trafo verlag 2006, 210 S.,
ISBN (10) 3-89626-551-2,
ISBN (13) 3-89626-551-7, 22,80 EUR
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Mit diesem Buch soll
die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung der Räume gelenkt werden, die sich
Männer und Frauen gegenseitig zugestehen, die sie umkämpfen, in die sie
eingeschlossen sind und von denen sie ausgeschlossen werden. Damit möchten wir
für die räumliche Dimension unseres Handelns sensibilisieren, in dem wir
Einblicke in die Geschlechterkulturen fremder wie unserer eigenen Gesellschaft
bieten. Forscherinnen aus verschienenen Disziplinen (Stadtsoziologie,
Geographie, Planung, Ethnologie,
Kulturanthropologie und Politikwissenschaft) teilen dazu Analysen ihrer
Beobachtungen und Auswertungen von Interviews mit, deren Schauplätze in Syrien,
Israel, Mexiko und Deutschland liegen. Dabei wird deutlich, dass wir nicht nur
zwischen verschiedenen nationalen Gesellschaften, sondern auch innerhalb von
nationalen Gesellschaften unterschiedliche räumliche Arrangements der
Geschlechter finden. In einer Zeit, in der wir in Deutschland einerseits
beruflich zunehmend im globalen Kontext handeln müssen, es andererseits im
lokalen Raum mit Migrantinnen und Migranten zu tun haben, ist es wichtig, die räumliche
Dynamik unterschiedlicher Geschlechterkulturen zu erkennen und zu verstehen,
bevor von der Politik, von Architektur und Planung oder von der Sozialarbeit im
Inland wie für das Ausland darauf bezogene Strategien
entwickelt werden. Als Geschlechterkultur wird hier das Geflecht von
rechtlichen, ökonomischen, sozialen und religiösen Strukturen bezeichnet, in
welche die Beziehungen von Männern und Frauen untereinander und gegenüber der
jeweiligen Gesellschaft typischerweise eingebettet sind. Immer spielen dabei
sowohl gemeinsame als auch getrennte Räume für die Geschlechter eine Rolle.
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Seit frühester Kindheit lernt man in jeder Kultur die
Regeln des räumlichen Verhaltens, z. B. welche räumliche Dimensionierung von Nähe
und Distanz zu anderen Personen je nach sozialer Beziehung angebracht ist, aber
auch, wo ich mich als Frau oder Mann aufhalten darf, und wo besser nicht. Diese
geschriebenen und ungeschriebenen Regeln inkorporieren wir im Laufe des
Erwachsenwerdens in unser Handeln, so dass wir nicht „anecken“, wie man
umgangssprachlich sagt. Diese Regeln für das räumliche Zusammenleben der
Geschlechter stellen Normen dar, die, vergleicht man Geschlechterkulturen, stark
oder schwach ausgeprägt sein können. Niemand entkommt der Notwendigkeit, diese
Normen zur Kenntnis zu nehmen. Allerdings liegt hier auch ein Quell von
Konflikten, denn nicht alle können und wollen sich den Normen der jeweiligen
dominanten Geschlechterkultur fügen und nach diesen handeln. So kann es sein,
dass räumliche Verbote einer Geschlechterkultur durch die Stadtplanung und
Architektur bewusst oder unbewusst konterkariert werden oder dass sie von
Einzelnen oder Gruppen unterlaufen werden und dass sich auf diese Weise auch ein
Wandel im räumlichen Handeln der Geschlechter herstellt.
Das Buch besteht aus vier Teilen. Der erste Teil
des Buches behandelt zwei städtische Geschlechterkulturen vom ersten Typ des
Ausschlusses von Frauen aus gesellschaftlich relevanten Räumen. In beiden Städten,
in Damaskus wie in Mexiko-Stadt, gibt es eine solche dominante
Geschlechterkultur mit schichtspezifischen Differenzen, und Minderheiten, die
davon abweichende räumliche Gepflogenheiten haben. Die Geographin Heike
Schiener beschäftigt sich mit Freibädern, die es seit den 70er Jahren in der
von Wüste umgebenen Stadt Damaskus in Syrien gibt. Sie standen zunächst
entsprechend der sozialistischen Ideologie der überwiegend muslimischen
Gesellschaft beiden Geschlechtern offen. Heike Schiener beobachtete, wie sich
die Freibäder zu Frauenbädern und Familienausflugsbädern wandelten und wie
damit der Rückzug von Christinnen und liberalen Musliminnen verbunden ist.
