Hedwig Dohm

Christa Ruland, Roman (1899)

[= Edition Hedwig Dohm, Bd. 3], Roman, hrsg. von Nikola Müller & Isabel Rohner, 2008, 247 S., 978-3-89626-562-3, 19,80 EUR

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Informationen zur Edition Hedwig Dohm

 

 

Inhalt

Vom Ende der Wahrheit. Christa Ruland und die Entdeckung der Moderne  7

Eine Vorbemerkung zur Edition   19

Christa Ruland (1902)         21

Anhang    221

Anmerkungen  221

Hedwig Dohm über Christa Ruland   233

Zeitgenössische Rezensionen zu Christa Ruland            235

Heinrich Hart: Neues vom Büchertisch      235

Estelle du Bois-Reymond: Christa Ruland.       239

N.N.: Christa Ruland. Roman von Hedwig Dohm        240

v.G.: Hedwig Dohm: Christa Ruland      242

Ernst Stadler: Hedwig Dohm, Christa Ruland    243

N.N.: Hedwig Dohms Christa Ruland       243

Danksagung           245

Über die Herausgeberinnen      247

 

Einleitung: Vom Ende der Wahrheit. Christa Ruland und die Entdeckung der Moderne

Hedwig Dohm beendet mit Christa Ruland (erschienen 1902) ihre Romantrilogie: „In drei Romanen wollte ich drei Frauengenerationen des 19. Jahrhunderts schildern, deren Repräsentantinnen, den Durchschnitt zwar überragend, doch Typen ihrer Zeit sein sollten. Ich wollte sie schildern, aufsteigend aus dem ersten Dämmer des Morgengrauens der Erkenntnis bis zum hellen, verheißungsvollen Frühlicht, das den Glanz der Mittagssonne ahnen lässt, die erst über den Frauen des 20. Jahrhunderts aufgehen wird. […] Es würden demnach meine drei Frauengenerationen die Lebensbilder von Großmutter, Tochter und Enkelin entrollen.

Dohm schildert in Schicksale einer Seele (1899) den Zeitraum von 1833 bis 1866 im Leben der Protagonistin; Sibilla Dalmar (1896) erleben die LeserInnen von ca. 1850 bis 1880, und Christa Ruland schließlich kommt zeitlich in der Gegenwart der Autorin an, der Wende zum 20. Jahrhundert.

In Christa Ruland also werden Erzählzeit und erzählte Zeit nahezu identisch, ein grundlegender Unterschied zu den beiden anderen Romanen der Trilogie. Der Autorin eröffnet das ein ungemein großes Diskursfeld. Intertextuelle Bezüge, die Einbettung in ganz bestimmte kulturelle und geistesgeschichtliche Phasen spielen zwar auch bei Schicksale einer Seele und Sibilla Dalmar eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Doch wird beim Lesen des dritten Romans deutlich, wie sehr die Autorin hier in den zeitgenössischen Diskursen mit beiden Händen aus dem Vollen schöpft: Literatur, Malerei, Musik, Philosophie, Bildungspolitik und Frauenbewegung – der Roman sprüht förmlich vor Anspielungen und Kommentaren auf Kultur- und Gesellschaftstrends der beginnenden Moderne, einer Zeit, die Auf- und Umbruch verspricht, in der Werte zugleich neu verhandelt und vehement verteidigt werden. Ob Gesellschaftsutopien, technische Errungenschaften oder wissenschaftliche Erkenntnisse – wie die um 1900 immer noch heftig umstrittene These der Abstammung des Menschen vom Affen –, Christa Ruland präsentiert das ganze Kaleidoskop der Jahrhundertwende. Eine einheitliche Strömung ist „die Moderne“ dabei auch in Dohms Werk keineswegs. Vielmehr ist sie geprägt von pluralistischer Vielfalt, einem Neben- und einem Gegeneinander von Ideen, Theorien, Ideologien, die sich Dohm quasi aus dem Zeitgeist pflückt und womit sie ihre Figuren füttert.

