute
10. Kapitel: Kostbare Zwerge
Quellen und Ressourcen
Internet
Literatur
Es gibt verschiedene Gründe, aus denen die folgende Geschichte nicht wahr sein darf.
Nicht wahr sein darf, was unseren moralischen Überzeugungen widerspricht.
Nicht wahr
sein darf aber auch das, was Mächtigen ungelegen kommt. Das ist, nebenbei
gesagt, oft genug die Wahrheit selbst.
Der wichtigste Grund dafür, dass die folgende Geschichte nicht wahr sein darf,
sind Sie, werter Leser, der dieses Buch in Händen hält.
Denn wäre
diese Geschichte wahr, dann läge dieses Buch – statt im Buchladen –verschlossen
in irgendeinem Safe. Sie würden nichts davon erfahren.
Mancher, so heißt es, habe heutzutage Schwierigkeiten, Wirklichkeit und
Erfindung auseinanderzuhalten.
Manche
Geschichten müssen als Erfindung gelten, um nicht an dunklen Orten zu
verschwinden.
Halten wir es also so: Die folgende Geschichte ist nicht wahr. Alle
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, Gesellschaften, Firmen
und Produkten sind rein zufällig.
Allein Rubio ist echt. Sein Spucken weist uns den Weg.
2. Kapitel: Nebenwirkungen
„Nehmen wir an, Sie hätten eine Pille entwickelt, die das Folgende bewirkt: Bauchschmerzen, Mundtrockenheit, Appetitlosigkeit, Durchfall, akute oder chronische Verstopfung des Darmes, Erbrechen, Blähungen, Geschmacksveränderungen, Schluckbeschwerden, zentralnervöse Beschwerden wie: Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Nervosität, Müdigkeit, Angstgefühle, Zittern, Benommenheit, Schwindelgefühl; Störungen der Sexualfunktion wie etwa Impotenz, Verminderung der Libido, Priapismus (schmerzhafte Dauererektion des Penis, die länger als zwei Stunden anhält); Missempfindungen wie Kribbeln in den Fingern oder schmerzhaft brennende Gefühle –"
Rubio sprach schnell und präzis. Die absonderliche Aufzählung klang wie ein postmodernes Gedicht.
„Alpträume, Denkstörungen und –"
Rubio hob den Zeigefinger wie ein Lehrer:
"Verwirrtheit!"
Rubio hatte nur kurz Luft geholt. Er bellte:
„Exzessive Blutungen und exzessives Hochgefühl! –", Rubio lachte, Zähne wie Augen blitzen.
„– Übermäßiges Schwitzen. Verschwommenes Sehen. Juckreiz. Herzklopfen. Brustschmerzen. Brustschwellung. Hitzewallungen. Gliederschmerzen. Gewichtsabnahme. Anaphylaktoide Reaktionen wie etwa leichte Hautreaktionen oder Störungen von Organfunktionen, aber auch Kreislaufschock mit Organversagen sowie tödliches Kreislaufversagen. Verkrampfung der bronchienumspannenden Muskulatur. Wassersucht, Nesselsucht, Juckreiz. Bläschenbildung. Fieber. Leukozytose. Gelenkschmerzen. Atemnot und Gähnen, Beeinträchtigung der Konzentration, Harnlassstörungen, Hypomanie3, Manie4, Entzündungen von Arterien, Kapillaren und Venen durch autoimmunologische Prozesse, entzündliche oder fibrotische Veränderung der Lunge, aber vorher –"
Rubio stand jetzt mitten im – außer ihm selbst und mir – leeren Abteil, den Zeigefinger des ausgestreckten Arms auf mich gerichtet –
„Atemnot."
Ich stöhnte. Rubio nahm darauf keine Rücksicht.
„Leberfunktionsstörungen wie Gelbsucht oder Hepatitis, Auftreten oder Verschlimmerung extrapyramidalmotorischer Symptome (M. Parkinson), Krampfanfälle, Blutdrucksteigerung oder Blutdrucksenkung, –"
Rubio pausierte grinsend – „… Synkope5."
„Synkope" wiederholte ich mechanisch.
