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Daniela Pelka

Der deutsch-polnische Sprachkontakt in Oberschlesien am Beispiel der Gegend von Oberglogau

[= SILESIA. Schlesien im europäischen Bezugsfeld. Quellen und Forschungen, Bd. 2], trafo verlag 2005, 276 S., ISBN 3-89626-524-3, 29,80 EUR

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Einführung

Während die meisten deutschen Umgangssprachen als Sprachkontakterscheinung aus der deutschen Standardsprache und einem gesprochenen deutschen Dialekt charakterisiert werden können, verdankt das oberschlesische Deutsch seine Eigenart im hohen Maße dem Bilingualismus seiner Sprecher. Die spezifischen Eigenschaften, durch die es sich von der deutschen Standardsprache unterscheidet, beruhen auf keinem deutschen Dialekt, sondern lassen sich auf den ständigen Kontakt des Deutschen mit der polnischen oberschlesischen Mundart bzw. der polnischen Standardsprache zurückführen.

Zwar können nicht alle Eigentümlichkeiten der in Oberschlesien gesprochenen deutschen Sprache durch einen Einfluss des Standardpolnischen und seiner Varietäten erklärt werden, doch spielt er hier eine ganz besondere Rolle. Auswirkungen des deutsch-polnischen Sprachkontaktes lassen sich sowohl im Sprachsystem der von den Oberschlesiern gebrauchten Varietät, als auch in den kommunikativen Praktiken der bilingualen Oberschlesier beobachten.

Interessant ist es dabei zu sehen, welche Sprachkontakterscheinungen infolge der soziopolitischen Veränderungen der Nachkriegszeit und des damit zusammenhängenden verstärkten Sprachkontaktes des Deutschen mit dem Polnischen in der Rede der heutigen Oberschlesier anzutreffen sind.

Die vorliegende Arbeit basiert auf neuem Sprachmaterial, das ich in den Jahren 2000 bis 2003 unter Bilingualen der Gegend von Oberglogau gesammelt habe. Sie beruht auf einem umfangreichen Korpus aus verdeckten Aufnahmen und Wortprotokollen, die im Rahmen der teilnehmenden Beobachtung zusammengestellt wurden.

Kontaktlinguistisch angelegt verfolgt die Studie dokumentatorische und erkenntnistheoretische Ziele:

- als Zeitdokument soll hier festgehalten werden, wie die in die Untersuchung involvierten Oberschlesier in der gegebenen Zeit gesprochen haben

- als linguistische Untersuchung sollen die verschiedenen Arten der Manifestation des Bilingualismus in den sprachlichen Produkten der zweisprachigen Oberschlesier systematisiert und analysiert werden

Das Augenmerk wird also auf diejenigen Besonderheiten der System- und Kommunikationsebene gerichtet, die auf den Bilingualismus der untersuchten Oberschlesier zurückzuführen sind:

- es soll aufgezeigt werden, welche Abweichungen von der standarddeutschen Varietät in der Phonetik, Lexik und Grammatik der deutschen Sprache der Oberschlesier als Transferenzen aus dem Polnischen interpretiert werden können

- zusätzlich soll gezeigt werden, aus welchen Gründen und in welchen Situationen die Sprecher von einer Sprache in die andere wechseln und wie sie dadurch ihre kommunikativen Bedürfnisse realisieren

Gleichzeitig werden die Aussagen der internationalen Kontaktlinguistik auf ihre Gültigkeit am deutsch-polnischen Sprachmaterial überprüft und durch neue Erkenntnisse ergänzt.

 

Die Arbeit besteht aus zwei Teilen – einem theoretischen (I) und einem empirischen (II). Der theoretische Teil umfasst Kapitel 1 bis 4, der empirische – Kapitel 5 bis 8.

