Klaus Kühnel (Hrsg.)

‘Der Mensch ist ein sehr seltsames Möbelstück’. – Biographie der Innenarchitektin Liv Falkenberg-Liefrinck (geb. 1901)

[= Autobiographien, Bd. 24], 2006, 209 S. zahlr. Abb. u. Dok., ISBN (10) 3-89626-572-5, ISBN (13) 978-3-89626-572-2, 22,80 EUR

 

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Zu den Rezensionen

 

Inhaltsverzeichnis

 

Begegnungen 7

Do und Fré – meine Eltern 11
Empfehlungen 26

Grün ist grässlich 41

Unerwünscht 53

Getarnte Flucht 66
Hausgeschichten 79

Aufbegehren 95

Heimkehr 109

Gute Zeiten 131

Einsamkeiten 154

 

Dokumente 170
Lebensdaten und Zeitereignisse 205

Bildnachweis 208
Danksagung 208

 

Über den Autor 209

 

Ida Liefrinck, am 22. Juli 1901 in Arnhem geboren, fand nach Umwegen im Büro des Rotterdamer Stararchitekten J.J.P. OUD eine Tätigkeit, wurde durch ihn mit der Kunstrichtung De Stijl vertraut gemacht und entwarf in seinem Auftrag Möbel für die legendäre Weißenhofsiedlung in Stuttgart. Sie gehörte den avantgardistischen Vereinigungen Opbouw und De 8 an, entdeckte ihre Leidenschaft für Stühle aus Rattan und praktizierte in den Deutschen Werkstätten Hellerau. Hier lernte sie Alice kennen, die Gattin des umstrittenen Berufsrevolutionärs Otto Rühle, die ihr einredete, Ida sei ein Dienstmädchenname, weshalb sich die junge Frau fortan Liv nannte. Der Elektroingenieur Falkenberg konfrontierte sie mit den Ansichten der Kommunisten. Als Arbeiter-Samariterin beteiligte sie sich an einer kommunistischen Demonstration, wurde des Landes verwiesen und von Otto Falkenberg geheiratet. Trotzdem ging das Ehepaar 1933 ins holländische Exil, wo Liv die Familie als freischaffende Designerin ernährte: Sie entwarf Möbel und Gläser, die noch heute in Ausstellungen gezeigt werden, stattete ein Irrenhaus und den Tanker Pendrecht aus, besuchte den CIAM-Kongress in Paris, wo sie Picassos Bild "Guernica" erlebte und kehrte nach der Befreiung ihres Landes nach Dresden zurück, wo ihr aus dem KZ entlassener Mann hoher Funktionär geworden war. Sie beteiligte sich am Aufbau der Leipziger Messe, richtete die Parteihochschule, die Verwaltungsakademie, die Wirtschaftsschule der im Entstehen begriffenen DDR mit ein, entwarf Möbel für das Haus von Friedrich Wolf und hätte wahrscheinlich auch hier eine glänzende Karriere gemacht, wenn ihr Mann nicht als Diplomat nach Prag, Neu-Delhi und Moskau geschickt worden wäre. Heute lebt Liv Falkenberg in Berlin.

Lebte, muß man sagen. Am 19.01.2006 hat sie im Alter von 104 Jahren für immer die Augen geschlossen.

 

Zum Geleit

Eine Frau im Rollstuhl, einhundert und drei Jahre alt, aufrecht sitzend. Der erste Eindruck: bescheiden. Das Zimmer sonnendurchflutet, hell, freundlich, aber unterkühlt. Kein Bild an der Wand, nichts Persönliches. In einer Art Kommode mit Glasscheiben aus den sechziger Jahren nur wenig Bücher, aber Blumen auf dem äußerst kleinen, unstabil wirkenden Schreibtisch. Näher herangekommen an die Frau: Ein zurückhaltendes Lächeln: "Wieso wollen Sie mich befragen? Ach so, mein Alter, ja?" Ich kann an der Stimme nicht erkennen, ob Fügen oder Aufbegehren in diesem Satz mitschwingt.