„Des weiteren Blutungen, z.B. kleinflächige Hautblutungen, Magen-Darm-Blutungen, Nasenbluten oder extreme Blutarmut sowie Panzytopenie. Das bösartige neuroleptische Syndrom, das schnell verläuft und zum Tod führen kann; Schlaganfälle, Entzündungen der Bauchspeicheldrüse, Herzrhythmusstörungen, Haarausfall, Hyperprolaktinämie, –"
Rubio schnappte nach Luft, ich ächzte und Rubio blies das Finale fanfarenartig in die Luft:
„Vaginal-Blutungen, Suizidgedanken und aggressive Verhaltensweisen!"
Ich war sprachlos. Mein Schädel brummte.
„Was müssten Sie tun, mein lieber Freund, wie würden Sie es drehen, um diesen Dreck dennoch mehr als 54 Millionen Mal von Ärzten weltweit – nicht nur in Europa und den USA – ganz offiziell verschreiben zu lassen um damit 500 Million Dollar Umsatz pro Jahr zu machen? Glauben Sie tatsächlich, es ginge da mit rechten Dingen zu?"
Was sollte ich sagen?
„Dies ist nur ein Beispiel", fuhr Rubio fort, „und ich benutze es, weil ich daran beteiligt war. Ich war Akteur in diesem Coup, der aus einer Pille einen Blockbuster machte. Ich selbst habe einen Gutachter der Gesundheitsbehörde bestochen, damit dieses Teufelszeug die Zulassung bekommt und als registriertes Produkt von Ärzten ganz regulär und auf Kosten des Gesundheitssystems verschrieben werden darf. Weltweit. Auch Sie zahlen dafür. Heute macht mir das Alpträume. Damals war ich nur daran interessiert, was unterm Strich für den Konzern dabei heraussprang. Das Wohl der Patienten war mir genauso egal wie irgendjemand in der Pharmaindustrie. Was meinen Sie, wie viele Leute unter dem Einfluss dieses Medikaments sich umgebracht haben? Leute haben sich selbst aufgeschlitzt mit Rasierklingen oder ihre Großmutter angeknabbert. Bitte, das ist kein Witz6. Wir wussten damals schon davon, denn schon in den klinischen Studien traten – sagen wir es mal so – Unregelmäßigkeiten auf. Und wir haben es trotzdem gemacht."
Rubio schluckte.
„Im Verlauf meiner Geschichte erzähle ich Ihnen von weiteren Betrügereien, an denen ich im Namen der Gesundheit des Patienten für die Pharmaindustrie beteiligt war. In der ganzen Welt. Die Geschichte wird Ihnen gefallen. Es geht um Bestechung verschiedener Ausprägung, auch um Tauschhandel Computer gegen Insulin oder Wissenschaft gegen Rechnung. Selbstverständlich werden wir auch den Puff besuchen. In Skandinavien, in Las Vegas oder in der Karibik. Ganz wie Sie wünschen. Mein Berufsalltag in der Pharmaindustrie hatte alles, was es zu einer guten Story braucht: Geld, Sex und jede Menge Lügen.
Ich hoffe, es wird Ihnen helfen, die Dinge in Bezug auf die Pharmaindustrie klarer zu sehen und die richtigen Fragen zu stellen. Sie müssen aktiv werden. Der Druck kann nur von unten nach oben wirken, denn Denen da oben, glauben Sie mir, geht es nur ums Geld. Ich weiß, wovon ich rede. Ich war da oben."
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Sollte ich überhaupt etwas sagen? War eine Antwort meinerseits von Rubio, dem großen Zampano, überhaupt vorgesehen? Dieser Rubio sprach wie gedruckt. Beinahe hatte man den Eindruck, er spräche gar nicht zu mir, sondern zu einem imaginären Publikum, einem viel größeren Publikum, als ich es war, aber, immerhin, als Ersatz schien ich zu taugen. Rubio, den ich im ersten Augenschein für einen alten Mann gehalten hatte, war ganz in seinem Element. Er hockte schon wieder vorn auf seinem Sitz, berührte ihn nur flüchtig auf der Kante, hielt den Oberkörper aufgerichtet, die Arme schwangen frei oder formten Gesten in der Luft mit Präzision und Geschmeidigkeit. Rubio war ein begnadeter Entertainer. Jetzt schlug er wieder einen anderen Ton an. Einen leisen, unerträglich vertraulichen Ton.
„Wenn Sie so wollen", flüsterte Rubio, „ist dies eine Beichte."
Nach diesem Auftakt war ich alles andere als sicher, daß ich sie hören wollte.
Hinweis: Blog zum Thema: http://korruption-in-der-pharmaindustrie.blogspot.com/