Dohm zeigt durch das Einbetten in Kunst- und Literaturdiskurse aber nicht nur die Themen der Moderne, in ihrem Romanpersonal werden auch die Grenzen und Begrenzungen dieses Umbruchs deutlich: Im Umfeld der Protagonistin Christa, die selbst alle Strömungen auf sich einprasseln lässt und sich euphorisch bald dieser, bald jener anschließt, treffen wir auf eine ganze Reihe von Frauengestalten, denen das beginnende Jahrhundert neue Möglichkeiten verspricht und die sich vom herkömmlichen Lebenslauf gutbürgerlicher Frauen distanzieren. Wir treffen auf die Chemikerin Maria Hill, die in Zürich studierte und nun in einem Berliner Chemielabor arbeitet; auf die Malerin Anselma Sartorius, die sich in ihren Werken verwirklichen möchte; auf die Schriftstellerin Julia König, die ein selbstbestimmtes Leben jenseits von Ehe und Abhängigkeit leben will, und auf die Mystikerin Klarissa, die nach neuen Zeichen Ausschau hält. Wir treffen auf eine Radfahrerin in Pumphosen und auf eine Psychiaterin, deren Klarheit und Selbstbewusstsein Männer abschreckt. Und auch unter diesen – den Männerfiguren – finden wir Kinder der Moderne: den Journalisten und Stirner-Anhänger Frank Richter und den Asketen Daniel Rainer, der eine neue Religion in sich selbst sucht.

Dohm stellt ein schillerndes Romanpersonal mit unterschiedlichsten Lebensentwürfen an den Start. Den Aufbruch in neue Rollen gestaltet sie jedoch insbesondere für die Frauenfiguren als steinigen bis unbegehbaren Weg. Der Schritt in die Moderne, das zeigt Dohm deutlich, verläuft für Frauen und Männer unterschiedlich.

Was beiden gemein bleibt, ist der Verlust einer verbindlichen Wahrheit. Was Nietzsche mit der Ausrufung vom Tod Gottes impliziert, führt nicht nur zu einer Befreiung des Subjekts, sondern vielmehr auch zu einer Krise – die „Krise des Subjekts“ ist zweifellos ein zentrales Schlagwort der Moderne.

Die männlichen Figuren werden nun von der Autorin in eine Krise geschickt, die zugleich Entwicklung ist. Sowohl Frank Richter als auch Daniel Rainer haben Überzeugungen, Werte und Ziele. Mag die Krise diese Positionen auch erschüttern und in Frage stellen, den männlichen Figuren bleibt doch die Fähigkeit, sich neu zu positionieren, umzuentscheiden zu neuen Werten und Zielen.

Den Frauen ist die Krise viel weniger Chance. Denn ihnen fehlen die Voraussetzungen zum Ergreifen und Umsetzen ihrer Möglichkeiten: Ihnen fehlt – neben anderem – Bildung. Im Gegensatz zu den Männern haben sie nicht gelernt zu denken, abzuwägen und zu verwerfen, verantwortlich Entscheidungen zu treffen und diese dann auch durchzusetzen. Kurzum: Mangelhafte Bildung verwehrt ihnen eine reflektierte Persönlichkeits- und Charakterbildung, die doch Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben ist. Sie sind eben noch nicht genug Subjekt, um dasselbe in Frage zu stellen. Individuelle Lebensentwürfe, jenseits traditioneller Ehe, Berufslosigkeit und Abhängigkeit, sind jetzt zwar denk-, aber kaum lebbar, sie scheitern an den realen Umständen, an inneren wie äußeren Begrenzungen.