Der Blick zur winzigen Schreibfläche. Eine Briefwaage, darauf ein Farbfoto: Sowjetsoldaten hissen ihre Fahne auf dem Reichstag, darunter schwarzweiß ein Männerporträt. "Mein Otto", wird die Frau beim dritten Besuch erklären. Über Privates redet sie nicht gern. Das macht die Sache nicht gerade einfach. Auch auf Nachfragen schweigt sie zuweilen beharrlich, obwohl sie scheinbar antwortet, nicht sehr wortreich allerdings. Es gibt Dinge in ihrem Leben, die sie für abgeschlossen und vergangen und deshalb für vollkommen uninteressant hält. Aber gerade diese Ereignisse waren nach meinem Empfinden das Salz ihres Lebens. Nur manchmal, später dann und wieder zurückkommend auf das Verschwiegene, antwortet sie ungewohnt kurz auf mein Nachfragen zu ganz bestimmten Sachverhalten. Dabei ist sie immer auf der Hut: Sie will nichts Falsches sagen, nichts politisch Falsches, nichts, was den gegenwärtigen Parteien Wasser auf die Mühle geben könnte. Kein Makel soll auf ihren Mann und die Parteien fallen, der beide angehörten: KPD und SED. Parteidisziplin? Parteidisziplin! Noch immer! Dass sie der PDS angehört, verschweigt sie nicht, aber dass deren Landesvorsitzender Gast ihres Geburtstages im vorigen Jahr war, erfahre ich nur durch die Fotos von diesem Tag. Es gibt Fragen, die ich vergeblich gestellt habe, auch wenn ich sie beim übernächsten Gespräch noch einmal angeschnitten habe und auf sie in scheinbar ganz anderem Zusammenhang zu sprechen kam. Aber es gab auch Fragen, die ich gar nicht gestellt habe, weil sie mir nicht in den Sinn gekommen sind und mir erst jetzt einfallen, zum Beispiel: Weshalb benötigen Sie eine Briefwaage?

Ein Jahr brauchte ich zu den Gesprächen. Meist trafen wir uns zweimal im Monat. Wir wollten die Befragung langsam angehen. Es gab Tage, da war sie nicht gut drauf, dann wieder stellte sie mich in den Schatten mit ihrer geistigen Beweglichkeit, ihren humorigen Formulierungen und mit ihrem Lachen, das unvermittelt aus ihr herausbrechen kann. Ich habe schon mit vielen alten Menschen gesprochen, aber noch nie erlebt, dass sie sowohl über lange Zurückliegendes als auch über gerade Vergangenes gleich gut und so souverän zu reden vermögen wie diese Frau im Rollstuhl, die über alles Bescheid weiß und immer bestens darüber informiert ist, was momentan passiert auf der Welt, die für sie immer noch ein Hüben und Drüben hat. Bei all unseren Begegnungen war Liv Falkenberg tipp topp frisiert und stets "nett" angezogen, um hier eines ihrer scheinbaren Lieblingsworte zu gebrauchen. Nie ließ sie sich gehen, nicht einmal habe ich erlebt, dass sie ihr Äußeres vernachlässigt, aber ich hatte keineswegs den Eindruck, dass sie sich extra meinetwegen "hübsch" gemacht hat, sondern dass es zu ihrem Alltag gehört, "adrett" gekleidet und gepflegt zu sein. Auf meine Frage, ob das auch etwas damit zu tun habe, älter als einhundert Jahre geworden zu sein, sah sie mich verschmitzt an und erwiderte: Nein, dafür kann man erstens nichts und zweitens gehört in Stand halten zum Leben wie das Fundament zum Bau.