Um eine Einschätzung der historischen Entwicklung des deutsch-polnischen Sprachkontaktes sowie der heutigen Sprachsituation in Oberschlesien zu ermöglichen, wird im ersten Kapitel ein Überblick über die Geschichte des deutsch-polnischen Sprachkontaktes in Oberschlesien geliefert. Das Hauptaugenmerk gilt hier den soziokulturellen Gegebenheiten, die in bestimmten Zeiträumen (in der Vorzeit und zur Zeit der mittelalterlichen Kolonisation (1.1.), unter der Herrschaft Böhmens, Österreichs und Preußens (1.2.), vom Ersten Weltkrieg bis zur politischen Wende 1989 (1.3.) und danach (1.4.)) einen Einfluss auf den deutsch-polnischen Sprachkontakt ausgeübt haben.

Kapitel 2 stellt einen Überblick über die bisher erschienene Literatur zur sprachlichen Situation und dem deutsch-polnischen Sprachkontakt in Oberschlesien dar. Da bei der Sichtung derselben deutlich wird, dass die Entstehung vieler älterer Veröffentlichungen stark politisch motiviert war und ihre Inhalte dementsprechend als ideologisch gefärbt einzustufen sind, neuere Arbeiten dagegen das Problem des deutsch-polnischen Sprachkontaktes in Oberschlesien aus historischer oder soziolinguistischer Perspektive betrachten und rein linguistische Fragestellungen oft nur fragmentarisch und am Rande behandeln, wobei die neueren Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Kontaktlinguistik nicht oder nicht ausreichend berücksichtigt werden, stellt die vorliegende Untersuchung den Versuch eines neuen Ansatzes dar.

In Kapitel 3 werden die allgemeinen Anforderungen an empirisch ausgerichtete Untersuchungen (3.1.) erörtert sowie die in der vorliegenden Untersuchung angewandte Methode beschrieben. Dabei werden die Gewährspersonen (3.2.) und die Korpuserstellung (3.3.) d.i. die Arten der Sprachmaterialsammlung (3.3.1. und 3.3.2.) sowie die bei ihrer Verschriftung verwendeten Transkriptionskonventionen (3.3.3.) berücksichtigt.

Da die Sprachkontaktforschung eine relativ junge Wissenschaftsdisziplin und terminologisch uneinheitlich ist, werden in Kapitel 4 die für die vorliegende Untersuchung relevanten Termini diskutiert. Neben Begriffen wie "Mehrsprachigkeit/Zweisprachigkeit" (4.1.), "Kontaktvarietät" (4.2.) und "Sprachkontakt" (4.3.) werden die für den empirischen Teil wesentlichen Begriffe "Transferenz" (4.3.1.) und "Kode-Umschaltung" (4.3.2.) eingehend beschrieben.

Die nächsten fünf Kapitel bilden den empirischen Teil der Arbeit und umfassen die Ergebnisse der kontaktanalytischen Untersuchung des der Studie zugrunde gelegten Korpus auf der Ebene der Sprache (Kapitel 5, 6 und 7) und der Kommunikation (Kapitel 8). Kapitel 5, 6 und 7 eröffnet je eine Einführung in die Theorie der darin untersuchten Transferenzen, Kapitel 8 – in die Untersuchungsaspekte der Kode-Umschaltung; abschließende Bemerkungen runden sie ab.

Im Kapitel zur phonetisch-phonologischer Transferenz (5.) werden die in der Aussprache der oberschlesischen Sprecher festgestellten Abweichungen von der Standardlautung aufgezeigt und in phonetische (5.2.) und phonologische (5.3.) eingeteilt.

Kapitel 6, in dem das Problem der lexikalisch-semantischen Transferenz diskutiert wird, liefert Einsichten in die verschiedenen Formen der Abweichungen von der standarddeutschen Lexik. Es werden dabei direkt transferierte (6.1.), hybride (6.2.), und nachgebildete Lexeme bzw. Formen (6.3.) (darunter Transferenzformungen (6.3.1.) und Transferenzbedeutungen (6.3.2.)) unterschieden.

