[= SILESIA. Schlesien im europäischen Bezugsfeld. Quellen und Forschungen], trafo verlag 2006, 426 S., zahlr. Abb., ISBN (10) 3-89626-533-4, ISBN (13) 978-3-89626-533-3, 39,80 EUR

Der vorliegende Band versammelt Beiträge einer internationalen Tagung ‘Deutsch im Kontakt der Kulturen. Schlesien und andere Vergleichsregionen’, die als eine Ver-anstaltung des germanistischen Instituts der Universität Opole im Rahmen der Institutspartnerschaft Opole und Würzburg vom 19. bis 22. April 2004 in Kamien Slaski stattfand.
Die Themenstellung setzte zwei Akzente. Sie lud ein, die Funktion deutschsprachiger Kulturen frei von jeder kulturellen Egozentrik in einem europäischen Gesprächszusammenhang neu zu bestimmen, der aus dem weiten Spektrum germanistischer Arbeit in Forschung und Lehre nicht mehr wegzudenken ist. Und sie lud ein, das kulturelle Gesicht der Region Schlesien zu rekonstruieren, um der Region Anschlussmöglichkeiten für die Gestaltung von Zukunft zu eröffnen. Wenn man Opole in räumlicher Hinsicht aufsucht, befindet man sich in einem Gebiet, wo über Jahrhunderte hinweg Ethnien, Kulturen, Konfessionen Versuche ihres Neben- und Miteinanders ausgetragen haben. Der geschichtliche Verlauf des 20. Jahrhunderts brachte es mit sich, dass dieser Zusammenhang nur noch als historisches Konstrukt existiert.
Die Themenstellung verlangte nach interdisziplinärer Kooperation und einem ‘Gemeinschaftshandeln’ muttersprachlicher wie ausländischer Germanistiken. Und sie schloss – als wichtige Prämisse europäischer Vielfalt – kulturell verschiedene An- näherungsweisen, Gegenstandsbestimmungen und Erkenntnisinteressen ein, die im Gespräch zwischen litauischen, tschechischen, ungarischen, polnischen, französischen, deutschen, österreichischen und schweizer Kollegen auch produktiv zu Wort kommen sollten.
Kulturenspezifische, aus historischen Blickwinkeln entstandene Beziehungen auf Deutsches bilden den Bezugsrahmen von sprachlichen, kulturellen und literarischen Untersuchungen, die historische Einstellungen auf nationaler und europäischer Ebene behandeln. Sie lenken den Blick auf institutionalisierte und sedimentierte (Selbst-) Beschreibungen deutscher Kultur, auf habituelle Perspektiven, auf die Kulturgebundenheit des Sehens, Rezipierens und Sprechens, auf die kulturelle Gebundenheit wissenschaftlicher Sicht- und Sprechweisen als interessanter Spezialfall, auf steuernde Vorgaben unseres kulturellen Gedächtnisses und damit auf Identitäten und mentale Haltungen. Wie sprachliche, kulturelle und ideologische Deutungen im regionalen Kontext aufeinander bezogen sind, diskutieren weitere Beiträge. Auch hier geht es um Kulturauseinandersetzung, und auch hier sind die Anknüpfungsmöglichkeiten zahlreich.
Kulturelle Kategorisierungen, Verhärtungen und gegenseitige Aufrechnungen, aber auch Versuche, in Zeiten ungesicherter Identitäten den Status von Gruppen durch Aufwertung von Sprache und Traditionsgut gegen andere Gruppen zu stellen, lassen sich durch Perspektivierung ebenso auflösen wie durch die Erkenntnis, dass Kulturen und Verstehensrahmen von Menschen hervorgebracht und konstruiert werden. Gerade in einer Zeit politischer Neugestaltung gewinnt das Fach Germanistik als Instrument historischer Erfahrung an Bedeutung, weil es die deutsche Sprache und Literatur als eine von vielen Möglichkeiten geistigen Verhaltens interpretiert. Möge diese Publikation dazu beitragen, einen Entwurf ‘Europa’ mitzugestalten, der im angestrebten Dialog erst ausgedeutet werden muss.
Der herzliche Dank der Herausgeber gebührt allen Autorinnen und Autoren, die den Band erarbeitet haben. Wichtig für das Gelingen der Konferenz war ihre Förderung durch das Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit in Gliwice, wofür wir besonders danken. Ebenso unentbehrlich für ihr Gelingen war die Hilfe wahrhaft unermüdlicher Mitarbeiter des Germanistischen Instituts in Opole und im Hinblick auf die künstlerische Abendgestaltung das eindrucksvolle Bühnenprogramm der Studenten des dritten Studienjahres. Auch ihnen ist zu danken.