Einmal habe ich sie beleidigt, was selbstverständlich nicht beabsichtigt war. Im Gegenteil: Ich hatte ihr das fertig geschriebene erste Kapitel zum Lesen gegeben, so wie ich es bisher mit allen meinen Gesprächspartnern gehandhabt hatte. Sie erzählten mir ihr Leben, es sollte ihr Leben bleiben, bis in die Wort- und Gedankengänge hinein. Ich war voll Bewunderung für die über Einhundertjährige, die an der legendären Stuttgarter Weißenhofsiedlung mitgearbeitet hatte, bei dem Architekturgenie J. J. P. OUD die Grundlagen der Kunstrichtung De Stijl kennen gelernt hatte, durch ihn zum Mitglied der avantgardistischen Gruppen "De 8" und "Opbouw" geworden war und noch immer zu den bekanntesten Glasgestalterinnen in Holland gehört, obwohl sie dort eigentlich nur in den wenigen Jahren ihres Exils für die Glasfabrik Leerdam tätig war. Dabei hatte sie, vom Abitur abgesehen, keinen Abschluss gemacht, weder ein Diplom für Design erworben, noch einen Magister, oder welchen Titel man sich damals erwerben konnte, nicht einmal ihre Ausbildung zum Tischler an den Deutschen Werkstätten Hellerau war mit einer Gesellenprüfung beendet worden. Und doch hatte sie erreicht, was nur wenigen vergönnt war: Erfolg beim Publikum und offensichtlich fortdauernde Anerkennung in Fachkreisen. Also übertitelte ich das Kapitel sinngemäß mit den Worten "Aber einen Abschluss machte ich nirgendwo" und war im Fettnäpfchen der feinsten Art gelandet. Nein, den Fakt an sich wolle sie gern im Text lassen, aber nicht so herausgehoben sehen. Das klinge ja als wäre sie unfähig, ein Examen zu bestehen. Wir hatten gründlich aneinander vorbei empfunden beim Lesen des Satzes. Aber angeregt durch dieses Missverständnis kamen wir zu einem wunderbaren Gespräch über Prüfungen und damit verbundene Ängste, über positive Vorurteile und unangebrachte Bewunderung für Leute, die einen Titel erworben haben und doch sonst weder etwas wissen, noch etwas können und schon gar nicht mehr menschlich handeln.

Meist habe ich ihr Beharrungsvermögen bewundert, das will ich gern zugeben, gelegentlich aber war ich auch aufgebracht darüber. Sie hatte ausfühlich ihre Meinung über Prinz Bernhardt dargelegt, den verstorbenen Gatten der Monarchin ihres Heimatlandes. Der Mann kam dabei nicht besonders gut weg, aber was sie über ihn erzählte, hatte Hand und Fuß, war weder beleidigend noch ungebührlich, wenigstens in meinen Augen nicht und ich freute mich, wieder einmal eine gut argumentierte politische Aussage zu haben. Aber bei der üblichen Korrektur des Abschnitts bestand sie darauf, den ganzen Absatz zu streichen, es stehe ihr nicht zu, die Politik Hollands zu kritisieren und sich darüber zu äußern, vor allem, weil sie zu Zeiten des Prinzen gar nicht mehr im Land gewesen sei, sondern die Entwicklung nur von ferne beobachtet habe und aus der Ferne sehe man meist nicht die Wahrheit und die tatsächlichen Sachverhalte. Da hlf mir kein Drehen und Wenden, kein Erklären und Einwenden, kein Aber, die Passage musste gestrichen werden. Was gestrichen ist, kann nicht durchfallen, nicht, wurde ich getröstet. Aber Seelenbalsam war es mir dennoch nicht.

Mein erstes Interesse an Liv Falkenberg wurde durch Nachbarn aus unserem Haus geweckt, die mein Faible für Biographien kannten und wussten, dass mich außergewöhnliche Leben faszinieren. Immer wieder verwiesen sie darauf, dass ein Bekannter von ihnen eine Verwandte habe, die bereits über einhundert Jahre alt sei. Aber fortwährend kam mir etwas dazwischen, entweder eine dringende Rundfunkarbeit, ein termingebundener Auftrag, eine Reise. Dann wurde mir erzählt, die Frau sei eine Innenarchitektin und habe die Straßenlaternen für die Karl-Marx-Allee entworfen, als die noch Stalinallee hieß, das war jedoch eine Fehlmeldung, wie sich gleich bei meinem ersten Besuch in der Seniorenresidenz herausstellte. Aber das zaghafte Gewährenlassen meiner Fragen und die auffallende Bescheidenheit der Frau im Rollstuhl fesselten mich auf der Stelle. Allerdings habe ich nicht erwartet, so viel Zurückhaltung zu treffen. Bis heute, finde ich, ist es mir nicht gelungen, die notwendige und bereitwillige Offenheit zu erzeugen, die für eine auch innerliche Biographie unabdingbar ist. So blieb manches im Ansatz stecken, was bei größerer Ausfühlichkeit zu noch mehr Verständnis für die verschiedenen Zeitereignisse geführt hätte, die wir bei unseren Gesprächen berührten.

Klaus Kühnel

© trafo verlag 2005

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