Die mangelhafte Mädchenschulbildung prangert Dohm zeitlebens an, in ihren Romanen zeigt sie die fatalen Folgen des Mangels, – ein Motiv, das alle drei Romane verbindet. In ihrer Romantrilogie führt sie zudem vor, was passiert, wenn diese verwehrte Persönlichkeitsentwicklung auch noch auf ungünstiges „Rohmaterial“ trifft. Das demonstriert sie uns an der träumerischen Marlene (Schicksale einer Seele), der zerrissenen Sibilla (Sibilla Dalmar) und der unsteten Christa des vorliegenden Romans. Alle drei Protagonistinnen leiden bzw. scheitern an einer doppelten Begrenzung: einerseits an den äußeren Beschränkungen, der gesellschaftlichen Entrechtung ihrer Zeit, und andererseits an ihrem individuellen Unvermögen, an den inneren Beschränkungen ihres Charakters. Dass diese Charaktere wiederum Resultate der äußeren Entrechtung und verinnerlichter Normen sind, ist Grundthese der Trilogie. Zwar eröffnen sich den Hauptfiguren zunehmend Möglichkeiten der Lebensgestaltung, doch ohne Bildung und somit Ausbildung einer willensstarken Persönlichkeit, die in der Lage wäre, eine der Möglichkeiten zu wählen und dann auch gegen äußere Widerstände umzusetzen und zu leben, bleiben alle Chancen Utopie.

Von Marlene über Sibilla zu Christa sind die äußeren Beschränkungen weniger geworden, die gesellschaftliche Situation der Frauen hat sich im Laufe des 19. Jahrhunderts verbessert. Gerade deshalb ist bei Christa Ruland der Kontrast zwischen der Fülle der äußeren Möglichkeiten einerseits und andererseits dem inneren Unvermögen, das unauflösbar mit gesellschaftlichen Normen verzahnt ist, besonders groß. Im Gegensatz zu Marlene, deren einzige Alternative im Verlassen der Gesellschaft bestand, und Sibilla, die den Ausbruch mit ihrem Leben bezahlte, stehen Christa – scheinbar – zahlreiche Alternativen zur traditionellen Ehe offen. Wir werden sehen, wie Christa sich selbst im Weg steht und sich eine Tür nach der anderen wieder schließt.

Dieses spezifische Grundproblem der Frauen der Jahrhundertwende wird im Roman explizit reflektiert. Die „Übergangstypen“, wie die Chemikerin Maria Hill die Frauen der Zeit nennt, sind noch zu sehr in der „alten“ Denk- und Handlungsweise verhaftet und abhängig von einem konservativen, rückwärtsgewandten Umfeld. Die viel beschworenen „neuen Frauen“ gibt es noch nicht:

Es ist ein Zwiespalt in uns Werdenden zwischen dem Altererbten und dem Neuerrungenen. Was seit so vielen Generationen Recht und Brauch war, hat sich unserer Gesinnung einverleibt, es ist beinah Instinkt bei uns geworden. Wir haben noch die Nerven der alten Generation und die Intelligenz und den Willen der neuen. […]

Wir alle, wir erleben nicht die Zeit, wo die Kometen sich zu Sternen verdichten, wo die Schwarmgeister sich ansiedeln werden. Auf der Schwelle des gelobten Landes werden wir wie Moses sterben.

Und so wird auch Christas lebhafte Frauenclique im Verlauf der Geschichte gedämpft: Der Chemikerin Maria Hill erlaubt man im Labor nur die einfachsten mechanischen Tätigkeiten. Die Karriere, zu der sie ihr Geist und Ehrgeiz befähigen, ist nur durch das Wohlwollen und die Unterstützung anderer (Männer) möglich. Ähnlich ergeht es der Malerin Anselma: Sprühend vor künstlerischen Ideen und reich an Impressionen wird sie von der Kunstwelt verlacht – nicht nur, weil sie als Autodidaktin aus den Hallen der Akademien ausgeschlossen ist, sondern auch, weil sie sich thematisch nicht den zeitgenössischen Themen fügt. Und selbst ihre Freundinnen können mit der expressiv thematisierten weiblichen Sexualität nichts anfangen, Christa schämt sich sogar für die Bilder: „Um keinen Preis hätte ich sie zugleich mit einem Mann sehen mögen“. Die Schriftstellerin Julia wiederum bezahlt ihre „Freiheit“ mit dem Verstoß aus ihrer Familie und mit der Prostitution. Die Zeitungsredakteure, die Julias Texte drucken, lassen sich diesen Dienst teuer bezahlen.