Abweichungen von der standarddeutschen Grammatik werden in Kapitel 7 erörtert. Neben Übernahme (7.1.) von Lexemen mit syntaktischer Funktion (7.1.1.), von Flexions- (7.1.2.) und Derivationsmorphemen (7.1.3.), werden hier Formen der Nachbildung (7.2.) diskutiert, wie Nachbildung morphologischer Kategorien (7.2.1.), Funktionsänderung von Lexemen mit syntaktischer Funktion (7.2.2.) und Transferenz von Relationen (7.2.3.).

In Kapitel 8 werden kurz die formalen Merkmale (8.1.) der im Korpus ausfindig gemachten Kode-Umschaltungssequenzen problematisiert, wobei die Geltung von sog. Restriktionen der Kode-Umschaltung (8.1.1.), der Umfang der Kode-Umschaltungssequenzen (8.1.2.) sowie die Formen ihrer Einleitung (8.1.3.) erörtert werden. Das Hauptaugenmerk gilt hier allerdings den Ursachen und Funktionen (8.2.) der Kode-Umschaltung, wobei von interner (8.2.1.), personenorientierter (8.2.2.) und diskursiver (8.2.3.) Kode-Umschaltung gesprochen wird.

Die Ergebnisse der Untersuchung und der Beitrag der Studie zur Entwicklung der Erforschung deutsch-polnischer Sprachkontakterscheinungen werden in Kapitel 9 erörtert; in Kapitel 10 wird ein Ausblick geliefert.

 

