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Brigitte Alexander

Die Rückkehr. Erzählungen und Stücke aus dem Exil

Aus dem Spanischen von Theo Bruns, Renata von Hanffstengel, Andrea Sevilla von Hanffstengel.
Hrsg. von Ulrike Schätte, [= Spurensuche. Vergessene Autorinnen wiederentdeckt, Bd. 6]
trafo verlag 2005, 142 S., zahlr. Fotos, ISBN (10) 3-89626-522-9, ISBN (13) 978-3-89626-522-7, 22,80 EUR

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Zu den Rezensionen

Brigitte Alexander bei Wikipedia

Vorwort – Zu den Erzählungen und Texten

1984 veröffentlichte die Schauspielerin Brigitte Alexander in Mexiko einen Erzählband mit dem Titel "Breve episodio de la vida de una mujer gorda y otros cuentos" (Kurze Episode aus dem Leben einer dicken Frau und andere Geschichten). Aus diesem Band sind die Texte mit Ausnahme von "Die Rückkehr " entnommen. "Der Schlangenbeschwörer " und "Das Hotel zur Guten Hoffnung " sind ursprünglich in Französisch, vermutlich Anfang der 40er Jahre, geschrieben worden. Brigitte Alexander, die selbst neun Jahre als Flüchtling in Frankreich lebte, verarbeitet in diesen Erzählungen, die einem größeren Zyklus von weiteren Erzählungen entnommen sind, Beobachtungen, Ereignisse, eigenes Erleben und eigene Betrachtungsweise.

"Im Schlangenbeschwörer " wirft sich ein junger Mann in der Pariser Metro unter den Zug. Die auf dem Bahnsteig wartenden Fahrgäste kommentieren das Ereignis. Es entsteht ein Stimmungsbild des noch unbesetzten Paris zu Anfang des Zweiten Weltkriegs. JedeR ist sich selbst der Nächste, für Mitgefühl bleibt wenig Platz. Genau das aber würde der verzweifelte Flüchtling Bernhard Salomon brauchen, der im armseligen "Hotel zur Guten Hoffnung " beherbergt ist.. Ohne Perspektive hat er nach langen Jahren der Flucht völlig resigniert und ist vereinsamt. Ihm fehlt die Kraft, sich der drohenden Verhaftung durch die Pariser Behörden zu widersetzen. Die Figur Salomons erscheint seltsam losgelöst von Raum und Zeit. Die Autorin gestattet dem Leser/der Leserin einen Einblick in die Gefühlslage eines Flüchtlings, der die Hoffnung aufgegeben hat und den Namen seines Hotels nur noch als Spott empfinden kann.

1942 können sich Brigitte und Alfred Alexander mit ihren Sohn Didier nach Mexiko retten. In ihrem neuen Exilland ist die Familie Alexander nicht mehr der Angst vor Auslieferung und Restriktionen ausgesetzt. Aber der ökonomische Kampf ums Überleben ist schwer, insbesondere nach dem frühen Tod Alfred Alexanders, der Brigitte Alexander allein mit drei kleinen Kindern zurückläßt. In "Ein Mann namens Alfred " setzt Brigitte Alexander ihrem verstorbenen Mann Alfred Alexander als Vater und als Ehemann ein liebevolles literarisches Denkmal. In einem Schulaufsatz erzählt die fünfzehnjährige Sarah Lewin von ihrem Vater, der plötzlich verstarb, als sie sieben war. Sie erinnert sich an einen fürsorglichen Papa, der sie immer in Schutz nahm,der seine rastlose Frau verehrte und ihr mit großer Toleranz entgegentrat, und an den Schock der Kinder, als sie realisierten, daß ihr Vater tot war. Brigitte Alexander integriert sich schnell in ihr neues Land. Sie kann an ihre Karriere als Schauspielerin, die sie in Frankreich begonnen hat, anknüpfen, wird vom Fern sehen unter Vertrag genommen, arbeitet dort als Regisseurin und Produzentin. Doch die Arbeit ist unsicher. So muß sie bald auch andere Tätigkeiten ausüben: Sie arbeitet als Übersetzerin und Sekretärin, unterrichtet Englisch und Französisch, dekoriert auf einer italienischen Messe Stände von Seidenhändlern und verkauft als Kosmetikvertreterin Schönheitscremes und Parfüms. Sie kennt das Leben und nimmt gesellschaftliche Ungerechtigkeiten sehr genau wahr. Davon zeugen die Erzählungen "Ein Kind wird geboren " und "Miss Maud " .In "Ein Kind wird geboren" setzt sie sich mit dem Rassismus der weißen mexikanischen Oberschicht auseinander. Elena, das Dienstmädchen indianischer Herkunft, wird vom Sohn ihrer Arbeitgeber geschwängert. Völlig alleingelassen verheimlicht sie ihre Schwangerschaft und erdrosselt in ihrer Hilflosigkeit das Kind nach der Geburt. Ihre Verzweiflungstat wiederum dient der gesellschaftlichen Oberschicht als Beweis für ihre Minderwertigkeit.

 

 

"Miss Maud " ist eine ältere, alleinstehende, vereinsamte Privatlehrerin, die sich nichts sehnlicher wünscht, als in die Gesellschaft und das Glück ihrer SchülerInnen einbezogen zu werden. Aber auch ihr letzter Wunsch nach einer würdevollen Beerdigungsfeier bleibt unerfüllt.