Aber auch der angepasste und die Erwartungen erfüllende, der „alte“ Frauentyp, verkörpert durch Christas Schwester Anne-Marie, geht schließlich zu Grunde: Zu groß sind selbst für sie – die leichtfüßig-biegsame Tänzerin – die Verbiegungen, die man ihr abverlangt. Ein „Werde, die du bist“ – unter die weibliche Form des Pindar’schen Zitats stellt Dohm ihre Trilogie – ist auch jetzt nicht möglich. Eine freie Entfaltungsmöglichkeit für Frauen bleibt Zukunftswunsch. „Es strebt die Frau nach Freiheit“, auch weiterhin.

Einen vielschichtigen Entwurf für diese Erkenntnis liefert das Leben der Protagonistin: Im Gegensatz zu ihren Freundinnen mit spezifischen Interessen und Talenten kann sich Christa Ruland nicht auf ein Feld konzentrieren. Zu groß sind die Angebote, zu vielseitig ihre Interessen, zu euphorisch ist ihr Wesen. Dass ihre Zukunft dabei frei gestaltbar ist, entpuppt sich schnell als Irrtum: Die Eltern teilen „moderne“ Auffassungen wie von einem Leben als Unverheiratete oder Berufstätige nicht, und Christa fehlen sowohl Kraft und Ausdauer als auch Überzeugungskraft sich selbst und den Eltern gegenüber, um sich durchzusetzen.

Als sie als Adoleszente beschließt, Schauspielerin zu werden, scheitert dies an Einwänden ihres Vaters. Auch bei der Krankenwärterin und der Nonne, Berufsfelder, für die ihr Herz danach entbrennt, schüttet der Vater „Asche auf ihr Feuer. Um ihr die Ideen auszutreiben, organisiert er bei einem befreundeten Arzt einen getürkten Schnupperkurs in Krankenpflege – Christa wird sehr bald ohnmächtig aus dem Krankensaal getragen.

Die Malerei scheitert an der Mutter, die ein aktzeichnendes Mädchen am Heiratsmarkt für nicht vermittelbar hält. Die Gymnasialkurse, die Christa daraufhin besuchen darf und die es in Berlin ab 1893 für junge Frauen gibt, fallen wiederum den Ansichten der Mutter zum Opfer: „Mama will, dass ich zum Diner zu Hause bin. Sie mag nicht, dass man mir nachserviert. Sie hält das für eine Untergrabung des Familienlebens.

Und auch später verliert sich dieses schnelle Entflammen und Erlöschen nicht. So ist ihre Begeisterung für die Philosophie Stirners, die sie durch Frank Richter kennenlernt, nicht von Dauer, genauso wenig das Feuer für ein asketisches Leben als Jüngerin Daniel Rainers: Mit der Abwendung von den Männern verschwindet auch die jeweilige „Wahrheit“. Sie trifft – trotz aller Begeisterung – auf keine tiefergehende Reflexion und kann darum nicht zu Christas eigener „Wahrheit“ werden. „Es fehlt ihr an Persönlichkeit, Geisteskraft“. Dennoch bricht sie am Ende in eine ungewisse Zukunft auf, mit einem neuen, selbstgewählten Plan, von dem sie hofft, seine Verwirklichung werde auch ihr helfen, sich – endlich – zu entwickeln. Ob Christas Aufbruch in die Moderne gelingt, lässt Dohm offen.

