Podewin, Norbert / Heuer, Lutz

Ernst Torgler. Ein Leben im Schatten des Reichstagsbrandes. (25.04.1893 Berlin – 19.01.1963 Hannover)

trafo verlag 2006, 288 S., zahlr. Abb., ISBN (10) 3-89626-545-8, ISBN (13) 978-3-89626-545-6,  24,80 EUR

 

PROLOG

„Hierdurch versichere ich folgendes an Eidesstatt: Am Morgen na dem Reichstagsbrande rief mich Herr Ernst Torgler telefonisch an, und fragte mich, ob ich bereit sei, ihn zum Polizeipräsidium zu begleiten, wohin er gehen solle, um die Beschuldigungen zu entkräften, die im Zusammenhang mit dem Reichstagsbrand gegen ihn erhoben seien. Ich erklärte mich bereit und rief sofort im Polizeipräsidium an, um mitzuteilen, daß ich zusammen mit Torgler sofort hinkommen werde. Wenn ich mich recht erinnere, sprach ich mit dem Polizeirat Heller. Ich fuhr dann mit Herrn Torgier zusammen im Auto zum Polizeipräsidium und begab mich zu Herrn Heller, dem ich sagte: "Hier ist Herr Torgler und ich bitte ihn über die Beschuldigungen zu vernehmen, nach denen er irgendwie am Reichstagsbrande beteiligt sein soll. Die Nachricht, daß Torgler freiwillig erschienen war, um sich vernehmen zu lassen, führte dazu, daß mehrere Polizeibeamte in das Zimmer kamen, in dem ich war und sagten: "Ist Torgler wirklich von selber gekommen?" Herr Heller ging dann in ein anderes Zimmer, während ich im Vorzimmer wartete. Nach längerer Zeit kam dann Herr Torgler wieder aus dem Zimmer heraus, und wir warteten gemeinsam bis uns Herr Heller wieder in ein anderes Zimmer rief und in meinem Beisein Herrn Torgier für verhaftet erklärte."

(Erklärung des Rechtsanwalts Kurt Rosenfeld)

Mit diesem Schritt begab sich der Vorsitzende der KPD-Reichstagsfraktion, Ernst  Torgler, am 28. Februar 1933 in die Hand der Hitler-Regierung. er wurde von ihr zu einem Hauptangeklagten in einem spektakulären Schauprozeß erkoren. Er sollte der Weltöffentlichkeit suggerieren, die KPD habe den Reichstag in Brand gesteckt, um damit für ihre Anhänger das Zeichen zum blutigen Aufruhr und zum Bürgerkrieg zu geben. Für Ernst Torgler sollte sich dieser freiwillige Gang in das Polizeipräsidium am Alexanderplatz als tiefgreifende Zäsur erweisen und zur ungewollten Wende seines weiteren Lebens werden.

 

Biographische Angaben

Ernst Torgler (1893-1963) war in der Endphase der Weimarer Republik einer der wichtigsten Funktionäre der Kommunistischen Partei Deutschlands. Mitglied des Deutschen Reichstages seit 1924, avancierte er 1927 zum stellvertretenden Vorsitzenden der KPD-Fraktion und übernahm den Vorsitz ab 1929. Mit Wilhelm Pieck war er Herausgeber des Informationsblattes "Der Rote Wähler". Am Tage nach dem Reichstagsbrand stellte er sich in Begleitung seines Rechtsanwalts gegen die Unterstellung der "kommunistischen Brandstiftung" protestierend im Polizeipräsidium ein. Er wurde verhaftet - und zusammen mit Georgi Dimitroff und Marinuns van der Lubbe - vor dem Reichsgericht der Brandstiftung angeklagt. Der Reichsanwalt beantragte die Todesstrafe. Torglers Verteidiger, ein bekennender Nazi, erreichte den Freispruch, der in " Schutzhaft" überging. Die KPD schloss ihn 1935 aus. Torglers Versuch, nach Kriegsende dieses Diktum aufzuheben - er wandte sich in einem ausführlichen Schreiben an Wilhelm Pieck - scheiterte. Sein Name wurde aus der Geschichtsschreibung der DDR faktisch gelöscht. Ab 1945 arbeitete Torgler als Angestellter der Stadtverwaltung Bückeburg, bis er 1949 Mitarbeiter des DGB in Hannover wurde. Im selben Jahr trat er der SPD bei. Bei den Kollegen war er auf Grund seiner Allgemeinbildung und des politischen Wissens hocht geschätzt, doch lautete ihr freundliches Urteil fokussierend: "Ein richtiger Sozialdemokrat wurde er nie.".

Inhalt

Prolog

1. Prägende Jahre

2. Kommunalpolitik und Bildungsobmann

3. Freunde und Wegbegleiter

4. Reichstagserfahrungen

5. Fraktionsvorsitzender Torgler

6. Kanzlerverschleiß: Brünning, Papen, Schleicher

7. 23. Februar 1933 – Karl-Liebknecht Haus durchsucht und geschlossen

8. „Der Reichstag brennt"

9. "Dieser Montag, der 27. Februar, war für mich ein Tag wie jeder andere..."

10. Die Verteidiger – Qual der Wahl

11. Ein „Braunbuch" klagt an

12. Leipzig: "Die hochverräterischen Bestrebungen der Kommunistischen Partei

13. Leipzig und der lange Schatten von London

14. "Sprechen Sie den Angeklagten Torgler frei"

15. Das Urteil

16. Von der Prozeßniederlage zur Prozeßneuauflage

17. Die lebenslange Mutantin: Maria Rees

18. Ein Lebenslauf im Dschungel von Lügen und Gerüchten

19. "Betr: Concordia – Sender für England

20. Der Krieg im Osten

21. Bückeburg 1945 – Ende und Neubeginn

22.Weggefährten in Entscheidungszwängen

23. Endstation Hannover

24. Ein richtiger Sozialdemokrat wurde er aber nie

25. Epilog

26. Abkürzungsverzeichnis

27. Personenregister

28. Quellen- und Literaturverzeichnis

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