Am Beispiel der Freibäder
zeigt sie, wie das neue „moderne“ Bedürfnis des Badens und Schwimmens im
Freien in eine Gesellschaft mit starker räumlicher Geschlechtertrennung
integriert wird und wie sich hier – auch angesichts von Tendenzen der
Re-Islamisierung - die räumlichen
Strukturen der Geschlechtertrennung wiederherstellen, wobei islamische Frauen
allerdings einen weiteren Ort des Untersichseins, der Frauenöffentlichkeit,
dazugewonnen haben.
In der mexikanischen Gesellschaft, in der es Bereiche der
Trennung der Geschlechter gibt, ist die Anwesenheit von Straßenhändlerinnen
erklärungsbedürftig. Die Ethnologin Kathrin Wildner hat sich mit den Straßenhändlerinnen
im Zentrum von Mexiko-Stadt beschäftigt. Sie zeigt zunächst, dass dieses
Zentrum ein viel umkämpftes Territorium ist, und wie sich der Straßenhandel
dort halten kann. Am Beispiel zweier Straßenhändlerinnen wird deutlich, dass
diese Frauen Reproduktionsarbeit übernehmen, also solche, die sie nun im öffentlichen
Raum statt im privaten Haushalt durchführen. Sie kleiden sich im ungeschützten
Straßenraum auch in spezifischer Weise, sei es mit Uniform, die den Schutz
durch die Gewerkschaft signalisiert, sei es in traditioneller indianischer
Tracht oder mit der Schürze. Auf diese Weise wird – so vermutet Wildner, –
die Privatheit des Handelns dokumentiert und der Aufenthalt im öffentlichen
Raum legitimiert.
Dass es in Mexiko-Stadt andere Vorstellungen von
Privatheit und Öffentlichkeit geben muss als in unserer Geschlechterkultur,
wird auch dadurch belegt, dass Frauen sich mit Lockenwicklern in öffentlichen
Verkehrsmitteln aufhalten und hier ihr Make-up machen, um mit frisch
hergerichtetem Haar und Gesicht aus dem öffentlichen Verkehrsmittel auf die
Straßen der Stadt zu treten. Welche Räume als öffentlich angesehen werden,
welche als privat – oder welche Handlungen als privat, welche als öffentlich
gelten, und welche Raumzuweisungen es dafür gibt – das ist in Mexiko-Stadt
offensichtlich anders als bei uns.
Bei Wildner geht es um die Frage des Verhaltens von
Frauen im öffentlichen Raum der Stadt, in dem diese traditioneller Weise, wenn
sie allein sind, nichts zu suchen haben, diese räumlichen Grenzen aber aus ökonomischen
Gründen nicht respektieren können und nun auf eine kulturell adäquate Art,
das Überschreiten dieser Grenze bewerkstelligen, wie es die Straßenhändlerinnen
durch ihre Kleidung tun.
Demgegenüber behandelt die Sozialwissenschaftlerin
Stephanie Schütze in ihrem Beitrag das Überschreiten einer anderen Grenze in
der mexikanischen Gesellschaft. Es geht um Frauen, die Land besetzen. Die
Besetzerinnen und Siedlerinnen von Santo Domingo am Rand von Mexiko-Stadt
mischen sich in die den Männern vorbehaltene Sphäre der Politik. Was ist ihr
Motiv?