Die Gymnasialkurse deuten es bereits an: Trotz des Scheiterns der Figuren ist der Ton des Romans kein bedrückender – im Gegenteil. Auch in Christa Ruland zeigt Dohm ihr Talent zur Satire und ein unbestechliches Auge für komische Momente. Nicht wenige Figuren – insbesondere natürlich die „Altgläubigen“ – werden bisweilen karikaturesk überzeichnet. So lautet schon der erste Satz des Romans:

Frau Justizrätin Harriet Ruland hatte ihren Jour. Ihre Erscheinung, vom Kopf bis zu den Füßen, war von vollendeter Eleganz, ebenso wie das zierliche Teetischchen – japanisch, mit Elfenbein eingelegt – und der Salon selbst, dem nichts zu fehlen schien.

Über ihre Tochter sagt dieselbe:

Eigentlich begreife ich nicht, wie ich zu dieser Tochter komme. Vielleicht“, meinte sie nachdenklich, „mein Mann hat in der Jugend gedichtet, und meine eigene Mutter zeichnete Köpfe nach Gips; eben als sie zur Ölfarbe übergehen wollte, heiratete sie.

Eine Besucherin von Christas Mutter wird wiederum wie folgt charakterisiert:

Sie vertrat einen Typus, der zwar noch existiert, aber schon im Aussterben begriffen ist: Die Naturtoilettendame. Sie ging ohne Rest in ihren Kleidern auf.

Doch nicht nur in den Schilderungen ihres Personals verfährt Dohm satirisch, auch in ihrer Dialog- und Sprachgestaltung legt sie ihren Figuren Amüsantes in den Mund:

Christas Vater nennt seine Tochter „Madame Abseits – und findet auch ihre Nase „anti“. Über die moderne Frau echauffiert er sich:

„Und besonders ihr Frauenzimmer mit dem Vogelgehirn, ihr panscht ein bisschen Christus, Buddha, Sozialismus zusammen, eine Dosis Mystik, einen Gran Morphium, ein paar heilige Parzivalklänge, aber dazu ein Kleid für 800 Mark und Gesichtsmassage, die Sitzung à sieben Mark!“

Und eine besonders schöne Textsequenz schenkt die Autorin Christas Freund, dem Journalisten Frank Richter: Dieser erzählt eine „Anekdote von einem sterbenden Atheisten, der, als ein Geistlicher ihn eindringlich zu Jesus Christus bekehren wollte, die Hand ans Ohr legend, fragte: „Wie war doch der Vorname?“

Analog zu dieser sprachlichen und thematischen Bandbreite verändert der Roman auch Perspektive und Tempo, die Geschichte der Protagonistin wird mit Aperçus und Ausflügen in das Leben der Freundinnen ergänzt. Obwohl in großen Strecken ein Briefroman, wechseln hier – stärker als in den beiden anderen Bänden der Trilogie – auch die Erzählformen. In Christas Briefe an ihre Schwester und in das Tagebuch von Anne-Marie mischen sich längere Passagen in der dritten Person. Und auch das Genre der wissenschaftlichen und philosophischen Abhandlung spielt immer wieder mit hinein: In keinem der Romane wird so viel aus zeitgenössischen Werken zitiert und vorgelesen wie in Christa Ruland.

Die literarischen und kulturellen Diskurse spielen dabei nicht nur inhaltlich eine Rolle, sondern dienen als gestalterisches Moment auch der Charakterisierung der Figuren. Gleich zu Beginn streitet Christas konservative Mutter mit der Malerin Anselma über die Sphinx (1897) von Jan Theodor Toorop, diesem „lächerliche(n) Linienapostel mit seinen symbolischen Skeletten und tollgewordenen Strichen, die sich in grotesken Totentänzen verrenken[15], wohingegen sich Christa mit „Klinger’schen Radierungen[16] über einen Streit mit ihrer Schwester hinwegtröstet. Das zerrissene Wesen ihres Vaters wiederum spiegelt sich in der Dekoration seines Büros, in das sich neben „Werken bewährter Meister“ auch „einige Bilder allermodernsten Gepräges […] eingeschmuggelt haben.