Opole und Würzburg im Juli 2005
Die Herausgeber
Vorwort 9
Słowo wstępne 11
1. Deutschland – mitten in Europa
Historische Sprachsituationen 15
Csaba Földes: Areallinguistik, Sprachgeographie, Sprachbundtheorie, Kontaktlinguistik, interkulturelle Linguistik: Zur Untersuchung transkultureller Kontakträume 17
Dieter Stellmacher: Probleme mit dem Eigen- und Fremdbild, dargestellt an der Rolle des Niederdeutschen und des Friesischen in einer aktuellen Diskussion 35
Tomasz Czarnecki: Die deutschen Lehnwörter im Polnischen und die mittelalterlichen Dialekte des schlesischen Deutsch 41
Józef Wiktorowicz: Der Einfluss des Deutschen auf die polnische Sprache im 19. Jahrhundert 51
Feind- und andere Bilder 59
Norbert Richard Wolf: Feind- und andere Bilder 61
Birgit Sekulski: "Trinken – ein Übel, das verbindet?" Sprachliche und kulturelle Muster im deutsch-polnischen Grenzbereich 71
Martin–M. Langner: Das fremdgewordene Eigene neu ordnen. 83
Grażyna Barbara Szewczyk:
Das Bild Oberschlesiens in der neuesten deutschen Prosa 91
2. Region – Nation – Europa
Deutsche und nicht-deutsche Literatur in Wechselbeziehungen 107
Alexander Schwarz: Fortunatus oder Eulenspiegel? Deutsche Kulturexporte um 1500 109
Luisa Rubini Messerli: Die (halb-)nackte Schöne und der betrachtende Narre. Boccaccios ‚Cimone und Efigenia’-Novelle in deutscher Sprache in Text und Bild 117
Regionales Selbstverständnis – historische und aktuelle Standorte Geschichtlichkeit sprachlicher Phänomene 139
Sabine Seelbach: Sprache der Wissenschaft – Sprache der Ausbildung? Deutsche Übersetzungen lateinischer Fachprosatraktate im 15. Jahrhundert 141
Ilpo Tapani Piirainen: Schlesien und die Slowakei. Zwei deutsch-slawische Sprachlandschaften aus historischer Sicht 155
Iva Kratochvílová: Zum Zusammenhang zwischen kultureller Identität und plurilingualer Vielfalt in sprachlich gemischten Regionen 171
Almut König: Ich bin ein Maulaff. Vom Verhältnis der Einwohner zu ihren Ortsnecknamen 177
Literatur und Politik 189
Hartmut Scheible: Das "ungeheuere Gantze". Eichendorffs autobiographische Schriften 191
Marion George: Ludwig Tieck: ‘Des Lebens Überfluß’ oder Von der Welthaltigkeit der Provinz 215
Gabriela Jelitto-Piechulik: Frankreich in liberalen Positionsbestimmungen. Der schlesische Literat Theodor Opitz (1820–1896). Texte und Kontexte 227
Maria Katarzyna Lasatowicz: Sprachkünstlerische Verarbeitungsformen von schlesischer Regionalität. Der Dialekt als Dimension des Hoch-Literarischen im Werk Karl v. Holteis 241
Horst Denkler: Oberschlesische Selbstbehauptung. Zur Erzählprosa von Josef Wiessalla 251
Rüdiger Bernhardt: "Gerhart Hauptmann: Rübezahl im Armenhaus". (Peter Hille) Das Schlesien Gerhart Hauptmanns 265
Sonia Waindok: Ruth Storm – Heimatkunst, Nationalsozialismus, christliche Allegorik. Versuch einer Bewertung neuer Archivalien 291
Europa / Europäische Probleme: Geschichte – neuere Zeit 313
Lenka Vaňková:
Der deutsch-tschechische Sprachkontakt in Nordmähren-Schlesien 315Sabine Krämer-Neubert: Vermeintlich andere Sprachen(?) 325
Ewa Drewnowska-Vargáné: Inwiefern tragen metaphorische Konzepte zur Intertextualität ausgewählter Kommentare im Diskurs zum Kosovo-Krieg bei? Eine interlinguale Paralleltextanalyse 335
Janusz Golec: Ex Borussia lux! Ostpreußen als das gelobte Land der Zukunft im Roman ‘Die verlorene Erde’ von Alfred Brust 357
Rüdiger Görner: Hölderlins poetischer Kulturraum 363
Andrea Rudolph: Deutschlands Vermittlungsposition im Duell europäischer Modernisierungsideologien. Zur Bedeutung von Regionalität in Thomas Manns ‘Zauberberg’ (1924) 373
Über die Autoren 391