Schütze erläutert anhand von Interviews, die sie mit
den ehemaligen Besetzerinnen und heutigen Siedlerinnen aus der Unterschicht geführt
hat, dass es das Leben mit der Familie des Mannes war und das Verhältnis zu der
im Haus traditionellerweise herrschenden Schwiegermutter, das verheirate Frauen
mit ihren Kindern unter Zurücklassung des Ehemannes in die Siedlerbewegung
getrieben hat. Sie haben für sich und ihre Familien einen Freiraum gesucht und
mit Hilfe und Unterstützung durch eigene Netzwerke auch gefunden und
verteidigt. Die Männer seien später nachgezogen. Über diese
Besiedelungsaktionen hätten die beteiligten Frauen auch gegenüber ihren Ehemännern
an Selbstbewusstsein gewonnen, und es änderten sich die familiären Beziehungen
zugunsten von mehr Freiheiten für die Frauen.
Welche Konflikte um Raum gibt es in Geschlechterkulturen
vom zweiten Typ, die überwiegend nur „gendered spaces“ kennen? Das sind
die Fragen des zweiten Teils des Buches. Wer erzeugt solche Konflikte und
mit welchem Ergebnis? Dazu untersucht die Kulturanthropologin Sabine Hess den
Privathaushalt von berufstätigen deutschen Frauen als Arbeitsplatz von Au
–Pair - Mädchen und zeigt die Konflikte und Behinderungen, die aus
unterschiedlichen Formen der Raumnahme resultieren.
Demgegenüber können berufstätige Pendlerinnen, die sich neue Räume für
die Versorgung ihrer Kinder im ländlichen Raum erkämpfen müssen, sozialen
Wandel in den ländlichen geprägten Geschlechterkulturen der einheimischen Bevölkerung
anstossen, wie dies Beobachtungen eines Projekts an der Frankfurter Universität
nahe legen.
Alle Geschlechterkulturen schaffen sich die ihren Bedürfnissen
nach Trennung und Gemeinsamkeit der Geschlechter entsprechenden Wohnungen und Städte.
Doch welche Probleme ergeben sich, wenn Stadtplaner für Minderheiten mit einer
anderen Geschlechterkultur als der dominanten planen?
Ist der westliche Typus dominant, so ist die Frage, ob
sich die Stadtplanung auf die abweichenden räumlichen Bedürfnisse der
Geschlechterkultur von Minderheiten einstellen kann, will oder sollte. Im dritten
Teil des Buches nehmen die Artikel der Geographin und Planerin Tovi Fenster
aus Israel, der Soziologin Ulla Terlinden und der Politikwissenschaftlerin Petra
Günther aus Deutschland dazu Stellung. Sie gehen auf die Stadtplanung in
Hinsicht auf Minderheiten mit einer räumlich stark segegierten
Geschlechterkultur ein wie auf die Beduinen in Israel, für die Ortschaften
gebaut wurden, und auf Türken und andere ethnische Gruppen in deutschen Städten.
Die Beiträge zu diesem Band gehen zum größten Teil aus
Vorträgen beim Workshop „Gender, Space, and Conflikt (Oktober 1994 in
Frankfurt) hervor. Ulla Terlinden nimmt zu den Kontroversen zwischen denen, die
für eine feministische Forschung plädierten, und denen, die sich für
Gender-Analysen aussprachen, im abschliessenden Essay Stellung.
Einleitung
Marianne Rodenstein: Räumliche Praktiken der
Geschlechter im Vergleich: mit Lockenwicklern in der U-Bahn und Leggings im
Schwimmbad:
I. Konflikt und Wandel in Geschlechterkulturen mit starker räumlich-funktionaler Ausschließung
II. Wenn sich berufstätige Frauen Freiräume schaffen! Konflikt und Wandel in Geschlechterkulturen mit geringer räumlich–funktionale Ausschließung
III. Westliche Stadtplanung und Geschlechterkulturen mit starker räumlich-funktionaler Ausschließung
Ulla Terlinden: Migration, transnationale Räume und Planungsstrategien in Deutschland
IV. Feministische Forschung und Gender-Analysen zum Raum