Diese Fülle an Themen und Stilen ist auch der zeitgenössischen Kritik aufgefallen, ihr Urteil ist fast ebenso breit gefächert: Ernst Stadler nennt das Buch „Geschickte Feuilletonarbeit, und auch Heinrich Hart beschreibt das Buch als „lose Reihe geistreicher und geistreichelnder Feuilletons. Letzterer bemängelt jedoch: „das Dichten im eigentlich Sinne, das Verdichten, Konzentrieren eines Stoffes zur Einheit liegt ihr [Dohm] weltenfern. Dafür attestiert Hart Dohm andere Qualitäten und Eigenschaften, wobei er sich bei der Begründung ihres Talents in den Verwandtschaftsverhältnissen irrt und sie mit ihrer ältesten Tochter, Hedwig Pringsheim-Dohm, verwechselt. Dass eine 71-Jährige die Verfasserin ist, scheint ihm unmöglich: „Was sie an niedlichen Spitzen, an sprühenden Aperçus über die Gesellschaft des Berliner Westens zum Besten gibt, das zeugt ebenso von feiner Beobachtung, wie von angeborener Bosheit. Wenn, wie ich vermute, Hedwig Dohm die Tochter des Kladderadatsch-Dohms ist, so hat sie ein gut Stück Talent vom Vater geerbt.

Einen anderen Fokus verfolgt die Rezension in Minna Cauers Zeitschrift Die Frauenbewegung: „Hedwig Dohm ist eine Denkerin, ihre Werke nimmt man zur Hand, um sich an den sozialen und philosophischen Gedankengängen zu erfreuen, nicht um einige Stunden der Unterhaltung durch leichte Lektüre zu verbringen.“

Estelle du Bois-Reymond hingegen bemängelt die Farblosigkeit der Charaktere und beklagt, dass Christa Ruland kein „Schlüsselroman“ sei: „Christa Ruland“ hat nicht einmal den bedenklichen Vorzug ihrer früheren Romane, die Lust am Klatsch zu befriedigen.

Und die Neue deutsche Roman-Zeitung beschließt ihr Fazit: „Es steckt unbestreitbar viel Geist im ganzen Buche, aber warm wird man doch nicht recht; zuweilen stört auch das Allzuviel von Geist, das Frau Dohm den meisten ihrer Gestalten mitteilt; gelegentlich spricht jede von ihnen zugespitzte Aphorismen, aber immer mit dem Geiste der Verfasserin.

Im Zuge der Wiederentdeckung Hedwig Dohms in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der Roman Christa Ruland fast gar nicht beachtet. Es scheint fast so, als habe sich das Urteil der Kritikerin Estelle du Bois-Reymond hier wiederholt: Während Schicksale einer Seele als „Autobiografie“ der Autorin und Sibilla Dalmar im Umfeld der Thomas-Mann-Forschung immer wieder als Abbild der Katja-Mann-Mutter Hedwig Pringsheim-Dohm interpretiert wurde, sprengte der dritte Band der Trilogie solche Ansätze. Damit ist wohl auch zu erklären, weswegen er nicht wiederaufgelegt wurde und auch in der Forschung kaum Berücksichtigung fand. So gibt es bis heute nur wenige Arbeiten, die sich mit dem Roman auseinandersetzen. Die Untersuchung der verschiedenen Frauenfiguren im Spektrum von „femme fragile“ bis „femme fatale“ wurde dabei insbesondere von Gaby Pailer erweitert, weg von inhaltlichen hin zu gestalterischen Analysen.

„Es strebt das Weib nach Freiheit“, das ist das Motto von Christas Clique. Das rasende Tempo der zeitgenössischen Strömungen jedoch jagt an ihnen vorbei, die Sitte hält sie – immer noch – fest.

„Alles muß rauschen, schäumen, fliegen, splittern, lodern oder wenigstens radeln. Und wer keine Flügel hat und kein Automobil, und kein Geld, um in Luxuszügen die Welt zu durchrasen, der kann sich begraben lassen.“

 

 

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