[= Salecina-Beiträge zur Gesellschafts- und Kulturkritik, Bd. 6], trafo verlag 2006, 151 Seiten, 8 Farbseiten,
ISBN
(10) 3-89626-542-3, ISBN (13) 978-3-89626-542-5, 17,80 EUR
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung 7 Gisela Engel und Susanne Scholz
Kopftuch unter der Perücke oder: der Aufstand der islamischen Töchter gegen den türkischen Kemalismus 9 Ralph Poole
Gesellschaftlicher Wandel und rechtliche Restriktion: Zur Dynamizität des Rechts unter den Bedingungen "zunehmender religiöser Pluralität" 31 Malte-Christian Gruber
Schürzen oder: der Index der Vergangenheit 45 Elke Gaugele
Zwischen Himmel und Erde. Der heilige Rock und das Engelskleid als Zeichen der menschlichen Doppelnatur 59 Andreas Kraß
Mode für die Ewigkeit: zur Funktion der Leichentücher in Rider Haggarts She 77 Susanne Scholz
Die Judensaudarstellung am Frankfurter Brückentor als Schandbild. Funktionen der Bekleidung von Juden im Bild 87 Gundula Grebner
Stoffe, Narben, Nähte. Geschlechterdiskurse in Christian Schads Selbstbildnis von 1927 103 Änne Söll
"Die Magie der Realität erfassen …" Beobachtungen zum Motiv der verschleierten Figur im Werk von Max Beckmann 117 Alexander B. Eiling
Bunte Tücher mit Bedeutungen. Betrachtungen zum Umgang mit Fahnen 133 Martin Uebelhart
Kurze Angaben zu den Autorinnen und Autoren 147 |
Der 6. Band der Salecina-Beiträge zur Gesellschafts- und Kulturkritik geht – interdisziplinär und mit einem Blick auf sich verändernde Lebenspraxen – der Bedeutung von Kopf- und anderen Tüchern in den verschiedensten Lebenszusammenhängen nach.
Tücher, gleich welcher Art – Kleidung, Kopfbedeckungen, Fahnen – sind hochkomplexe soziale Zeichen. Sie bedecken die Körper und verhüllen den Kopf, sie repräsentieren Status, Geschlecht und nationale oder andere Zugehörigkeiten, sie stehen – z.B. im Bild des Schleiers – allegorisch für die Grenzen der Erkenntnisfähigkeit des Menschen. In all diesen Eigenschaften und ganz besonders, wenn es um die körperverhüllenden Tücher geht, lebt die Semantik des Tuchs von der Spannung zwischen Verbergen und Vorzeigen, von "Drunter" und "Drüber". Tücher funktionieren in der kulturellen Kommunikation als visuelle Zeichen von Identität, sie verweisen aber gleichzeitig darauf, dass diese Identität ‘gemacht’ ist, dass man sie sich ‘anziehen’ kann. Sie dienen damit, so könnte man sagen, der performativen Herstellung eines individuellen oder kollektiven Selbst, das sich nur über diese äußeren, kulturell und historisch wandelbaren Zeichen artikulieren kann.
Kleiderkommunikation findet im visuellen Feld statt, sie kreist ums Sehen und Gesehenwerden. Es geht darum, wer von wem in welcher Situation gesehen wird und welche Schlüsse die Blickenden daraus über die soziale Position, den Geschmack, die Selbstwahrnehmung des Trägers/der Trägerin ziehen. Historisch gesehen diente Kleidung auch immer der Etablierung und Konservierung sozialer Leitdifferenzen, zunächst der Standes, seit dem späten 18. Jahrhundert dann vor allem des Geschlechts. Denn erst durch die Ausstattung mit Tüchern, Schmuck und Accessoires erscheint das Subjekt als Teil eines sozialen Zusammenhangs, kann es als Vertreter/in eines Geschlechts verstanden werden. Das Verhältnis von Kleid und Körper ist eigentlich ein grundsätzlich paradoxes: Es lenkt einerseits den Blick auf den Körper hin und andererseits von ihm weg. Grundsätzlich aber hängt die Tatsache, dass Kleidung Geschlechtsidentität artikuliert, mit ihrer Nähe zum Körper zusammen, denn erst die (wahrgenommene) enge Verschmelzung von Körper und Kleid suggeriert, dass man das Gewand metonymisch für den darunter liegenden Körper lesen kann. Kleidung verbirgt den Körper und macht ihn gleichzeitig erst gesellschaftlich ‘lesbar’. In diesem Sinn funktioniert sie wie ein Schleier, lässt sich also auch in ihren unterschiedlichen Erscheinungs- und Darstellungsformen, z.B. in der Kunst und in literarischen Texten, als Zeichen für das Verhältnis von Schein und Wirklichkeit, Kultur und Natur konstruieren. Damit erhält der Blick aufs Tuch über die Funktion der sozialen Positionierung hinaus auch einen epistemologischen Aspekt: Die Frage des Verhältnisses von vestimentären Zeichen und darunter liegendem ‘realem’ Bezeichneten kann als eine Form der grundsätzlichen Problematik der Darstellbarkeit von Wirklichkeit konstruiert werden.
All diese Bedeutungsgebungen durch das Tuch sind, das zeigen die in diesem Buch behandelten Beispiele, eminent politisch. Nicht nur im offensichtlicheren Fall der Fahne, sondern auch im Fall des Judenhuts oder anderer differenzbildender Kleidungsstücke. Vom besonderer Aktualität ist dabei sicher die Debatte um das Tragen des Kopftuchs durch türkische Mädchen und Frauen. So gesehen verdankt der vorliegende Band sein Entstehen der Kopftuch-Debatte, die in den Beiträgen von Ralph Poole und Malte-Christian Gruber explizit behandelt wird. Ralph Poole stellt die Kopftuch-Problematik auf Basis seiner Kenntnisse der türkischen Verhältnisse vor, und Malte-Christian Gruber erörtert die jüngsten Entwicklungen in der bundesrepublikanischen Rechtsprechung und Gesetzgebung, um im Anschluß daran nach Wegen zur Bewältigung der Problematik zu suchen.
Die weiteren Beiträge untersuchen andere textile Bekleidungen des Menschen und ihre unterschiedlichen Bedeutungsgebungen.
Elke Gaugele befaßt sich mit Schürzen, Andreas Kraß mit dem semiotischen Potential des heiligen Rockes Christi und des Engelskleides in der deutschen Literatur des Mittelalters. Susanne Scholz untersucht die Funktion des Leichengewandes einer ‘untoten’ weißen Königin in einem spätviktorianischen Roman, und Gundula Grebner geht der Bedeutung von Bekleidung im Rahmen der bildlichen Diffamierung von Juden nach.
Die Funktion von Schleiern in Edouard Manets Portraits und im Werke Max Beckmanns erörtern Änne Söll und Alexander Eiling. Zum Schluß beleuchtet Martin Uebelhart "Bunte Tücher mit Bedeutungen", nämlich den Umgang mit Fahnen.
Die Beiträge erwuchsen aus einem Symposium im Sommer, das der Debatte der verschiedenen Perspektiven auf das diesjährige Thema und der Entwicklung einer Thematik für das nächste Symposium und den nächsten Band diente: "Bilder des Bösen" (Arbeitstitel).