Inhaltsverzeichnis

EINFÜHRUNG 11

I. THEORETISCHER TEIL 15

1. Geschichte des deutsch-polnischen Sprachkontaktes in Oberschlesien 15

1.1. Vorzeit und mittelalterliche Kolonisation 15

1.2. Unter der Herrschaft Böhmens, Österreichs und Preußens 20

1.3. Vom Ersten Weltkrieg bis zur politischen Wende 1989 23

1.4. Nach der Wende 1989 28

2. Forschungsstand 32

3. Methode 42

3.1. Allgemeine Anforderungen 42

3.2. Zu den Gewährspersonen 44

3.3. Zur Korpuserstellung 47

3.3.1. Verdeckte Aufnahmen 47

3.3.2. Wortprotokolle der teilnehmenden Beobachtung 48

3.3.3. Probleme der Transkription 49

4. Kontaktlinguistische Terminologie 52

4.1. Mehrsprachigkeit/Zweisprachigkeit 52

4.2. Kontaktvarietät 54

4.3. Sprachkontakt 57

4.3.1. Transferenz 58

4.3.2. Kode-Umschaltung 60

II. EMPIRISCHER TEIL: KORPUSANALYSE 63

5. Phonetisch-phonologische Transferenz 63

5.1. Exkurs: Zum Lautsystem des Standarddeutschen 66

5.1.1. Vokalismus 67

5.1.2. Konsonantismus 69

5.2. Phonetische Transferenz 72

5.2.1. Allophonzusammenfall 73

5.2.1.1. Zusammenfall fakultativer Allophone 73

5.2.1.2. Zusammenfall kombinatorischer Allophone 74

5.3. Phonologische Transferenz 77

5.3.1. Phonemzusammenfall 77

5.3.1.1. Phonemzusammenfall aufgrund unterschiedlicher Lautsysteme 77

5.3.1.2. Phonemzusammenfall aufgrund von Übertragung lautlicher Erscheinungen 83

5.3.1.3. Phonemzusammenfall aufgrund von Übertragung distributioneller Regeln 85

5.3.1.4. Phonemzusammenfall aufgrund von Übertragung graphemisch-phonischer Umkodierungsgewohnheiten 86

5.3.2. Phonemimport 87

5.3.3. Elision 89

5.3.4. Verminderung bzw. Bereicherung des Lautsegments 90

5.4. Abschließende Bemerkungen zur phonetisch-phonologischen Transferenz 95

6. Lexikalisch-semantische Transferenz 101

6.1. Übernahme (direkter Transfer) 105

6.1.1. Phonetisch nicht integrierte Lexeme 106

6.1.2. Integrierte Lexeme 111

6.2. Teilersetzung 117

6.3. Ersetzung (Nachbildung) 121

6.3.1. Transferenzformung 121

6.3.1.1. Transferenzübersetzung 122

6.3.1.2. Transferenzübertragung 126

6.3.2. Transferenzbedeutung 128

6.3.2.1. Synonyme Transferenzbedeutung 129

6.3.2.2. Homophone Transferenzbedeutung 132

6.3.2.3. Homologe Transferenzbedeutung 133

6.3.2.4. Inhaltliche Akzentsetzung 135

6.4. Rücktransferenz

6.5. Bevorzugungsstrategie 136

6.6. Gruppen transferierter Lexeme. Gründe für den lexikalisch-semantischen Transfer 138

6.7. Abschließende Bemerkungen zur lexikalisch-semantischen Transferenz 143

7. Grammatische Transferenz 146

7.1. Übernahme 148

7.1.1. Transferierte Lexeme mit syntaktischer Funktion 148

7.1.2. Transferierte Flexionsmorpheme 149

7.1.3. Transferierte Derivationsmorpheme 150

7.2. Nachbildung 153

7.2.1. Nachbildung morphologischer Kategorien 154

7.2.2. Funktionsänderung von Lexemen mit syntaktischer Funktion 156

7.2.2.1. Synonyme Lexeme 157

7.2.2.2. Homophone Lexeme 162

7.2.3. Transferenz von Relationen 163

7.2.3.1. Transferenz der Abfolgeordnung 163

7.2.3.1.1.Transferenz der Abfolgeordnung innerhalb eines Satzgliedes 163

7.2.3.1.2.Transferenz der Abfolgeordnung innerhalb eines Satzes 164

7.2.3.2. Transferenz der Kongruenz 167

7.2.3.3. Transferenz der Abhängigkeit 169

7.2.3.3.1. Übertragung 170

7.2.3.3.2. Vernachlässigung 175

7.3. Bevorzugungsstrategie 178

7.4. Abschließende Bemerkungen zur grammatischen Transferenz 182

8. Kode-Umschaltung 185

8.1. Formale Merkmale der Kode-Umschaltung 185

8.1.1. Restriktionen der Kode-Umschaltung 185

8.1.2. Umfang der Kode-Umschaltungssequenzen 187

8.1.2.1. Intersententieller Wechsel 188

8.1.2.2. Intrasententieller Wechsel 188

8.1.3. Einleitung von Kode-Umschaltungssequenzen 190

8.2. Ursachen und Funktionen der Kode-Umschaltung 192

8.2.1. Intern (psycholinguistisch) bedingte Kode-Umschaltung 195

8.2.1.1. Clynes Triggering 196

8.2.1.2. Kode-Umschaltung infolge von Bezug auf lexikalische Transfers 198

8.2.1.3. Kode-Umschaltung infolge von Zwischenbemerkungen 199

8.2.2. Personenorientierte Kode-Umschaltung 202

8.2.2.1. Veränderung der Sprachsituation 202

8.2.2.2. Adressatenselektion 204

8.2.3. Diskursive Kode-Umschaltung 206

8.2.3.1. Zitate, Redewiedergabe 207

8.2.3.2. Parenthetische Ergänzungen 212

8.2.3.3. Emphase 214

8.2.3.4. Rückversicherungssignale 216

8.2.3.5. Reformulierungen: Reaktionssteuerung, Präzisierung 217

8.2.3.6. Evaluierungen, Resümees 218

8.2.3.7. Quasi-Übersetzungen 220

8.2.3.8. Metasprachliche Äußerungen 222

8.2.3.9. Automatisierte Vorgänge, Aufzählungen 224

8.2.3.10.Ausdruck eines Gegensatzes 225

8.3. Abschließende Bemerkungen zur Kode-Umschaltung 228

9. Zusammenfassung 230

10. Ausblick 236

11. Anhang 241

11.1. Karte 241

11.2. Beispieltexte 242

STRESZCZENIE 251

LITERATURVERZEICHNIS