Weniger ernst, sehr humorvoll und mit leichter Hand geschrieben sind die beiden Erzählungen "Mein Leben mit Celestino" und "Kurze Episode aus dem Leben einer dicken Frau". In "Mein Leben mit Celestino " erfindet die vom hohlen Geschwätz der Delegierten eines internationalen Kongresses gelangweilte Übersetzerin eine Liebesgeschichte mit ihrem Chef Celestino, der sie die nüchterne Realität gegenüberstellt. "Kurze Episode aus dem Leben einer dicken Frau " ist die lustige und kurzweilige Geschichte einer nicht mehr jungen Dame, die halbherzige Vorsätze zu einer Diät beschließt, um einem Klienten zu gefallen. Sie wird aber wieder rückfällig und gibt sich am Schluß verzückt dem Mittagsmahl im Bett hin. Unterhaltsam und kurzweilig ist auch "Der große Ehrenpreis " den die Mutter, Esther Salomon, in Vertretung ihrer abwesenden Tochter für deren schauspielerische Leistungen entgegennehmen soll. Die Mutter – unschwer als Brigitte Alexander zu erkennen – erleidet vor lauter Lampenfieber eine Herzattacke und stirbt. Im Himmel trifft sie ihren Ehemann, Don Alfred; von dort aus sehen die stolzen Eltern ihrer berühmten Tochter Katja zu – alias Susana Alexander, die ebenso wie Brigitte Alexander Schauspielerin geworden ist.

Daß Brigitte Alexander die Abgründe der menschlichen Seele nicht fremd waren und sie diese treffend darzustellen wußte, zeigen die Texte "Die Trennung " und "Was der Alkohol anrichtet". "Die Trennung " ist ein innerer Monolog einer masochistisch veranlagten Frau,die gerade von ihrem Mann verlassen wurde und die, obwohl er sie immer schlecht behandelt hat, von ihm nicht loskommt. In "Was der Alkohol anrichtet", einem Einakter, steht ein alkoholkranker Mann im Zentrum, der seine Frau schamlos ausbeutet, beschimpft und schikaniert, was diese klaglos über sich ergehen läßt. Ein kompliziertes Beziehungsgeflecht von Alkoholiker und Koalkoholikerin wird deutlich.

Der letzte Text "Die Rückkehr " ist Ende der 70er Jahre geschrieben worden und Teil eines fragmentarisch gebliebenen unveröffentlichten Theaterstücks mit dem Titel "Herberge der Einsamen ".1993, anläßlich des Symposiums "Das Wirken deutschsprachiger Einwanderer und Exilierter in der Kunst und Kultur Mexikos und anderer lateinamerikanischer Staaten im 20. Jahrhundert " – organisiert vom Interkulturellen Forschungsinstitut Mexiko-Deutschland – trug die damals 82jährige Brigitte Alexander den Einakter halb spielend in einer der  Abendveranstaltungen vor. Sie hatte ihn sich auf den Leib geschrieben. Es ist der Monolog einer jüdischen Witwe mit deutsch-französischem Akzent, die sich am Grab ihres Mannes in Mexiko die Schlüsselfrage stellt: "Aber wohin gehöre ich?"

Brigitte Alexander konnte und wollte die Erfahrung von Flucht und Vertreibung nicht vergessen. Zwar fühlte sie sich wohl in Mexiko, aber ihr war immer bewußt, daß sie sich für dieses Land nicht hatte freiwillig entscheiden können. "Die Rückkehr" ist das einzige von der Autorin selbst übersetzte Stück in deutscher Sprache. Für die deutsche Dokumentation "Mexiko, das wohltemperierte Exil" des bereits erwähnten Symposiums bat mich die Leiterin des Interkulturellen Forschungsinstituts Mexiko-Deutschland, Dr. Renata von Hanffstengel, Brigitte Alexander bei der Übersetzung von "Die Rückkehr " behilflich zu sein. Hilfe benötigte die 83jährige, da sie kaum mehr sehen konnte, ihr Rücken schmerzte und ihre Sekretärin die deutsche Sprache nicht beherrschte. Brigitte Alexander arbeitete auf dem Sofa liegend, den spanischen Text in ihren Händen haltend, unglaublich konzentriert. Sie diktierte mir die Übersetzung in meinem Schreibtempo in die Maschine. Erst am Ende wurde mir klar, daß sie den spanischen Text kaum lesen konnte und die Übersetzung längst auswendig im Kopf hatte.

Dieser Band ermöglicht zum ersten Mal einem deutschsprachigen Lesepublikum den Zugang zu der Autorin Brigitte Alexander, die auf diese Weise doch noch in ihr Geburtsland zurückkehrt.

 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort – Zu den Erzählungen und Texten 9

Der Schlangenbeschwörer 13

Das Hotel zur Guten Hoffnung 25

Ein Mann namens Alfred 37

Ein Kind wird geboren 47

Miss Maud 53

Mein Leben mit Celestino 61

Kurze Episode aus dem Leben einer dicken Frau 77

Der Große Ehrenpreis 87

Die Trennung 95

Was der Alkohol anrichtet 101

Die Rückkehr 111

Nachwort – Zu Leben und Werk Brigitte Alexanders 115

Flucht aus Deutschland 116

Exil in Frankreich 117

Exkurs:Mexikanische Revolution und antifaschistisches Engagement 120

Mexiko 122

Leben zwischen den Welten 129

Anmerkungen 130

Bildanhang 131

Danksagung 139

Übersetzungen 139

Kurzbiographien der Übersetzer/innen 140

Über die Herausgeberin 141

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